Zwischen Vulven und Vulkanen: Tantra im Dschungel

We’ll meet again” tönte mir Johnny Cash durch den Kopf, als ich vor gut drei Jahren die Community auf paradiesisch nicaraguanischem Insel-Boden, in der ich eigentlich drei Monate bleiben und leben wollte, bereits nach vier Wochen wieder verlassen hatte.

Ich hatte wenig zuvor Ferdinand kennengelernt und Unerledigtes in Deutschland zurückgelassen. Ich wollte ihrerzeit nicht so recht in InanItah Fire Season ankommen und ließ gleichfalls den dreiwöchigen Tantra-Kurs sausen. 

So stand ich dann Anfang Dezember 2016 in Sandalen in Berlin – mein einziges Paar Schuhe hatten sie mir leider auf der Reise geklaut. Ferdinand schenkte mir seine und wir lernten uns von Kopf bis Fuß lieben; ich blieb in der trubeligen grauen Hauptstadt und gemeinsam gründeten wir dann sehr schnell sogar unsere Liebelei

Ich bin heute schrecklich dankbar für exakt diesen Lauf der Dinge, so wie wir es häufig sind im Nachhinein; so viele meiner damaligen Träume sind in Erfüllung gegangen. Und doch war da immer diese kleine Stich, wenn ich an die abgebrochene Reise von damals dachte. Ein noch hallender Ruf, der einfach nicht verklingen wollte. 

Und weil ich niemand bin, der sich taub stellen kann, reisten mein Liebster und ich im Dezember 2019 gemeinsam Richtung Sonne. Um dem Berliner Winter zu entfliehen und meinen klaffenden Kreis zu schließen. 

 We do meet again! Gleiche Stelle; drei Jahre später. 

So führte mich mein Weg zurück in den mittelamerikanischen Dschungel. Zurück auf die heimlich als Nicaraguas Juwel gehandelte Insel Ometepe. Zurück in die tantrische Community InanItah Fire Season

Gaia gründete gemeinsam mit Paul vor nunmehr elf Jahren auf diesem Land eine Form von Utopia. InanItah ist ein visionärer Versuch verantwortungsbewussten Lebens; im Einklang mit Natur und Menschsein. Eine Gemeinschaft inmitten der Elemente: hoch oben am vulkanischen Hang, mit Blick auf einen betörenden Süßwassersee und Wurzeln in so gut wie unberührter Erde. 

Gemeinschaft und das Streben nach Bewusstheit sowie Selbsterkenntnis stehen in InanItah Fire Season an erster Stelle.

Und so gibt es wöchentlich verbindliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel Sharing Circles, Kakao-Zeremonien und auch ein tägliches Angebot an Yoga und Meditation. Jeden Abend kommen alle zusammen, kreisen um das frisch zubereitete Essen und verkünden, wofür sie heute dankbar sind. Ein kleiner Schritt in der Gewohnheit, ein großer für das Seelenheil.

Wir leben hier Zero Waste. Das Essen – im übrigen vegan, glutenfrei, und köstlich – kommt zum Großteil aus dem eigenen Garten und höchstens von den benachbarten Bauern der Insel. Die Häuser sind aus Lehm gebaut; es werden auch Eco-Building Workshops angeboten. Der Mini-Müll, der manchmal dann doch nicht zu vermeiden ist, wird in Plastikflaschen gestopft, die wiederum zur Hausdämmung dienen und verbaut werden. 

Man kann InanItah Fire Season durchaus das Buzzprädikat sexpositiv geben: Nacktheit ist überall erlaubt, der Körper wird gefeiert, Freuden gefördert und sowohl Konsens als auch Transparenz werden gepredigt. Und tatsächlich fühlen sich hier alle in ihrer Haut pudelwohl. Etwas, von dem häufig nur theoretisiert wird, scheint hier praktisch erreicht. 

Es ist wahrlich einer der schönsten Flecken Erde, die ich kenne! 

Instagram steht hier still, die Vergleichsmühle hört auf zu mahlen, der Machen-Druck lässt deutlich nach und was bleibt ist Naked Dipping im Naturpool mit Blick über Wasser und Vulkan, während Kolibris und Libellen über mich brummen. Das Sternenzelt hebt die Zeit auf, verweist auf die Unendlichkeit des Seins. Der Dschungel singt mich in den Schlaf. 

