Meditation auf dem Dancefloor: Was es mit Dose of Pleasure auf sich hat

Es ist tiefster Winter, wir schreiben Februar 2021, die Pandemie ist im vollen Gange.

Das Tempelhofer Feld, ein ehemaliger Flughafen in Berlin, ist mit weißem, glitzerndem Schnee bedeckt. Mittendrin tanze ich alleine und doch gemeinsam mit anderen Dose of Pleasure-Anhänger*innen. Über unsere Kopfhörer lauschen wir grooviger Musik und Alvin Collantes’ Stimme, die uns dazu ermutigt, unsere Körper zu feiern, loszulassen und all den angestauten Ballast abzuschütteln.

Was im ersten Moment weird aussehen mag, ist für mich die ehrlichste Art von Bewegung, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen ist.

Bei Dose of Pleasure fühlt sich alles freier, natürlicher und intuitiver an. Statt einem starren Bewegungsmuster zu folgen, getaktete Choreographien einzustudieren und wie Roboter im Gleichschritt zu tanzen, geht es hier darum, den eigenen Körper zwanglos zu erforschen. 

Alvin bezeichnet Dose of Pleasure als Movement Meditation, eine Weiterentwicklung von Gaga Dance in Kombination mit seinen Erfahrungen aus der queeren Clubszene in Berlin. Bei Movement Meditation wird, wie der Name vermuten lässt, Bewegung als Tool genutzt, um einen meditativen Zustand zu erreichen.

Bewegung als Weg zum meditativen Zustand? Da würde Osho sofort mittanzen!

Wer diesen Zugang schon in den 60er Jahren entdeckte und verbreitete, war Osho, Begründer der dynamischen Meditation. Er wollte uns modernen Menschen, die in einer Welt voller Druck, Schnelllebigkeit und Stress leben, eine Technik an die Hand geben, die unseren Lebensumständen gerecht wird. Während uns still sitzen schwer fällt, kann durch heftige, raumgreifende und zum Teil crazy Bewegungen, wie wir sie in der Osho Meditation finden, eine Art natürliche Leere entstehen, in der dann vielleicht Meditation geschehen kann. 

>> Lies hier Rebeccas Artikel zur Osho Meditation

Da seit den 60ern die Umstände eher noch stressiger, statt entspannter wurden, glaube ich, dass wir Bewegung mehr als je zuvor brauchen. Zeit, sich Dose of Pleasure näher anzuschauen! 

Dose of Pleasure geht auf Gaga Dance zurück.

Das haben wir dem israelischen Choreographen Ohad Naharin zu verdanken, der nach einer Verletzung diese neue Bewegungsmethode erschuf. Was mit einer Rückenverletzung Anfang der 2000er begann, entpuppte sich als Offenbarung für unzählige Menschen weltweit. An der Batsheva Dance Company in Israel gab Ohad Naharin seine neue Methode zuerst an seine Schüler*innen weiter, bevor sie über die Grenzen Israels hinaus weltbekannt werden sollte. Profitänzer*innen und Stars wie Natalie Portman pilgerten nach Israel, nur um einmal mit Ohad Naharin zu tanzen. Vor meiner ersten Gaga Stunde hätte ich wohl den Kopf darüber geschüttelt. 

Was Ohad Naharin hier geschaffen hatte, ist so besonders, weil er damit Profitänzer*innen ein Tool an die Hand gibt, mit dem sie ihren Körper völlig neu erforschen und alte Bewegungsmuster aufbrechen können; Laien wiederum nimmt Gaga die Hürde, sich aufgrund von “fehlender Erfahrung” nicht gut genug zu fühlen.

Was mich so angefixt hat, ist, dass Gaga Dance nicht nach den Regeln der Leistungsgesellschaft spielt.

Bei Gaga heißt es: Outcome egal, die Bewegung ist das Ziel. Vor allem in der Anfangszeit der Pandemie waren die Dose of Pleasure Sessions von Alvin für mich ein Zufluchtsort. Ein Weg, um mich für ein paar Stunden von der zerbrechenden Welt um mich herum zu befreien und alles loszulassen. Alvin Collantes hat mit seinen Sessions während Corona den Raum für mich gehalten, in dem ich meine Sorgen und Ängste abschütteln konnte.

Philippiner, Tänzer, Queer Clubanimal – Wer ist Alvin Collantes?

Alvin ist eine Person, die einen sofort mit seinem riesigen Lächeln und der positiven Art in den Bann zieht. Bevor er uns in Berlin mit seinen skills beglückte, absolvierte er 2018 in Kanada seine Ausbildung zum Gaga Lehrer und ist damit einer von 100 zertifizierten Gaga Lehrern weltweit. Er nahm Klassen an der Batsheva Dance Company, unterrichtete weltweit und trat mit den unterschiedlichsten Tanzgruppen auf. Als er schließlich in Berlin landete, tanzte Alvin sich in queeren Clubs die Seele aus dem Leib und fand dort das, was ihn bis heute antreibt: das gemeinsame Erleben von Musik, Bewegung und Teilen von Energie. 

Ich habe mit Alvin ein Gespräch über die Kraft von Bewegung, die Verbindung von Tanz und Meditation geführt.

