Original Tantra #3: Als Icchā-Śakti mir in den Hintern trat

„Ne, gut. Ja, genau. Dann buche ich die ganze Sommerakademie. Wunderbar. Danke, Gordon. Bis dann!“ Ich legte auf und starrte ins Telefon. WTF war das? Ich wollte mich doch nur über ein Anusara Immersion Wochenende informieren – stattdessen buchte ich verbindlich die Hälfte der Lehrerausbildung. Wie ferngesteuert!

Dabei fand ich Anusara komisch: Ich verstand nicht, was das sollte, mit der Energie ins Becken ziehen und eine Ferse war für mich definitiv nicht keck. Dennoch zog es mich unwiderstehlich an. So sehr, dass ich probehalber ein Wochenende buchen wollte. Mit obigem Ergebnis.  Was passiert war? Damals wusste ich es nicht, aber heute schon:

Es war Icchā-Śakti, das prägkognitive Wollen ohne zu wissen warum.

Icchā-Śakti ist der Wille in dir, zu dem es keine Option B gibt und ist eine der fünf Haupt- Śaktis im non-dualen Tantra. Um Siva und Śakti ging es schon in Folge eins und zwei, heute werden wir genauer. Darf ich vorstellen?

Die fünf wesentlichen Śaktis sind die fundamentale Natur des Göttlichen, die das Universum durchwirken.

Unter uns: es gibt noch gefühlt tausend andere, aber die hier sind wirklich das Must-Know für jede*n Tantra-Interessierte*n. Es gibt auch noch eine zugrunde liegende sechste, wesentliche Śakti, das wäre SvātantryaŚakti – die Kraft der Freiheit.

SvātantryaŚakti ist sozusagen eine Meta-Śakti, die sich durch alle Śaktis durchbewegt. Die Energien und Kräfte entfalten sich vollkommen frei. Das mag uns jetzt nicht besonders aufregend vorkommen, aber stell dir vor, in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Kastenwesen, strengen Vorschriften und Co. kommt auf einmal ein Tantrika daher und sagt: Alles entfaltet sich frei und autonom. Unerhört!

Und es wird noch unerhörter: Die Śaktis sind auch unsere Kräfte, schließlich sind alle Menschen auch Manifestation des Göttlichen. Eine schöne Annahme, oder?  

Chit-Śakti – die Kraft des Bewusstseins

Die erste Śakti ist Chit-Śakti (ausgesprochen “Tschit”), so ähnlich wie das englische shit und ehrlich, sie ist definitiv heißer Scheiß. Sie ist die göttliche Kraft des Bewusstseins. Sie ist in jeder bewussten Wahrnehmung inhärent, die grundlegende Kraft der Realität, in jedem Erlebnis, welchem auch immer, präsent.

Ich habe lange nach einem total ergreifenden Beispiel für Chit-Śakti gesucht aber keins gefunden. Dafür aber ein simples, das es gut verdeutlicht: Chit-Śakti ist etwa Bewusstsein, dass du dir bewusst bist, etwas zu tun, zum Beispiel eine Tasse Tee in der Hand zu halten.

Ohne Worte fühle ich Chit-Śakti in den zahlreichen Atempausen-Meditationen aus dem Tantra, die sich zum Beispiel im Vijñana Bhairava Tantra finden oder auch in meinem neuen Yogaeasy-Video, das an eine tantrische Atemtechnik angelehnt ist.

Übung

Atme ein und achte darauf, wie der Atem in dir hinunter strömt und auf dem Grund des Herzens ruht. Tauche ein in die Pause, bevor das Ausatmen einsetzt, ohne diese künstliche zu verlängern. Wiederhole dies einige Male, so oft wie es sich für dich  intuitiv richtig anfühlt. Es ist eine Pause, die angefüllt ist von Schöpfung, dem Potential der Ausatmung. Es ist ein liebevolles Verweilen in dem Raum deines Herzens und ein vertrauensvolles Hineinlehnen in die Essenz, die du bist.

Ich gebe zu: Chit-Śakti ist definitiv kein einfacher Stoff und wirklich sehr sophisticated, aber es lohnt sich darauf zu meditieren und zu kontemplieren.

Denn das Schöne ist: Wenn du den Fokus in deinem ganz normalen alltäglichen Leben darauf legst, dass alles was du wahrnimmst, Bewusstsein ist, egal ob wundervoll oder furchtbar, dann bekommt deine Realität schlicht eine andere Dimension.

Ein Beispiel: Ich bin blind wie ein Maulwurf. Nur dank meiner Kontaktlinsen bewege ich mich sicher durch die Welt. An einem Abend, ich schon ohne Kontaktlinsen, wollte ich mir unbedingt noch eine Wärmflasche machen. Also habe ich heißes Wasser aufgesetzt, die Wärmeflasche ins Spülbecken gelegt, um sie aufzufüllen und dann: gieße ich das kochend heiße Wasser gut und gerne 20 cm daneben auf meine Hand.

