Ein Anti-Stress-Workshop und seine Folgen

Kannst du gut mit Stress umgehen? Hast du das Gefühl, dass du aus einer inneren Kraft schöpfst, egal, wie laut der Trubel um dich herum ist? Oder fühlst du dich oft getrieben? Denkst du oft „Ich muss heute noch dies!“, „Ich muss heute noch das!“ und dazu kommen noch E-Mails, Anrufe und Menschen, die an deinem Schreibtisch anhalten und etwas von dir wollen?

So sieht der Arbeitsalltag bei den meisten von uns aus. Mich persönlich reißen Anrufe, Mails und Menschen, die etwas von mir wollen ziemlich schnell aus meiner inneren Mitte, weshalb ich am liebsten zu Hause ganz alleine arbeite. Da das aber nicht immer möglich ist und ich auch in Zeiten, in denen ich viele Termine und Projekte habe, meine innere Ruhe nicht verlieren will, unterzog ich mich kürzlich einem Anti-Stress-Retreat. Was ich da erlebt habe, was sich seither in meinem Alltag geändert hat und meine aktuelle Lieblingsübung gegen Stress:

Als ich am Freitag Nachmittag nach zirka eineinhalb Stunden Autofahrt auf der Ponderosa-Ranch bei Berlin ankam und die Beifahrertür öffnete, lächelte mich Agne an. Mit auffällig ruhiger Stimme hieß sie mich willkommen. Während ich aufgeregt aus dem Auto sprang, weil ich wie immer spät dran war und vor der Einführungsrunde noch schnell mein Gepäck ins Zimmer bringen wollte, blieb Agna ruhig stehen und schaute mich mit ihren großen kugelrunden Augen an.

Ich fühlte mich wie in diesen Filmen, in denen eine aufgedrehte Großstadtneurotikerin das erste Mal aufs Land fährt und hauptsächlich durch ihre Hektik beeindruckt. 

In diesem Sinne war Agna ein guter Spiegel für meinen Großstadt-Gemütszustand. Sie zeigte mir mein Zimmer, dass nur wenige Schritte von einem wilden Hippie-Garten, der direkt am Wald angrenzte, lag. Auf meine Frage nach dem Schlüssel antwortete sie „No keys at Ponderosa Ranch“! „Ein Stress-Problem ist schon gelöst“, dachte ich. Meinen Schlüssel kann ich schonmal nicht vergessen.

Nachdem ich mich in Schale für die erste Kundalini-Stunde geworfen hatte, hetzte ich die Wendeltreppe zum Yogaraum hoch. Oben angekommen, erblickte ich einen gemütlichen Dachstuhl mit weißem Bodenbelag. In der Mitte saß unsere Yogalehrerin Panch Nishan auf einem Schaffell, eingerahmt von zwei wilden Blumensträußen und vier großen weißen Kerzen.

Sie hatte diese typische Kundalini-Ausstrahlung:

Ruhig und leuchtend. Und dass obwohl ihr einjähriger Sohn um sie herumwuselte. Das erinnerte mich daran, weshalb ich gekommen war: Weil ich genau diese innere Ruhe und das innere Strahlen, dass sich bei  meiner Ausbildung in Indien ganz natürlich einstellte, wieder stärker spüren wollte.

Panch Nishan

Nach nur drei Monaten zurück in Berlin hatte ich das Gefühl wieder in die alte Schneller-Höher-Weiter-Stressspirale geraten zu sein. In einer Stadt, in der sich alles und jeder so schnell bewegt, ist es eine echte Herausforderung in seinem natürlichen Rhythmus zu bleiben, zu dem es auch gehört, die Dinge laufen zu lassen.

Panch Nishans Ausstrahlung hatte nicht zu viel versprochen.

Ponderosa1

In den nächsten beiden Tagen trafen wir uns morgens um fünf zum Sadhana, einer zweieinhalbstündigen spirituellen Morgenroutine beim Kundalini-Yoga. Danach folgten Kundalini-Yoga-Sets gegen Stress, Gruppenübungen, bei denen wir unsere eigenen Stressmuster reflektierten, Meditationen, Yoga-Nidra und mein persönliches Highlight: Ein sogenannter „Breathwalk“ zum nahegelegenen Gewässer.

