Warum Kinder die besseren Yogis sind

Ich habe gerade ein Wochenende bei meiner Familie in Bayern und damit viel Zeit mit meiner zehnjährigen Nichte und meinem siebenjährigen Neffen verbracht. Diesmal habe ich besonders meine Nichte beobachtet und festgestellt: Von ihr kann man sich bezüglich yogischer Werte so einige Scheibchen abschneiden.

Angstfreiheit

Sich auf ein Skateboard zu stellen und die abschüssige Straße runter zu rollen, oder freihändig übers Klettergerüst zu spazieren war für mich auch ein Riesenspaß, als ich zehn war. Heute wird mir bei dem Anblick angst und bange. Dabei könnte ich eine Portion von diesem Mut der Unwissenden brauchen, wenn ich mich das nächste Mal in den Unterarmstand schwinge. Denn spätestens wer einmal runter gefallen ist, der weiß: Ein paar blaue Flecken überlebt man immer.

Fokus und Hingabe

Die meisten Kinder sind relativ schnell gelangweilt von Dingen – bis sie etwas finden, wofür sie so richtig brennen. Für Mademoiselle Schäfer sind das Tiere. Seit einigen Monaten im Besonderen: Schnecken. Sie besitzt ca. sechs Schnecken, mit Haus und ohne, die sie in einem Gehege hortet, hegt und pflegt. Jeden Tag bekommen sie Auslauf. Ganz klarer Berufswunsch: Schneckenzüchterin. Um sie dann auszuwildern, natürlich.

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Es gibt kein “unmöglich”

Über den Urlaub in den Sommerferien wird Oma übrigens die Weichtiergang um Break, Leopardy und Co. zur Betreuung zu sich nehmen. Weil sie eigens angerufen und sehr nett darum gebeten wurde. Ich habe kurz ungläubig den Kopf geschüttelt. Aber eigentlich sollten wir Erwachsenen uns so eine gesunde Ignoranz gegenüber der erwarteten Norm von Kindern abschauen. Dann fiele es uns nämlich auch leichter, unser eigenes Potenzial zu erkennen und wirklich auszuschöpfen.

Mitgefühl

Nachdem sie zu Forschungszwecken zwei Kaulquappen aus dem hiesigen Tümpel entnommen und begonnen hatte, sie zu pflegen, verging ungefähr eine Woche, bis eins der beiden Tiere einging. Meine Nichte war ziemlich betroffen und setzte ohne weiteres zögern die zweite Kaulquappe zurück in den Teich, wo sie hoffentlich inzwischen die Metamorphose zur Kröte erfolgreich vollführt hat. Währenddessen weist die kleine Tierschützerin eifrig alle Gäste bei der Gartenparty an, die Mücken bitte nicht zu erschlagen, sondern sie nur leicht zu betäuben und dann etwas abseits auszusetzen.

Urteilsfreie Ehrlichkeit

“Hier ist es nicht so schön. Aber hier war ja auch einmal ein Krieg.” – Originalzitat meines sechsjährigen Neffen, als er mein unsaniertes, dunkles Berliner Altbautreppenhaus betrat. Kindermund tut eben Wahrheit kund. Einfach eine Feststellung, ohne zu urteilen. Uns Erwachsenen fällt es schwer, urteilsfreie, ehrliche Aussagen zu treffen. Mehr Ehrlichkeit ist dabei immer besser, gegenüber sich selbst und anderen. Vor allem auch, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht, die Kinder übrigens meistens klarer und unmittelbarer zu identifizieren wissen als ihre älteren Mitmenschen.

Neugier und Kreativität

Ich habe einmal ein Zitat gelesen, das ungefähr so lautet: “Alle Kinder haben endlosen Wissensdurst. Und dann kommen sie in die Schule.” – Neugier, den Mut Dinge zu hinterfragen und Probleme kreativ zu lösen, sind Fähigkeiten, die wir als Kinder haben; und wir verlernen sie durch Schubladendenken, zu viele Einschränkungen und Sätze wie “Das macht man aber anders.” Meine Nichte hat allerdings noch nie auch nur Memory nach den Regeln gespielt. Sie erfindet lieber eine eigene Welt und bastelt aus den Kärtchen Häuser für Feen und Einhörner.

Gleichmut und Selbstvertrauen

Es ist ihr im Übrigen auch egal, ob sie eine Eins oder eine Vier in Mathe hat oder ob ihr Outfit aus einem Potpourri an Farben und Mustern besteht – und sie eckt damit definitiv an. Ich glaube aber fest daran, dass sie, sobald sie die Schulzeit einigermaßen unbeschadet überstanden hat (und das wird sie dank ihrer Eltern), genau aus ihrer Gleichmut gegenüber der Norm eine unglaubliche Kraft schöpfen wird.

Hoffentlich kann ich ihr dabei zur Seite stehen und aus ihrer Hingabe, ihrer Eigensinnigkeit und ihrer Liebe zu anderen Lebewesen immer weiter lernen.

Was hast du von Kindern gelernt? Wobei kommt dein inneres Kind heraus? Lass es uns im Kommentar wissen!

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Titelbild (zugeschnitten) von Johann Dréo via Flickr.

Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Ulrike

    Ein schöner Artikel mit einem interessanten Blickwinkel.
    Wir Erwachsenen sollten in der Tat öfters „kindisch“ sein. Täte uns gut…

    „Hier ist es nicht so schön“ ist aber sehr wohl ein Urteil bzw. eine Wertung ;-)

    Viele Grüsse
    Katharina

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