Alvin, was bedeutet Gaga Dance für dich?

“Kontaktaufnahme und Überwindung von Vereinzelung und Vereinsamung. Im ersten Moment mag Gaga Dance wie eine Improvisation vieler verschiedener Tänzer*innen aussehen: Menschen fallen zu Boden, schlängeln sich, gehen im Kreis. Nicht weiter verwunderlich, schließlich geht es bei Gaga darum, wie sich eine Bewegung anfühlt, denn das Gefühl alleine leitet den Körper. Anstatt sich also darauf zu konzentrieren, wie man aussieht, gehen wir in uns und bewegen uns von innen heraus. Damit wird Gaga zu einer Movement Meditation.

Wie kam dir die Idee zu Dose of Pleasure?

“Vor Corona gab ich Tanzunterricht an Berliner Tanzschulen. Als Corona kam, war damit natürlich Schluss. Meinen Freund*innen und mir fehlte mehr und mehr das Miteinander, das gemeinsamen Tanzen. Und so kam Dose of Pleasure zustande. Aus der Not heraus, einen Raum zu schaffen, in dem wir gemeinsam die Last und Sorgen abschütteln und uns wieder mit unserem Körper und anderen connecten können.”

“Let the fear move you and then transform it into your power!” – Alvin Collantes

“Wir hatten alle Angst vor Corona. Ich wollte nicht zulassen, dass uns diese Angst steuert. Mein Ziel war und ist es, diese Angst in Stärke und Kraft zu verwandeln, indem wir uns mit dem Moment verbinden, mit dem, was in uns ist. Ohne Sorgen über die Zukunft oder Ängste aus der Vergangenheit.”

Wie hast du es geschafft, Dose of Pleasure während der Pandemie zu entwickeln?

“Im Sommer vor Corona tanzte ich mit Leuten im Park. Als das nicht mehr möglich war, trafen wir uns anfangs am Wochenende ausschließlich online, bis wir dank der Lockerungen auch wieder auf dem Tempelhofer Feld tanzen durften. Ich rief eine Telegram-Gruppe ins Leben, die total schnell über 1.000 Leute zählte, heute sind wir über 2.000 Overdosers – so nenne ich diejenigen, die bei Dose of Pleasure am Start sind.”

Wie läuft eine Dose of Pleasure Session ab?

“Ich gebe wie bei einem normalen Event Bescheid, wann ich online gehe. Diejenigen, die mitmachen wollen, können sich dann über die Plattform Mixlr in meinen Kanal einschalten und hören so meine Musik und Stimme. Ich leite sie dann durch die Session, wo auf der Welt sie sich zu dem Zeitpunkt befinden, ist total egal.

Wir beginnen mit dem Aufwärmen des Körpers, bewegen uns eklektisch auf einen Höhepunkt hin. Ich motiviere die Leute dazu, alles abzuschütteln, Laute von sich zu geben und einfach mal loszulassen. Eben eine meditation on the dancefloor.

“Kiss the sand with your belly. Let the honey drip from your tailbone.” – Alvin Collantes

Dafür plane ich ein Musik-Set im Voraus, das mit den unterschiedlichsten Musikstilen gefüllt ist. Von Oper über House hin zu Techno kann alles dabei sein, je nachdem, auf was ich Lust habe. 

Haben wir den Höhepunkt unserer Session erreicht, bringe ich langsam wieder mehr Ruhe rein und leite am Schluss eine Meditation an, sodass die Teilnehmenden einen ruhigen Abschluss finden können, wenn sie möchten.”

Was ist deine message hinter Dose of Pleasure?

“Ich hatte selbst lange mit mir zu hadern. Als asiatischer queerer Mann hat man es in der Tanzwelt nicht besonders einfach. Und da ich selbst zu strugglen hatte und lernen musste, mich zu akzeptieren, möchte ich Menschen dazu ermutigen, sich mit ihrem eigenen, wunderbaren Körper zu verbinden und ihn zu feiern.

Ich möchte einen Raum schaffen, in dem jede Person wie ein Kind den eigenen Körper auf spielerische Art und Weise entdecken kann. Tanzen kann eine Flucht vor der Realität sein, aber auch ein Weg, sich selbst besser zuzuhören und sich zu fragen: Was ist mit mir? Ist da ein Schmerz? Renne ich vor etwas weg? Bin ich ganz da?

Vielen Dank, lieber Alvin, für deine Zeit und die tollen Sessions!

Du hast Lust bekommen, Gaga Dance auszuprobieren?

Von überall aus:

In Berlin:

Verschiedene Arten von Movement Meditation kannst du hier mitmachen:

  • The Leap von unserer Uli
  • Letting GO! by Idan Yoav
  • Probier’s mit Ecstatic Dance
  • Osho kannst du im Osho Mauz in Berlin oder im Osho Leela in München ausprobieren
  • Oder einfach alleine zuhause: Mach dir ein geiles Set an, bewege dich intuitiv dazu, ohne dich zu bewerten und spüre in dich hinein

Das Interview fand auf Englisch statt, die Antworten Alvins wurden von der Autorin auf Deutsch übersetzt.

Titelbild © Tex Drieschner

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