Schreib dein Leben um! Wie du mit Rückschlägen umzugehen lernst

Vor Kurzem bin ich durch eine Prüfung gerasselt, die mir sehr wichtig war. 

Obwohl ich wusste, dass die meisten beim ersten Versuch durchfallen, war ich fast sicher gewesen, bestanden zu haben. Ich hatte gebüffelt, ich hatte geübt, ich hatte eine Lerngruppe und einen strengen Mentor und war geradezu euphorisch aus dem praktischen Teil gekommen. Zwei Tage später hockte ich über den Ergebnissen und verstand die Welt nicht mehr. Needs improvement stand da in dicken Lettern.

Die nächsten Tage und Wochen erlebte ich gespalten. 

Betroffenheit und Unverständnis bei Kolleg*innen, das Mitgefühl meines Mentors, die lieb gemeinten „Kopf hoch“-Sprüche von Freund*innen und Familie taten gut. Nach außen versuchte ich die flexible Yogini zu sein, die die Turbulenzen des Lebens gleichmütig hinnimmt und sich Corona-gestählt in Akzeptanz, innerer Einsicht und Durchhaltevermögen übt. Es gab bestimmt auch handfeste Gründe, warum sie mich nicht hatten bestehen lassen. Aber innerlich war ich untröstlich. Ich zweifelte an mir und meinem Weg.

Als Corona mir die gerade aufblühende berufliche Existenz zerschoss, hatte ich mich nicht unterkriegen lassen, hatte ratzfatz alles auf online umgestellt, neue Formate entwickelt, die Zeit für Fortbildungen und Schreiben genutzt und war dankbar für die Technik, die mir meine Lieblingslehrer*innen aus der ganzen Welt neuerdings auf den Wohnzimmerteppich zoomte. 

Für diese Prüfung hatte ich mich angemeldet, um während der strukturlosen, unabsehbar langen Coronazeit ein Ziel zu haben, auf das ich hinarbeiten konnte. Der Titel, der auf der anderen Seite winkte, würde mir Türen öffnen. Ich hoffte auf Anerkennung, Zugehörigkeit, neue Chancen, überhaupt irgendwelche Chancen in einer Gemeinschaft, in der das Bestehen dieser Prüfung mit einem Platz in der Hierarchie verbunden war. Aber das bliebe mir nun alles verwehrt. Dachte ich. 

Und dann traf ich nach 20 Jahren meinen Ex-Freund wieder, meine erste Liebe aus Schulzeiten. Wir erzählten uns unsere Leben – so ehrlich, wie man nur jemandem gegenüber sein kann, vor dem man sich nicht verstecken muss, den man nicht gewinnen muss, weil man sich gegenseitig schon mal ein ganzes Leben versprochen hat und es doch anders kam. Nach meiner pointenreichen Erzählung sagte er: „Sarah, ich bin beeindruckt! Du hast ganz schön viele Rückschläge erlebt. Und das obwohl dir zu Schulzeiten alle ein glattes, ‚erfolgreiches‘ Leben vorausgesagt haben.“ 

„Stimmt! Ich bin geradezu die queen of setbacks.” 

Das Wort übrigens, das mir im mündlichen Examen an meiner Pariser Uni partout nicht mehr einfiel, war „peur d’echec“, Versagensangst. Da hatte sich meine überraschend hohe Rückschlagquote offensichtlich schon in mein Sprachzentrum eingebrannt. “Aber wieso beeindruckt dich das?“ „Weil du den Spieß rumgedreht hast. So wie du es mir gerade erzählt hast, waren die Erlebnisse, die andere als Scheitern verbucht hätten, wichtige Wendepunkte in deinem Leben. Meilensteine, die dich eine andere Richtung haben einschlagen lassen als den offensichtlichen, scheinbar vorgezeichneten Weg. Nur deshalb bist du jetzt du, diese außergewöhnliche Frau mit den vielen Leben in den vielen, sehr verschiedenen Welten, die sich unsere alten Schulfreund*innen nicht mal in ihren kühnsten Träumen ausmalen könnten.“ 

Ok, jetzt wollte er mir vielleicht etwas schmeicheln, aber in einem Punkt hatte er recht: Ich war nicht wie erwartet zu einer dieser Frauen geworden, die auf Facebook ein life event nach dem anderen abhaken: Uni, Job, Hochzeit, Promotion, besserer Job, Kind, noch ein Kind, Haus, Boot, Pferd, Seitensprung, Scheidung – ach nee, das gehört ja nicht in diese Reihe. 

Meine timeline strahlt und funkelt gerade deshalb so bunt, weil sie in keine Schablone passt. 

