Sollten wir noch Feminist*innen sein? Der Schnelltest

Am 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, feiern wir die Frauen, weil sie Frauen sind. Feiern können wir aber auch all die Errungenschaften, die die feministischen Bewegungen hier und überall erkämpft haben.

Es gibt allerdings auch gute Gründe, weiter für uns und alle zu kämpfen, denn auf dem Müllberg der Geschichte liegen das Patriarchat (und leider viele andere Diskriminierungen) noch lange nicht.

Wir alle sind als Feminist*innen die besseren Menschen.

Nicht weil Frauen die besseren Menschen sind. Sondern weil Gerechtigkeit geil ist. Hast du dich schon mal gefragt, ob du Feminist*in bist? Oder glaubst du, wir seien bereits alle frei und gleich und Feminist*innen wären unverbesserliche Männerhasser*innen?

„I call myself a feminist when people ask me if I am, and of course I am ’cause it’s about equality, so I hope everyone is. You know you’re working in a patriarchal society when the word ‚feminist‘ has a weird connotation.“

– Ellen Page

Mach den Feminismus-Schnelltest!

Diese Reise durch feministische Errungenschaften ist gleichzeitig ein Schnelltest für Männer und Frauen und eine Erinnerung, warum Feminismus für alle immer schon geil war und leider geil bleibt!

1. Trägst du gern Hosen?

Jeans und Leggings sind viel gemütlicher als aufwändige Röcke und einzwängende Korsetts. Kaum vorstellbar, dass Frauen erst seit knapp 100 Jahren Hosen tragen. Schön, dass wir in der Kleiderwahl heute freier sind und dabei meistens aus den verschiedensten Stilen und Nuancen wählen können.

Natürlich ist freier hier noch nicht ganz frei: An viel zu vielen Stellen werden Frauen auch heute noch auf ihr Aussehen reduziert und damit zum sexuellen Objekt degradiert. Damit stehen wir auch ständig unter massivem Druck, gut, frisch und jung auszusehen.

Hier gilt es klare Kante zu zeigen: Mach den Mund bei sexistischen Kommentaren oder Werbung auf und pfeif einfach mal auf „Schönsein“: Jogginghosen, keine Schminke, kein BH – geht immer, fühlt sich prima an!

Werbung

Contentbanner rechts 3 (neue wege)

Contentbanner rechts 2 (bitonic)

2. Liebst du, wen du willst?

Es war jahrhundertelang über alle Klassen hinweg total üblich, dass Ehemänner von den Eltern ausgesucht wurden. Die Ehe war vor allem als ökonomische Zweckgemeinschaft gedacht, in denen Frauen wenig bis gar nichts zu melden hatten.

Liebe, Sympathie oder gar sexuelle Neigungen spielten dabei keine Rolle. Dumm, wenn der eigene Ehemann ein Vollpfosten ist oder dich schlägt oder trinkt. Während Männer sich Seitensprünge leisten und die Scheidung einreichen konnten, ohne groß Schaden zu nehmen, wurden Frauen dadurch bis vor kurzem noch ins gesellschaftliche Aus katapultiert. 

Heute können wir, müssen aber nicht heiraten; wir dürfen uns wieder scheiden lassen und lieben, wen wir wollen. Dabei gibt es aber immer noch Grenzen: Gängige Stereotype über Rabenmütter, Karrierefrauen und Schlampen zeigen, dass Frauen außerhalb von Herd und Heirat es immer wieder schwer haben. Darüber hinaus stehen gerade bi- und homosexuelle Menschen noch vielen Diskriminierungen gegenüber und müssen für ihr Recht auf ihre Liebe und Sexualität kämpfen.

3. Hast du deine Familienplanung selbst in der Hand?

Meine Großmutter hatte in den 1950er und 1960er Jahren auf dem Land noch keinen freien Zugang zu Verhütungsmitteln und konnte so, heftigst verliebt und verheiratet, nicht entscheiden, wann sie Kinder bekommen will. Wenn sie heute darüber redet, dann steigen ihr die Tränen in die Augen. Es waren sechs geliebte Kinder, aber für sie war eben nicht mal ein Schulabschluss drin.

