Die neue Nüchternheit: Warum ich auf Alkohol verzichte

Alkohol war für mich immer ein fester Bestandteil, wenn ich feiern ging.

Alkohol war ein Sinnbild dafür, nach welchem Motto ich lebte, wenn ich feiern ging, nämlich: Scheiß drauf.

Tagsüber hungerte ich, machte exzessiv Sport, stand ständig unter Stress, nahm null Rücksicht auf meine eigenen Bedürfnisse und nachts… Ja, nachts wurde alles plötzlich egal und ich ließ los, besonders dank des Alkohols. Ich vergaß all die Aufgaben, die es für die Uni zu erledigen gab, dämpfte meine Unsicherheiten ab und am Ende des Abends krönte ich diese Scheißegal-Stunden mit einem Döner, den ich tagsüber nie gegessen hätte.

Wenn ich daran zurückdenke, erinnere ich mich heute vor allem an Schmerz, den ich mit Alkohol verdeckt habe.

Außerhalb des Feierns trank ich keinen Alkohol. Weder Wein zum Essen oder Sekt zum Anstoßen bei Familienfeiern. Ich sah irgendwie keinen Sinn darin und dachte deshalb schon damals, dass ich wahrscheinlich irgendwann in meinem Leben aufhören würde, Alkohol zu trinken.

Der Tag kam dann früher als gedacht: Kurz vor meinem 26. Geburtstag, als ich mich dazu entschied, nach elf Jahren Essstörung nun ohne sie durchs Leben gehen zu wollen, wollte ich auch keinen Alkohol mehr in meinem System haben. Ich wollte meinen Körper heilen, ich wollte ihm genug und gesunde Nahrung geben und das mit Alkohol zu kombinieren machte für mich keinen Sinn.

Also verabschiedete ich mich von diesem Begleiter. 

Viereinhalb Jahre ist das jetzt her. Doch manchmal fehlte er mir. Nämlich dann, wenn ich feiern war. Eigentlich vermisste ich nicht das Alkohol trinken an sich, sondern vielmehr die Wirkung. Denn Alkohol half mir dabei, meine Unsicherheiten zu kaschieren.

Und da stand ich nun vollkommen nüchtern im Club und fühlte ich mich nicht nur unsicher, sondern manchmal sogar traurig. Ich fühlte mich nicht wohl mit mir selbst und hatte diesmal keinen Alkohol als Begleiter, der mir dabei half, dieses Gefühl einfach zu betäuben und wegzuschieben. Was ich ja auch nicht mehr wollte.

Mitten auf der Tanzfläche erinnerte ich mich mit Affirmationen daran, dass ich wertvoll bin. 

Dass ich etwas Großes geleistet hatte, denn ich hatte tatsächlich meine Essstörung geheilt. Und ich erinnerte mich daran, dass ein Großteil derer, die da mit mir in diesem Club feierten, auch Unsicherheiten und Selbstzweifel hatten, nur verdeckt durch Alkohol.

Alkohol trinken, um sich sicher und locker zu fühlen, ist eine ziemlich kurzfristige Lösung, die nur wenige Stunden anhält und dich zu einer betäubten Version deiner Selbst macht.

Wer bist du ohne die Betäubung, mit all deinem Schmerz, den Unsicherheiten, den Hemmungen und dem Stress?

Je länger wir uns nicht unseren Ängsten, Enttäuschungen und Verletzungen stellen, desto mehr Wege der Betäubung werden wir in Zukunft brauchen, denn auch die negativen Gefühle gehören zum Leben dazu und wollen gefühlt werden. Das ist die Klaviatur des Lebens.

Falls du dir jetzt denkst: Ich habe gar keinen Bock, mein wahres Ich mit all dem Schmerz und den Unsicherheiten an die Oberfläche zu lassen. Dann hast du mein vollstes Verständnis.

Wer hat schon Lust darauf, Schmerz zu fühlen? Es ist unschön, unbequem und anstrengend. 

Der Schmerz zwingt uns dazu, hinzusehen, in uns hinein zu spüren und uns zu fragen, ob wir nicht etwas in unserem Leben verändern müssen, das zu den eigenen Verletzungen beigetragen hat. Doch egal wie groß der Respekt davor ist, den Schmerz zuzulassen, überwinde ihn.

