Was hinter deiner Angst vor Mangel steckt

Ich stehe vollgepackt in der Schlange im Bioladen und bestaune meinen Einkauf voller Vorfreude. Gleichzeitig breitet sich in mir auch ein wenig Scham aus. Nein, ich habe keinen Hamsterkauf getätigt, aber einen Einkauf, der eher für eine Kleinfamilie, als einen Single-Haushalt gedacht ist.

Ja, ich gehöre zu den Menschen, die lieber zu viel als zu wenig einkaufen, denn ich habe Angst vor Mangel.

Nicht nur bei Lebensmitteln. Auch habe ich Angst vor zu wenig Geld, zu wenig Kund*innen, zu wenig Spaß, zu wenig Liebe. Die Liste könnte ewig so weitergehen. Da macht es mir die Lebensmittelindustrie einfach, denn bei der Angst vor zu wenig Essen kann ich vorsorglich viel einkaufen. Die Zeit der Pandemie zeigt deutlich, dass ich damit wohl nicht die Einzige bin.

Wir leben eigentlich in Fülle und haben dennoch Angst vor Mangel.

Viele von uns fürchten, zu kurz zu kommen und kämpfen mit Existenzängsten, obwohl wir doch alles haben. Sehen wir dann leere Supermarktregale, breitet sich in unserer Wohlstandsgesellschaft eine Welle von Panik aus. 

Materielle Fülle schenkt uns oberflächliche Sicherheit, doch merken wir schnell, dass diese in Ausnahmesituationen wackelig wird.

Wir werden unruhig, reagieren genervt und unser sorgsam gezimmertes Gebäude aus Yogapraxis, Ritualen und solidarischem Handeln fällt in sich zusammen und treibt zum Teil recht merkwürdige Blüten wie das rational nicht zu begründende hamstern von Klopapier.

Unter der Oberfläche beruht die Angst vor Mangel oft auf unserem inneren, verletzten Kind.

Dessen großen Hunger nach Liebe und Sicherheit versuchen wir über materielle Dinge von außen zu stillen. Manchmal, da wünschte ich, mein inneres Kind würde einfach mal funktionieren. Doch das tut es nicht und so darf ich immer wieder demütig lernen, dass meine Angst ein großartiger Spiegel meiner Seelenwelt ist. 

Für eine starke Beziehung zu unserem inneren Kind ist es unabdingbar, unsere Ängste ernst zu nehmen, seien sie noch so irrational. Ebenso wichtig ist es, mir, klar zu machen, dass diese tiefen Ängste aus einer Zeit stammen, in der ich klein und weitaus handlungsunfähiger war als heute. Als erwachsener Mensch habe ich den Vorteil, für mich selbst zu denken, zu sorgen und zu handeln.

Daher darf ich mir immer wieder deutlich machen, dass uns diese Ur-Ängste nur beschützen wollen. Beschützen vor Erfahrungen, die uns mit unserer Machtlosigkeit und somit auch mit unserer Vergänglichkeit konfrontieren. Denn auch wenn diese Angst uns selten bewusst begegnet, verdrängen wir gern, dass wir Menschen letztendlich sterblich sind. Tief in unserem Inneren jedoch weiß jede*r, dass unser Leben vergänglich ist.

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Abhinivesha, die Angst vor dem Tod

Das ist die Ur-Angst, die hinter all den Ängsten liegt. Es gehört also zum menschlichen Dasein dazu, Angst zu empfinden. Wir dürfen ihr sogar danken, schützte diese nämlich unsere Vorfahren in Form eines Alarm-Gefühls vor Angriffen wilder Tiere und vor dem Verhungern.

Als evolvierte Menschen können wir selber denken und handeln. Doch alte Verhaltensmuster und Vermeidungsstrategien abzulegen ist in unser Wohlstandsgesellschaft schwerer, als vor Säbelzahntigern wegzulaufen. 

Denn dies bedeutet, sich verletzbar zu zeigen und sich einzugestehen, dass wir doch nicht so stark sind, wie wir gerne wären. Die alten Wunden zu verstecken kann uns viel Kraft rauben. Somit ist es eine erste gute Idee, sich einzugestehen: 

Angst ist okay.

Ich nehme sie an! Wie wunderbar nährend es wäre, wenn wir diesem Gefühl liebevoll entgegentreten würden und es zum Anlass nehmen, uns selbst kennen und halten zu lernen. 

Wir dürfen mehr hinschauen, dürfen lernen, bewusst zu verzichten und stattdessen unserer Angst vor Mangel tief und ehrlich in die Augen schauen:

  • In welchen Alltagssituationen erlebst du das Gefühl, zu kurz zu kommen?
  • Was sind deine Vermeidungsstrategien, um deine Ängste nicht zu fühlen?
  • Welche alte Wunde verbirgt sich hinter diesem Mangelbewusstsein?
  • Was würde dir Kraft und Mut geben, um dich dieser Angst zu stellen?

Wir Menschen sind schon eine komische Spezies: träumen und arbeiten hart, um unser eigenes Paradies zu erschaffen und übersehen dabei viel zu oft, dass wir tief in uns über ein riesiges Repertoire an Fülle, Glückseligkeit und Reichtum verfügen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie herausfordernd die Vorstellung sein kann, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Auch ich fürchtete, der Wahrheit nicht gewachsen zu sein. Doch ich habe für mich herausgefunden, dass hinter dieser Angst eine große Stärke und Freiheit liegen kann. 

Und Freiheit schmeckt besser als jedes Trostpflaster aus Schoko, Partys und Konsum.

Mich wirklich meinen Ängsten zu widmen, mir einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem ich diese fühlen darf und sie dann liebevoll zu betrachten, hat mir sehr viel Kraft geschenkt. Nach und nach durfte mein verunsichertes inneres Kind Sicherheit entdecken, mein Urvertrauen wurde gestärkt und ich lernte, Leichtigkeit in meinem Leben zu kultivieren.

Sei sanft und mutig – es lohnt sich!

Alles Gute für dich,

deine Inga

Titelbild @ Lula Bornhak

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2 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Inga, ein toller inspirierender Beitrag. Kann mich gut darin wieder finden. Ich hänge da in der Tat gerade fest. Angst ist ein großes Thema dabei. Du schreibst du hast dich dem gestellt. Hast du Tipps dazu oder Hinweise wie man hieran arbeiten kann? Danke und liebe Grüße Christina

  2. Oh yes, Love! I feel you! Ich bin die Queen der gepreppten Vorratsregale – und das schon seit zwanzig Jahren. Als Corona kam, durfte ich über die schon lange im Keller gelagerten 20 Klopapierpackungen und 30 Nudelpackungen streichen. Als ich verstanden habe, dass dies ein Schutzmechanismus gegen das Mangelgefühl ist, war ich ehrlich baff. Wie schlau manipuliert und steuert uns eigentlich unser Unterbewusstsein. Der Wahnsinn.

    Aber auch nachdem ich das erkannt habe, ich brauche immer noch ausreichend gutes Essen un mich herum, um mich wohl zu fühlen. Ver-rückt, i know Und dennoch, wenn ich mich bei zu viel Kompenstation ertappe, ermahne ich: downshifting. Du lebst in Fülle!

    So oder so, bin ich froh, ich bin nicht alleine.

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