Generation Y(oga): Warum ist Yoga so populär?

Ich erinnere mich gut an meine erste Yogaklasse. Privat organisiert in einem Kreuzberger Hinterhausloft. Ob die Klasse stattfand, erfuhr man nur, wenn man auf dem Email-Verteiler der Lehrerin stand oder – wie ich – jemanden kannte, der zum Kreis der Eingeweihten gehörte.

Auch heute, knapp 10 Jahre später, übe ich noch häufig in Kreuzberger Hinterhöfen. Rundherum sieht es allerdings anders aus: Die Studios haben Online-Stundenpläne und schickes Inventar, bekannte Yogalehrer werden wie Popstars gehandelt, im Sommer findet jedes Wochenende ein angesagtes Yogafestival statt und im Winter mindestens drei Workshops gleichzeitig, bei denen man Matte an Matte mit anderen Yogis hofft, etwas vom Licht der Person vor dem Altar zu erhaschen. Ich im Übrigen mittendrin.

Doch woher kommt eigentlich dieses Interesse an der uralten Lehre? Was genau hat sich eigentlich verändert? Interessieren sich die Menschen wirklich für Spiritualität? Oder haben wir es doch nur mit einem Hype zu tun?

Fest steht: Yoga ist in den letzten Jahren hip geworden. Aus den USA schwappten bunt-gemusterte Leggings wie neue Yogastile zu uns herüber und verbannten Räucherstäbchen und die orange-weiße Yogakluft der 80er-Jahre in die Esoecke. Manche dieser Strömungen gingen vorüber, manche blieben und andere entwickelten sich weiter. Das Angebot wurde größer und vielfältiger: Bekannte Brands eroberten mit durchdachten Marketing-Strategien den deutschen Mark, findige Online-Unternehmer strickten mit Angeboten wie Multi-Studio-Flatrates kluge Geschäftsmodelle und immer mehr begeisterte Yogis und Yoginis entschieden sich, ihre Passion zum Beruf zu machen.

Vilas Turkse, einer der erfahrendsten Lehrer hierzulande, sieht die Kommerzialisierung als wichtigen Grund für den Run auf Yoga: „Die Bilder von im Schneidersitz sitzenden, jungen Menschen wurden in der Werbung und in den Medien dazu verwandt, zu suggerieren, dass es eine Überholspur für Stressbekämpfung und Entspannung gibt. Diesen schnellen Weg wollen nun viele einschlagen, die im Alltag immer mehr gefordert sind.“ Ich muss ihm Recht geben. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele im Yoga einen Ausgleich suchen. Eine Möglichkeit, wenigstens für 90 Minuten den Kopf abzuschalten.

Die Pionierin der neuen Yoga-Generation Patricia Thielemann sieht den Wandel in der deutschen Yogaszene rundum positiv: „Viele Jahre lang war alles, was aus den USA kam, spannend. Nach einer Phase des Ausprobierens haben wir nun gemerkt, dass auch in den USA nur mit Wasser gekocht wird, unsere alten Einflüsse ebenso eine Daseinsberechtigung haben und daraus eine ganz eigene Identität entwickelt.“

Offensichtlich gefällt diese Identität vielen. Laut einer Studie des Bund Deutscher Yogalehrer praktizieren in Deutschland knapp 2,6 Millionen Menschen Yoga.

2,6 Millionen Menschen praktizieren in Deutschland Yoga.

 

Eine andere Studie spricht sogar von fünf Millionen. Ein Massenphänomen also? Am Ende ist doch das, was die Yogaübenden im Studio suchen, höchst individuell. Während die einen vor allem nach einem strammen Hinterteil oder einem gesunden Rücken streben, erhoffen sich Andere den direkten Weg zur Erleuchtung.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass nach vielen Jahren des körperorientierten Übens das Interesse an der spirituellen Seite des Yoga steigt.

Neuerdings finden sich Sanskrit- oder Philosophiekurse auf den Stundenplänen und Meditationskurse sind in Windeseile ausgebucht. Wenn ich mich mit meinen Freunden zum Sonntagsyoga mit anschließendem Kirtan singen in unserem Lieblingsstudio verabrede, heißt es sogar scherzhaft:

Kommst du auch zur Kirche?