Pille, Kondome & Co haben zu einer enormen Veränderung der Stellung von Frauen geführt. Sex bedeutet nicht mehr die Gefahr, sich von einem Mann emotional und finanziell abhängig zu machen oder krank zu werden. Wir sind besser vor ungewollten Schwangerschaften oder Krankheiten geschützt als je zuvor. Dennoch bleibt es ein großes Ärgernis, dass fast alle Verhütungsmethoden Eingriffe am weiblichen Körper bedeuten.

Männliche Körper werden in der Reproduktionsmedizin nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Was sehr wahrscheinlich an einer männlich dominierten Medizinwelt liegt. Dabei ist die weibliche Reproduktion viel komplexer und so gäbe es bei Männern potenziell viele Möglichkeiten: Wann verdammt gibt es die Pille für den Mann?!?

4. Kannst du dir selbst einen Job suchen?

Wäre ich lieber Hairstylistin, Baggerfahrerin, Soziologin, Soldatin oder Chirurgin? Heute können Frauen (fast) jeden Beruf ergreifen. Zumindest in der Theorie; natürlich spielen auch hier Bildungsgrad, Familienhintergrund, Hautfarbe und Klasse eine Rolle. Aber wusstest du, dass es in Deutschland bis 1977 der Zustimmung des Ehemannes oder Vaters bedurfte, damit eine Frau arbeiten gehen durfte und dass Frauen bis 1957 kein eigenes Konto eröffnen konnten?

Erst seit wenigen Jahrzehnten ist in unseren Breitengraden Bildung unabhängig von Geschlecht möglich, wobei Mädchen immer noch viel zu oft der Sinn für Mathe und Technik abgesprochen wird. Obwohl wir heute mehr weibliche als männliche Uniabsolvent*innen haben, ist ein Großteil der Professuren männlich besetzt, genau wie Managerposten.

Die jährlichen Aktionen zum „Gender Pay Gap“ verdeutlichen, dass Frauen im Schnitt bis zu 21% weniger verdienen. Hinzu kommt, dass Berufe, in denen Frauen vorrangig arbeiten (z.B. Sozialarbeiter*innen, Pflegekräfte, Putzfrauen), schlechter bezahlt werden. Warum bekommt eine Erzieherin nur einen Bruchteil vom Gehalt eines Bankmanagers und wer von beiden übt die gesellschaftlich sinnvollere Aufgabe aus? Und warum nehmen sich wenige Väter Auszeiten für die Familie?

5. Darfst du wählen gehen?

Der ist für alle, die glauben, Feminismus sei von vorvorgestern. Hast du dich schon mal gefragt, wie das Wahlrecht auch an Frauen ging? Weil man es für vernünftig und fair hielt? Von wegen! Mutige und entschlossene Feminist*innen haben hart dafür gekämpft, teilweise sogar mit Gewalt.

Angeführt von den Suffragetten in England und den USA wurde das Wahlrecht in den westlichen Ländern Stück für Stück zu einem allgemeinen Wahlrecht. Frauen dürfen in Deutschland und Österreich seit 1918 wählen und in der Schweiz bundesweit sogar erst seit 1971 (der letzte Kanton folgte 1990!).

Politische Mitbestimmung fängt beim Wahlrecht an und ist ein grundlegender Faktor für Gleichberechtigung. Doch Frauen (und damit auch ihre Perspektiven und Anliegen) sind heute immer noch in der Politik unterrepräsentiert.

Frauen wird außerdem weniger gut zugehört, sie werden öfter unterbrochen und gerade in beruflichen Kontexten werden Ideen und Impulse von Frauen geklaut und erst als fantastisch befunden, wenn sie aus dem Mund eines Mannes kommen. Kennt ihr, ne? Widerstand gegen Mackertum fängt daher in diesen vielen kleinen Alltagssituationen an und reicht bis in die höchsten Ebenen von Politik und Wirtschaft.