Es hat Kraft gekostet und gedauert, aber heute verstehe ich mich wirklich als Autorin meines eigenen Lebens und versuche alle Erlebnisse und Begegnungen – egal ob „gut“ oder „schlecht“ – erstmal als Bausteine zu sehen, aus denen ich eine für mich stimmige Erzählung basteln kann. 

Das heißt nicht, dass es in meiner Version meines Lebens nur „Erfolge“ gibt oder dass die Wünsche und Visionen, die ich für meine Zukunft habe, nicht insgeheim doch von Vorstellungen geprägt sind, die die Gesellschaft oder die Gemeinschaft von Menschen, der ich mich gerade zugehörig fühle, als „normal“ und „gesund“ betrachten. Das heißt auch nicht, dass ich wüsste, wie man locker Enttäuschungen wegsteckt. Aufstehen, Krönchen richten, weitergehenist außerhalb von Instagram nämlich doch nicht so einfach. Das haben spätestens seit Corona sogar die Life-Event-Performer*innen zu spüren bekommen.

 Wenn ich mir schon einen Kalenderspruch tätowieren lassen würde, dann eher diesen:

„Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide zu werden.“– C.G. Jung

Der alte Jung wusste, wovon er spricht, denn er selbst hatte in seinem Leben nicht wenige Rückschläge zu verkraften, inklusive dem öffentlichen Bruch mit seinem Lehrer und Freund Sigmund Freud. Bezeichnenderweise ist dieses Zitat auch mein allererster Instagram-Post, sozusagen der Grundstein der visuellen Erzählung meines Yogawegs. Tatsächlich hatte meine erste Liebe einen wahren, manchmal noch wunden Punkt getroffen: 

Die vielen Rückschläge in meinem Leben haben mich gelehrt, die Worte „Erfolg“ und „Scheitern“ für mich neu zu definieren.

Sicher, ohne Staatsexamen kann man keine Richterin werden. Ohne Doktor keine Karriere in der Wissenschaft machen. Auch in der Yogawelt sind Zertifikate wichtig, weil sie bescheinigen, dass jemand eine Ausbildung in einer bestimmten Tradition absolviert hat und sich (hoffentlich) intensiv und lange mit der Materie beschäftigt hat. Das gibt Schüler*innen, Kolleg*innen und Studiobesitzer*innen einen ersten Anhaltspunkt über die Qualifikation des Lehrenden. Gerade wir Deutschen lieben unsere Zeugnisse, auch wenn wir sie uns nicht an die Wand hängen wie die Amis. Dort wie hier ist der Zugang zu bestimmten Feldern und Positionen nur mit einem Diplom und dem dazugehörigen Habitus möglich.

Das heißt aber noch lange nicht, dass eine biegsame Strandschönheit mit einem dutzend Diplomen und zig-tausend Followern wirklich eine gute Yogalehrerin ist. 

Und eine nicht bestandene Prüfung, eine geschiedene Ehe, eine abgebrochene Karriereleiter sind nicht das Ende der Welt. 

Wer sagt denn, dass der als Freud-Nachfolger „gescheiterte“ C.G. Jung nicht eine eigene Tradition der analytischen Psychologie begründen kann und mit seiner Traumforschung bis heute Hippies, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen gleichermaßen beeinflusst? Oder dass eine „gescheiterte“ Richterin nicht allen Ehrgeiz und Intelligenz in die Forschung stecken kann und wenige Jahre später die erste weibliche Professorin in ihrem Feld in Deutschland wird? So ging es jedenfalls einer meiner Bekannten. Und wer zum Teufel sagt überhaupt, dass man erst etwas „werden“ muss? „Einfach sein“ ist schon schwer genug, sagt mein erster Yin-Yoga-Lehrer Biff Mitthoefer. 

Ja, es tut weh, abgelehnt zu werden, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen oder Anstrengung, Wissen und Können nicht gesehen und belohnt werden. 

Und es ist auch okay, traurig darüber zu sein. Oder wütend. Oder verzweifelt. Weil das „einfach sein“ mit diesen Gefühlen nicht so easy ist, habe ich gelernt, in diesen Phasen freundlicher mit mir selbst zu sein: 

Anstatt gleich dem „Denen zeige ich es“-Impuls zu folgen und mit Ehrgeiz und Fleiß und Durchhaltevermögen zum zehnten Mal den Kopf gegen eine Tür zu knallen, die sich nicht mit Gewalt öffnen wird, mache ich in der Trauerphase nun all die Dinge, die mir gut tun oder die ich immer schon mal machen wollte. Ich gönne mir die Belohnung, die ich mir für die bestandene Prüfung schenken wollte, erst recht.

