Original Tantra #9: Svātantrya oder die Kunst, Freiheit zu finden

Ich hatte erst einen ganz anderen Artikel geschrieben. Ich war zu der Zeit beseelt, ohne jeden Grund, vielleicht high on god, wegen der ganzen tantrischen Rituale, die ich da so praktiziere. Mein Leben war im absoluten Flow. Ich fühlte mich so glücklich wie auf einem Wattebausch. Und fühlte mich soooooo frei. 

Dann kam COVID-19. Die Wegbegleiter der eskalationsaffinen Corona-Scheißerchen waren Existenzängste.

Es folgte der Verlust meines Einkommens aus dem Yoga-Business und das ohne die Möglichkeit, Hilfe zu beantragen, denn es gab ja noch den anderen Job. Und in diesem Job arbeitete ich auf einmal wie blöd, denn es ging – wie vermutlich bei jedem*r – drunter und drüber.

Das Ganze reichte aber nicht: Meine Schilddrüsenwerte waren so dramatisch in der Überfunktion, dass die Ärzt*innen sich wunderten, dass ich noch nicht zusammengeklappt bin. Zusätzlich zu den wöchentlichen Praxis Visiten besuchte mich dann noch etwas anderes: alte Gefühle von Angst. Von Verlassen Werden. 

All die zwischenmenschlichen Muster und Traumata klopften gleichzeitig an der Tür und verlangten Einlass.

Ob ich mit ihnen durch bin? Nein. Aber ich denke, die vergangenen Wochen waren einige der lehrreichsten in meinem Leben. Ich habe sehr viel reflektiert und kontempliert. Über Freiheit. Was Freiheit mit Disziplin zu tun hat. Was freie Entscheidungen ausmachen. Und was Tantra zur Freiheit sagt.

Ich könnte dir jetzt endlos Textstellen zitieren, aber ich möchte die Sätze mit dir teilen, die so klar und treffend sind, dass sie direkt in mein Herzen landeten. Als ich zu Vorbereitung eines Vortages zur Freiheit recherchierte, stieß ich auf folgenden Satz:

„Die spirituelle Kategorie der Freiheit (svātantrya), die sowohl beinhaltet, im eigenen Selbst gegründet zu sein, als auch die völlige Einheit mit der göttlichen Freiheit (denn nur das Göttliche ist frei), bringt diese Tradition sehr nah zur Suche heutiger Menschen nach wahrer Freiheit. (…) In sich selbst gegründet zu sein, ohne etwas aufzugeben, oder irgendetwas in Besitz zu nehmen, das scheint ein vollkommen passiver Zustand zu sein, aber tatsächlich enthält er das ganze Potenzial der spirituellen Dynamik.“ – Bettina Sharada Bäumer 

Zu finden in dem Buch mit dem reißerischen Titel: Trika – Grundthemen des Kaschmirischen Shivaismusvon Bettina Sharada Bäumer und Ernst Fürlinger. Aber, hell yes, hat der Satz mich ins Herz getroffen! Kennst du das, wenn dich Sätze, Worte, Begriffe nicht mehr loslassen? Und du gar nicht anders kannst, als sehr tief in die Selbstreflektion, im Tantrischen ātma viccara, genannt, einzutauchen?

„Ich hätte gern zwei Mal jemanden der Schuld ist, danke!“

Ich begann also nachzudenken und nachzulesen. Was heißt das, das Göttliche ist frei? Nun, Tantra ist immer wieder immens herausfordernd. So auch der Freiheitsbegriff. Das Göttliche entfaltet sich spontan, frei und durchaus nicht immer so, dass es für uns einen Sinn ergeben muss. Lass das einmal sacken. 

Das Universum schickt dir genau das, was du brauchst? Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht.

Denn die Welt und das Leben entfalten sich spielerisch und eben: vollkommen frei, auch wenn so etwas wie Anziehung existiert. Schon damals war das ein extrem revolutionärer Gedanke, in einem Land mit Kastensystem und es wo es auch im Glauben nach strikten Regeln zuging. 

Für uns Menschen ist diese spontane, spielerische Freiheit, die nicht unbedingt einen Sinn ergibt, schwer zu verstehen.

Das können wir momentan zum Beispiel sehr gut beobachten: Es ist sehr viel tröstlicher, Schuldige zu identifizieren, als zu akzeptieren, dass das Chaos zum Universum gehört. 

Kennst du den Begriff Ententest? In der Wissenschaft bezeichnet man dazu folgendes: Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente. COVID-19 könnte also einfach ein Virus, eine Pandemie sein, genauso wie die anderen Pandemien, die die Erde in den letzten Jahrhunderten heimsuchten. So einfach diese Annahme sich anhören mag, so schwer fällt Menschen aber die Umsetzung. Vor allem wenn das Leben, wie wir es kennen, endet. 

Dann ist es tröstlicher zu glauben, in einem geheimen Labor unter dem Central Park haben Bill Gates und seine satanischen Kohorten sich zusammengeschlossen, um aus Kindern den Corona-Virus samt Impfstoff zu züchten, damit sie uns Chips einzupflanzen und die Welt zu beherrschen können. Oder so ähnlich. 

Schon in meinem Rechtssoziologie-Examen über Verschwörung und Geheimbündelei damals an der Uni konnte ich in der Forschung sehen: Über die Jahrhunderte hinweg gab es immer genau die gleiche Reaktion bei Menschen, die sich von etwas Ungewissem, nicht zu Verstehendem bedroht gefühlt haben: 

Menschen suchen sich Schuldige und schaffen damit Ordnung im Chaos. Diese Ordnung gibt Orientierung und ein Gefühl von Sicherheit.