In den Schmerz hineinzugehen, ihn wirklich zu fühlen, ihn zuzulassen, ist der erste Schritt, ihn zu überwinden.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist, sich freier, sicherer und wohler zu fühlen. Sich so zu fühlen, wie man es in der Vergangenheit vielleicht am besten mit Alkohol konnte.

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Vielleicht ist es an der Zeit, dich zu fragen, weshalb Alkohol ein Teil deines Lebens ist:

  • Warum trinkst du eigentlich Alkohol?
    Tust du’s, weil alle es tun? Weil er dir schmeckt? Tust du’s, weil du es gar nicht mehr ohne kennst? Was gibt dir der Alkohol? Macht er dich locker und frei, lässt er dich vergessen, ist er deine Zuflucht?
  • Wann trinkst du?
    Dann, wenn alle um dich herum trinken, wenn du alleine bist, wenn du traurig bist, wenn du glücklich bist?
  • Wie könnte dein Leben ohne Alkohol aussehen? Wäre es bunter oder eher grauer? Wäre es lustiger oder trauriger?
  • Was könntest du aus diesem Verzicht gewinnen?
    Ein gesünderes Leben? Ein Leben, in dem du deine Emotionen zulässt? Ein schöneres und befreiteres Leben? Ein neues Leben? Ein langweiligeres Leben?

Stell dir ganz ehrlich diese Fragen und finde heraus, was die Antworten mit dir machen.

Wenn die Antworten dir das Gefühl geben, dass du etwas verändern möchtest, muss das  nicht bedeuten, dass du es so wie ich machen musst und von heute auf morgen komplett aufhörst zu trinken.

Vielleicht ist es dein Weg, einen Tag weniger in der Woche zu trinken oder nur ein Glas, wenn du trinkst. 

Tu das, was sich für dich richtig anfühlt.

Egal, wie du den Verzicht angehst, beginne im Zuge dessen hinter die Fassade zu schauen und zu beobachten, was passiert, wenn du nicht trinkst. Wann kommen die Ängste hoch, welche Verletzungen spürst du wieder deutlich? Drücke all das nicht weg, lass es zu, sei gnädig und liebevoll mit dir. Es ist ein Heilungsprozess, der tut auch mal weh. Das ist völlig normal. Was danach kommt, ist die Freiheit.

Diese Übungen können dir dabei helfen, auch ohne Alkohol locker zu lassen. 

  • Tanze in deiner Wohnung zu jeder Tages- und Nachtzeit, ganz frei und ohne darüber nachzudenken, wie es von außen aussieht
  • Sprich Menschen an! Wir verbinden das Kennenlernen neuer Leute oftmals mit Alkohol trinken. Das geht auch ohne! Du wirst sehen, es wird von Mal zu Mal leichter
  • Überlege dir Affirmationen, die dich in Momenten, in denen du sonst getrunken hast, aufbauen können. Nutze sie auch sonst, damit du sie in den Situationen, in denen du sie wirklich brauchst, glaubhaft für dich abrufen kannst

Mein Alkoholverzicht hat einen bedeutenden Teil zu meiner heutigen Sicherheit und Stärke beigetragen.

Heute maskiere ich meine Verletzungen und Schmerzen nicht, sondern gebe ihnen den nötigen Raum, um sie anschließend loslassen zu können. Heute tanze ich, weil ich es wirklich spüre, ganz ohne Scham. Und wenn Scham aufkommt, überdecke ich sie nicht, sondern gebe ihr den Raum und löse sie langsam auf. Heute bin ich voller Dankbarkeit für mein Leben und verspüre kein Bedürfnis, aus meinem Alltag zu flüchten, weil ich ihn nach meinen Vorstellungen gestaltet habe und daher sehr liebe.

Kreiere ein Leben, in dem du keinen Alkohol oder andere Substanzen benötigst, um es zu ertragen.

Du hast nichts zu verlieren außer einer Betäubung, die dich von deinem wahren Ich fernhält.

Hast du schon einmal auf Alkohol verzichtet oder verzichtest du vollständig auf ihn? Wie ging es dir damit?

Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Viel Liebe,

deine Anna

Titelbild via Unsplash © Louis Hansel

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6 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,
    auch ich verzichte seit ca. 1 1/2 Jahren auf Alkohol. Anfangs wollte ich nur mal schauen, ob es denn überhaupt noch ohne geht, fand dann aber schnell Freude daran! Es ist so herrlich, nach einem schönen Abend völlig klar im Kopf nach Hause zu radeln, zu wissen, dass morgen kein Kater wartet. Je mehr ich zudem meditieren, desto mehr habe ich das Gefühl, ich würde mit Alkohol die Verbindung zu mir und dem großen Ganzen verlieren oder überdecken!
    Ich habe früher nie getrunken, das kam tatsächlich erst recht spät dazu bei mir und jetzt fühlt es sich wieder kongruenter an, ich bin wieder im Einklang mit mir!
    Ich stimme auch Hanna zu: mehr Veranstaltungen am Tage, Exzess ohne Alkohol, das wäre echt klasse! In Berlin oder anderen Großstädten gibt’s da bestimmt tolle Partys, hier in der Kleinstadt in Bayern gibt es da noch nix…
    Liebe nüchterne Grüße,
    Mareike
    P.S.: schöner Artikel, vielen Dank! Bester Tipi: einfach tanzen! SUPER!!!

    1. Liebe Mareike,
      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Schön zu lesen, dass dich der Alkoholverzicht dir selbst näher gebracht hat. Ich empfinde Alkohol mittlerweile ebenfalls als eine Art Mantel, den man über seine sonstigen Gedanken und Gefühle legt, statt wirklich hinzuschauen, was sie einem sagen wollen.
      Apropos Exzess ohne Alkohol: Ich hoffe, immer noch auf Day-Dancing Events mit Juices und Smoothies :)
      Alles Gute dir und Happy Dancing auch ohne Alkohol!
      Viel Liebe,
      Deine Anna

  2. Ich trinke seit etwas mehr als einem Jahr nicht mehr und meistens genieße ich das Gefühl echt und bei mir zu sein.
    In manchen Momenten merke ich, dass ich mich noch mehr zurückziehe als zuvor. Ich gehe fast gar nicht mehr aus. Auch nicht am Wochenende. Ich meine ich bin zu müde abends zu Zeiten wegzugehen, an denen ich normalerweise in Richtung Bett gehe. Und ich befürchte, dass ich langweilig und traurig wirke, wenn ich mich so zeige… Tja, das macht mich schon irgendwie traurig, denn dadurch meine ich viel Spaß zu verpassen und noch weniger soziale Kontakte zu haben…
    Ich wünsche mir mehr Events am Tag 😊

    1. Liebe Hanna,
      wie cool, dass du den Alkoholverzicht grundsätzlich schätzt. Dass es Momente gibt in denen du dich eher noch zurückziehst, kann ich gut verstehen und mehr Events am Tag fänd ich ebenfalls super. :)
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich, je länger mein Alkolholverzicht andauert, wieder mehr Freude am Nachtleben gefunden habe, auch wenn ich heute viel seltener daran teilhabe. Wenn ich mir aber wieder einmal die Nacht um die Ohren schlage, fällt mir auf, dass ich nicht selten die Energiegeladenste in der Gruppe bin und mittlerweile sogar viel befreiter tanze als ich es noch zu Alkoholkonsum-Zeiten getan habe. Deswegen mein Tipp: Hab Geduld und stress dich nicht. Und wenn du beispielsweise das Tanzen vermisst, tanz für dich zu Hause oder mach einen Tanzkurs. Hol dir das in deinen Alltag, was du aus dem Nachtleben vermisst.
      Alles Gute dir, liebe Hanna!
      Viel Liebe,
      Anna

  3. Von Anna Katharina zu Anna-Katharina: danke für deinen persönlichen Artikel. Ich habe mich so gefreut dieses Thema hier zu entdecken! Selber habe ich auch vor vier Jahren aufgehört Alkohol zu trinken und kann mir nicht vorstellen, es je wieder zu tun.
    Der Schmerz und die Anstrengung sind unangenehm – aber es hat sich für mich mehr gelohnt, als ich es mir damals hätte vorstellen können. Und es hat mich so erleichtert, mich endlich selbst anzusehen und zu erkennen, dass es ok ist, mich unsicher (oder wie auch immer) zu fühlen. Das geht nur nüchtern. Danke!

    1. Von Anna-Katharina zu Anna-Katharina :)
      Ich danke dir für deine Rückmeldung. Mich freut es sehr zu lesen, dass es sich für dich letztendlich auch so positiv ausgewirkt hat, auf Alkohol zu verzichten und dadurch ebenfalls noch mehr in Kontakt mit deinen Gefühlen zu kommen.
      Nur das Beste für dich!
      Viel Liebe,
      Anna

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