6. Bist du gerne mal die starke Heldin oder der Drama-King?

In der Kultserie „Mad Men“ dürfen Männer noch echte Männer mit Whiskeyglas sein und Frauen meistens als sexy gestyltes Deko-Objekt am Bildrand auftauchen und das Eis auffüllen. Die Serie deckt diese absurden Geschlechterrollen auf geniale Weise auf. Wir leben zwar nicht mehr in den 60ern, aber viele unserer Vorstellungen davon, was Männer und Frauen sein und tun sollen und was nicht, gibt es heute noch.

Diese Rollenbilder üben massiven Druck auf uns alle aus, unter dem aus meiner Erfahrung Männer inzwischen fast mehr leiden. Warum kichern und weinen Männer so wenig und warum trauen sich so wenige Frauen zu, eine Bohrmaschine zu bedienen? Warum gelten die einen als schön und die anderen als stark? Vielleicht fühlst du dich auch einfach gar nicht unbedingt immer ganz nur als Frau oder nur als Mann, sondern eher dazwischen?

Unsere Gesellschaft kennt leider nur zwei Geschlechter und damit verbundene beschränkte Rollen, Charaktere und Eigenschaften. Wann immer es geht: Hinterfrage vergeschlechtlichte Rollenbilder und brich sie auf: Mach sofort einen Kettensägenführerschein („sie“) oder eine Yogalehrerausbildung („er“)! Wer weiß, wozu das noch nützlich sein wird…

7. Heißt Nein wirklich Nein?

Leider bleiben viele sexuelle Übergriffe auch heute noch straffrei. Missbrauch, emotionale und verbale Übergriffe sowie Vergewaltigung werden oft aus Scham nicht angezeigt oder nicht weiter verfolgt oder bestraft.

Aber wir haben inzwischen ein besseres Klima, um über solche schambesetzten Themen zu sprechen und um die Täter (meistens Männer) zur Verantwortung zu ziehen. Dies ist eine Errungenschaft feministischer Kämpfe, die unter anderem dafür gesorgt haben, dass 1997 (!!) Vergewaltigung in der Ehe zu einem Straftatbestand wurde.

„No means no!“, #metoo, #aufschrei und viele andere Kampagnen der letzten Jahre haben mutig gezeigt, dass sexuelle Diskriminierungen und Übergriffe leider immer noch zum Alltag vieler Frauen gehören. Noch heute wird jede dritte Frau in Europa mindestens einmal in ihrem Leben Opfer eines sexuellen oder körperlichen Übergriffs. Dabei ist jede Einzelne zu viel!

Solange es noch Menschen gibt, die Frauen und Mädchen so behandeln und so lange angezweifelt wird, ob ein Nein wirklich Nein meint, bleibe ich radikale und wütende Feministin. Und ich wünsche mir, dass wirklich niemand diesen Zustand akzeptieren kann und jeder für den gegenseitigen Respekt kämpft, den wir alle verdient haben.

8. Liebst du deine Muschi oder deinen Penis?

Solltest du. Egal, was dir andere bisher erzählt haben und welche schlimmen Schamgeschichten damit verbunden sind. Jahrhundertelang wurden die weiblichen Geschlechtsorgane verteufelt und Angst und Schrecken vor ihren sexuellen Energien verbreitet. Noch heute werden Mädchen an ihren Vulven, insbesondere an der Klitoris verstümmelt, weil ihnen kein Recht auf sexuelle Lust zugesprochen wird.

Es wundert daher nicht, dass viele Frauen ein eher zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Körper und vor allem zu ihren wunderbar einzigartigen Vaginas und Vulven haben. Dies zeigt der neuartige Trend, sich an der Vulva chirurgisch zu „verschönern“. Aber Muschis sind gerade deshalb so schön, weil sie immer anders aussehen!

Männer leiden unter einem ähnlich nervigen Druck: Groß, größer und standhafter sollen sie sein und wer „seinen Mann nicht stehen kann“, muss sich gleich als Verlierer fühlen. Ich frage mich, wie wir erfüllte Sexualität leben sollen, wenn wir mit so viel Scham und Komplexen terrorisiert werden.

