Westliche Weisheit: Wie Kalifornien zur Yoga-Hochburg wurde

Die schwere Doppeltür schließt erstaunlich sanft hinter mir. Ich kämpfe noch mit dem Reißverschluss meiner Sporttasche, die ich nicht mehr draußen loswerden konnte. Schon macht sich erwartungsvolle Ruhe breit im Erdgeschoss von Wanderlust Hollywood.

“Gestern erst bin ich aus Bali zurück”, sind die ersten Wortfetzen, die das gerade angeschlossene mobile Mikro ins Studio rauscht.

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© Wanderlust

Alex Dawson gibt dem Audiokabel einen kleinen Ruck, bevor sie es geschickt an ihrer Marken-Leggings verstaut. Dass sie heute eine Halle von geradezu sakralem Ausmaß, gefüllt mit Amerikas wohl verwöhntesten Yogis unterrichten soll, scheint bei ihr wenig Nervosität zu verursachen. “Ich habe Haie gesehen, Leute” lacht sie in die Menge. 

Die letzten Bulletproof Latte-Becher werden sicher neben der Matte platziert, die Handys schuldbewusst in der Alo-Yoga-Tasche versenkt, die Blicke wandern zur Tribüne. Ich bediene mich am Hilfsmittel-Regal, das keine Wünsche offen lässt. Dann gibt der DJ das Signal: Soundscape kann beginnen. 75 Minuten Yoga im Fluss mit abgestimmten Klängen, live gemixt zur Vinyasa-Sequenz sind Sonntag morgens regelmäßig Teil des “Wanderlust-Erlebnis”. Dawson weiß, was sie tut. Ihre Anweisungen sitzen, ihr Tempo fügt sich nahtlos der Musik.

Jede Yogaklasse hat bei Wanderlust Event-Charakter. Das Studio bietet neben Hot Yoga, Kundalini, Vinyasa und Yin Yoga, Self Massage und Tantra auch Workshops für Selbstfindung, Soundbaths, Partnerschaftsratgeber, Fundraiser für die LGBTQI+ Community und vieles mehr. Nicht nur damit steht die Marke exemplarisch für die Yogaszene Kaliforniens, auch mit dem bis in die Duschkabinen ausgearbeiteten Corporate Design lässt sich Wanderlust mit vielen anderen Yogastudios an der Westküste vergleichen. 

“Das hier war früher Golden Bridge”, erklärt eine Empfangsmitarbeiterin nach der Stunde, während sie durch die Mitgliedschaftsangebote scrollt. 

Der Name ist sogar über die Stadtgrenzen von Los Angeles bekannt. Als erstes großes Yoga-Studio mit Kundalini-Fokus und vielfältigem Angebot etablierte sich Golden Bridge in den frühen Neunzigern in L.A.s Westen unter der Leitung von Gurmukh und Gurushabd. Unter den Hollywood-Prominenten, die hier regelmäßig praktizierten, befanden sich unter anderem auch Russell Brand und Demi Moore.

Doch schon lange vor Golden Bridge erreichte die östliche Praxis des Yoga Westküstenboden.

Bereits 1925 proklamierte der indische Yoga-Meister Paramahansa Yogananda die Metropole als “Benares Amerikas”, angeblich weil ihn die trockene Hitze an die Luft von Indiens heiligster Stadt erinnerte. 

Yoganandas Einfluss zeigt sich bis in die südlichsten Teile des Bundesstaates: Unter anderem errichtete er in Encinitas außerhalb von San Diego das Cliff Top Retreat, wo er den Klassiker Autobiographie eines Yogi* schrieb. Noch heute kennzeichnet die Verbreitung der “traditionellen” Yogapraxis und Meditationszentren seiner Bewegung namens Self Realization Fellowship (SRF) die Gegend von San Diego bis hoch nach Orange County, wo man sonst die nationalen Fitness-Yoga Ketten wie Corepower, Yoga Six und Bikram erwartet. 

Hier findet sich eine erstaunliche Dichte und Vielfalt spiritueller Zentren und praxisorientierter Studios, darunter das Chopra Center for Wellbeing, das unter der Leitung des international bekannten Kardiologen und Alternativmediziners Deepak Chopra Yoga, Meditation, ayurvedische Massagen und Heilklassen anbietet. 

