Squirting und die weibliche Ejakulation: Ein Selbstversuch

Wir beginnen dieses Thema heute mal mit einem Witz.

“Was machen 10 Penisse in einem Auto? — Eine Spritztour.”

Dieser eigentlich lahme Kalauer, der mich aber eben doch schon einige Male zum Kichern brachte, muss nun korrigiert werden: Denn nicht mehr nur die Herren der Schöpfung dürfen als die Allein-Spritzer gesehen werden.

Auch Frauen erobern sich das Recht und die Fähigkeit zum Abspritzen (zurück)!

Vor ca. drei Jahren fragte mich eine Freundin, ob ich vielleicht Lust auf einen Dreier mit ihr und ihrem damaligen Liebhaber hätte. Sie erzählte mir von seiner Fähigkeit, sie zum Spritzen zu bringen. Ich war interessiert. Bis dahin hatte ich davon nur einmal gehört: als ich zehn war und die lesbische Lustszene bei Sex and the City mir erklärte, dass die weibliche Ejakulation ein sehr seltenes, aber durchaus exquisites Phänomen sei.

Ich schlug die Einladung damals dennoch dankend aus. Ich hatte gerade erst meinen Liebsten kennengelernt und wollte mit ihm zunächst unsere eigene sexuelle Ausdrucksweise erkunden.

Dann verlor ich das Thema mit der weiblichen Ejakulation wieder etwas aus den Augen. Doch jetzt oder auch schon etwas länger hat es sein großes Comeback und ist aus der Diskussion über Sex und weibliche Lust nicht mehr wegzudenken. Viele Artikel wurden geschrieben. Viele Fragen wurden gestellt. Viele Experimente unternommen.

Und doch war es mir nie widerfahren. Na Hoppla, dachte ich mir also. Mein privater und beruflicher Werdegang sind so eng mit dem Thema Sexuliatät verwoben, also sollte ich das doch auch erlebt haben.

Als der Nachbar uns einen Link zu einem Squirting-Workshop für Paare zu schickte, meldeten wir uns prompt an.

Zur Vor-Recherche sprach ich erneut mit vielen Frauen und las das wunderbare Buch Der G-Punkt und die weibliche Ejakulation* von Deborah Sundahl (klare Leseempfehlung!).

Aber gut. Was ist das eigentlich – dieses ominöse Squirting?

Ja ja ja, da scheiden sich schon die Geister. Das englische Wort bedeutet übersetzt einfach Spritzen und wird mittlerweile synonym für die weibliche Ejakulation verwendet, was ein stoßartiges Absondern von einer mitunter beträchtlichen Menge einer klaren Flüssigkeit bei hoher sexueller Erregung meint.

Hierbei wird es schon umstritten. Vor einigen Wochen hörte ich einen Podcast zum Thema Squirting, indem eine Sexualtherapeutin zwischen den verschiedenen Erscheinungen weiblicher Flüssigkeiten unterschied. Zunächst natürlich die Lubrikation (Help! Neues Wort vonnöten!), welche sozusagen das natürliche Gleitmittel der Frau bei Erregung bezeichnet. Dann jedoch unterschied sie zwischen dem “Trend-Phänomen” (ihre Worte) Squirting und der weiblichen Ejakulation.

Bei ersterem handele es sich um eben um viel klare Flüssigkeit, das aus der Blase komme, eine verdünnte Mischung von Urin sei (womit vermischt wurde leider nicht aufgeklärt) und unabhängig von Orgasmus passiere. Die weibliche Ejakulation jedoch sei wie bei Männern eine eher milchige Flüssigkeit in geringer Menge, die lediglich gemeinsam mit dem Höhepunkt auftreten kann und sehr selten ist.

Und damit kommen wir schon zum nächsten und zur am meisten diskutierten Gegenstand bei dem Thema Squirting und weibliche Ejakulation:

Urin oder nicht Urin – das ist hier die Frage.

My goodness, das polarisiert und wir finden zwei sehr unterschiedliche Lager: Während die — nennen wir sie mal — Medizin-Fraktion ganz klar sagt, dass es sich bei dem Ejakulat um irgendeine Form (da irgendwie verdünnt) von Urin handelt und es aus der Blase kommt, hält das Squirting-Fandom heftig dagegen und lehnt dies vehement ab.