In diesen Momenten freundlich zu mir zu sein, heißt nicht aufzugeben, sondern für mich selbst zu sorgen, als wäre ich das erkältete Kind, das Wadenwickel braucht und eine Gute-Nacht-Geschichte. Wichtig ist meiner Erfahrung nach nur, sich irgendwann mit kühlem Kopf und mitfühlendem Herzen – und vielleicht auch mit Freund*innen, Coaches und Therapeut*innen an der Seite – genau anzuschauen, was passiert ist und warum. 

Dann kannst du entscheiden, wie du das Ganze bewertest, welchen Weg du danach einschlägst und welche Erzählung du selbst daraus baust.

 Die timeline meiner beruflichen Rückschläge kann ich nämlich auch so erzählen: Ohne die Zeitungskrise und die Aussicht, niemals vom Schreiben leben zu können wäre ich nie zum Yoga und zur Meditation gekommen. Ohne den frustrierenden Job bei der Bank hätte ich kein Geld für die teure Jivamukti-Ausbildung gehabt. Und ohne das (heimlich herbeigesehnte) Ende des Bankjobs hätte ich sie nie wirklich gemacht. Ohne die (abgebrochene) TV-„Karriere“ wüsste ich jetzt nicht, wie man professionell Yoga-Videos produziert. Ohne meine (bisher unveröffentlichten) Erzählungen würde ich mich nie trauen „Yoga & Schreiben“-Retreats zu leiten. Ohne den (gekündigten) Job im Architekturbüro wäre ich nie auf die Idee zu meinem Bauhaus-Yoga-Formaten gekommen. Ohne Corona hätte ich nie so viel Zeit für Schreiben und self practice gehabt. And the story goes on …

Nach dem Treffen mit meiner ersten Liebe saß ich wieder über meinen Yin-Yogabüchern. Ich dachte an den Tag der vermaledeiten Prüfung und erinnerte mich an die Bekannte, neben der ich während der letzten, heißen Lernphase täglich meditiert hatte. Als ich mich nach der Prüfung geschafft, aber glücklich zu ihr setzte, hatte sie auf einem veganen Muffin eine Kerze angezündet. Sie hatte Konfetti geworfen und mich (trotz Abstandsregeln) fest umarmt. „Applaus, Applaus! Ich bin mir sicher, dass Du heute morgen alle umgehauen hast“ stand auf ihrer Karte. Dabei wussten wir doch noch gar nicht, ob ich bestanden hatte. „Das ist total egal, Sarah! Allein dass du dich getraut hast, dich dieser Prüfung zu stellen, dass du gebüffelt hast wie in der Schule, innere Widerstände überwunden, Lampenfieber gebändigt, dein Bestes gegeben, so viel commitment, so viel Hirnschmalz, so viel Durchhaltevermögen! Und das alles parallel zu einer dritten anspruchsvollen Yogalehrerausbildung in Vollzeit! DAS ist Erfolg! Ich wäre so stolz an deiner Stelle!“ Sie hatte recht!

 “Needs improvement” hatte ja auch auf dem Zettel gestanden. Nicht “failed”! 

Nur irgendwie hatte ich diese Version der Geschichte zeitweise aus meinem Gedächtnis gelöscht. Das verrutschte Prinzessinnen-Krönchen musste mir aufs Gehirn gedrückt und meinem Selbstwert eine Delle verpasst haben. Aber diese Frau, die mich erst seit zehn Tagen kannte, hatte mich gesehen und anerkannt, was ich da eigentlich geleistet hatte. Egal ob das nun mit einem Titel belohnt würde oder nicht. 

Mein Blick fiel auf das Lesezeichen in dem Yin Yoga-Buch, aus dem wir damals zusammen gelernt hatten: Eine Postkarte, die ich aus Plum Village, dem buddhistischen Zentrum von Thich Nhat Hanh in Frankreich, mitgebracht hatte: „Run like a river.“ Genau wie fließendes Wasser würde ich es machen: Nicht mit Wucht gegen die Felsen prasseln, sondern geschmeidig daran vorbei gleiten. Steter Tropfen… 

Und die Prüfung kann ich ja irgendwann wiederholen – oder auch nicht. Das liegt allein daran, wie ich meine Lebensgeschichte weiter erzählen möchte.

Titelbild © Sarah Elsing

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  1. Ich hatte schon so einige Rückschläge und Tiefpunkte in meinem Leben. Habe mich immer wieder aufgerappelt nach dem Motto “Aufstehen, Krone richten, weiter machen” Dein Artikel ist sehr Interessant, werde mich die Tage mal durch deinen Blog wühlen.

    Liebe Grüße,
    Michaela Schankweiler

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