Yoga oben ohne: Mann ey, lass dein T-Shirt an!

Es ist wieder heiß – „dank“ Klimakrise heißer als es sein sollte – und damit kommen wir auch in der Yogapraxis noch mehr ins Schwitzen als sonst. Im Yogastudio ziehen daher viele gerne ihr Shirt aus und üben gleich oben ohne. 

Ist ja schließlich heiß, der Schweiß läuft so viel besser runter und im Yogastudio sind wir ja auch alle gleich. 

Äh, Stopp! Vielleicht doch nicht ganz? Denn seien wir ehrlich, es sind doch meistens Männer, die das tun und von denen oft die, die einen normschönen Körper haben, der sich auch auf dem Cover eines Männermagazins wiederfinden könnte. 

Hier kommen sechs yogische und emanzipatorische Gründe, das Shirt anzulassen und solidarisch zu schwitzen.

Ich habe mich dafür an den häufigsten Argumenten von Typen orientiert, die im Yogastudio gerne nackiger wären.

„Wir sind doch alle gleich!“

Ja, das wäre schön! Gerade als Yogis sind wir bei allem Shanti Shanti manchmal etwas blind dafür, dass es natürlich immer noch tiefe Machtstrukturen in unserer Gesellschaft gibt, die uns unterschiedliche Voraussetzungen geben und uns ungleich behandeln. 

Und so werden männliche und weibliche Körper sehr unterschiedlich angesehen und bewertet. Weibliche Körper werden ständig sexualisiert, wir müssen uns permanent die Frage stellen, ob wir zu viel oder zu wenig anhaben und ob wir andere damit verletzen oder provozieren könnten. 

Es ist eine lange Tradition im Patriarchat, den weiblichen Körper zu tabuisieren, zu stigmatisieren, zu reglementieren und zu beschämen. Als Frau ist unser Körper immer falsch. Ganz besonders falsch sind aber unsere Brüste im öffentlichen Raum, denn im Gegensatz zu männlichen Brustwarzen dürfen wir diese nicht zeigen. Wusstest du, dass es dazu sogar Gesetze gibt?

Oder dass auch Faceook und Instagram Brustwarzen deutlich unterschiedlich bewerten? Auffällig ist darüber hinaus, dass auch normative Schönheitsideale hier reinspielen. So sind es oft die besonders „schönen“ und trainierten Menschen, die es sich überhaupt trauen, mehr Haut zu zeigen. Und nicht unbedingt die dickeren oder die mit Hautkrankheiten. 

Außerdem gibt es auch viele Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen und daher oft noch größere Schwierigkeiten haben, sich oben ohne zu zeigen. Denn: Geschlecht ist kompliziert und das Zeigen von nackter Haut ist für viele mit Scham, Ekel und Tabu besetzt. Nicht alle können sich locker das T-Shirt vom Leib reißen und sich damit wohl fühlen. Wenn du das kannst, ist das schön für dich. Sei dir aber bewusst, dass das nicht für alle gilt.

„Ich will aber frei sein!“

Ja, da kommt dann wieder das klassische Argument der Freiheit daher. Mann wolle eben frei sein und tun und lassen können, was Mann gerade so will. Egal ob das das Oben-Ohne-Sein betrifft, mit 300km/h über die Autobahn brettern, Menschen im Internet beleidigen oder jeden Tag ein ordentliches Stück Fleisch essen – mit dem Argument der Freiheit scheinen wir so ziemlich alles zu verteidigen, was anderen vielleicht weh tun könnte. Toxische Männlichkeit nennen das die Feminist*innen, Yogis würden das einfach ein übertriebenes Ego nennen. 

Doch bei der Verletzung anderer steht eine Grenze für freiheitliches Handeln – gerade für Yogis! Meine Freiheit hört da auf, wo deine anfängt – das ist eine uralte Maxime. Das ist nicht immer einfach und ist an vielen Stellen natürlich ein Aushandlungsprozess. 

