Tarot Basics #7: Der Wagen

Mit der Nummer 7 sind wir am Ende der ersten von drei Sequenzen des Großen Arkana angekommen.

Ohne den Narren – die Nummer Null – lassen sich die verbleibenden 21 Karten in drei Kapitel aufteilen. Nach Rachel Pollack* sind das die weltliche Sequenz oder das Wachstum der Persönlichkeit, die Wendung nach innen oder die Suche nach Selbsterkenntnis und die große Reise oder Erleuchtung.

Also Leben, Sterben und Wiedergeburt.

Die weltliche Sequenz mit dem was wir als gesellschaftliches Leben und äußere Erfolge bezeichnen erreicht mit dem Wagen ihren Höhepunkt und zugleich ihr Ende. Hier kann man bleiben, viele tun das auch. Man hat was erreicht und die anderen können es sehen.

Der Wagen spricht von Erfolg, Schnelligkeit, Sieg, Anerkennung. Jemand sein.

Erfolg und Sieg passen zu schnellen Karren wie Ketchup zu Pommes. Deswegen war der Nebenjob der griechischen Siegesgöttin Nike auch, für Zeus den Wagen zu lenken und als MC die Siegesparty auszurichten.

Der Typ im Wagen des Tarot sieht auch aus wie ein Gewinner, in seiner Rüstung, die mit Insignien aller vorhergehenden Karten geschmückt ist und zwei Sphinxen vorgeschnallt hat. Extravagant.

Er hat sein Ziel erreicht, mit persönlicher Macht und Willensstärke. Durch Selbstdisziplin, Selbstkenntnis und Training. Impulskontrolle. Autonomie. Unabhängigkeit. Erfolge, auf die man stolz sein kann.

Durchziehen und draufhalten.

Manchmal. Aber irgendwie scheint sich der Wagen nicht zu bewegen und irgendwie ist das ganze ein bisschen steif. Erfolge sind ein Epitom des Vergänglichen. Sie sind schön anzusehen, aber bald stellt sich die Frage ein: Was kommt als Nächstes? Was ist die neue Aufgabe? Wann kommt der nächste Kick?

Wer auf diese Jagd geht, kann mit M.I.A. in die Hymne Live fast die young, bad girls do it well einstimmen, während der BMW auf zwei Rädern über die Rennstrecke gleitet.

Oder anfangen, die eigene Show zu hinterfragen.

Vielleicht wird der Wagenlenker von Karte #7 aussteigen und die Sphinxen betrachten und überlegen, ob die das eigentlich machen sollten, seinen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und vielleicht lässt er sich von ihnen ein Rätsel aufgeben. Vielleicht fängt er dann an, in der Rüstung zu schwitzen und überlegt sich, welche Teile davon er überhaupt noch braucht.

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Vielleicht lässt er den Wagen auch ganz hinter sich und geht zu Fuß weiter, ohne Schuhe.

Denn irgendwie weiß er, dass das, was in der nächsten Sequenz auf ihn zukommt, mit diesem Schlitten nicht zu bewältigen ist. Dass er bei seinen nächsten Aufgaben nicht mit Pokalen und geilen Klamotten Eindruck schinden kann.  

Es geht nicht darum, den weltlichen Erfolg zu dissen. Das Bad Girls Video ist auch richtig geil und wer würde nicht gerne mal so einen Power Slide machen? Sich zu beweisen, dass man erreichen kann, was man sich vorgenommen hat, ist wichtig. Dabei lernen wir etwas über die Begrenzugen, die uns davon abhalten, noch viel weiter zu kommen.

Der Übergang von der ersten in die zweite Sequenz ist intensiv.

Hier gehen wir vom Persönlichen ins Unpersönliche, vom Bewussten zum Unbewussten, vom Leben zum Tod. Der Wagen repräsentiert diese wichtige Station der Erweiterung: das gesunde Ego als Ausgangspunkt für die spirituelle Reise. Nur wenn wir wissen wer wir sind, können wir darüber hinauswachsen.