Ausgerüstet mit Bikini und Handtuch trafen wir uns auf dem Hof der Ponderosa-Ranch. Panch Nishan wies uns an mit jedem Schritt, den wir in Richtung Wasser gehen die Silben Sa-Ta-Na-Ma in Gedanken zu synchronisieren. Dabei berühren sich mit bei „Sa“ Zeigefinger und Daumen, bei „Ta“ Mittelfinger und Daumen, bei „Na“ Ringfinger und Daumen und bei „Ma“ der kleine Finder und der Daumen.

Als ich so in meinen weißen Flipflops zum Wasser herunter watschelte, liefen Bilder über Bilder aus meiner Kindheit vor meinem inneren Auge ab.

Titel

Nach zehn Minuten Walk fühlte ich mich wieder wie eine Achtjährige.

Ich nahm alles war, was auf dem Weg war. Grüne Blätter, der Duft von Harz, Steine in Herzform. Es gab keine anderen Gedanken mehr, nichts! Nur die Natur und ich! Es stellte sich eine innere Ruhe und gleichzeitig ein Hochgefühl ein, dass ich ewig nicht gespürt hatte.

Am Gewässer angekommen, fiel mir wieder ein, dass ich als Kind täglich meditierte, ohne darüber nachzudenken.

Wenn ich damals einen langen Weg vor mir hatte, überlegt ich mir Spielregeln, wie zum Beispiel, dass ich nur auf jeden zweiten Pflasterstein treten darf oder dass ich keinesfalls auf die Lücken zwischen den Steinen treten darf.

Du hast das bestimmt auch getan, oder? Als Kinder sind wir ganz natürlich im Hier-Und-Jetzt. Wir kamen gar nicht auf die Idee über die Mathestunde am nächsten Tag zu grübeln. Und irgendwann dann als wir älter wurden hatten wir keine Lust mehr auf den Tag und fingen an uns ins Morgen zu grübeln. „Wenn ich die Uni erstmal abgeschlossen habe…“, „Wenn ich den Job erstmal bekommen habe…“, „wenn ich den Job erstmal gekündigt habe…“, und so weiter. Wenn wir unter Stress geraten sind wir mental besonders gern in der Zukunft: „In zwei Tagen muss ich meine Arbeit präsentieren“, „Das geht bestimmt schief“, „Ich hab zu wenig Zeit“ etc. anstelle die verbliebene Zeit in Ruhe und mit Kraft effektiv zu nutzen.

Am Gewässer angekommen, es stellte sich heraus, dass es ein Kanal ist, sprangen wir alle gemeinsam ins kalte Nass. Ich hörte es nur platschen, quietschen und kreischen. Da waren wir – elf erwachsene Frauen zwischen dreißig und vierzig – die sich so leicht und unbeschwert fühlten wie in den Sommerferien!

Kurz vor meiner Abreise kam mir Agna entgegen. Jetzt fiel mir ihre besonders ruhige Art überhaupt nicht mehr auf. Wahrscheinlich, weil ich mindestens genauso tiefenentspannt war.

Der viertelstündige Breathwalk hat viel in meinem Alltag verändert.

Zurück im busy Berlin-Mitte mache ich jetzt täglich und überall entweder den Breathwalk oder direkt das Spiel mit den Steinen. Ich höre keine Musik mehr auf dem Weg von A nach B und ich versuche mir das Telefonieren zu verkneifen. So schaffe ich mir zwischen Terminen und Arbeit riesige Zeitfenster, bei denen ich mich mega gut entspanne. Ich entdecke ganz neue Details auf meinen Wegen, wie zum Beispiel, dass auf der Torstraße in Berlin-Mitte noch Platten aus DDR-Zeiten liegen, so wie ich es aus meiner jüngsten Kindheit kenne.

