Rising Appalachia: „Die Kunst ist unsere Waffe“

Musik ist magisch. Sie prägt uns von Geburt an, berührt uns im tiefsten Inneren, kann uns zu Höchstleistungen treiben und heilen: Die therapeutische Kraft der Musik ist kein Geheimnis. Man nutzt sie in Psychologie, Medizin, Pädagogik. Und natürlich auch beim Yoga. Manche Musiker*innen stimmen ihre Rhythmen, Melodien und Texte auf deren heilsame Wirkung ab. Sie wollen ihre Zuhörer*innen auf einer tiefen Ebene berühren, einer von der aus Veränderung möglich ist. Veränderung des eigenen Lebens. Veränderung der Welt.

Vor ein paar Wochen war ich beim ersten Xperience Festival in Europas größtem Yoga-Ashram Yoga Vidya in Bad Meinberg. Dort habe ich die beiden wunderbaren Musikerinnen Leah und Chloe von der US-amerikanischen Band Rising Appalachia getroffen. Seit über 11 Jahren bereisen die beiden Schwestern, die in den US-Südstaaten aufgewachsen sind, die Welt und teilen rund um den Erdball ihre inspirierende Musik mit Banjos, Geigen, Trommeln, Didgeridoos. Neben Konzerten geben sie auch „Yoga of Sound“-Workshops.

Bei diesen Workshops trifft sich eine Gruppe von Menschen, die sich meist vorher nicht kennen, um gemeinsam Yoga und Musik zu machen. Es wird getönt, getanzt, gesungen, gelacht, geweint. Mal erklingt ein amerikanischer Gospel, mal ein Mantra. Ein Mix aus World, Folk und Soulmusik, der berühren soll. Die beiden Musikerinnen sind außerdem Gründerinnen des Rise-Kollektivs, das Musiker*innen, Artist*innen, Poet*innen, Künstler*innen aus der ganzen Welt mit einer Mission zusammenbringt: Räume zu kreieren, in denen Menschen träumen und die Vision einer neuen, friedvolleren Welt lebendig werden lassen können. Dafür spielen die Kollektivmitglieder in Schulen, Jugendeinrichtungen, auf der Straße, auf Festivals.

Beim Xperience Festival habe ich mit Leah über die heilende Kraft der Musik und die Mission von Rising Appalachia gesprochen.

Leah, auf eurer Webseite steht: „Die Kunst ist unsere Waffe.“ Welche Mission verfolgt ihr mit eurer Musik?

Wir machen Musik nicht nur der Musik wegen. Wir verbinden damit ganz klar auch eine politische Message, unsere Vision von einer friedvolleren, ökologischeren, gerechteren Welt. Unsere Texte haben oft einen Appell-Charakter für ein bewussteres Leben, für starke Gemeinschaften und Nachbarschaften und die Ermächtigung der kleinen Leute. Aber wir wollen auch das Mysterium der Bühne entzaubern: Nur weil wir ein Mikrofon haben, bedeutet das nicht, dass wir mehr wissen. Jeder Mensch kann in sich seine ganz eigenen Antworten finden. Dabei kann Musik unterstützen. Sie wirkt wie Medizin.

Wie kann Musik für uns Medizin sein?

Musik hat unglaublich viele heilende Effekte. Sie verbindet uns mit unserer menschlichen Essenz, unserer Seele. Was ganz wesentlich ist: Musik ist eine der wenigen Künste, die eine sehr internationale Sprache spricht. Sie wird auf der ganzen Welt verstanden, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Sie ist offen für alle. Jeder Mensch in jeder Ecke der Welt hat irgendeine Beziehung zur Musik. Sie ist ein wichtiger Teil der menschlichen Geschichte. Sie begleitet uns während der verschiedenen Phasen unseres Lebens.

Medicine Woman, Medicine Man, walking with grace, I know your face, and I trust your hands

– Rising Appalachia, Medicine

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Wenn Musik in unserer Menschheitsgeschichte eine so wichtige Rolle spielt: Warum fällt es vielen Menschen so schwer, ihrer Stimme wirklich Raum zu geben?

