Was ich von einem Physiker über Spiritualität gelernt habe

Letztes Wochenende saß ich wie so oft in meinem Lieblingscafé in Berlin Mitte. Als ich mir gerade auf der ausgesessenen braunen Ledercouch gemütlich mache, lehnt sich Frank aus dem gemütlichen Ecksessel schräg gegenüber zu mir nach vorne und fragt mich „Was machst du eigentlich so“? Frank ist ebenfalls Stammgast in dem Café und wir haben schon oft geschnackt, aber über das übliche „und du so“ sind wir nie hinaus gekommen. Das sollte sich heute ändern. Auf seine Frage antworte ich ihm mit der Kurfassung:

„Ich helfe Menschen dabei, das Leben zu führen, dass sie lieben. Auf dem Blog und im echten Leben.“

Er schaut mich fragend an. „Und wie machst du das?“ Ich erkläre meinen Ansatz und dass Kundalini Yoga für mich persönlich eine wichtige Rolle spielt, um Blockaden auf dem Weg dorthin aufzuspüren und aufzulösen.

„Kunda-Was-Yoga?“ fragt er mich.

Ich erkläre, dass es eine Yogaform sei, in der besonders viel auf energetischer Ebene gearbeitet wird. „Moment!“ platzt es aus ihm heraus. „Das ist ja ein sehr esoterisches Konzept, das weißt du oder?“ Ich nicke stolz. Darauf hin verleiht er seiner Empörung etwas verstärkter Ausdruck: „Du musst wissen, dass du hier mit einem Physiker sprichst“.

„Yes!“, denke ich, darauf vertrauend, dass ich hier etwas Wichtiges lernen soll.

Ich frage mich, warum mir dieses Gespräch geschickt wurde und mir fällt ein, dass es da diese Unsicherheit in mir gibt. Im Kundalini Yoga wird immer davon gesprochen, dass die Lehre auf physikalischen Gesetzten beruht. Da ich keinen Plan von Physik habe, fehlte mir bisher jedweder Antrieb, das zu überprüfen. Und so vertraue ich immer auf meine eigenen Erfahrungen und die heilsame Wirkung des Kundalini Yoga, doch die harten Fakten für ein Interview bei Spiegel TV fehlten mir bisher.

Frank erklärt mir, dass es ihn störe, dass in der „Eso-Welt“ die Begriffe aus der Physik inflationär und schlichtweg falsch benutzt werden. Um seine These zu testen, fragt er mich, was ich unter Energie verstehe. Ich gebe ihm das Sprichwort

„Energy speaks louder than words“

als Beispiel und erkläre, dass ich denke, jeder Mensch sei ein Energiefeld, dass über die Erde wandelt und gewisse Signale sendet, welche die anderen Energiefelder empfangen. „Wenn du zum Beispiel super frustriert in deinem Job bist und mir glauben machen willst, dass du deine Arbeit liebst, wirst du mich nicht überzeugen“, führe ich meine Energie-Theorie weiter aus.

In Franks Welt sind wir alle Strahlkörper.

Energie ist für ihn als Physiker erzeugte Wärme. Unsere Strahlkraft hängt von unserer Körperwärme und Masse ab. Ich stelle fest, dass das gar nicht so weit von meiner spirituellen Welt entfernt liegt.

Im Kundalini Yoga erzeugen wir durch Hitze Strahlkraft in geistiger Form.

Wenn wir zum Beispiel Bauchübungen in Kombination mit Feueratem praktizieren, heizen wir unsere Willenskraft an.

Doch Frank ist noch nicht überzeugt. Ihm ist wichtig, dass ich verstehe, dass Energie nicht das Produkt ist, das ich durch meine Übungen erschaffe, sondern dass es der Verbrauch ist, den ich dabei habe. Er erklärt es mir anhand einer Autofahrt: „Stell dir vor, du willst von Berlin nach Leipzig fahren. Um dein Auto zu beschleunigen, verbrauchst du Energie in Form von Benzin.“

„Aha!“ machte es in meinem Kopf. „Der Sprit ist also die Kraft und die Energie der Verbrauch“, fasse ich für mich zusammen.

Auch dann passt das physikalische Energiekonzept perfekt in meine Spiri-Welt. Ich schlug vor, das Auto-Beispiel mit unserem Leben zu vergleichen:

„Stell dir vor, dein Körper ist dein Auto“

sage ich. „Nun hast du das Glück, dass du einen spritsparenden ordentlichen Passat als Fortbewegungsmittel zur Verfügung gestellt bekommen hast. Dein Freund muss mit seinem behäbigen Mercedes, der schon ein paar Unfälle hinter sich hat, nach Leipzig. Das mehrfach geschundene Auto hat überall kleine Macken, weshalb es Sprit und Öl verliert, laute Geräusche macht und die Kassette im Autoradio steckt fest und spielt in der Dauerschleife Schlagermusik.“

Im Vergleich zum Passat verbraucht der alte Benz viel mehr Sprit. Die Fahrt ist wegen der Musik und der Zusatzgeräusche außerdem sehr unangenehm. Und so geht es uns doch auch in unserem Leben und in unserem Körper.