The Tantric Way – in drei Staffeln

Najut; nun bin ich ja auch nicht ausschließlich zum Vergnügen hier. Nach einer Woche Seele und Mumu baumeln lassen und mit Ferdinand leben und lieben beginnt mein Kurs, The Tantric Way

Ich weiß im Grunde fast nichts über den Ablauf und den genaueren Inhalt der kommenden drei Wochen. Sah nur die heiß-glühenden Augen derjenigen, die bereits in einem anderen Jahr teilgenommen hatten: “Life-changing” , “an absolute Game-Changer”, “The best I could do” waren nur ein paar vieler leidenschaftlicher Stimmen. 

Ich hatte gelesen, dass sich die erste Woche meinem tantrischen Ich, die zweite der tantrischen Beziehung und die dritte Woche der tantrischen Gemeinschaft widmen solle. Mein Vertrauen in die Kursleiterin war groß. Ich konnte gar nicht genau sagen woher, aber ich wusste, dass sie “One-of-a-kind” sein würde. Und damit sollte ich Recht behalten.

Der Weg beginnt

Wir sind 14 Kursteilnehmer*innen und beschnuppern uns erst einmal am ersten Tag. Wir sind wahrlich ein bunter Blumenstrauß aus aller Damen Ländern und von jeglicher Facon. Nicht nur verschiedene Geschlechtsteile, sondern auch ganz klar unterschiedlichste Lebensläufe stehen uns in Schoß und Gesicht geschrieben. 

Was wir fast alle gemeinsam haben, und das gilt aus meiner Erfahrung für genauso fast jeden auf dem spirituellen Weg: Mindestens ein großes tragisches Erlebnis in unserer Vergangenheit und ein noch immer unverarbeiteter Restschmerz oder gar Muster, das Ähnliches beständig einlädt. 

Im Kennenlernkreis heißt es erstmal Seelenstriptease und Wunden zeigen. I love it. 

Das ist sowas wie mein gesellschaftlicher Fetisch, wenn wir aufhören so zu tun, als wenn alles immer tutti wäre und uns auch unsere Schattenseiten, Verletzbarkeiten und Unsicherheiten zeigen. Auf Basis dessen können wir dann in echter Freude zerfließen – finde ich. 

Das findet auch Gaia, die Leiterin unserer dreiwöchigen Reise und Häuptline von Inanitah Fire Season

“Tantra ist Ausdehnung. Und zwar in alle Richtungen. Im Tantra ist nicht alles fluffy-puffy rosa Regenbögen und Einhörner. Es ist genauso der tiefste Abgrund und absolutes Grauen. Es ist einfach alles.”

Und deswegen graben wir in der ersten Woche erst mal tief im Schmodder. Es geht ab in unsere Kindheit und vorrangig um unser Elternverhältnis. Manche von uns mussten damals durch wirklich dunkle Stunden; andere leiden unter den üblichen “Mami, bitte lieb mich wie ich bin” und “Daddy, bitte sei stolz auf mich” Mangelsätzen. 

“Perfekte Eltern gibt es. Sie haben nur noch keine Kinder.” 

Und deswegen werden wir nun unsere eigene Mama und Papa. Wir spüren weniger förderliche von unseren Eltern übernommene Glaubenssätze auf, schreiben sie neu und pflanzen diese liebevoll ineinander. Wirklich kraftvoll und voller Überraschungen!

Eltern und Erziehung bestimmen maßgeblich unser Liebesleben und auch wie wir als Erwachsene mit unserer Außenwelt umgehen. Folglich schauen wir diese Woche bereits auf unsere romantischen Muster und eventuelle Unsicherheiten, uns so zu zeigen wie wir sind: Wahre Intimität, wenn wir der Definition des Bekannten Paartherapeuten David Schnarch folgen. 

Schuld und Scham sind in diesem Kurs vom Aussterben bedroht.

Wir ziehen uns gegenseitig aus. Nicht nur physisch; sondern und vor allen Dingen emotional. Das ewige Storytelling hört endlich einmal auf und unsere einfache Zeugenschaft wird zu wundervoller verständnisloser Einsicht. 

Ich erkläre drei mir noch relativ fremden Menschen die Geschichte meines Körpers und unseren Beziehungsstatus. Während ich das tue, bin ich nackt und drehe mich fortwährend um meine Achse. Später spreize ich James gegenüber meine Beine und lasse meine Mumu ihre Geschichte erzählen. 

Wir fördern Körperbewusstheit und lösen die Scham auf; wie eine Badebombe in der Wanne. Schuld und Scham sind die kraftvollsten Schattenemotionen, die wir nun Kali-mäßig radikal ausmerzen. 

