Yoga für Frauen: Brauchen wir Gendering auf der Matte?

Indra Mohan unterrichtet seit 30 Jahren Yoga und ist eine der wenigen SchülerInnen, die ein Post-Graduate Diplom von Shri T. Krishnamacharya, einem der einflussreichsten Yoga-Lehrer des 20. Jahrhunderts, erhalten hat. Ich war auf ihrem Workshop speziell für Frauen Anfang August in Berlin und möchte dir in Ihrem Sinne weitergeben was Yoga für Frauen bedeutet.

Die Rolle von Weiblichkeit in unserem Leben

Weiblichkeit ist ein Thema, mit dem ich mich so wirklich erst seit Kurzem auseinandersetze. Damit meine ich nicht nach außen hin weiblich zu sein, sondern wirklich zu spüren, was es tiefer bedeutet.

Schon früh habe ich negative Gefühle über Weiblichkeit verinnerlicht. Als Kind habe ich mich immer mit den Jungs gemessen, war als Jugendliche frustriert von den sportlichen Leistungsunterschieden, die durch die Pubertät immer deutlicher wurden und habe dagegen gekämpft als Frau wahrgenommen zu werden. In meinen Augen war das gleichbedeutend mit Schwäche. Als Sportlerin habe ich mich immer bis an meine Grenzen getrieben. In einer patriarchalischen Gesellschaft fiel mir lange nicht auf, inwieweit männliche Muster mein Denken und Handeln durchzogen.

Wir wachsen mit dem Gefühl auf, dass der weibliche Körper nicht normal ist: schwächer, weicher, zyklischer. Dazu kommt, dass Frauen in ihrem rationalen Denken gleichzeitig emotional verbunden sind. An dieser Stelle ist es wichtig das Wort emotional endlich wieder von seiner negativen Färbung zu befreien, genauso wie unsere Vorstellung frei von Dogmen zu halten. Frauen, die ihr volles Potential entfalten, sind emotional sehr stark. Stärke heißt nicht, keine Gefühle zu zeigen, sondern Sie in ihrer Fülle wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben.

Die Ansprüche unserer Gesellschaft an Frauen macht es allerdings oft schwer zu der dafür nötigen Ruhe zu kommen. Eine Gesellschaft, in der Frauen nicht gefördert werden, legt zudem schon früh die Grundlagen für gesundheitliche Probleme des weiblichen Körpersystems. Auf geistiger Ebene verraten wir das Weibliche, wenn wir uns nicht dem Sein sondern dem Tun, nicht dem Fühlen sondern dem Denken, nicht der Innen- sondern der Außenwelt widmen. Yoga hilft uns das Gleichgewicht zu finden und zu erhalten, sowie die Stärke zu finden, auch mal Nein sagen zu dürfen, um für die eigenen Bedürfnisse einzutreten.

Was bedeutet das nun für meine Yogapraxis?

Zuerst müssen wir uns wertfrei bewusst machen, dass die heutigen Yogastile einem männlichen Denken und Erfahren entsprechen. Natürlich haben großartige Lehrer ihr Wissen mit uns geteilt, aber trotzdem sind sie keinem weiblichen Körperempfinden entsprungen.

Dabei ist es wichtig zu berücksichtigen, dass Frauen zyklische Körperveränderungen durchlaufen, die genauso mit dem Äußeren wie dem Inneren verbunden sind. Der wichtigste ist der Menstruationszyklus, der für die Gesundheit einer Frau eine wichtige Rolle spielt. Frauen durchleben physiologische Veränderungen die sie von ihrem Teenageralter bis in die späten Jahre begleiten: die Zeit der menstruellen Zyklen, die Schwangerschaft und Menopause. Damit wird deutlich, dass der Körper im Leben einer Frau große Veränderungen durchläuft, in denen der Fokus der Yogapraxis unterschiedlich ausgerichtet sein muss. Eine intelligente Praxis kann uns dabei helfen, Hormonschwankungen zu balancieren und uns Ausgleich zu schaffen.

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Yoga für Frauen: 5 Tipps für die Praxis

Mit dem Zyklus gehen

Eine einseitig körperlich ausgerichtete Yogapraxis, die nicht auf die zyklischen Bedürfnisse Rücksicht nimmt, kann den Zyklus stören, ebenso aber auch eine harte Einstellung zu sich selbst. Manche Asana sind für Frauen an bestimmten Tagen überflüssig, wie extreme Rückbeugen, die den unteren Bauch und die im Becken liegenden weiblichen Geschlechtsorgane einem hohen Druck aussetzen. Auch auf intensives Pranayama und Umkehrhaltungen solltest du während deiner Periode verzichten, denn beides stört Apana, die nach unten fließende, reinigende Kraft. Statt dem weiblichen Körper in dieser Phase durch fordernde Asana-Praxis zusätzlich zu schwächen, hilft es, die Praxis lockerer anzugehen und getrost in Viparita Karani abzuhängen.

