Warum dein Traum vom Spiri-Prinz zum Platzen verurteilt ist

Schmunzeln musste ich, als mir eine Freundin von ihrer neuen Beziehung erzählte. Sie hatte den Typ auf einem Spiri-Retreat kennengelernt und wollte mir nun klarmachen, dass sie das Universum nach all den Jahren der emotionalen Entbehrungen nun mit einem Mann zusammengeführt habe, der ebenso hoch schwinge wie sie. Ein Spiri-Prinz auf dem weißen Pferd wie aus dem Bilderbuch, von dem sie sich nun endlich, endlich richtig verstanden fühle.

All diese Sätze klangen wie auswendig gelernt. Nach dem Konzept eines viel zu oft gekränkten Egos, das sich von der spirituellen Verschmelzung mit einem anderen Menschen ein Rundum-Allheilmittel versprach. „Hello Projektion“, dachte ich mir etwas genervt. Genervt deswegen, weil ich selbiges Denkmuster auch zumindest in Ansätzen von mir kenne. Trotzdem wollte ich ihre rosarote Spiri-Bubble nicht gleich zum Platzen bringen.

Das geschah ohnehin von alleine.

Nur sechs Wochen später durfte ich von heftigen Konflikten erfahren, die „nicht einmal“ dadurch entschärft werden konnten, dass sie sich gegenseitig mit weißem Salbei abräucherten. Durfte erfahren, wie sie sich gegenseitig zur Weißglut brachten, ihre wahren Emotionen hinter spirituellen Dogmen zu verstecken versuchten und das Spiri-Walt-Disney Märchen vorerst auf Eis gelegt werden mussten, weil sie sich gegenseitig in den Wahnsinn trieben.

Dies sollte keine allgemeine Abrechnung mit Beziehungen sein, in der Spiritualität für beide Partner eine wichtige Rolle spielt. Im Gegenteil: Natürlich ist es eine großartige Erfahrung, sich gegenseitig bei der seelischen Entwicklung zu unterstützen, zu beobachten, zu lernen voneinander und dabei Verständnis und Mitgefühl füreinander aufzubringen. Großartig, sich gegenseitig in der spirituellen Praxis zu inspirieren, miteinander Spiri-Workshops zu besuchen, ja einen Weg zu teilen, der von zwischenmenschlicher Tiefe geprägt ist.

Großartig unter einer Voraussetzung. Dass man den Menschen hinter der spirituellen Verpackung sieht. Einen Menschen mit all seinen Fehlern, Unzulänglichkeiten und Makeln, die ihn genau deswegen liebenswert machen. Und sich nicht von einer spirituellen Projektion blenden lässt, die uns Ganzheit suggeriert und doch wie ein Kartenhaus in sich zusammenklappt, wenn der Mensch dahinter hervortritt und sich mit all jenen Schwächen offenbart, die wir durch die rosarote Spiri-Brille nicht erkennen konnten.

Welches Motiv treibt dich also tatsächlich an, wenn du dir einen spirituellen Partner wünschst?

Ist es tatsächlich eine Beziehung auch Augenhöhe, in der man gemeinsame Interessen teilt, sich in spiritueller Hinsicht ideal ergänzt? Oder ist es vielleicht die Suche nach der eigenen Ganzheit, die du nicht in der selbst finden kannst? Die Suche nach Mitgefühl und „endlich verstanden werden“, eine Kompensation des Unfriedens mit den eigenem spirituellen Weg, dessen Erlösung man sich von einem spirituellen Partner erhofft, der das verletzte Ego aufmunternd tätschelt und dir sagt, dass du das schon alles richtig machst?! Vielleicht ein Gefühl des „Auserwählt seins“, das nur mit einem spirituellen Partner geteilt werden kann. Alles in allem eine Fantasterei deines Egos, das sein Liebesglück früher in Rockstars und Schauspieler hineinprojizieren pflegte und nun den hotten Yoga-Lehrer mit dem vermeintlichen Heiligenschein der Erleuchtung bevorzugt?

Zeit aufzuwachen und die Story vom Spiri-Prinz auf dem weißen Pferd zurecht zu rücken.

Nein, ich wünsche dir keine Beziehung, deren Fundament eine spirituelle Love-Story ist, die eure Verbindung in Spiri-Wölkchen einlullt, hinter denen ihr euch als Menschen mit Fehlern und Schwächen nicht mehr erkennen könnt und wollt.

Ich wünsche dir einen Partner, der dich annimmt so wie du bist.

Der dir Freiheit in all deiner spirituellen Selbstverwirklichung gewährt, mit dem du mutig deine Gefühle teilen und über das sprechen kannst, was dich aus tiefsten Herzen bewegt. Der dein Yoga, deine Energiearbeit, deinen Schamanismus, oder wie auch immer sich deine spirituelle Praxis äußern mag, respektiert statt sie zu verurteilen. Der dich aber auch lieb hat, wenn du dein Meditationskissen in die Ecke wirfst, ungesundes Essen in dich reinstopft und mal so gar nicht in bedingungsloser Liebe weilend zur Drama-Queen mutierst. Ich wünsche dir einen Partner, mit dem du einfach Mensch sein kannst. Und dich nicht hinter einer spirituellen Fassade verstecken musst, die den Erleuchteten mimt.

Ich wünsche dir, dass du nicht auf die Projektionen deines spirituellen Egos reinfällst. Und dass sie dich, falls du es doch tust, ein Stückchen weiter bringen in deiner Liebesfähigkeit, die sich schlussendlich doch nur von Herz zu Herz voll entfalten kann. Und nicht von spirituellem Ego zu spirituellem Ego.

Okay, okay. Die oben geschilderte Story  hätte mir auch passieren können. Aber jede Lernerfahrung will meine Seele ja dann Gott sei Dank doch nicht mitmachen (wobei: wer weiß?!). Inspirieren will sie dich aber trotzdem und dein Herz öffnen für deinen ganz persönlichen Seelenrave.

Dein Ludwig

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