Ich lag die Nacht mit einer verbrühten Hand und Cool Packs wach – und habe es genossen. Ja, wirklich. Ich war nämlich vollauf damit beschäftigt zu beobachten, wie sich der Schmerz entfaltet, pulsiert und dann verblasst, wenn ein frisches Cool Pack draufliegt. Ich habe voller Staunen mir selbst dabei zugesehen, wie sich Schmerz entfaltet und vergeht. Und das ist die Kraft von Chit Śakti.

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Ānanda Śakti – die Kraft der Glückseligkeit

Wenn du nun dabei bist, so neugierig die Welt zu erkunden, dann kann sich Ānanda-Śakti dazugesellen. Ananda Śakti ist die Kraft der Glückseligkeit und damit ist nicht sukha, also angenehme Gefühle, gemeint, sondern es ist das, was Bewusstsein nicht transzendent, sondern juicy und somit lustvoll macht – in allen Situationen.

Denn wenn du so in dir selbst ruhst, vollkommen dir selbst bewusst, dann entsteht ganz automatisch, vollkommen frei auch ein Funke von Glückseligkeit, von tiefer Ergriffenheit, der vollkommen losgelöst von der Erfahrung ist. Du kannst dir schlecht vorstellen, dass es unabhängig von dem Erlebten ist?

Letztes Jahr war ich kurz schwanger. Ich habe das mikroskopische Krümelchen schon in der 6. Woche verloren und ich war unendlich traurig. Aber da war eine unglaubliche Liebe. Eine tiefe Dankbarkeit, kurz die Erschaffung von Leben miterlebt zu haben. Das vollkommene Hingeben an das, was ich nicht ändern konnte, hat mir eine ganz andere Form von tiefem Glück geschenkt, als die himmelhochjauchzende Kalenderspruch-Fröhlichkeit.

Es ist eben nicht das ganz gewöhnliche Glück, bei dem Zustände deinen Erwartungen entsprechen; als ich mir das übrigens das erste Mal bewusst gemacht habe, fühlte ich mich regelrecht ertappt. Wie sehr ich doch an diesem gewöhnlichen Glück hing. Wie krass war die Erkenntnis, dass ich mich durch Glück, das in der Erfüllung von Wünschen liegt, abhängig mache. Ānanda Śakti ist das bewusste Erleben all meiner Emotionen, das Verweilen und die Hingabe an den Moment und die radikale Akzeptanz des Jetzt.

So konnte ich selbst in dem Erlebnis eines Abgangs das Wunder der Kreation und der Zerstörung sehen, ohne die nichts existieren würde und ich war in vollkommenem Frieden mit mir und der Welt.

Übung

Um dir Ānanda Śakti für dich persönlich nachvollziehbar zu machen, kannst du überlegen, welche wirklich vollkommen glücklichen Momente in deinem Leben du erlebt hast. Mache Sie dir alle ganz bewusst, schreibe sie vielleicht sogar auf und evaluiere, was die Auslöser waren? Ein Sonnenuntergang? Ein Moment der Verbundenheit mit einem Freund oder einer Freundin?

Du wirst feststellen, dass es nie nur einen einzigen Grund gab, aber du vermutlich vollkommen präsent und eins in dem Moment warst – das war Ānanda Śakti.

Icchā-Śakti – die Kraft des Willens und Wollens

Kommen wir vom Universellen zum ganz Persönlichen. Ich habe es oben schon beschrieben. Icchā Śakti war meine Kick-Ass Śakti, die mich so richtig in die Yogalehrerinnen-Umlaufbahn gekickt hat. Vor Anusara habe ich nur ein einziges Mal von Tantra gehört: Das war als ich ein Tantramassagebuch bei Amazon gekauft hatte.

Obwohl ich es eigentlich nicht vorgehabt hatte, habe ich die Anusara-Ausbildung gebucht. Iin mir war ein so dermaßen starker Impuls und Verlangen, genau das zu tun, dass ich keine Wahl hatte, außer mich selbst mal beiseite zu stellen und zu machen ohne sofort zu verstehen.

Icchā-Śakti ist die Kraft des präkognitiven Willens, ein Wollen und Verlangen, das ganz tief in dir ist, absolut zweifelsfrei. Es ist der erste Impuls hinter jeder Manifestation und der Drang zum Selbstausdruck. Icchā-Śakti ist das, was das Universum durch dich ausdrücken möchte.

Du kannst für dich selbst überlegen, in welcher Tätigkeit du komplett aufgehst und die du um ihre Tätigkeit tust: malen, tanzen, Yoga, schreiben? Was ist es? Für mich ist es definitiv das Schreiben, das Unterrichten und alles, was dazugehört. So sehr, dass ich diese Berufung – und ich meine es nicht im arroganten Sinne, sondern in dem Sinne, dass ich einfach keine andere Wahl habe, als das zu tun – sogar zum Beruf mache.