Es käme nicht aus der Blase, sondern aus den Skene-Drüsen; die weibliche Version der Prostata, die entlang der Urethra positioniert ist. Geringe Urinrückstände im Ejakulat kämen schlichtweg daher, dass es durch die Harnröhre rauskommt und genauso in männlichem Sperma solche zu finden seien. Aber da würde nicht so ein Aufstand gemacht.

Es wurden in privateren Rahmen sogar Experimente gemacht mit Roter Bete und Spargel, um das weibliche Ejakulat zu testen, ob es denn nun aus der Blase käme und sich um Urin handele, denn dann hätte es rosa oder spargelgerüchlich sein müssen. Aber das war es nicht.

Tatsächlich läge es an dieser Angst vorm Urinieren, warum Frauen verlernt hätten, zu ejakulieren.

Das weibliche Sexualitätsbild der letzten Jahrhunderte hatte eben anständig, leise und sauber zu sein. Und ja, da ist etwas dran.

Viele Frauen hätten zum Beispiel bereits unbewusst und unerkannt in ihrem Leben gesquirtet. Entweder mit viel Scham verbunden, etwa beim Sex inkontinent geworden zu sein, — oder: das Ejakulat automatisch aus Angst zurückgehalten, wodurch es durch die Harnröhre zurück in die Blase fließt, weshalb Frauen nach dem Geschlechtsakt häufig auf die Toilette müssen, obwohl sie gerade davor erst Pipi waren.

Da kann mich sich doch ehrlich nur fragen:

Wie kann es sein, dass wir zum Mond fliegen und künstliche Intelligenzen entwickeln, aber noch immer nicht wissen, was bei Frau da eigentlich genau abgeht?

Meine traurige Antwort: Mangelndes Forschungsinteresse…

Die Kunst des Ejakulierens soll Frauen schon zu Urzeiten nicht nur bekannt gewesen sein, sondern auch die Norm. So zeigen Bilder und Statuen aus China und auch Indien, wie wir wissen zwei sehr frühe Hochkulturen, deren spirituelle Praktiken gleichwohl eng mit der Sexulität verwoben waren, Frauen, aus deren Vulvas Bäche oder gar Flüsse strömen.

Es heißt, das indische Amrita, der Nektar der Unsterblichkeit oder auch direkt mit “Wasser des Lebens” übersetzt, wäre eben genau jenes weibliche Ejakulat. Für ein langes und gesundes Leben voller Prana empfehle es sich also, auch direkt von der Quelle zu trinken.

Und warum muss ich jetzt auch noch Squirten können?

Meinen G-Punkt entdecken. Dann noch A- und P-Punkt. Gefallen daran finden. Zervix “entpanzern”. Anales Spiel genießen. Poly werden. Vaginal Steaming ausprobieren. Yoni Eier nutzen.

Ja, angesichts der vielen Möglichkeiten kann frau schon schwindelig werden. Und sich ein Gefühl von Druck entwickeln, den neuen Erwartungen sexueller Aufgeklärtheit zu entsprechen.

Hoi, die Fucket-List nimmt kein Ende.

Hierzu sei gesagt, dass alles ein Kann und kein Muss ist. Vergiss Freud, der meinte eine reife Frau hätte vaginale Orgasmen und klitorale seien Mädchensache. All jene Lust-Laboratorien müssen wir als Angebot verstehen, wobei das Gütesiegel unserer Sexualität nicht davon abhängt, wieviel wir davon schon “gemacht” haben.

Ansonsten wird dem Squirting vor allem die Qualität des Loslassens zugeschrieben. Denn erst im Moment der völligen Hingabe und der Kontrollabgabe sind wir Frauen dazu in der Lage. Gleichfalls spielt während des Prozesses der G-Punkt eine wahnsinnig wichtige Rolle. Ein Punkt, in dem sich viele Emotionen festhalten, die darauf warten, freigesetzt zu werden. Es ist ein Akt der Befreiung.

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Gut, aber wie geht das denn jetzt mit dem Squirting?

Wie soeben gesagt – it’s all about the G-Spot. Wobei es sich dabei weniger um einen Punkt als vielmehr eine Fläche handelt und das erektile Gewebe dieser Zone die Skene-Drüsen und auch die Urethra miteinschließt, weswegen der Harnröhrenausgang auch ein wunderbarer Lustpunkt ist (ausprobieren, Ladies!). Dieser Zusammenschluss aus verschiedenen Geweben bildet die weibliche Prostata, die für die Ejakulation verantwortlich ist.