You are entering Fantasy-Land 

In der zweiten Woche beschäftigen wir uns ganz konkret mit unseren romantischen Vorstellungen. Gaia sagt klipp und klar, dass bedingungslose Liebe unter Liebenden nicht existiert, solange wir in dieser 3D Welt leben. Das würde den Tod unseres Ego bedeuten und davon sei sie so gar keine Anhängerin. Solange wir noch nicht im 5D, also im Nirwana, in Shambala, im Himmel angekommen sind, sei es illusorisch, ohne wenn und aber zu lieben. Und auch nicht unbedingt gesund. 

Und so gehen wir auf Prüfstand mit unseren Grenzen und balancieren zwischen Traumvorstellungen und Dealbreakern. Wie die Spreu vom Weizen werden Wünsche von Bedürfnissen getrennt. Denn wenn wir beginnen illusorisch zu werden, grätscht Gaia sofort rein: Das ist Fantasy-Land. Raus da!

Es geht um Monogamie und Polyamorie, verschiedene Beziehungsmodelle und Machtverhältnisse. In der Theorie jedoch immer nur kurz. Dieser Kurs ist weniger was für den Kopf als vielmehr für die körperliche und energetische Erfahrung. 

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Die Emotionen kochen hoch

Wir atmen viel in dieser Woche. Überwiegend in Partnerübungen befruchten wir uns gegenseitig mit Prana, schönen Eigenschaften und saftiger Sexualenergie aus dem Wurzelchakra und befreien uns  in einer holotropen Atemübung von unnötigen Ballast.

Manchmal ist es wirklich krass, die heftigen Emotionen der anderen mitzuerleben; aber – wie man so schön in unseren Kreisen sagt – der Raum fühlt sich wirklich sicher an. Dank Gaia und dank des Dschungels, der mit seinem Blätterrauschen und Affenrufen immer wieder ins Hier und Jetzt holt.

Der kollektive Aufregungspeak ist wohl, als verkündet wird, dass wir an einem wunderschönen Nachmittag eine Akupressur des Beckenbodens und der Genitalien angehen — in Partnerarbeit. Eigentlich nicht sonderlich verwunderlich bei einem tantrischen Kurs, löst diese Ansage dann doch viel “Hihihi”, “Ohgottohgott” und “nä, das mach ich nicht” aus.

Schließlich wird niemand gezwungen und doch machen dann fast alle mit. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen sind wir uns alle sehr nah geworden; haben uns alle im Schmerz und in der Freude bezeugt. Und so herrscht während dieser Übung ein wohliges Gefühl von Hingabe, Neugierde und Humor. 

We are in this together.

Beständiger Begleiter unserer dreiwöchigen Reise ist der transformative Kreis; Gaias freie Interpretation von Aufstellungsarbeit. Dabei ist eine*r von uns in der Mitte und die anderen schauen zu oder spielen Stellvertreter. Diese Arbeit erlaubt eine Intensität in der individuellen aber auch kollektiven Erfahrung, wie sie sonst in solchen Kursen selten erreicht wird. Von Gänsehaut über Tränen bis hin zu schallendem Gelächter: alle möglichen Emotionen durchströmten mich während dieser Kreise und gehörten definitiv zu meinen Faves!

Sie sind auch steter Wegweiser in die Einheitserfahrung und perfekter Übergang in die dritte Woche des Kurses. Nachdem wir uns alleine behauptet haben und dann unsere Herzen und Beine einem*r Partner*in gegenüber geöffnet, treten wir nun wieder zurück, um in den vollen Kreis zu kommen. 

In your face!

Das Leben in InanItah Fire Season ist wie in einer Art Spiegelkabinett. Jede*r von uns reflektiert fortwährend die anderen – artikulierterweise. Klar, das kann auch manchmal ätzend und nervig sein, aber über einen abgesteckten Zeitraum ein echtes Geschenk. 

Geschenke tun auch manchmal weh. In der letzten Woche stehen wir one by one frontal vor unseren Entdeckungsgenoss*innen, die uns hart aber herzlich Dinge widerspiegeln, die wir zu verstecken versuchen. Unsicherheiten, schutzgetriebener Stolz aber auch ungeförderte Stärken werden zum Leuchten gebracht. 

In dieser Woche geht es um das Kollektiv und unseren Platz darin. Wir visionieren: Was habe ich der Welt zu geben? Was kann ich nicht lassen? Was hält mich von meinen Träumen fern? Wir versuchen gesellschaftliche Prägungen und Limitierungen zu identifizieren und hoffentlich endgültig ad acta zu legen.

