Original Tantra #7: Go f*ck yourself oder über das Einssein mit allem

Ich starre auf den Facebook-Post und bin wütend. Ich gönne der Person den Erfolg nicht. Das ist nicht verdient! Wenn nur die Follower wüssten, was für ein Mensch die Person wirklich ist! Nennen wir die Person: das Neutrum. Oder vielleicht besser: Kackarsch. Ich gönne Kackarsch mal gar nichts. Und yogischer Gleichmut kann mir grad mal den Buckel runterrutschen. 

Wieso? Weil ich immer noch nicht fassen kann, was diese Person getan hat: Über mich so richtig derbe und unter der Gürtellinie zu lästern; und zwar nicht unter Freunden, nope, sondern im ganz großen Stil, bei Konferenzveranstaltern, für mich wichtigen Unternehmen, Studio-Besitzern und Co. Zu sagen, ich bin stinkwütend, wäre ein Euphemismus. Ich fuchsteufelsFUCKINGwild! Wir sind alle eins? Dieser beknackte Spruch kann sich für diesen Moment mal sauber gehackt legen. Ich bin höchstens eins mit meiner Wut! 

Ich habe es oft genug selber gesagt, dass wir alle eins sind.

Etwa so : „Wir wissen ohne Worte, dass wir nicht und niemals voneinander getrennt waren oder sein werden.“ Hört sich wunderschön an und die Einheit mit allen anderen Menschen ist sehr leicht zu fühlen, wenn man in einer rosa Yogafilterbubble sitzt, alles wunderschön ist und einfach nur rund läuft. 

Wir können uns auch eins mit etwas Großem, Unfassbaren fühlen, wenn wir einzigartige Naturmomente erleben, majestätisch ein Raubvogel vor uns sitzt, der Sonnenaufgang uns zu Tränen rührt oder wir uns in die samtene Schwärze einer mondlosen Nacht hineinschmiegen. Aber dennoch handeln Menschen um uns herum verletzend. Wie steht es dann mit dem Einssein? Meistens: temporarily not available. 

Māiyīya mala – der Glaube, getrennt zu sein

Die Weltsicht des Tantra ist, dass alle Menschen individueller Ausdruck des einen Göttlichen sind. Stell dir eine Kontinentalplatte vor auf der sich Berge erheben, Landschaften erstrecken, aus der die verschiedensten Formen entwachsen. Im Grunde verbunden, aber in absolut individueller Schönheit unterschiedlich. In der non-dualen Tantraphilosophie ist der Glaube, dass wir voneinander getrennt sind und nicht verschiedene Formen von etwas großem Ganzen, māiyīya mala, eine der drei Malas – der drei Unreinheiten oder Limitierungen.

Wenn du im māiyīya mala Zustand bist, dann empfindest du dual, es geht um „Du und Objekte“, „Du und andere Menschen“. Māiyīya mala ist dabei Folge von ānava mala, oder besser ausgedrückt: ānava mala, der Glaube, du bist nicht komplett und irgendwie nicht richtig, ist auch die Basis deines Getrenntseins. Häufig ist dieses „andere“ dann eine Bedrohung oder etwas, was es zu besitzen gilt und das Bemühen ist groß, sich im „Ich und die Welt“ mittels Menschen um dich herum, Objekten, Jobs, etc. zu definieren und zu behaupten. Du ignorierst den tantrischen Fakt, dass alle und alles göttlich sind.

Ich kenne diese Ignoranz nur zu gut. Über das Verlangen, mich über Objekte zu definieren habe ich oft genug geschrieben, aber auch Menschen habe ich kategorisiert und habe mich nur selten verbunden gefühlt. Lange Zeit war es zum Beispiel so, dass die Männer, mit denen ich eine Affäre hatte oder zusammen war, etwas darstellen sollten: Entweder unheimlich gut aussehen, einen bestimmten Status haben oder beruflichen Erfolg. Am liebsten aber alles zusammen. 

Dabei habe ich nicht darauf geachtet, ob dieser Mensch wirklich zu mir passt, sondern habe mich in meine Vision von dem Mann verliebt – und die musste nicht mal zwangsläufig etwas mit dem realen Menschen zu tun haben. 

Wenn wir Menschen so instrumentalisieren, egal in welcher Beziehung, sind wir das Gegenteil von verbunden.

Wir stülpen ihnen unser Wertekorsett und unsere Erfahrungen über, erwartend, dass sie unsere Innenwelt zu 100 Prozent verstehen – aber das kann niemand. Denn niemand hat deine Realität so erlebt wie du. Das gleiche gilt für Verurteilungen von Personen: Wer weiß schon, wie du gehandelt hättest, wenn du sein oder ihr Leben gehabt hättest? 

Wie du das Gefühl vom Getrenntsein überkommen kannst

Besonders schwierig wird es, wenn Menschen sich für uns negativ verhalten, wie in dem Beispiel oben. Jemand zieht so richtig über dich vom Leder. Was stellen sich dann für Gefühle ein? Bei mir im Beispiel oben etwa Hilflosigkeit. Und ja, vor allem Scham. Scham, basierend auf dem Glauben, zu wertlos zu sein, als dass man liebevoll oder nett über mich sprechen könnte. 