Wir sehen Leute, die ihr eigenes Ding machen und mega glücklich und erfolgreich sind. Dann schauen wir auf unser eigenes Leben und fühlen uns wie dieser olle Mercedes. Laute Stimmen im Kopf, die uns in der Dauerschleife kritisieren, verurteilen und sich über unsere Versuche schneller zu fahren lustig machen. „Bild dir bloß nicht ein, dass du der schnelle Passat sein könntest“, sagen sie. Oder „Du sitzt nun mal in diesem Auto. Für dich geht es nicht so leicht, auf keinen Fall!“

Unser Benzin verwenden wir dafür, diesen Stimmen zuzuhören, mit ihnen zu streiten und schließlich tanken wir vor lauter Frust an der nächsten Tankstelle anstelle von Benzin Diesel. Wir trinken Alkohol, rauchen, essen bis wir platzen und bleiben auf der Strecke liegen.

Und dann kommen wir in eine Yogastunde.

Oder gehen zu einem Heiler, Osteopathen oder was auch immer uns anspricht. Das ist unsere Werkstatt. Der Lehrer hilft uns dabei, unser Motorsystem zu verstehen und die Spritfresser zu erkennen und sie zu reparieren. Im Yoga sagen wir dazu gern „loslassen“ oder „es an das Universum abgeben“. Langfristig führt das dazu, dass wir unsere Kraft wie der neue Passat einsetzen können.

Nämlich dazu, uns effizient und ohne großes Drama auf dem Zeitstrahl des Lebens fortzubewegen. Oder wie es im Coaching heißt, um uns weiterzuentwickeln, oder in Spiri-Sprech: um uns zu transformieren. Zum Beispiel von einem frustrierten Mercedes in einen zufriedenen Passat.

So unrecht gibt mir Frank da nicht. Gemeinsam fallen uns immer mehr Beispiele ein, bis wir irgendwann beim elektromagnetischen Feld landen – oder in Spiri-Sprech: „Aura“.

Immer wieder stellen wir fest, dass wir von den selben Dingen sprechen, nur dass wir sie anders benennen.

Und auch Frank, der Physiker, meditiert. Er hat sich für Achtsamkeitsmeditation entschieden, weil es hierzu die meisten wissenschaftlichen Belege gibt. Es ist eine Form des Kontemplierens, die ihn anspricht. Die seine Sprache spricht. Ganz ohne Einhörner, Engel und Räucherstäbchen.

Und so wie ich an eine hinter der Materie liegende, übergreifende Ordnung glaube, die ich manchmal Gott und manchmal Universum nenne, vertraut er auf die Naturwissenschaft.

Als wir nach zwei Stunden feststellen, dass wir jetzt aber wirklich mal los müssen, verrät mir Frank noch, warum er sich für die Naturwissenschaft entschieden hat. Er wollte das augenscheinlich chaotische Leben verstehen. Er wollte sich auf etwas verlassen können.

Durch die Naturwissenschaft hat er gelernt, dass es für fast alle Phänomene eine physikalische Erklärung gibt, auch wenn er es in dem Moment vielleicht nicht versteht. Das hilft ihm, auch außerhalb der Physik darauf zu vertrauen, dass die Dinge schon ihre Ordnung haben.

Im Prinzip machen wir im Yoga nichts anderes. Wir lernen auf der Matte Akzeptanz, Vertrauen, Mitgefühl, Intuition usw. und üben es dann im echten Leben.

Als wir uns zur Verabschiedung locker umarmen, spüre ich wie sich mein Herz über das gesamte Café ausdehnt. Wir sind eben doch alle miteinander verbunden. Egal, ob wir Physik oder Spiri sprechen, ob wir Achtsamkeitsmeditation, Hatha Yoga oder Kundalini Yoga praktizieren und ob wir lieber zum Hausarzt oder zum Heiler gehen.

Energy speaks louder than words.

Sat Nam, Om Shanti Om, Amen [hier ist Platz für deinen Ausdruck der Verbundenheit]

Deine Franziska

Photocredit: unsplash.com

Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. Yes!! Hab gegen ende des Artikels Gänsehaut bekommen.. Was die physikalischen Gesetze hinter Kundalini Yoga angeht, habe ich begonnen, Nachforschungen anzustellen. Nicht, weil ich es brauche um irgendeine Wirkung zu testen, sondern weil ich es nicht richtig finde, Dinge als Fakten darzustellen, nur weil jemand es gesagt hat. Wenn es um meine Erfahrung oder meine Welt geht, gut. Aber zu sagen: nach 40 Tagen hast Du eine neue Angewohnheit integriert, ohne den Zusatz „im Kundalini Yoga sagen wir“ oder ohne meine eigene Erfahrung damit, tut der Lehre Abbruch. Denn da werden dann als Gesetze dargestellt, was eigentlich Lehre ist, und das wirkt, dann, als wolle sich Kundalini Yoga über naturwissenschaftliche Erklärungen bestätigen. So nach dem Motto: Siehste, die Physik sieht’s auch so, dann musses ja stimmen. Und das hat Kundalini Yoga gar nicht nötig!
    Sat Nam,! x

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*