Your body, your practice

Leidest du an PMS, starken Blutungen oder Unregelmäßigkeiten im Zyklus? Schnelles, exzessives, erhitzendes Pranayama kann den menstruellen Zyklus durcheinander bringen, Zwischenblutungen hervorrufen, Blutungen verstärken und hat sogar das Potential bei Frauen in der Menopause wieder Blutungen einsetzen zu lassen. Du solltest dir damit bewusst sein, wie wirkungsvoll diese Methoden den Körper beeinflussen können und wissen, was für deinen Körper geeignet ist, oder ob es deine Symptome vielleicht sogar noch verschlimmern könnte.

Yoga is a work in – not a work out

Nach dem Yoga Sutra nach Patanjali macht Asana nur einen kleinen Teil von Yoga aus, und ist vor allem ein System, um mentale Stärke zu erreichen. Mentale Stärke wiederum bedeutet wiederum nicht sich irgendwelche großen Ziele zu stecken und darauf mit zusammengebissenen Zähnen hinzuarbeiten, sondern mentale Stärke bedeutet einen Gedanken unserer Wahl in den Geist zu bringen und ihn dort zu halten: citta vritti nirodha – einen Geist frei von Fluktuationen.

Was ist also die Intention deiner Praxis? Das Ziel sollte es nicht sein immer kompliziertere Asana auszuführen, sondern den Geist zu beruhigen und daraus wahre Stärke zu ziehen, die alle Bereiche deines Lebens positiv beeinflussen kann.

Yoga fängt mit der Liebe zum Selbst an

Wir vergessen häufig, dass wir als Frauen zusätzlich mit einer einzigartigen Stärke ausgestattet sind: Der Fähigkeit zu nähren. Liebe, Hingabe und Mitgefühl, Kreativität und Schöpfung fällt vor allem unserer weiblichen Seite zu – egal ob Mann oder Frau. Diese Fähigkeiten können ihr volles Potential entfalten wenn unsere Praxis uns dazu befähigt durch Selbstliebe und Akzeptanz einen Zugang zu diesen Qualitäten zu schaffen und sie zu nähren. Wenn wir weniger nach Außen schauen, sondern tiefer nach Innen können wir erkennen, dass alle diese Qualitäten längst in uns liegen.

Vertraue deiner Intuition – alles ist erlaubt

Erkenne Deine wahren Bedürfnisse durch Selbstreflektion und vertraue auf den Fluss des Lebens. Du solltest dich selbst verstehen, wissen, aus welchem Grund du bestimmte Asana praktizierst und nicht nur blind den Ansagen eines Lehrers folgen. Das fordert wiederum ganz bei dir zu sein und aus der inneren Weisheit deines Körpers heraus zu handeln. Nur wenn wir sehen, was eine Übung für uns individuell bewirkt, können wir sagen, ob sie geeignet ist oder nicht. Statt hier bestimmte Asanas einzugrenzen, ist es hilfreicher täglich für dich zu üben und zu spüren. So wird der Geist in einem Zustand der Ruhe und Gelassenheit gehalten. Das ist Yoga.

Verstehen wir laut Indra also die Essenz des Yoga und die vielfaltigen Möglichkeiten der Anpassung an die jeweilige Situation und individuelle Konstitution, dann wird Yoga zu einer unterstützenden und heilsamen Kraft im Leben einer Frau. Ich hoffe, dass diese Sichtweise dich ebenso wie mich inspirieren, Yoga als Resultat einer Praxis zu erfahren, die uns zu innerer Stärke, Erfüllung und Leichtigkeit führt.