Wenn Mann oder Frau selbst die weibliche Ejakulation provozieren will, dann gilt es, von klitoralen Berührungen mal abzusehen und den G-Punkt konzentriert zu stimulieren. Dieser sitzt im Vaginalinnenraum in Richtung Bauchdecke. Seine Oberfläche ist, im Gegensatz zum restlichen eher glatten Gewebe der Vagina, geriffelt. Dieser Bereich wird nun zunächst zart gestreichelt und gerieben und dann progressiv im Tempo und in der Intensität forciert traktiert.

Als anleitendes Bewegungsbild wird hier häufig die “Komm-Her-Zeigefinger-Geste” verwendet. So wie man im Klischee ein Kätzlein lockt, wird also der G-Punkt stimuliert. Dadurch produzieren die Skene-Drüsen ihre Flüssigkeit, wodurch sich der G-Punkt wiederum mit dieser Flüssigkeit vollsaugt und groß und drall wird.

Wenn Frau dann loslässt; ja sich hingibt, kann die weibliche Ejakulation ihren freien Lauf nehmen. Das ist für viele ein sehr ungewohntes Gefühl in der Sexualität, da wir sonst, wenn wir auf einen Orgasmus hinsteuern, unsere Muskeln und auch den Beckenboden eher anspannen, um schneller zu kommen. Beim Squirting spielt der Beckenboden zwar auch eine entscheidende Rolle, aber erst wenn es zum Abspritzen kommt. Um das überhaupt zu ermöglichen, muss fFrau sich ent-spannen.

So weit die Theorie-Stunde — und nun zurück zum Seminar.

Volker, mein Liebster, und ich fanden uns also in einem Raum mit rund 20 weiteren Paaren. Ein vorangegangener Theorie-Teil erklärte uns noch mal vieles vom obigen Geschriebenen. Dann kam die Praxis.

Ein junges sympathisches Paar, das sich dem Thema Squirting verschrieben hat und in vielen Seminaren diesbezüglich Aufklärungsarbeit betreibt, führte uns diese “Handwerkskunst” live vor.

Denn ja, das ganze sei eher eine Frage der Mechanik, und so könne garantiert jede Frau squirten. Bei richtiger Ausführung 100%, sagte sie. Naja, 98%, korrigierte er.

Dann ging es ans Eingemachte und so baute sich jedes Paar sein Nest im Raum. Mit wasserabweisenden Laken und extra saugfähigen Handtüchern darunter. Die Schlange vor der Damentoilette war endlos. Sicher ist sicher.

Wir stiegen ein mit tantrischen Verehrungsritualen und schönen vulvastischen Streicheleinheiten.

Ich aber hatte ein wenig Fallen-Lassen-Probleme. Der Raum war so voll mit Menschen und Geräuschen und es war so keinerlei Begegnungsrahmen geschaffen worden. Ich fühlte mich nicht so ganz wohl. Aber ich wollte! Und fiel prompt auf die Fucket-Falle rein.

Als Volker dann begann, seine Finger einzuführen und auf Mission Squirting ging, fehlte mir leider jegliche Romantik.

Und so sehr wir es versuchten – meine Wasser flossen nicht.

Allmählich wurden wir frustriert. Er, da er mich nicht dazu brachte und vorher betont wurde, dass vornehmlich Mann nur die richtige Performance liefern müsse; ich, weil ich mich gezwungen fühlte. Und so rubbelten und stocherten wir noch ein wenig, bis bei mir das letzte Tröpflein Lust vollends über den Jordan gegangen war.

Wir holten uns Hilfe vom Profi. Herr Antasten — so nennt sich der junge Mann, da er in seinem beruflichen Werdegang Sanktionen befürchtet, wenn öffentlich würde, in was für Gefilden er sonst noch arbeitet (WTF!) — stülpte sich also die schwarzen Latexhandschuhe über und kniete sich zu meiner Linken; Volker zu meiner Rechten.

Beide Männer hoben meine Beine an, da es so leichter sei. Dann führte Mann Nummer Zwei seine Finger ein und begann meine Punkte zu lokalisieren.