Selbstverwirklichung ist sinnlos, wenn sie nicht tatsächlich erlebt wird.

Das heißt, dass wir für uns leben. Nicht mehr im Dienste der Vorstellungen, die so vehement auf uns einwirken, dass wir sie uns zu eigen machen. Dass wir aufhören uns selbst in den Produktivitätsknast zu sperren, weil wir nicht begreifen wollen, was für unendlich sensible Wesen wir unter unserer Rüstung sind.

Das heißt, dass wir uns emotional ernähren, um über die Bedingungen unserer äußeren Welt hinaus zu wachsen.

Und jeden mitnehmen können, der ja, bitte und danke sagen kann.

Das heißt, dass wir wahrnehmen was ist und aus unseren Handlungen, unseren Beschäftigungen, unseren Gesprächen und unseren Beziehungen etwas Privates in uns ausbilden, das stärker ist als der ewig neurotisiernde Geist und die giftigen inneren und äußeren Ausdrücke seines Machtkampfes.

So dass unser Wissen darum, dass wir alle auf den Tod zusteuern und dass wir nichts mit hinüber nehmen können, außer unser reiches Herz uns hilft, aus der Grube der Verzweiflung glorreich zu entsteigen und uns mit der limitierten Zeit und Kraft auf das Wesentliche zu konzentrieren:

Alle anti-sozialen Werte zu zerstören, angefangen in uns selbst.

Imperien und Reichtum sind Ausdruck unsinniger Gewalt und werden wie alles andere in der Sonne explodieren. Statt Eindruck zu schinden wollen wir Bedeutung finden, Leiden lindern, Hilfe anbieten, Fürsorge ausdrücken und unsere kollektive Existenz versüßen.

Der Wagen spricht vom Sieg des Einzelnen über seine inneren Opfer und Diktatoren. Die Persona, die sich in der Anhäufung von Macht und Material siegreich fühlt, wird zum Teil des Problems. Genau wie die Persona, die aus Opferdenken zum Aggressor wird.

In der zweiten Sequenz werden wir diese Masken abstreifen und entscheiden, ob das was gut aussieht auch gut ist oder ob es an der Zeit ist, ein paar Errungenschaften hinter sich zu lassen.

Tarot Basics #7: Der Wagen

Um in die Tiefe zu gehen und die Arbeit zu machen, die wirklich reinhaut.

Folgen wir dem Ruf der Seele ins Mysterium, gehen wir auf eine Reise an deren Ende das Ego seinen rechten Platz einnimmt: als Diener. Die evolutionäre Absicht des Individuums auf dieser Reise ist zu lernen, Sicherheit, Identität und persönliche Erfüllung zu entwickeln, die nicht an das Verlangen nach Erfolg oder sozialer Anerkennung gebunden ist. Zu lernen, sich selbst ohne die Fallen und Sicherheiten gesellschaftlicher Rollen wahrzunehmen und eine Identität außerhalb dieser Parameter zu entwickeln.

Indem wir eine tiefe Verbindung zu unserem Kern, zum inneren unserer Seele, aufbauen.

Der Wagen beschreibt einen wunderbaren Moment der Initiation, in dem wir gewahr werden, dass diese Kutsche uns weit über die Ziellinie hinaus tragen und unsere Realität verändern wird.

Wir sind eingeladen jeden Ballast abzuwerfen, der uns daran hindert, frei zu atmen.

Über diese Serie:

In “Tarot Basics” stellt Nike dir nach und nach die einzelnen Karten des Großen Arkana vor. Ihre Symbolik, ihre Message, ihre Licht- und Schattenseiten, welche Energien sie verkörpern und wie du mit ihnen arbeiten kannst. Hier geht’s zur vorigen Karte.

Für die Fotos haben wir Karten aus dem She Wolfe (Titel) und dem Waite/Smith* (Close-Up) verwendet. Die mit * markierten Links in diesem Artikel sind Affiliate-Links. So erhalten wir eine kleine Provision, wenn du ein Produkt kaufst, und FLGH kann für dich kostenlos bleiben.

Bilder © Lydia Hersberger

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