Weil wir modernen Menschen viel mehr mit unserer Ratio verbunden sind als mit unserem Spirit. Egal ob bei der Arbeit oder beim Yoga oder beim Singen – wir haben viel zu oft schon ein vorgefertigtes Bild in unserem Kopf, wie etwas sein sollte. Das hemmt uns jedoch dabei, frei zu musizieren, zu singen, und eine neue Erfahrung zu machen, die vielleicht ganz anders ist, als das, was wir uns vorstellen.

Ist das auch etwas, worum es in euren Sound-Yoga-Workshops geht?

Ja! Wir möchten den Menschen dabei helfen, aus ihrem Geist wieder in ihren Körper zu kommen. Und von dort aus zu singen. Ohne viel darüber nachzudenken, wie es sich anhört. Oder anhören sollte. Das ist eine sehr bereichernde Arbeit. Denn wenn die Menschen sich trauen, ihren Körper wieder als Instrument zu benutzen und wild und spielerisch mit ihm umzugehen, dann passiert Magie.

Gibt es bestimmte Tools, mit denen ihr diese Magie lebendig werden lasst?

Wir gehen da mit dem Flow. Wie es sich am Ende anhört, hängt immer von der jeweiligen Gruppe ab. Manche Menschen sind wirklich schüchtern, andere haben weniger Probleme damit, ihre Stimme erklingen zu lassen. Wir versuchen auf jeden Fall einen Raum zu kreieren, der wertfrei ist. Wir laden ein, zu improvisieren, zu spielen, zu experimentieren. Dann kann es passieren, dass die ganze Gruppe irgendwann für etwas singt, das größer ist als sie selbst. Es geht wirklich darum, eigene Erfahrungen zu machen, anstatt die Antworten im Außen zu suchen.

Welche Musiktraditionen findest du am heilsamsten?

Ich glaube, dass es für uns alle wichtig ist, unsere Wurzeln und unsere ureigenen Traditionen zu kennen. Von da aus können wir unseren eigenen Stil weiter erforschen, unserer Stimme Raum geben. Für uns gibt es keinen richtigen oder falschen Weg, wenn es um die Musik geht. Uns persönlich liegt auf jeden Fall traditionelle Musik am Herzen. Wir wollen noch mehr traditionelle Musik kennenlernen, sammeln und verbreiten.

Eure Kindheit war geprägt von dem Leben in einer Gemeinschaft von Künstler*innen in den Südstaaten der USA. Ist das allein schon Garant für ein glückliches Leben?

Wir sind Menschen, wie alle anderen auch. Wir haben unsere Geschichte, die nicht nur von schönen Momenten geprägt ist. Natürlich gab es auch in unserer Familie Probleme. Wir waren zwar emotional immer gut versorgt, dafür mangelte es aber oft an Geld. Und mein Vater hatte ein Alkoholproblem. Dennoch empfinde ich es als ein unglaubliches Privileg, dass wir mit so viel Musik aufgewachsen sind. Das hat unser Leben definitiv positiv geprägt. Sie hat uns ein starkes Fundament gegeben.

Danke, Leah!

Mehr über das Xperience Festival:

Egal ob Kundalini, Vinyasa oder Anusara Yoga – jeglicher Stil war beim Xperience Festival in Bad Meinberg willkommen. Nebst den verschiedenen Yogaklassen gab es ein großes Angebot an Vorträgen und Workshops: Eine Wildkräutertour, Kirtan-Konzerte, Vorträge zum Thema „Ökodörfer“ und „Gemeinwohlökonomie“, Frauenkreise und Workshops zum geistigen Heilen.

Was das Festival für mich ausgemacht hat? Die undogmatische Ausrichtung, die sich in der bunten Mischung der Yogalehrer*innen und Künstler*innen widergespiegelt hat. Um ein paar zu nennen: David Lurey und Petros Haffenrichter waren da, Mike Erler und Percy Shakti Johannsen, Shirin Ourmutchi, Ajeet Kaur und Lea Zubak.1709_xperience_Daniela21709_xperience_Daniela

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Titelbild © Chad Hess, Fotos vom Festival © Zero Gravity Pics

Disclaimer: Daniela war für Fuck Lucky Go Happy zum Xperience Festival eingeladen.

 

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