Er erklärte mir zunächst einmal, dass meine Skene-Drüsen woanders lägen als mein G-Punkt. Nämlich direkt hinter meinem Vaginaleingang. Daher müsse man mit besonders viel Druck diese ansteuern und zum Bersten bringen und so “melken”. Okay.

Was soll ich sagen. Während Herr Antasten sein bestes gab und ich da nackig auf dem Rücken lag mit den Beinen in den Lüften wie ein umgefallener Käfer, und meinem Liebsten und einem Fremden an mir dran, überkam mich ein derart surreales Gefühl.

Meine Güte, durchfuhr es mich, was wir Menschen für lauter seltsame Dinge machen!

Ich stellte mir vor wie Außerirdische das Erdenleben betrachten würden und fing an zu lachen. Ich solle mich entspannen wurde mir gesagt. Gut. Ich gab ehrlich mein Bestes. Dann fühlte ich schon einen großen Druck, aber keine Lust und mich eigentlich wie ein Forschungsobjekt. Kurzum, es klappte wiederum nicht. Wir gaben auf.

Ich ging mit einem ganz seltsamen Gefühl nach Hause. Leider. Ich hatte mich nicht aufgehoben gefühlt. Nicht eingebettet. Und ja tatsächlich auch reduziert. Ich hatte mein Soll nicht erfüllt und Menschen in einem Abfertigungs-Modus in mich eindringen lassen. Wobei dies weniger an dem jungen sympathischen Paar lag, als vielmehr an der aus meiner Sicht zu großen Gruppe mit zu wenig Safe-Space-Creation.

Ich ärgerte mich über mich selbst. Denn eigentlich wollte ich eh auf eigene Faust meine Wasser erkunden. Allein, ungestört und ohne Leistungsdruck.

Nach drei Wochen Karenzzeit, um die Erlebnisse und Gefühle des Workshops zu verarbeiten, tat ich dies auch. Ich nutzte all das gesammelte Wissen, machte es mir schön, ging vorher noch mal pullern und begann mich mit meinem Kristalldildo zu befriedigen, der aufgrund seiner Härte gut dafür geeignet ist, wenn frau mit den Fingern nicht oder nur mit Krampf an die interessanten Stellen heran kommt.

Und so massierte, umkreiste und penetrierte ich meine G-Fläche mit Wohlwollen und die Lust ließ auch nicht lange auf sich warten. Ich hielt mich alsgleich an das angezogene Tempo, machte meinen Kiefer und Beckenboden locker.

Ich kam laut und stark. Schwindelig und zufrieden schaute ich auf das Handtuch zwischen meinen Beinen. Wieder hatte keine Flüssigkeit meinen Körper verlassen. Well well, dachte ich. Und musste dann doch gleich sehr stark wieder auf die Toilette.

Ich dachte an die invertige Ejakulation, von der mir berichtet wurde. Dann bemerkte ich die klebrige milchige Flüssigkeit an meinem Kristalldildo. Und dachte an die Abgrenzung vom Squirting zur weiblichen Ejakulation laut der Sexualtherapeutin.

Hm, dachte ich. Gesquirtet oder nicht gesquirtet? Oder vielleicht eher ejakuliert?

Aaaach, wen juckt’s. Spaß hat‘s gemacht. Und das ist doch die Hauptsache.

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Titelbild via Unsplash

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  1. Ich bin Mann. Ich kann bestätigen, dass das Phänomen vorkommt. Bei meiner Ex aus Nigeria war es auf einmal unter uns nass, obwohl ich noch nicht fertig war, und auch mein Kondom – wir wollten damals kein Baby – noch fest saß. Als nächstes prüfte ich, ob Urin-Geruch da war. Es war *keiner* da. Ich musste mir dann einen abwichsen, weil ihr jede weitere Berührung unangenehm war.

    Sie hatte mich nur halb ins Bett gelassen, wodurch vermutlich ihr Hüftgelenk ganz leicht überstreckt war und der besagte Punkt stimuliert wurde.

    Vermutlich sehr wichtige weitere Ursache ist, dass wir damals große Liebe füreinander empfanden.

    Ich hoffe, dass diese Informationen interessant sind.

    Gesellschaftlich betreffend ihre Herkunft-Gegend ist anzumerken:

    Während Teile Westafrikas radikalislamisch sind, ist es aber in anderen Gegenden, als wären die matriarchalen Zeiten erst gestern zu Ende gegangen.

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