Meine Anti-Stress-Tipps für deinen Alltag:

  • Bring dich schon morgens zurück in deine kindliche Unschuld und sage dir morgens, bevor du das Haus verlässt: „Das Einzige, was wichtig ist, ist heute; was ich heute tue und was ich aus dem Tag mache. Ich weiß, dass mir der heutige Tag gelingen wird und dass alles, was ich tue, perfekt sein wird. Alles, was ich sage, wird voller Liebe sein und alles, was ich denke wird wird vom Höchsten kommen und mir wird heute nichts als das Allerbeste zufallen.“
  • Wenn du zu Fuß zur Arbeit gehst, mach dir Kopfsteinpflaster-Regeln, wie als Kind und befolge sie.
  • Wenn du mit dem Fahrrad fährst, hast du vielleicht auch noch Spielregeln aus der Kindheit, die funktionieren, wie zum Beispiel, dass du bei jedem Einatmen drei mal die Pedale treten musst oder so
  • Falls du dir das zu albern ist oder du mit der Bahn fährst, wiederhole im Geiste mit jeder Einatmung das Mantra Sa-Ta-Na-Ma und mit jeder Ausatmung Sa-Ta-Na-Ma. Wenn du zusätzlich Selbstbewusstsein üben willst, nimm die Handbewegung von der Breathwalk-Meditation dazu und übe, die Blicke anderer Menschen mit Gleichmut hinzunehmen.
  • Egal, wofür du dich entscheidest, steck dein Smartphone tief in die Tasche und entscheide dich dafür hier zu sein, anstelle dich mit Whatsapp und Co. weiterem Stress hinzugeben.
  • Gehe besonders früh los, so dass du ganz entspannt und langsam laufen kannst.

Rein technisch ist das Tolle an der Breathwalk-Meditation, dass sie dir hilft, ein ruhiges und gleichmäßiges Atemmuster zu entwickeln. Die Fingerbewegungen stimulieren zusätzlich die Nervenenden an deinen Fingern. Beides führt dazu, dass dein Nervensystem sich beruhigt und wieder in Gleichklang kommt.

Ich habe sogar einen lebenden Beweis dafür, dass die Breath-Walk-Meditation funktioniert:

Seit ich auf diese Art und Weise von A nach B schreite ist mein kleiner aufgeregter Hund wie ausgewechselt. Er schreitet ganz ruhig in meinem Takt neben mir her.

It’s magic!

Die Ponderosa Ranch und Panch Nishan planen übrigens weitere Workshops. Ich kann einen Besuch wärmstens empfehlen!

Was ist dein ultimatives Anti-Stress-Mittel im Alltag? Hinterlass mir unten einen Kommentar. Ich freu mich drauf!

Shine bright and become like a child,

deine Franziska

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3 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Moin liebe Franziska,
    danke für den schönen Artikel – er passt genau zu meiner derzeitigen Situation.
    Ständig Termine, Telefonate und dann in der Freizeit auch immer Musik, mit Hektik zum Yoga und und und.
    Ich versuche morgens meine 10 min Yoga, das hilft mir ungemein. Mediatition fällt mir ehrlich gesagt noch etwas schwer, bei meinem Monkey Mind.
    Vielleicht hilft der Breath Walk mir..

    Wenn du Tipps hast, freue ich mich über eine Nachricht.

    Happy Day ;)

    LG

  2. Fantastische Artikel. Danke Franziska.
    In der Ringbahn von A nach B habe ich mir
    angewöhnt, das rechte Nasenloch zu verschliessen und nur durch „links“ einzuatmen. Keine Ahnung wie die Übung heißt, aber hinterher fühle ich mich herrlich erfrischt. Es ist auch ziemlich unauffällig :)

  3. Liebe Franziska,
    mir hilft am besten in akuten Stresssituationen, meine Augen zu schließen, tief ein und ausatmen verbunden mit dem Mantra So ham. Allerdings kann ich das erst, seit dem ich angefangen habe viel Yoga zu machen und achtsam zu leben. Davor bin ich sehr schwer runtergekommen, weil mir das Bewusstsein für das Jetzt fehlte.
    Viele Grüße und einen blumigen Tag
    Joanna

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