Tarot Basics #5: Der Hierophant

Es gibt einen Guru nahe bei uns

Der Mann auf der Karte sieht aus wie ein Papst, heisst Hierophant und weist auf das hin, was wir im Yoga und allgemeinhin Guru nennen: Ein Lehrer, der Beseitiger von Dunkelheit, eine spirituelle Autorität.

Als ‘Hierophant’, was übersetzt „Enthüller der heiligen Geheimnisse“ bedeutet, bezeichneten die Griechen den Hohepriester im Demeter Tempel in Eleusis, wo der Vermutung nach der psychedelische Rave erfunden wurde.

Wie die Hohepriesterin sitzt er zwischen zwei Säulen. Einen Vorhang, der auf die unsagbaren Mysterien verweist, gibt es hier aber nicht. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass institutionalisierter Glauben sich anmutet, alle Fragen beantworten zu können, um in der Rolle des Trostspenders und Seelenführers zu funktionieren.

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Der Hierophant ist tätig in der Welt, die Hohepriesterin ist es nicht.

Im Gegensatz zu ihr hat er eine offizielle Rolle und sein Job ist es, die göttliche Wahrheit zu vermitteln. Durch Rituale, durch Sprache, durch Symbole. Die Karte mit der Nummer 5 ist auf tieferer Bedeutungsebene mit dem Vishuddha Chakra, dem Halschakra verbunden.

Es gibt Menschen mit tiefem mystischem Verständnis – wie die Hohepriesterin – die ihre Erkenntnisse nicht teilen wollen oder können. Was wunderbar ist. Ein Hierophant allerdings ist eine Person, die gehört und verstanden werden kann. Wie auch immer er oder sie die Botschaft rüber bringt.

Tarot an sich ist ein Hierophant.

Tarot ist ein Instrument der Selbst-Refelxion, das uns einlädt, bestimmte Aspekt unseres Daseins und unserer Situation in Augenschein zu nehmen. Seine Symbolik hält starke Medizin für uns bereit.

Verweist das Tarot im Kontext einer Frage oder einer Lebenssituation auf den Hierophanten, ist es eine Einladung, nicht alleine zu gehen.

Wenn unsere eigenen Ängste vor den Widersprüchen des Lebens überwältigend werden, wenn wir nicht wissen, wo Bedeutung in unserem Leben zu suchen und zu finden ist, dann können Traditionen, Lehren und spirituelle Schriften ein Wegweiser sein. Dann kann es angebracht sein, Anleitung und Beratung einzuholen, und Lehrer*innen, Therapeut*innen und Mentor*innen um Hilfe zu bitten. Oder einfach jemanden, der Bescheid weiß. Die Autorität und das Vertrauen in einen solchen sacred knower kommt von uns. Immer.  

Der Auftrag ist, Wahrheit und Integrität in unsere Überzeugungen zu heben.

Die Berufenen sollten sich immer durch ihren Wunsch zur Unterstützung auszeichnen und nicht als Show Offs von sich reden machen. Allerdings ist das Podest, auf das wir uns wünschen, spirituelle Lehrende und Botschafter*innen zu stellen, ihnen gegenüber zweifelsohne oft brutal. Die Erwartungen an solche Menschen sind groß.

Aber ums Menschsein muss es schließlich gehen:

Wir geben unseren Lehrern Autorität, aber dafür sind sie uns nicht schuldig, perfekt zu sein. Oder alles zu wissen. Wir alle wissen alles und jeder kann ein Lehrer werden. Und jeder bleibt Schüler. So gibts auch keine Engpässe und keine Knappheit und keine falschen Konkurrenzängste.

Und nur weil eine Heilerin beeindruckende metaphysische Fähigkeiten hat oder weil jemand Yogastunden unterrichtet, die alle an den Rande der Erleuchtung bringen, muss diese Person noch lange nicht mit menschlicher Integrität und spiritueller Weisheit ausgestattet sein. Wenn wir das erwarten, kreieren wir Sektenführer oder landen im Auffangbecken für dankbare Jünger.

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Das Ablehnen oder Hinauswachsen über unsere Gurus ist Teil des Spiels.

Die andere Einladung der #5 ist die Auseinandersetzung mit Regeln und Traditionen und deren Autorität.

