Wie es das OM auf einen Berliner Rave schaffte

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, als du diesen Job zugesagt hast?“ schießt es mir durch den Kopf als ich um 6.30 Uhr über das verlassene Berliner Club-Gelände stapfe und den Eingang zum Club suche, in dem ich in wenigen Minuten Yoga unterrichten soll. Es ist kalt und dunkel. Ich sehne mich nach meinem kuscheligen, warmen Bett, in dem ich an einem Mittwochmorgen wie diesem meiner Meinung nach viel besser aufgehoben wäre. Ob ich einfach umdrehen soll?

Da taucht schon das Leuchtschild mit der Aufschrift „Neue Heimat“ vor mir auf. Die wummernden Bässe dringen durch die Kälte an mein Ohr. Plötzlich ist die Müdigkeit wie weggeblasen und ein mir vertrauter Sog setzt ein: Ich will da rein. Schnell. Als ich die Schlange vor der Kasse erblicke, macht mein Herz einen kleinen Hüpfer. Fast hatte ich dem ewigen Kritiker in meinem Kopf geglaubt, der mir immer wieder zuflüsterte: „Hey, wir sind in Berlin. Nüchtern feiern vor der Arbeit? Da kommt doch eh keiner.“

Ich schlüpfe unter dem schweren Filzvorhang durch, der das Foyer des alten Fabrikgebäudes von dem Party-Space trennt und falle direkt der schönen Make-Up-Artistin in die Arme. Während sie mir mit gekonnten Handbewegungen spiralförmige Schnörkel auf die Wange malt und silbernen Glitter über mein Haupt regnen lässt, habe ich Zeit die kunstvolle Deko zu bestaunen: Bunte Papier-Girlanden spannen sich von Wand zu Wand und treffen sich in der Mitte des Raumes. Über der Bühne, auf der Männer und Frauen in Neon-Leggings anmutige Yoga-Dance-Moves performen, prangt ein Banner mit der Aufschrift „Guten Morgen“. Ein fröhlich aussehender Mann im roten Ganzkörper-Anzug schwingt spielerisch einen Hula Hoop Reifen um seinen Hals. In der Ecke steigen die Schwaden eines Räucherstäbchens auf. Auf einem Podest aus Euro-Paletten liegen Matratzen für Thai-Massage und fünf Yogamatten. Huch, da sollte ich schleunigst hin.

In meinem Kopf rattert es. Ich dachte, die Yoga-Sessions wären in einem Nebenraum. Erwartungsvolle Gesichter schauen mich fragend an: „Machst du jetzt Yoga?“ Äh, ja… So richtig klar ist mir nicht, wie ich hier unterrichten soll. Ansagen kann ich bei Lautstärke vergessen. Ich muss improvisieren. Himmel sei Dank erinnere ich mich genau in diesem Moment an die Worte meiner Lehrerin Sharon Gannon: „No matter what, we chant OM.“ Ich nehme die Hände vor dem Herzen zusammen, atme tief ein und schmettere drei OMs in die Menge, die man sogar durch die laute Musik hören kann. Die Yogis stimmen ein. Sie machen einfach nach, was ich vormache: Das OM, den herabschauenden Hund, die fließenden Bewegungen und sogar den Handstand. Ich bin stolz. In einer „echten“ Yoga-Klasse sind die Yogis weniger mutig. Zwischendurch tanzen wir einfach über unsere Matten. Es gibt keine Regeln. Keine Grenzen. Dafür viel Leichtigkeit und Freude.

Inzwischen ist die Tanzfläche rappelvoll, die nächste Yogalehrerin übernimmt. Meine Freundin Laura zieht mich zur Bar, an der es köstlich aussehende Raw Cakes, grüne Smoothies und hochkonzentrierte Ingwer-Shots statt Bier und eisgekühlten Jägermeister gibt. Wir entscheiden uns trotzdem für Club-Mate und gehen erstmal tanzen. Rock’n Roll, Baby! Alkohol ist völlig überbewertet! Hier ist es auch nicht anders als früher in der Bar 25, dem legendären Berliner Club, der inzwischen geschlossen hat. Menschen in verrückten Outfits, die abgehen und sich des Lebens freuen. Nur ohne Rausch. „Ist diese Art des Feierns echter?“ frage ich mich.

Ist diese Art des Feierns echter?

Sofort meldet sich mein innerer Kritiker wieder. Prüfend mustere ich die feiernden Menschen. Alle sehen gut aus, die Meisten sind um die 30. Zwischendurch gibt es aber auch Ausreißer: Eine Frau hat ihre kleine Tochter mitgebracht, eine andere ihre Mutter. Ich entdecke bekannte Gesichter und überlege, ob ich sie aus dem Yogastudio, dem Job oder vergangenen Partyzeiten kenne. Egal, in den treibenden Beats der funkigen Disco-Musik an diesem Mittwochmorgen ist das Woher nicht weiter wichtig. Heimlich kontrolliere ich die Pupillen-Größe der wildesten Tänzer. Da, das Mädchen mit der Pfauenfeder im Haar, die ist doch total drauf? Als sie merkt, dass ich sie anstarre, hält sie mir lächelnd ihren Thermo-Becher hin und sagt: „Willst du auch einen Schluck Tee?“ Ich nehme dankend an und schäme mich ein bisschen für meine Unterstellungen.

Die Idee hinter Morning Gloryville fasziniert mich mehr und mehr. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Conscious Clubbing Event ins Leben zu rufen? Ich mache mich auf die Suche nach dem Veranstalter Tom. Inzwischen hat er sein knallpinkes Hemd ausgezogen und strahlt mich bis über beide Ohren an: „Ich wollte den Menschen das Gefühl zurückgeben, zu tanzen, wie sie als Kinder getanzt haben. Das hier hat alles, was ich mir erhofft hatte, um Weiten übertroffen.“

Ich wollte den Menschen das Gefühl zurückgeben, zu tanzen, wie sie als Kinder getanzt haben.

Ich muss Tom Recht geben. Und mein innerer Kritiker auch. Es kommt nicht auf die Menge Alkohol an, sondern auf die Bereitschaft, sich der Party hinzugeben.

Gegen 10 Uhr leert sich die Tanzfläche. Ich höre, wie sich ein Pärchen von Freunden verabschiedet. Die Frau muss zur Uni eine Vorlesung halten. Der Mann sollte eigentlich schon längst im Büro sein, wo sein Hund aufs morgendliche Gassigehen wartet. Ich merke, dass ich Hunger habe. Meine Freundin Laura und ich beschließen, frühstücken zu gehen, schnappen unsere sieben Sachen und schlüpfen durch den Filzvorhang raus in die Realität des kalten Berliner Dezembermorgens.

Auf dem Weg zum Café schauen uns die Menschen komisch an. Erst jetzt fällt uns auf, dass wir noch jede Menge Glitzer-Make-Up im Gesicht haben. „Siehst du, sogar der Morgen danach ist genauso!“, kommentiert Laura trocken. Wir prusten so laut los, dass wir vor Lachen fast auf dem Bürgersteig liegen.

Feiern wie früher eben. Nur ohne Kater.

Weitere Informationen unter www.morninggloryville.com

Bilder: Manolo TY Photography, Doro Zinn

Disclaimer: Dieser Beitrag ist auch Bestandteil der Januar-Ausgabe der YOGA DEUTSCHLAND.

Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. Wow – das hört sich ja wahnsinnig faszinierend an – ich hätte nicht gedacht, dass so etwas überhaupt existiert. Vielen Dank für den inspirierenden Bericht.
    Liebe Grüsse
    Ariana

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