Warum ein Zahnarzt Bodybuilder fotografiert und ins Yogastudio geht – Ein Interview mit Giampiero Assumma

Heute Abend eröffnet die Fotoausstellung „Transformation“ von Giampiero Assumma in Berlin-Mitte. Der Italiener, der vor einigen Jahren seinen sicheren Job als Zahnarzt in Neapel aufgab und nach Berlin zog um sein Leben der Fotografie zu widmen, ist neuerdings auch im Yogastudio anzutreffen. Ich wollte von ihm wissen, warum er nicht Zahnarzt bleiben wollte und stattdessen Bodybuilder fotografiert und ins Yogastudio geht.  

Giampiero, deine Fotoausstellung „Transformations“ dreht sich um extreme physische und psychische Zustände. Wir sehen Rituale von Bodybuildern vor und nach ihren Auftritten und Geisteskranke in den sechs letzten Irrenanstalten für Kriminelle, die in Italien noch in Betrieb sind. Was fasziniert dich an diesen extremen Charakteren, Körpern und Orten?

Ich denke, dass hinter dem, was wir „extrem“ nennen, viel Wahrheit liegt, die etwas darüber erzählt wer wir sind. Was mich wirklich fasziniert ist das Entdecken von Gemeinsamkeiten in der unendlichen Vielfalt von menschlichen Erfahrungen in Form von Bildern. Dabei ist „extrem“  ein sehr unbeständiges, variables Konzept, genau wie Transformation. Es impliziert einen fortlaufenden Wandel.

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Der Titel deiner Ausstellung „Transformation“ deutet auf einen spirituellen Gesamtzusammenhang der zwei verschiedenen Welten, in die du uns Einblicke gibst, hin. Was hat spirituell betrachtet ein geisteskranker Krimineller  mit einem Bodybuilder gemein?

Fotografie ist eine Zeichensprache, die sich uns mitteilt. Jedem Zeichen ordnen wir eine Bedeutung zu. Was meine Bilder gemein haben ist, dass sie die geteilte Vorstellung von „Normalsein“ durchbrechen. Ich zeige bewusst Menschen an ihrem Limit.

Du selbst hast eine Transformationsgeschichte, wenn man so will. Eigentlich hattest du einen gut dotierten Zahnarztjob in Neapel. Doch dann hast du dein sicheres Leben hinter dich gelassen und bist Fotograf geworden. 2011 bist du nach Berlin gezogen, um diesen Traum weiterzuverfolgen. Warum hast du diesen Weg gewählt? Gab es einen konkreten Anlass, der dich gezwungen hat, dieses Ziel zu verfolgen oder war das ein längerer Prozess? 

Ich habe kürzlich ein Gedicht von Wislawa Szymborska entdeckt, dass darum handelt, wie trügerisch es sein kann, wenn man nach lebensverändernden Einschlägen auf der Makroebene sucht. Es sind oft viele kleine Momente, die enorme Wichtigkeit für unsere Entscheidungen haben. Mein Leben als Zahnarzt war eine wertvolle Zeit, mit der ich unsere Familientradition fortgeführt und wertgeschätzt habe und auch meine fotografischen Projekte finanziert habe. Ich denke die Fotografie war mir immer schon in die Wiege gelegt, sie brauchte nur ihre Zeit, um ans Licht zu kommen.

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Du hast nicht nur deinen Job aufgegeben und bist nach Berlin gezogen, sondern du hast dich für eine vegane Lebensweise entschieden und kürzlich Yoga für dich entdeckt. Wie kam das?

Die Entscheidung vegan zu leben, habe ich vor drei Jahren getroffen, als ich gesundheitliche Probleme hatte und mich über Therapiemöglichkeiten informierte. Die Umstellung öffnete mir dann auch plötzlich die Augen für das Leiden der Tiere. Veganismus wird von vielen immer noch als fundamentalistische Lebenseinstellung wahrgenommen. Daran sieht man mal wieder welch variables Konzept „extrem“ ist. Für mich ist es normal. …Für Yoga habe ich mich schon immer interessiert in Hinsicht auf die Beziehung zu sich selbst und zu anderen.

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Du hast Jivamukti Yoga für deine tägliche Praxis gewählt. Hast du zuvor andere Studios ausprobiert?

Ich habe vorher noch kein anderes Studio ausprobiert und ich muss gestehen, dass ich zu Beginn vor allem an der veganen Kantine, die unten im Studio ist, interessiert war. Aber als ich das Studio betrat, fühlte ich eine inspirierende Atmosphäre um endlich meine Neugier auf Yoga zu stillen.

Was gibt dir Yoga?

Nun, ich bin absoluter Beginner, aber Yoga öffnet mir ein Fenster zu einem kompletten Universum. Bis jetzt bin ich sehr beeindruckt vom Wiederentdecken alter Gefühle, die sich im Körper manifestiert haben. Der Blick richtet sich stärker nach innen und ist nicht mehr so sehr auf die Wahrnehmung von Außen fokussiert. Die regelmäßige Praxis gibt mir eine andere Sicht auf mich, meine Gedanken und das Leben um mich herum.

So wie du die Bodybuilder mit deinem Objektiv eingefangen hast, sehen ihre Körper und Bewegungen für sich genommen aus wie Kunstwerke. Wie ist dein Fotografenblick auf Yoga? Betrachtest du es als Kunst?

Absolut! Ich sehe Yoga als eine Kunstform. Ich habe bereits viele beschreibende Yoga-Bilder gesehen. Es in einen größeren Kontext zusetzten, der über die Bewegungen hinausgeht, ist eine fotografische Herausforderung. In meiner Bodybuilder-Reihe habe ich die Köpfe bewusst weggelassen, um den Körper zum Protagonisten zu machen. Bei Yoga würde ich das anders machen.

Können wir bald eine Fotoausstellung über Yoga erwarten?

Ich hoffe doch! Vielleicht sollten wir über ein gemeinsames Projekt nachdenken?

Die Bilder von Giampiero kannst du dir heute Abend ab 19 Uhr bei der Vernissage in der Linienstraße 145 in Berlin-Mitte anschauen.

Mehr über Giamiero und die Ausstellung erfährst du [themecolor]hier[/themecolor]. 

Fotos: Giampiero Assumma 

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