Finden wir im Yogastudio also etwas, das wir in der echten Kirche schon lange nicht mehr finden? Austausch, Gemeinschaft und das Gefühl, aufgehoben zu sein?

„Wir alle brauchen eine Beziehung zu unserer Intuition, Emotion und zu unserem Urinstinkt zurück. Eine Versöhnung mit unserer spirituellen Seite“, erklärt mir die Berliner Yogalehrerin Kathleen Kloss. Sie selbst war eine der ersten Lehrerinnen bei Spirit Yoga in Berlin und unterrichtet seit vielen Jahren Vinyasa Yoga. Seit 2012 zusätzlich Kundalini Yoga, wo sie selbst ein spirituelles Aha-Erlebnis hatte: „So intensiv wie beim Kundalini habe ich das Aufwecken der Lebensenergie noch nie im Yoga erlebt. Es war wie eine Neugeburt.“

Dass bisher eher unpopuläre Yogatechniken wie Kundalini Yoga plötzlich auf Interesse stoßen, ist auch neuen Lehrern und Lehrerinnen zu verdanken, die mit Öko-Yoga-Image wenig zu tun haben. Zum Beispiel Kathleen. Anstelle des traditionellen, weißen Kundalini Outfits mit Turban unterrichtet sie die Kriyas von Yogi Bhajan, dem Begründer des Kundalini Yogas, in lässigen Jogginghosen und Mütze. Das gefällt den Menschen und erleichtert den Zugang ungemein.

Doch spirituelle Erlebnisse, Kokoswasser und rutschfeste Matten sind nicht das Einzige, was das Yogastudio zu bieten hat. Gratis zur Zehnerkarte gibt es das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Stamm. Wo du diesen findest, ist Geschmacksache. Vielleicht fühlst du dich wohl im Jivamukti-Clan, vielleicht gefällt dir auch die Anusara-Clique, das Gefühl ist das gleiche. Es funktioniert wie eine Art Motor, der uns immer wieder in die heiligen Yogahallen zurücktreibt.

Portraits Yogalehrer
Vilas Turkse, Patricia Thielemann, Kathleen Kloss, Anna Trökes (von links nach rechts)

 

Was heißt das nun für die Yogaszene?

Auf die Frage „Warum machen alle Yoga?“ habe ich keine eindeutige Antwort gefunden. Sicher ist nur: Inzwischen ist für alle Bedürfnisse etwas dabei. Eine große Rolle für das breite Interesse spielen neue Identifikationsfiguren, die mit ihrer Begeisterung für eine unkomplizierte und vor allem undogmatische Spiritualität anstecken. Der holistische Lifestyle, zu dem grüne Smoothies genauso gehören wie Leggings aus Bio-Baumwolle und Yoga-Urlaub in der Natur, liegt zudem voll im Trend.

Anna Trökes, die selbst seit mehr als 30 Jahren Yoga unterrichtet und die deutsche Szene kennt wie kaum eine andere, bringt es auf den Punkt:

„Die Yogaszene bildet inzwischen die Gesamtheit der Gesellschaft ab. Inzwischen ist Alles in Verbindung mit Yoga zu finden. Yoga ist jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Mein Fazit: Die Verpackung hat sich geändert, nicht aber das Yoga selbst.

Lediglich der Zugang fällt über den Körper leichter. Denn die fünf Minuten in Savasana, in denen man sich fühlt wie in rosarote Zuckerwatte gebettet, weiß der Sport-Yogi genauso zu schätzen wie der spirituelle Aspirant. In diesen fünf Minuten offenbart sich, was die Yogapraxis wirklich kann: Ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit mit sich und der Welt hervorrufen. Oder um es mit Vilas Turkses Worten zu sagen:

„Yoga ist eine Wirklichkeitslehre. Das was jetzt ist, ist die Reise, unabhängig vom Ziel.“

Disclaimer: Dieser Beitrag erschien erstmalig ist der YOGA DEUTSCHLAND No. 12

4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

    1. Hallo Jacob, ich weiß gerade nicht worauf du dich genau beziehst, und dieser Artikel ist schon recht alt. Inzwischen sind wir jedenfalls bei FLGH dazu übergegangen, mit Sternchen zu „gendern“ bzw. das Gerund zu benutzen, wo es geht – und es ist uns auch sehr wichtig, das zu tun. Liebe Grüße

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