Was steckt hinter den Gefühlen? Die Angst, nicht angenommen und geliebt zu sein. Also eine riesengroße Portion alte Unsicherheit und Einsamkeit eines vergangenen, kindlichen Ichs. Daher frage ich mich als erstes, was hinter meinen Emotionen steckt. Diese verborgenen Glaubenssätze und tiefliegenden Muster zu erkennen, die ich mittlerweile rasch sehen, wahrnehmen und, damit verbunden, auch anders handeln kann. 

Dadurch kultivierst du vor allem ein Mitgefühl für dich selbst, was eine neue Basis des Handelns ist.

Anschließend gehört für mich dazu, meine besten Freundinnen anzurufen und ordentlich Wut rauszulassen, dem verletzten Kind in mir eine Stimme zu geben, der Wut darüber, dass meine Grenzen überschritten wurden, einen Rahmen zu geben. Glücklicherweise bin ich mit Freundinnen gesegnet, die für mich dann den Raum halten, um alles rauszulassen und dies auch richtig einordnen können. 

Fühle ich mich danach eins? Nein. Was mir hilft, ist mir vorzustellen, was ein Mensch erlebt haben muss, fühlen muss. Es hilft mir, mir vorzustellen, dass dieser Mensch auch Momente der Einsamkeit, der Trauer erlebt, dass Verletzungen dahinterstecken. Ich nehme diese Person als Ausdruck von etwas größerem war, als jemand, mit dem ich den gleichen Blueprint teile, aber dieser anders gefüllt ist, sowohl im Körperlichen wie auch im Seelischen. Das heißt nicht, dass ich die Taten gut finde oder toleriere. 

Im Falle von Kackarsch konnte ich die Person anrufen und damit konfrontieren, blieb nicht stumm in meiner Scham. Ich stand für mich selber ein. Ich konnte nach dem Abklingen der Wut für mich festlegen, dass ich den unendlichen Teil in der Person wertschätze, aber für mich die gesunde Grenze festlegen, keine Kommunikation oder Kontakt zu haben und der Person ansonsten aus dem Weg zu gehen.

Aber spinnen wir den Faden des Getrenntseins einmal weiter: Das obige Beispiel ist zwar verletzend, aber es gibt sehr viel schlimmere Dinge, die Menschen sich gegenseitig antun.

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass das, was dich aus den Augen eines „Monsters“ anguckt, du bist, nur in anderer Form und untrennbar verbunden. 

Ich habe durch Kontemplation anzunehmen gelernt, dass dies ein Ausdruck ist, den ich nicht verstehen kann, der aber auch göttlich ist. Dafür musste ich mich von dem schwierigen Glauben lösen, dass alles Göttliche nur in positiver Form vorkommt. Nein: Das göttliche IST. Mehr nicht. Harter Tobak, ich weiß, denn wir Menschen haben einen intrinsischen Wunsch nach einer übergeordneten Hand, die alles für uns regelt. 

Aber die gibt es im Tantra nicht. Ich persönlich denke, und das ist keine tantrische Lehre, sondern meine ganz eigene Ansicht zum sogenannten Bösen, dass dies eine Form ist, die wir nicht verstehen und die uns gleichzeitig näher aneinander rücken lässt, sogar in der Abwehrhaltung dagegen tief verbinden kann. Es ist ein Muster in dem Quilt der Unendlichkeit, schrecklich, nicht nachvollziehbar, einfach da.

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Wie gehen wir also im Alltag mit Personen wie Kackarsch um?

Die Grenzen, die jeder Mensch für sich hat, müssen nicht übertreten werden. Du kannst deutlich deine Meinung sagen, den Kontakt abbrechen, aber wissen, dass dieser Mensch gleichzeitig mehr ist als diese eine Handlung. Und dieses Mehr kannst du lieben. 

Wir können die Untrennbarkeit annehmen, mit dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass alle Menschen Ausdruck des Göttlichen sind. Manche, gemäß des Prinzips des Spandas, des göttlichen Pulsierens, in expandierter Form, mache versiegelt, verschleiert und kontrahiert. Wenn diese Idee ins Herz fällt und es auf einmal nicht mehr nur ein Satz, sondern eine Wahrheit ist, die nicht in Worte gefasst werden kann, dann wirst du weit. 

Du hast den inneren Raum, alles und allem zu begegnen.

Die Stürme der Emotionen sind Wellenbewegungen, aber du bist der gesamte Ozean. Der stille Grund und das Wasser, auf dem sich Gedanken und Emotionen bewegt. Du hast die unendliche Kapazität zu sehen, in deiner Essenz zu verweilen und anzunehmen, welche Form dir auch begegnen mag.

Meine Buchtipps zum Thema:

Alles Liebe, Sandra 

Über diese Serie:

In “Original Tantra” stellt dir Sandra jeden Monat die grundlegenden Begriffe der non-dualen Tantraphilsophie vor, z.B. das Weltbildes, die Schichten des Seins, die göttlichen Energien sowie die yogische Tantrapsychologie. Hier geht’s zur vorigen Folge.

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