Tarot Basics #14: Mäßigkeit

Die Langeweile, die der Begriff “Mäßigkeit” ausstrahlt, steht in krassem Gegensatz zu dem spektakulären Bild, mit dem sich das 14. Arkana präsentiert:

Ein leuchtender Engel mit wilden, roten Flügeln schwebt über Wasser, ein Fuß ist eingetaucht. In den Händen zwei goldene Becher, gießt die Kreatur Flüssigkeiten zusammen. Aber irgendwas stimmt da nicht. Der Winkel des kleinen Stroms beugt die physikalischen Gesetze, die Schwerkraft scheint ausgehebelt.

Wenn alles, was über unsere Alltagswahrnehmung hinaus geht, unlogisch ist, wird uns hier eine völlig unlogische Form der Orientierung zuteil.

Da balanciert die Münze plötzlich etwas länger auf ihrer Kante und wir sehen in eine andere Dimension und erkennen, dass die materielle Welt nicht alles ist. Warum auch sollten die Grenzen unserer biologischen und neuronalen Wahrnehmung mit den Grenzen der Realität übereinstimmen? Und wie beweglich sind diese Grenzen?

Zwischen den Karten Tod und Teufel situiert, geht es bei der Mäßigkeit um einen sehr kraftvollen und fragilen Moment.

Wenn wir in der #13 dem Tod ins Auge gesehen haben, können wir, vielleicht nur für einen Moment, sehen, dass etwas in uns die Schönheit jeder Erfahrung anerkennt. Wir haben keine Kontrolle und die Vorstellung davon, wie es sein sollte, ist erschüttert. Nicht mehr weiter zu wissen, ist der Türöffner. Um Hilfe zu bitten, ist der Weg hindurch. Dazu muss kein Engel hinabsteigen und Pfeile in den Sand malen.

Ziehst du die Mäßigkeit, bist du eingeladen, dich mit deinen inneren Dualitäten zu befassen. 

In uns sind zu jedem Zeitpunkt etliche Ambivalenzen, Stimmen und Anteile mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen und Plänen, mit eigenem Leben und eigenen Strategien. Manche davon zeigen wir gerne, bei einigen rollen wir genervt mit den Augen und andere sperren wir in den Keller, schmeißen den Schlüssel in unsere innere Spree und spazieren pfeifend davon, als wär nichts gewesen.

Im Original heißt die Karte “Temperance” und das klingt schon interessanter. 

Von ‘temperieren’ spricht man bei der Schokoladenherstellung und in der Musik, wir machen es, wenn wir für die Badewanne die perfekte Temperatur suchen, diese sensible Mischung aus heiß und kalt. Mit Mäßigkeit lassen wir das Pendel nicht sofort von einem Extrem ins andere schwingen. Wir können feststellen, was nicht funktioniert, ohne uns in der Opposition zu verkanten.

Denn die gegenteilige Reaktion enthält oft dieselbe Antwort.

Zu sehen, was keine Substanz hat, macht an sich noch nicht substantiell, sondern nörgelig. Wir alle kennen diese Leute mit perfektem Geschmack und hohen Ansprüchen, denen nichts gut genug ist und die sich immer zu schade sind, auch mal Fan zu sein – nothing but a critic. Und dieser Finger zeigt direkt auf uns zurück.

Nun machen wir die Erfahrung der alchemischen Verwandlung unserer fragmentierten Identität in etwas Lebendiges.

Statt immer weiter zu dissoziieren, dürfen wir uns jetzt auf die Welt beziehen und unser Verhältnis zu ihr neu temperieren. Wir können den Status Quo ablehnen und zugleich etwas Neues machen. Wir können uns entwickeln wollen und dabei akzeptieren, wer wir sind. Erkennen, was fake ist, aber auch das Echte feiern. 

Obwohl Mäßigkeit nach der richtigen Mischung sucht, geht es nicht um Perfektionismus.

Denn der macht krank und hält uns nur auf. Perfektionismus killt unsere Träume und ist der Todfeind der Kreativität. Wie weit bin ich bereit zu gehen, um das gesellschaftliche Perfektionismus-Training abzulegen? Ist es möglich, den Gedanken, ein*e Verlierer*in zu sein, zu genießen? Kann ich die Vorstellung aufgeben, im Recht zu sein? Kann ich mit Liebe den Kampf verlieren? Kann ich Schwäche schön finden?

Mäßigkeit arbeitet mit Verschmelzung, mit Aufweichung dessen was hart ist.

Wenn wir statt in den Extremismus zu fallen, in den Ausgleich kommen, in eine feine Balance, dann kann Flow entstehen. Und weil Flow so ein begnadeter Zustand ist, ist die 14 auch die Karte der Kunst und der alchemischen Kraft kreativer Prozesse. Wenn durch das Zusammenfügen disparater Elemente etwas ganz Neues entstehen darf, dann schwebst auch du über Wasser.     

Und das darf leicht sein.

Wenn du herausfinden möchtest, wie dir das 14. Arkana helfen kann, neue Inspiration zu finden, suche dir die Mäßigkeit bzw. die 14 aus deinem Kartendeck heraus und lege sie oben auf. Ziehe drei Karten zu folgenden Fragen: 

  1.   Kopf: Worüber kann ich nachdenken? Welche Informationen brauche ich?
  2.   Herz: Was bewegt mich? Welche emotionalen Anteile möchten gesehen werden?
  3.   Körper: Wonach sehnt sich mein Körper?

Beobachte deine Reaktionen zu den Karten. Freust du dich? Bist du besorgt, verärgert? Verstehst du oder verstehst du nicht?

Wenn du möchtest, schreib deine Eindrücke auf und gib dir Zeit zu beobachten, was dir gesagt wird. 

In “Tarot Basics” stellt Nike dir nach und nach die einzelnen Karten des Großen Arkana vor. Ihre Symbolik, ihre Message, ihre Licht- und Schattenseiten, welche Energien sie verkörpern und wie du mit ihnen arbeiten kannst. Hier geht’s zur vorigen Karte.

Titelbild © Nike Ritter; Tarot von A.E. Waite © Königsfurt-Urania Verlag

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