Wenn Spiris vor dem Leben flüchten

Vor ein paar Wochen fiel es mir wie Schuppen vor den Augen. Ich hatte einen dieser erleuchtenden Aha-Momente, die in Krisenzeiten oft wie aus dem Nichts auftauchen und uns die Dinge plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive sehen lassen. In diesem Falle ging es um meine spirituelle Praxis und ihrer Wechselwirkung mit dem alltäglichen Leben. Da wollte definitiv was ausbalanciert werden!

Einer meiner Spiri-Coaches brachte die Erkenntnis ins Rollen. Völlig unverblümt sagte er zu mir:

„Ludwig. Für dich geht’s nicht darum, deine Anbindung nach Oben zu stärken. Die Stimme deines Herzens noch besser wahrnehmen zu können und noch mehr spirituelle Kräfte zu entwickeln. Dieser Teil blüht ohnehin in dir. Wach mal auf! Für dich geht’s darum, endlich mal dieses menschliche Leben anzunehmen und dafür in vollster Konsequenz Verantwortung zu übernehmen.“

Puh, das hatte gesessen. Die Worte brachten mein Herz zum Vibrieren wie eine dröhnende Klangschale und berührten meine tiefste, innerste Wahrheit. Ich begann zu überlegen.

Bin ich nun einer dieser typischen Spiris geworden, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen?

So tragisch fiel mein Resume dann doch nicht aus. Aber ich sah ein: Tatsächlich schaffe ich es in Windeseile, mich in Sphären zu meditieren, in denen ich nicht mal mehr meinen Körper spüre. Meine Engel fühle ich genauso intensiv wie die eher unangenehmen Energien meines Mitbewohners nach drei durchzechten Nächten im Club. Und ich bin ein wahrhaftiger Meister darin, durch dieses Leben zu tänzeln, loszulassen und zu vertrauen, wenn’s eng wird. Auf Grund einer Intuition, die mich großartig durch’s Leben trägt. Jawoll. Ich bin ein kleiner Spiri-Luftikus, wie er im Bilderbuche steht.

Den spirituellen Bereich meines Lebens meistere ich echt richtig gut. Die Kehrseite der Medaille: Bei Alltäglichem bin ich manchmal richtig miserabel.

Da wären zum Beispiel Bürokratie, Ordnung und das liebe Geld zusammenhalten. Und die Akzeptanz der Tatsache, dass uns kein Spirit dieser Welt die Verantwortung für unser irdisches Leben abnehmen wird! So sehr ich es mir auch wünschen würde. Meine Spirits werden mir niemals meine Steuer machen.

Und wiederum sah ich ein: Egal wie spirituell, feinstofflich und angebunden wir auch sein mögen. Wir müssen die Hard Facts des irdischen Lebens akzeptieren und unseren Alltag genauso auf die Reihe kriegen wie unsere Asanas.

Ohne ein stabiles Fundament im Alltag hat das Spirituelle keinen Wert!

Egal wie kraftvoll die Energie ist, die wir aus unserer spirituellen Praxis beziehen. Sie verpufft im Nichts, wenn wir sie nicht erden. Nicht felsenfest im Leben verankern. Während dem Meditieren bezahlen sich keine Rechnungen. Auch die Dreckwäsche bleibt ungewaschen und das schon länger anstehende, als anstrengend empfundene Gespräch mit dem Chef wird auch nicht geführt.

So sollten wir Spiritualität als Tool sehen, mit dem wir die Herausforderungen des Alltags durch eine klare Herzenssstimme großartig bewältigen und das Potenzial unserer Seele so kraftvoll wie möglich in diese Welt hinaustragen können.

Und nicht als Methode, mit der wir uns in außerirdische Sphären beamen, um dem Leben durch gezielte Alltagsflucht aus dem Weg zu gehen. Die Grenze der schier unbegrenzten spirituellen Möglichkeiten liegt genau dort, wo wir uns dem Leben verweigern. Wo wir in spiritueller Ignoranz verweilen, anstatt Verantwortung zu übernehmen für unser Leben. Für unsere Beziehungen. Unseren Beruf, unsere Finanzen und unseren Haushalt.

Auf diese Erkenntnis hin habe ich bewusst ein paar Tage nicht meditiert. Bewusst sämtliche spirituelle Praxis aus meinem Leben verbannt und keine Spiri-Artikel geschrieben, um mich für ein paar Tage wirklich nur meinem Alltags-Gedöns zu widmen. Ich habe unglaublich viel gebacken gekriegt, längst überfällig, teilweise zuvor spirituell verblendete Entscheidungen getroffen und gemerkt, dass sich die Welt auch weiterdreht, wenn Fremdenergien an meiner Aura kleben und meine Chakren mal nicht wie aus einem Guss rotieren.

Es war mal wieder Zeit zu landen. Mitten im Leben. Aller spirituellen Höhenflüge zum Trotz!

Dein Ludwig

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3 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Ludwig,

    danke für deinen Artikel!

    „Vor dem Leben flüchten“, das kommt mir bekannt vor.
    Als ich mit dem Meditieren anfing, gings ziemlich schnell recht rasant los. Es war genau DAS, was ich immer vermisst hatte. Es war so faszinierend in immer weitere Sphären vorzudringen, dass ich gar nicht bemerkte wie teilnahmslos ich gegenüber der äußeren Welt geworden war. Das ging dann ein paar Monate, bis mir klar wurde dass Meditation kein Selbstzweck ist.
    Mittlerweile bin ich überzeugt davon dass jede Tätigkeit, jede Begegnung und jede Erfahrung zu unserem spirituellen Wachstum beiträgt.
    Eines meiner liebsten Zitate dazu ist: „Jede konzentrierte Arbeit ist letztendlich Meditation“ ( Autor leider unbekannt ;))

    Das Zitat von dir finde ich sehr interessant:
    „Tatsächlich schaffe ich es in Windeseile, mich in Sphären zu meditieren, in denen ich nicht mal mehr meinen Körper spüre.“

    Wie machst du das? Oder lässt sich das überhaupt so leicht beantworten?

    Vielen Dank :)

    Herzliche Grüße
    Stefan

  2. Mir gefällt der Artikel auch richtig gut!
    Nur aufgehört zu meditieren hätte ich wohl irgendwie nicht. Das hat was von alles oder nichts. Es muss ja auch was dazwischen geben, integrierend. Die Botschaft des Artikels werde ich mir definitiv auf die Fahne schreiben, danke Dir! :)
    Herzlichst…..Stefan

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