Als “First Lady des Yoga” gilt in Kalifornien nach wie vor Indra Devi, die nach 1948 das erste Yoga Studio Hollywoods errichtete.

Geboren als Eugenie Peterson in Russland ließ sich Devi in Indien schon zehn Jahre vorher als erste Frau aus dem Westen von Tirumalai Krishnamacharya zur Yogalehrerin ausbilden. Nach dem Tod ihres Mannes brachte sie ihre Kenntnisse unter die Stars der vierziger Jahre, darunter Greta Garbo und Gloria Swanson.

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Mit ihren Yoga-Publikationen (allen voran Forever Young, Forever Healthy – Yoga for Americans) erlangte sie schon früh Bekanntheit in ganz Nordamerika; ihr Studio wurde vor allem von weiblichen Yogis geschätzt, die zum Üben aus allen Teilen des Landes anreisten. Der Einfluss des von ihr verbreiteten Krishnamacharya-Stils lässt sich noch heute in der Region spüren. 

Mit der Ankunft Swami Vishnudevanandas in San Francisco erreichte die Yogawelle in den 50er Jahren auch den Norden Kaliforniens:

Der Schüler von Swami Sivananda Saraswati bot die ersten Yoga-Retreats und Erholungszentren für gestresste Amerikaner*innen an. Vishnudevananda prägte nicht nur die auch jetzt noch weit verbreitete Sivananda-Yoga-Lehrerausbildung, sondern etablierte später auch mehrere Ashrams in Kanada, Nordamerika und Indien. 

Neben Sivananda fanden wenig später auch Ashtanga und Iyengar Yoga ihren Weg in die Praxis der Westküstenyogis. Eine weder aus Kalifornien noch Nordamerika wegzudenkende Schule vereint beide Stile in ihrer Ausbildung: YogaWorks

Auch wenn ihre Wurzeln in Santa Monica liegen, die von Maty Ezraty und Chuck Miller in den achtziger Jahren gegründete Dynastie zieht ihre Kreise mittlerweile weit über die Staaten hinaus und stellt die erste mehrgleisige Studiokette dar, die nicht nur viele ihrer frühen Schüler*innen berühmt werden ließ, sondern sich auch stetig in ihrem Angebot erweitert. 

Eine Ausbildung bei YogaWorks gilt landesweit als Aushängeschild für präzises Alignment, aber auch als Schmiede für Instagram-Stars wie Koya Webb, Calvine Corzine oder Caley Alyssa, die den Yoga-Hype mit einer eigenen Reality-Show auf die Spitze treiben: Yoga Girls demonstriert, wenn auch in Teilen inszeniert, eindrücklich ein allgegenwärtiges Dilemma der Yogalehrerinnen und Yogalehrer unserer Zeit.   

Dass Kalifornien ein Anziehungspunkt sowohl für Körperkult und Fitness ist als auch spirituelles Mekka und Aussteigerziel, bietet Zündstoff.

Dennoch bringt die Serie auf den Punkt, was auch international zunehmend für Diskussion sorgt: Im Zentrum steht der Konflikt von Asana-Influencern und Yoga-Traditionalist*innen: Wie es sich für eine Reality-Show gehört, bahnen sich bereits in den ersten Episoden Spannungen zwischen Yoga-Akrobatinnen mit tausenden Followern und Branding-Verträgen und der “alten Schule” von Yogis an, die Jahrzehnte von Ausbildung der Praxis und Theorie mit ausgewählten Mentoren hinter sich haben. Im TV gibt es da keine Grauzone.

Doch natürlich existieren auch Hybridformen Yoga-Dickicht Kaliforniens. Das beweist unter anderem Alex Dawson: Sie lernte von Shiva Rea, Yoga-Urgestein in Los Angeles, und war frühe Schülerin der YogaWorks Gründer Ezraty und Miller. Beide unterrichten seit Jahrzehnten und haben sich hauptberuflich dem Yoga verschrieben. Einen erfolgreichen Instagram-Account führen sie ebenso. 

Als ich die Tür von Wanderlust hinter mir zufallen lasse, erscheint mir die kreuzende North Highland Ave plötzlich lauter, die Hitze drückender, das Licht greller. Gleich gegenüber, bei Black Canvas Coffee bestelle ich mir eine Iced Rose Water Honey Latte und frage mich, wieviel Uhr es wohl gerade in Benares ist.

Titelbild: © Wanderlust

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