Alles Liebe,
Dania

Cover Foto: Carsten Fleck

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10 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Dania,

    vielen dank für diesen ganz wunderbaren Artikel. Was du schreibst entspricht genau meiner Erfahrung und ich finde es super wichtig als Frau zyklisch zu praktizieren und auf die eigene Intuition zu vertauen.

    alles Liebe

    Milena

  2. Liebe Marion,
    das habe ich auch oft als Tabuthema erfahren oder wie du es beschreibst als Diskrimierung. Ich finde es auch wichtig zu lernen auf den eigenen Körper zu hören, bei manchen sind es Rückbeugen, bei anderen sind es wieder andere Asana – wir sind eben einzigartige Individuen :)
    Alles Liebe,
    Dania

  3. Ich habe Yoga in einer Stilrichtung gelernt, in der bewusst Unterschiede zwischen Mann und Frau gemacht werden. Zu Lebzeiten Swami Sivanandas war Differenzierung noch als Diskriminierung negativ belegt und es galt als großer Fortschritt, Männer und Frauen möglichst gleich zu behandeln. Natürlich weiß man heute viel mehr über die physiologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau bescheid und kann unterscheiden ohne zu diskriminieren. Es gibt aber viele Abwandlungen der klassischen Unterrichtsform, die für „unpässliche“ Tage geeignet sind, die besonders auf den Bauch wirken usw. Wobei die exakte Definition von unpässlich dem einzelnen Übenden überlassen bleibt. Das kann eine männliche Magenverstimmung genauso sein wie PMS. Aber nicht jede Frau fühlt sich während der Tage unpässlich… und es wird nicht jeder Frau empfohlen, irgend etwas zu tun oder zu lassen, sondern individuell zu üben.
    Btw., wenn mir jemand während den Tagen Sarvangasana verbieten würde, würde ich einfach nicht erzählen, dass ich die Periode habe… andererseits muß ich viel mehr aufpassen, mir nicht im Kamel oder Fisch ein Iliosakralgelenk zu blockieren – diese Vorsicht vor Rückbeugen scheint auch eher individuell zu sein.
    Namaste, Marion

  4. Vielen Dank für den unheimlich informativen Beitrag. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark Yoga auch den Zyklus beeinflussen kann und dieser uns. Alles hängt so stark miteinander zusammen, das ist manchmal unvorstellbar.

    Das es sogar zur Verschlimmerung von den Symptomen kommen kann, finde ich extrem spannend. Sagt man doch immer “ Bewegung ist da genau das Richtige“ – aber eben nicht jede!

    Liebe Grüße
    Nicole von http://www.bluetenschimmern.com

  5. Mich irritiert dieser Artikel. Der Behauptung, heutige Yoga-Stile entsprächen einem ‚männlichen Denken und Erfahren‘ kann man doch einiges entgegen halten:

    Erstens gibt es mit Geeta Iyengar eine sehr starke weibliche Einflussgröße in der Entwicklung des ‚heutigen Yoga‘ (was ist das überhaupt?). Ich finde es irritierend, dass der Name hier nicht einmal fällt.

    Zweitens habe ich ein Problem mit der Idee des ‚männlichen Denkens‘. Im Artikel wird postuliert, weibliches rationales Denken wäre ‚emotional verbunden‘. Hier wird ein typisches stereotypes Frauen- (und Männer-)Bild gezeichnet: Die emotionale Frau, der rationale Mann. Ich sehe nicht, wie solche Stereotype in der Yoga-Praxis hilfreich sein sollten. Ausrichtung auf weibliche Anatomie, Beachtung des Zyklus: Absolut ja. Aber eine grundsätzliche Idee im Yoga ist doch, nicht zu vergleichen, sondern individuell für sich zu üben. Da finde ich solche starren, stereotypen Unterscheidungen eher hinderlich als hilfreich.

    1. Liebe Anna,
      schade ich wollte nicht zur Verwirrung beitragen. Mir widerstrebt Schubladendenken genau wie dir, daher habe ich den Verzicht auf Dogmen betont, auch wenn manche Unterschiede generalisiert wurden. Geeta Iyengar und Indra Mohan sind natürlich inspirierende weibliche Yoginis, da hast du absolut Recht. Es wäre toll wenn es mehr Yogastunden nach ihrer Lehre geben würde. Sicher sagt dir auch das Yogayajnavalkya etwas, neben dem Yogasutra ein wichtiger Text, der auch Fragen aus der weiblichen Perspektive beinhaltet.
      Alles Liebe,
      Dania

  6. Viparita Karani hat übrigens die gleiche Wirkung wie Schulterstand, ist also eine Umkehrhaltung und sollte während der Menstruation nicht praktiziert werden… ;)

    Ansonsten sehr schöner Artikel, danke!

    1. Lieber Ananda, danke für dein Feedback! Mit Viparita Karani ist die Pose „Beine gegen die Wand“ gemeint, ohne das Becken zu erhöhen. Damit bleibt der Oberkörper in einer Linie und trotzdem werden die Beckenorgane entlastet. Indra hat diese Pose als sicher und „beneficial“ angegeben.
      Alles Liebe, Dania

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