Feminist*innen kämpfen daher für mehr Toleranz und eine Vielfalt von Körperbildern, die abseits von normativen Schönheitsidealen funktionieren und uns viel glücklicher machen werden. Alle dürfen sich schön und sexy fühlen!

Auswertung Schnelltest: Herzlichen Glückwunsch zum Feminismus!

Wenn du auch nur eine dieser Fragen mit Ja! beantworten konntest, dann bist du quasi schon Feminist*in – herzlichen Glückwunsch!

Wie du siehst, gibt es viele gute Gründe, die feministischen Errungenschaften zu feiern, die von unten erkämpft worden sind und die uns heute ein freieres und selbstbestimmteres Leben ermöglichen.

Gleichzeitig sind wir noch weit davon entfernt, wirklich frei von Geschlechterzwängen zu sein – als Männer und als Frauen.

Der Weg dorthin ist nicht leicht. Denn es wird nicht reichen, sich ein „I am a Feminist“-Shirt anzuziehen, das von Schwestern aus Bangladesch in Sweat-Shops genäht wurde. Hilfreicher wäre hier wahrscheinlich eine Soli-Kampagne für bessere Arbeitsbedingungen und einen Kampf für eine gerechtere Weltwirtschaft, die ein würdiges Leben auch in anderen Ländern möglich macht.

Denn alle diese hier beschriebenen Errungenschaften gelten nicht für jede Frau, sondern sind abhängig davon, wo die Frauen leben, wen sie lieben, welche Hautfarbe oder welche Bildung sie haben und wie viel sie verdienen. Feminismus heute hat das immer im Blick und sieht alle Frauen – so unterschiedlich sie sein mögen.

Ebenso sind feministische Ziele auch für Männer eine Befreiung von Ansprüchen, Erfolgsdenken und Machokultur. Daher bleibt kämpferisch, solidarisch und feministisch – bis wir alle frei sind!

LOVE!

Janna

Workshop-Tipp: Yoga for Female Empowerment

Im April und September gibt es wieder vier feministische Yogaworkshops mit Janna in Berlin. Die Workshops können als Ganzes oder einzeln bei Peace Yoga gebucht werden.

Jannas Lieblings-Feminismus-Bücher

Titelbild © Vlad Tchompalov via Unsplash

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links, das heißt wir verdienen eine kleine Provision, falls du ein Produkt kaufst und FLGH kann für dich kostenlos bleiben.

Das könnte dich auch interessieren:

5 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Ein – wiedereinmal – toller Artikel, der einem auf lustige Weise ein großes Thema nahebringt. Ja, ich bin auch eine Feministin :-) Es erschreckt mich immer wieder, wie hart Frauen um ganz normale Sachen kämpfen mussten wie Hosen tragen oder wählen gehen. Und fast noch schlimmer finde ich es, dass es in der heutigen Zeit immer noch nötig ist um Dinge zu kämpfen wie zum Beispiel gleiches Geld für gleiche Arbeit. Ich und mein Mann versuchen unseren Teil beizutragen indem wir ein gutes Vorbild für unsere beiden Jungs abgeben und ich hoffe sie werden unsere Werte später weitertragen.

    LG
    Angie
    http://www.umgekrempelt.at

    PS: ich liebe eure Site und stöbere regelmäßig drin. Ich finde wirklich immer etwas, das mich total interessiert und lerne viel neues :-) Weiter so.

    1. Vielen Dank liebe Angelika für deinen Kommentar und deine Ermutigung! Und ja, voll, wir können alle schauen, was wir bei uns auch im Kleinen anders machen können. Umso wichtiger, mit Männern zu kooperieren, um Gleichberechtigung möglich zu machen und auch den neuen Männern ein Vorbild sein. Als Mutter ist das nochmal eine besondere Herausforderung. Viel Erfolg und Spaß dir damit!
      Liebst,
      Janna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*