Aber selbst wenn sich schon eine einzige Person im Raum (egal aus welchen Gründen) unwohl damit fühlt, weil ein Mann oben rum frei ist, dann sollte das eigentlich schon reichen, damit er sich etwas anzieht. Damit alle sich wohl fühlen können. Dies ist übrigens einer der Hauptgründe, warum Yogi und Studiobetreiber Moritz Ulrich eine T-Shirt-Regel bei Peace Yoga Berlin hat. Es waren nicht zuletzt seine Schülerinnen, die ihn darum baten, damit sie sich wohler fühlen. Für Moritz daher nur konsequent und logisch, alle Schüler*innen zu bitten, sich ein T-Shirt anzuziehen.

„Ihr seid doch körperfeindlich!“

Wenn das so wäre, dann hätten sich Yogalehrer*innen wirklich den falschen Beruf gesucht. Ganz im Gegenteil: Als Lehrerin sind uns praktisch keine Körperformen oder -gerüche unbekannt. 

Für mich persönlich gehört es zu einer meiner wichtigsten Yogapraktiken, meine Schüler*innen gleichermaßen mit Liebe, Geduld und Respekt zu behandeln, egal wie sie aussehen, was sie anhaben oder wie sie riechen, wenn ich ihnen Hands-On Assists gebe. Ich lache nicht über sie und ekele mich nicht vor ihnen – denn ich weiß, dass alle das gleiche Erleuchtungspotenzial in sich tragen.

Dennoch ist es so, dass gerade das Anfassen von Schüler*innen immer wieder herausfordernd sein kann. Wir leben in einer Welt, in der Berührung ohne Sexualisierung sehr selten ist – umso wichtiger ist es, dass ich mich als Lehrerin ganz dem jeweiligen Körper und der Person widmen kann, wenn ich sie anfasse. Damit wir uns beide wohl fühlen. Und das geht ganz praktisch am besten, wenn ein Stück Stoff zwischen mir und der/dem Schüler*in liegt. Schon allein, weil meine Hand dann nicht wegen des Schweißes wegrutscht und da bleibt, wo sie hingehört.

Man kann allerdings nicht von allen Menschen im Raum erwarten, dass sie deinem Körper gegenüber genauso gleichmütig sind wie ich. Insofern schützt ein T-Shirt auch ganz praktisch davor, dass andere Schüler*innen deinen Schweiß abbekommen – das finden wir nämlich fast alle nicht so geil. Am Ende hat das daher ganz einfach etwas mit Respekt und Hygiene zu tun.

„Aber das ist sehr streng und schafft so viele Regeln!“

Es ist richtig, dass das Tragen des T-Shirts für alle wie eine strenge Regel daherkommt. Aber ist das Yogastudio nicht voll von vielen strengen Regeln? Wie biegen und strecken uns 60 bis 90 Minuten detailliert nach den Anweisungen einer uns wahrscheinlich unbekannten Lehrerin und vertrauen darauf, dass sie weiß, was sie uns da antut. 

Wir legen unsere Matten schön ordentlich in Reihen auf den Boden, halten unseren Mund während der Meditation, räumen danach alle Hilfsmittel ordentlich zurück in die dafür vorgesehenen Orte und grüßen freundlich beim Kommen und Gehen. Manche Regeln scheinen selbstverständlich, andere sind erstmal ungewohnt und neu – doch alle haben ihre guten Gründe.  

Das Yogastudio ist ein Raum voller Regeln, die wir mehr oder weniger stillschweigend akzeptieren. Denn in den allermeisten Fällen dienen sie dem Besten aller und in vielen Fällen sind sie eben auch Teil einer lang erprobten Yogapraxis. 

Einige Yogastudios haben eine Art Yoga-Knigge auf ihren Webseiten, um Erstbesucher*innen den Einstieg zu erleichtern. Meistens wollen wir uns gern an Regeln in sozialen Räumen halten, um andere mit abweichendem Verhalten nicht eventuell zu verletzen oder komisch aufzufallen. 

Denn eigentlich ist jeder soziale Raum einer, der seine eigenen klaren oder unausgesprochenen Regeln hat. Und je besser wir diese kennen und diese mit unseren Werten einhergehen, desto wohler fühlen wir uns. Insofern ist das Yogastudio aber nicht strenger reglementiert als andere soziale Räume. Du gehst ja auch nicht im Badeanzug zu deinem Office-Job oder im Business-Anzug ins Berghain. Dann kommst du nämlich nicht rein.