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Die Akzeptanz hingegen, dass das Göttliche, das hinter den Dingen steckt und aus dem die manifeste Welt besteht, komplett frei und damit eben auch Chaos ist, kann sehr herausfordernd sein, wenn wir uns mit Tantra beschäftigen. Wir haben es nämlich eigentlich lieber geordnet. Es lohnt sich aber, denn spinnen wir es mal weiter. 

Wenn es keine strafende und belohnende Hand, keinen Papi-Gott im Himmel gibt, dann gibt es unendlich viele Möglichkeiten, unendlich Potenzial. Du kannst das, was passiert, nicht bestimmen, aber du kannst dich darauf einlassen, spielerisch und frei mit dem Chaos zu tanzen.

Die Freiheit in dir

Wie finde ich aber die Fähigkeit in mir, mich auf diesen Tanz einzulassen? In meinem Artikel zu den fünf Śaktis habe ich es schon einmal angerissen: Die Meta-Śakti, Svātantrya Śakti, durchdringt alles. Und damit auch dich. Aber wie bitte finden wir diese Freiheit in uns wieder? Und was soll das bedeuten: in sich selbst gegründet frei zu sein? 

Leider oder Gott sei Dank bin ich nicht allwissend und daher kann ich es nur für mich sagen: Es beschreibt genau den Prozess, den ich die letzten Monate durchlaufen habe. Das ganze alte Mustergesocks stand wieder vor der Tür meines Herzens und begehrte Einlass. Ich ließ meine alten Wegkumpanen hinein. Hörte zu, aber sagte mir selbst: „Diese Gedanken und diese Emotionen glaubst du nicht. Sie sind sehr alt und haben nichts, aber rein gar nichts mit der aktuellen Situation zu tun. Du kannst sie willkommen heißen, aber nicht glauben.“ 

Das war für eine emotionale Drama-Queen wie mich, neben der selbst Britney Spears zu Hochzeiten als geistig stabil erscheint, eine enorme Entwicklung. Und es wurde noch besser. 

Ich schaffte es auch, mich anders zu verhalten. Wie das ging? Reine Disziplin!

Ich habe ganz bewusst gegen meine fest installierten Verhaltensmuster gesteuert. Anstatt z.B. wieder in den Heulsusen-Bedürftigkeitsmodus zu fallen, habe ich mich bewusst gefragt: ist diese Handlung das, was ich verkörpern und sein möchte?

Aus meiner täglichen Selbstreflektion und Meditation habe ich folgende Erkenntnisse gewonnen:

  • Ich brauche die Disziplin, täglich mein Verhalten, meine Gedanken und Emotionen radikal ehrlich zu hinterfragen
  • Ich bin mir meiner Werte bewusst
  • Anstatt in ein altes Verhaltensmuster zu fallen, zwinge ich mich zu stoppen und mich selbst zu fragen: Verkörpert diese Handlung den Wert, den ich leben will?

Das ist erst einmal verdammt hart und fühlt sich im ungefähren so frei an, als würdest du eingeschnürt in einem bondage rope von der Decke baumeln. Aber mit der Zeit entsteht etwas Wunderbares: Integrität. Und tatsächlich ein Gefühl von in sich selbst gegründet sein. Ich war und bin so unglaublich stolz auf mich, das geschafft zu haben.

Ich weiß jetzt, dass ich nicht bestimmen kann, was mir passiert, aber ich kann bestimmen, wie ich damit umgehe.

Mein Lehrer Dharmabodhi Kolbjorn Martens hat in dem Training, das ich gerade mit ihm absolviere, etwas so Schönes gesagt: 

„Du kannst selbst entscheiden, ob du dich jeden Tag erneut konditionierst– oder ob du neu wählst. Dass wir bewusst wählen können, ist unsere geheime Superpower.“ – Dharmabodhi Kolbjorn Martens 

Die Frage ist nun: Was wählst du? Deine Freiheit oder die Sicherheit?

Bitte erzähle mir doch in den Kommentaren oder auf Instagram, wie es dir mit der Freiheit geht. 

Alles Liebe,

deine Sandra

Titelbild © Stuart Williams

Buchtipp:

Über diese Serie:

In “Original Tantra” stellt dir Sandra jeden Monat die grundlegenden Begriffe der non-dualen Tantraphilsophie vor, z.B. das Weltbildes, die Schichten des Seins, die göttlichen Energien sowie die yogische Tantrapsychologie. Hier geht’s zur vorigen Folge.

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  1. Ich habe jetzt innerhalb von ein paar Tagen alle Artikel von Sandra zu dem Thema Tantra gelesen. Die sind so herrlich erfrischend und authentisch.
    Für Sandras Online Tantra Basis Kurs ab August 2020 & Sandras Immersion in die Tantraphilosopie und -praxis habe ich mich bereits verbindlich angemeldet. Das Thema zieht mich so sehr und ich kann es kaum erwarten mehr von Sandra zu lernen.
    Wo kann ich im deutschsprachigem Raum weitere Informationen, Ausbildungen, Weiterbildungen, Onlinekurse, Bücher, … zu dem Thema Tantra finden? Damit meine ich das Tantra und die Tantraphilosophie, von der Sandra schreibt.

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