Durch das Studieren einer Tradition, die Dekodierung des Tarot oder anderer Schriften und Überlieferungen, haben wir die Möglichkeit, uns in Kontext zu setzen und unsere Glaubenssätze zu betrachten.Was wurde uns von Kultur, Gesellschaft und Eltern mitgegeben und was ist davon eigentlich noch wahr für uns?

Im Zuge dieser Auseinandersetzung werden wir auch in die Rolle unseres eigenen Gurus gesetzt. Besonders wenn unser Leiden den Umständen geschuldet scheint, kann es hilfreich sein, das Leben als ausschließlich spirituelle Reise anzunehmen und die Erscheinungen symbolisch zu betrachten. So gestatten wir uns, rauszufinden, zu welchem Spiel wir uns selbst eingeladen haben. Jetzt können wir unserer persönlichen Situation Bedeutung geben und stark aus ihr hervorgehen.

Wir wünschen intuitive Führung, aber bloß keine schlechten Nachrichten.

Den Bereich der relativen Bestätigung von außen zu verlassen ist oft von Resistenz begleitet. Wir wollen Hinweise, wir wollen Anleitung, aber wir wollen vor allem, dass es genauso läuft wie ausgemalt. Auch die verbreitete Angst vor den “schlechten” Karten im Tarot ist diesem Wunsch geschuldet. Sich auf die dunklen Nummern einzulassen bedeutet, sich dafür zu öffnen, dass sie alle ihre eigene hilfreiche Einladung mitbringen. Diese Öffnung können wir üben – mit den Karten, auf der Matte, in der Meditation.

Unsere Praxis selbst wird zu Guru und wir, durch sie, zum Hierophanten.

Die Praxis ist der Kanal, den wir wählen, um zu lernen. Wir verwenden die Werkzeuge – Yoga, Meditation, Gebet, Spaziergang, kochen oder was auch immer uns mit Spirit verbindet – und betrachten ihren Effekt als Wissenschaftler*innen unserer Seele. Was funktioniert und wie? Was sollte funktionieren, tut es aber nicht und warum? Was konnte ich von dieser Auseinandersetzung lernen? Was habe ich in dieser Freundschaft zu üben? Was wird mir in diesem Umfeld gezeigt und wo liegt mein persönliches Wachstum?

Die Antworten auf solche Fragen sind nicht immer, was wir gerne hören möchten.

Situationen haben dann die Tendenz, sich zu wiederholen, bis wir lernen, den Kreislauf unserer negativen Reaktion zu durchbrechen. Wenn wir uns gegen schmerzhafte Veränderungen wehren, kann jede noch so gesunde Praxis zum Ablenkungsmanöver werden. Etwa den Körper im Yogastudio zu perfektionieren, um unserer Angst vor Einsamkeit zu entfliehen.

Niemand wird im Laufe des Lebens davor verschont, den eigenen Kontrollverlust zu erfahren. Die Frage, die wir uns stellen ist: Wenn ich die Kontrolle nicht habe, wer dann? Das sind die Momente, wo wir nach dem Hierophanten Ausschau halten und er nach uns. Sich auf Führung einzulassen, kann uns an sehr unvorhergesehene Orte bringen. Und uns die Sprache der Zeichen lernen lassen.

When you know how to listen everybody is the guru. – Ram Dass, Be Here Now

Der Track zum Hierophanten ist Saraswati von Rej & Kjavik, im Remix von Tuff City Kids, eine Version des Guru Mantras:

Guru Brahma Guru Vishnu Guru Devo Maheshwara Guru Sak Shat Param Brahma Tash Mayi Shri Guruvay Namaha

Hören kannst du Saraswati hier oder auf der Spotify Playliste Tarot Basics.

Über diese Serie:

In “Tarot Basics” stellt Nike dir nach und nach die einzelnen Karten des Großen Arkana vor. Ihre Symbolik, ihre Message, ihre Licht- und Schattenseiten, welche Energien sie verkörpern und wie du mit ihnen arbeiten kannst. Hier geht’s zur vorigen Karte.

Bilder © Lydia Hersberger

Für die Fotos haben wir Karten aus dem She Wolfe (Titel) und dem Waite/Smith (Close-Up) verwendet. Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. So erhalten wir eine kleine Provision, wenn du ein Produkt kaufst, und FLGH kann für dich kostenlos bleiben

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