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„Ich kann die Praxis mit T-Shirt nicht so intensiv erleben!“

Wenn du denkst, dass du weniger intensiv oder schön üben kannst, wenn du ein T-Shirt anhast, dann findest du wahrscheinlich auch sonst immer wieder gute Gründe, was dich in deiner Praxis stört. Es kann zu heiß oder zu kalt sein, du hast Durst, die Matte ist zu rutschig und der Boden zu hart. 

Die Stimme der Lehrerin ist zu hoch, ihre Sequenz viel zu anstrengend und die Musikauswahl wieder fürchterlich. Du hast heute zu viel oder zu wenig gegessen, die Hose sitzt nicht richtig und wie soll man sich überhaupt konzentrieren, wenn die anderen im Raum so laut atmen? 

Unser Geist findet immer wieder Gründe und Gelegenheiten, um uns von der eigentlichen Praxis abzulenken. Das Einzige, was hier wirklich hilft, ist, die Konzentration zurück auf den Atem und auf die Praxis zu bringen. Nur mit dieser Konzentration machst du wirklich Yoga und erlaubst dir die tiefe Innensicht, die entsteht, wenn du deinem unaufhörlich plappernden und beurteilenden Geist mal nicht zuhörst. Also: T-Shirt anziehen, Geist ausstellen.

„Aber so sollen wir jetzt alle gleichberechtigter sein?“

Es ist natürlich richtig, dass mit dem angezogenen T-Shirt noch lange keine Gleichberechtigung entsteht. Wir werden nicht alle freier und gleichberechtigter, wenn wir immer mehr Regeln aufstellen oder beginnen, den männlichen Körper nun genau so zu tabuisieren wie den weiblichen. 

Insofern kann das keine endgültige Lösung sein, sondern ist vielmehr eine Art Zwischenschritt bis zu dem Zeitpunkt, wo wir alle gleichberechtigt sind und wo Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe, Aussehen oder Fitness keine Rolle mehr spielen. Aber da sind wir halt noch lange nicht. 

Und meiner Erfahrung nach kann bei Männern ein sehr interessanter Lernprozess einsetzen, wenn sie sich mit dieser Regel auseinandersetzen. Denn es gibt meines Wissens nach kein einziges Gesetz, welches den männlichen Körper als männlichen reglementiert, dafür aber eine ganze Gesetzesflut für den weiblichen Körper. 

So etwas nennt man männliches Privileg. Die Rechte und Freiheiten als Mann für selbstverständlich hinzunehmen, ist Teil dieses Privilegs. Insofern kann es ganz hilfreich sein, sich als Typ mal mit den als natürlich wahrgenommenen Privilegien auseinanderzusetzen und zu merken, wie scheiße es ist, wenn man dieses nicht hat. Dann überlegen es sich Typen vielleicht beim nächsten Mal anders, wenn sie laut „Freiheit!“ brüllen wollen, aber eigentlich meinen: „Hilfe! Das Patriarchat stirbt dahin…!“ 

Also: Lasst uns gemeinsam und solidarisch mit Shirt schwitzen – bis wir alle frei, gleichberechtigt und erleuchtet sind. Peace!

Willst du mehr dazu wissen? Wir Yogis sind nicht die ersten, die sich damit beschäftigen:

Fehlt dir ein typisches Argument? Bist du noch nicht überzeugt? Dann hinterlasse mir gerne einen Kommentar! 

Titelbild © Vlad Kutepov via Unsplash

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11 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. unter dem titel des hausrechts darf aus gutem grund keinen frauen, schwulen oder polen die tür gewiesen werden, leute mit albernen clownnasen, leute mit bayernmünchen shirts, leute mit gar keinen shirts auszuschliessen, bleibt aber jeder yogabetreiberin wohl unbenommen.
    ob dieser weg in eine bessere welt weist, kann bezweifelt werden

  2. Liebe Janna

    Ich finde es eine super Idee Gleichberechtigung auch in der Yogaszene zu diskutieren.
    Natürlich darf jedes Studio gerne entscheiden, ob es eine T-Shirt Plicht einführen möchte (auch z.B. aus hygienischen Gründen) aber ich finde es nicht Verbote aus Sexismusgründen aufzustellen. Klar sollen nackte Körper einer Frau (oder überhaupt erst der Körper mit dem weiblichen Zyklus) normalisiert werden aber deshalb Männer zu bestrafen ist auch nicht die Lösung. Ich denke, es gibt andere Wege Gleichberechtigung zu schaffen und zwar in dem wir Frauen auf das Freiheitslevel der Männer bringen und nicht umgekehrt.