IcchāŚakti ist schlichtweg das, was dein Leben so richtig erfüllt und saftig macht. Sie ist dein brennendes Herz, das in dir schlägt.

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Jñāna-Śakti – die Kraft des Wissens

Okay, du hast dein brennendes Herz und deine Leidenschaften entdeckt. Und nun? Tja, es ist kein Geheimnis: Wir brauchen Wissen! Sagen wir mal, deine Leidenschaft ist die Musik. Dann musst du erst verstehen, wie Noten miteinander harmonieren, lernen, das Instrument oder deine Stimme zu beherrschen, bevor du virtuos und frei spielen kannst.

Als Körperclown, dem jedwede Bewusstheit um den Körper mit den Jahren abhanden gekommen war, war es für mich etwa eine wahnsinnige Entdeckung, wie ich diesen Körper bewegen kann und was passiert, wenn ich bis in die Zehen bewusst bin, wenn ich integriert und mit exakter Ausrichtung praktiziere.

Heute habe ich das Gefühl, ich kann mich in meinen Körper mit meinem ganzen Bewusstsein hineinschmiegen und ehrlich: Das ist total irre. Da wird selbst bloßes Stehen zu einem fucking Wunder! Als bekennender Tantraphilosphie-Nerd stürze ich mich in die Literatur und kann zwei Stunden über kauliki und kaulini nachdenken, und welchen Aspekt die Endung in der jeweils eigentlich gleichen Bedeutung betont und was das für meine Praxis bedeutet und ehrlich – das macht mich so glücklich und bereichert mein Leben.

JñānaŚakti ist die Struktur der Realität und die Kraft des Wissens, sie schafft Ordnung und Regeln, wie etwa die Naturgesetze. Wenn wir die Matrix der Thematik unseres Herzens verstehen, und lernen, nicht weil wir es tun müssen, sondern weil wir es wollen, dann entwickeln wir in Freiheit die Möglichkeit unseren Herzensweg manifest werden zu lassen und ins Leben zu tragen.

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Kriyā-Śakti – die Kraft des Handelns

Das führt uns auch schon zur letzten Kraft: der Kraft des Handelns: Kriyā-Śakti. Kriyā-Śakti ist der fulminante Abschluss, denn nichts würde ins Leben kommen ohne die Kraft der Manifestation. ie ist es, die Bewusstsein in Form gießt, die unsere wahre Natur ins Leben bringt. Ich habe Kriyā-Śakti wahnsinnig kraftvoll erlebt und zwar in einer Form, die leicht peinlich für mich ist, aber die Wichtigkeit verdeutlicht.

Es war zu einem Zeitpunkt, als ich zwar schon mit Yoga angefangen hatte, aber mich immer wieder elendig in Affären verstrickt habe – mit großem Leid. Ich weiß noch sehr genau, wie ich einer Freundin am Telefon klagte, dass ich jetzt wirklich hardcore Therapie machen werde, denn so kann es ja nicht weitergehen! Sie setzte mich so richtig auf den Pott: „Sandra, du musst nicht noch eine Therapie machen, sondern dich einfach mal anders verhalten.“

Ich war zunächst total pikiert und richtig sauer auf sie. Aber innendrin wirkte schon IcchāŚakti. Ich wusste ohne Worte: Sie hat recht. Ich begann ernsthaft meinen spirituellen Weg, der mich langsam aber sicher dazu brachte, mich anders zu verhalten.

So war es mir möglich, mehr und mehr meiner gefühlten Bestimmung zu folgen und dem, was mein Herz brennen ließ, mehr Raum für Wissen und Wachstum zu geben.

Und letztendlich war es der Anfang der Entstehungsgeschichte der Frau, die gerade diese Zeilen schreibt.

Ich habe mir vor Jahren die Nummer eines Psalms zwischen die Brüste tätowiert, sie krönen einen Diamanten, der sich aus einer voll erblühten Pfingstrose enthüllt. Der Psalm lautet: „She is clothed with strength and dignity and she laughs without fear of the future.”

Diese Frau wollte ich immer sein; in meinem Leid damals ein fast unerreichbares Ziel. Tantra und das Zulassen der göttlichen Kräfte, das Vertrauen auf das Wirken in und durch mich, hat mich zu genau dieser Frau werden lassen.

In Würde, Freiheit, Stärke, Verletzlichkeit und voller Liebe, lache ich nun. Ohne Angst vor der Zukunft. Denn ich weiß, ich bin das Leben und das Leben lebt mich.

Alles Liebe,

deine Sandra

Meine Buchtipps für Einsteiger*innen:

Über diese Serie:

In “Original Tantra” stellt dir Sandra jeden Monat die grundlegenden Begriffe der non-dualen Tantraphilsophie vor, z.B. das Weltbildes, die Schichten des Seins, die Chakren im Tantra sowie Tantrapsychologie. 

Titelbild © Steven Ritzer

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