We have a dream!

In einer besonders magischen Übung erzählen wir uns unsere Träume. Was wir uns als Kinder gewünscht haben und wonach heute die Tiefen unserer Herzen verlangen. Es ist im wahrsten Sinne so so herzerweichend, mutmachend und begeisternd zu sehen und zu spüren wie wir alle zu glühen beginnen. Spätestens jetzt haben wir uns ineinander verliebt und diese Übung beendet sich von alleine in einem Cuddle Puddle. 

Zum großen Finale unseres Tantric Way werden wir wahrlich gekrönt. Wie genau das ausgesehen hat und was jeder von uns mit nach Hause bekommen hat; das verrate ich nicht und bleibt jenen vorbehalten, die sich auf den Weg machen. 

Gaia – Tochter des Chaos 

Diese Frau; Herrin des Landes und Führerin des Weges, ist wie Koriander: Sie polarisiert. Man möge wirklich vieles über sie sagen, aber eines ganz gewiss: Gaia ist herausragend. 

Dieses spezielle Wort kann nun genauso wie Tantra in alle Richtungen ausschlagen. Und ja, auch Gaia kann für den ein oder die andere – und ich gehöre definitiv in diese Menschengruppe – schwierig sein im privaten Umgang. 

Aber — und ich kann dieses Aber nicht genug betonen, ohne mit Ausrufezeichen und fetten Markierungen oder Giphys um mich zu schmeißen — sie ist die brillianteste Workshopleiterin, die ich je kennengelernt habe und mit der ich die Ehre hatte, arbeiten zu dürfen. 

Gaia ist scharfsinnig, höchst intuitiv, radikal direkt, auf den Punkt, extrem vielseitig in der Methodik, kompromisslos und voller Energie à la Tschakka. Diese Frau war schon so einiges in ihrem Leben: Bankerin, Stripperin, Junkie, Aussteigerin, Hippie, Eco-Community-Gründerin und Tantrika und ist dementsprechend unberechenbar. 

Wer weiß was als nächstes kommt auf ihrer Achterbahn des Lebens. Klar ist, dass die Amerikanerin eines Tages ihr Paradies verlässt, um in unsere kleine Hauptstadt zu kommen, und die urbanen Herzen, Geister und Genitalien einmal ordentlich umzukrempeln. Wer dann da ist und kann: Klare Empfehlung meinerseits!

Das Ergebnis: Eine gehörige Portion Inspiration und Tatendrang

Ich bin dankbar. Nicht nur dafür, dass ich damals gegangen bin. Sondern auch dafür, dass ich drei Jahre später wiedergekehrt bin. Seit dem Kurs sprudle ich vor Ideen, Energie und Lust. Lust aufs Leben und Lust auf meinen Körper.

The Tantric Way ist kein klassischer neo-tantrischer Kurs (Widerspruch in sich?!); es gibt keine Shiva Shakti Terminologie, wir namastén uns nicht und wir praktizieren keine Vereinigung. Ich würde den Kurs als weniger sinnlich und mehr konfrontierend beschreiben. Wer nicht auf sich gucken will und auch nicht möchte, dass andere blinde Flecke ins eigene Blickfeld rücken, ist hier definitiv falsch!

Für mich war es großartig, mal wieder drei Wochen am Stück intensiv fern von allem in mich selbst einzutauchen. Es war fabelhaft einfach einen Kurs zu machen; nur für mich — ohne es gleich wieder Ausbildung zu schimpfen. Und am Ende war es cool, dass es mich dann doch auch professionell als Workshopleiterin und Muse ultimativ befruchtet hat. 

InanItah Fire Season ist ein intensives Flecklein Erde. Hier erlebst du höchste Höhen; aber auch tiefste Tiefen. Um am Ende geerdet, gelevelt und genullt wieder zu gehen. Nach vier Wochen Barackenleben haben wir uns dann ein Vier-Sterne-Hotel gegönnt. Das Leben ist Kontrast. Das Leben ist Vielfalt. Das Leben ist Tantra. Aho.

Fotos © Katha Keli

Disclaimer: Katha hat den Kurs in InanItah zu einem vergünstigten Preis erhalten, da sie diesen Artikel darüber geschrieben hat. Insofern handelt es sich hierbei um Werbung; wir verdienen jedoch kein Geld an diesem Artikel oder daraus resultierenden Buchungen in InanItah. 

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