  3. Velen Dank Janna für deinen Artikel, in dem du es schaffst, ein elementares Thema wie Gleichberechtigung auf eine direkt ehrliche und gleichzeitig unterhaltsame Art anzusprechen.
    Ich möchte an dieser Stelle eurer Lese-Liste noch einen anderen Tipp anfügen. Die auf Amazon Prime zu sehende Serie „The Bold Type“ beleuchtet in der sechsten Folge der ersten Staffel (dt. Titel: Die Nummer mit der Brust) ebenfalls den offensichtlichen Unterschied der gesetzen Normen im gesellschaftlichen Umgang mit der weiblichen und männlichen Brust in der Öffentlichkeit.
    Denn wie du bereits schreibst, sind wir noch lange nicht am Ende dieser Debatte, für die es auch meiner Meinung nach zum heutigen Zeitpunkt nur eine Lösung gibt: Respekt & Rücksicht.

  4. Mir ist es lieber, der Schweiß wird vom T-Shirt aufgenommen und läuft mir nicht am Körper runter. Insofern habe ich kein Problem damit, mein Hemd anzulassen. Dabei würde ich meinen Oberkörper mit Vergnügen herzeigen…

  5. Mich verwirrt diese Diskussion. Meinetwegen können Leute egal welchen Geschlechts neben mir nackt üben. Solange ich weiterhin mein Shirt anbehalten darf und solange der/die (halb)nackte sich mir nicht sexuell nähert, ist mir das schnurz egal, was andere auf ihrer eigenen Matte machen. So hatte ich die erwähnte Freiheit verstanden: Dass ICH mich immer mehr befreie von dem Einfluss meiner Interpretationen (der macht das, weil er sich zur Schau stellen möchte und weil er unsensibel und rücksichtslos ist) und von dem Einfluss meiner Urteile (Das was er tut, ist falsch, weil ich das so empfinde). – In meinem Verständnis von Yoga geht es in der Praxis darum, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen und nicht anderen vorzuschreiben, was sie tun sollen, damit es mir damit besser geht. Meine Frage an Frauen, die sich durch nackte, männliche Oberkörper im Yoga oder bei Konzerten auf der Bühne, etc, gestört fühlen: Was steckt hinter dem Ärger? Was ist das tieferliegende Problem, das hier getriggert wird?

  6. Mir ist das egal ob Männer oben ohne trainieren. Sehe es im Yoga aber so gut wie nie. Wenn es dann mal vorkommt, beachte ich es noch nicht mal wirklich….

  7. Hallo Michel, das hast du gut geschrieben. Ich habe damals auch hart trainiert und trotz nahezu perfektem Körper habe ich mein T-Shirt (Muskelshirt) angelassen.

    Hallo Janna, (mit doppel N), ich kann deine Meinung verstehen und ich finde, dass das geschriebene von dir ans Herz genommen werden sollte.

    Liebe Grüße
    Steffen

  8. Ich habe in Deutschland schon in sooo vielen Studios trainiert.

    Und tatsächlich ist es fast überall immer wieder mal ein Thema zur Diskussion. Echt witzig.

    Ich halte es für mich einfach so, dass ich das T-Shirt anlasse und fertig.

    Ich fühle mich damit auch nicht un-freier.

    Obwohl… eigentlich habe ich es noch nie ausprobiert… vielleicht ist das Freiheitsgefühl ohne T-Shirt doch ein ganz anderes… *lach ;-)

    Lieben Gruß, Michel

    1. Hey lieber Michael! Danke für deine Rückmeldung. Das ist voll wichtig auch, von Männern zu hören, dass es auch echt nicht zu viele verlangt ist. Danke!

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