Offtime: Wie ich 45 Tage ohne Handy lebte

Bist du auch genervt davon immer erreichbar und online sein zu müssen?

Ich schon. Ich wollte endlich mal im Alltag abschalten können. Daher habe ich mich in der Fastenzeit an der Aktion #klimafasten beteiligt und 45 Tage auf mein Handy verzichtet. Auch wenn meine persönliche Offtime effektiv wenig Strom einspart und daher dem Klima nur sehr wenig bringt, habe ich dadurch viel wichtigere (yogische!) Dinge gelernt und Ängste überwunden.

45 Tage ohne Telefon – wovor ich Angst hatte und wie es wirklich war

Sorge #1: Ich funktioniere ohne Handy nicht

Anfangs hatte ich große Bedenken, wie ich mein berufliches und privates Leben ohne die ständige Erreichbarkeit regeln könnte. Schließlich sind wir alle daran gewöhnt, jederzeit erreichbar zu sein. Doch gerade im Job konnte ich mich besser auf die Dinge konzentrieren, an denen ich gerade arbeite und selbstbestimmter und gezielter Telefonate führen, wenn dies wirklich nötig war. Ich wurde nicht mehr von einem weiteren Medium abgelenkt und war daher mehr bei der Sache. Außerdem habe ich verbindlichere Termine vereinbart, an die sich dann auch alle gehalten haben.

In der ganzen Zeit habe ich das Handy tatsächlich dann auch nur für zwei Gründe angeschaltet: Für das Online-Banking (wie ging das eigentlich vorher ohne?) und für meine Yoga-Playlists auf Spotify. Dann natürlich nur im Flugmodus.

Sorge #2: Ich werde vereinsamen

Handyfasten Postkarten
Oldschool, Baby!

Ich gebe zu, dass meine größte Sorge war, dass ich in der Fastenzeit ein eher einsiedlerisches Leben führen muss. Doch auch hier hat sich genau das Gegenteil gezeigt. Viele meiner Freunde und Freundinnen haben sich darauf eingestellt (1000 Dank für eure Geduld!) und mich per Mail oder auf dem Festnetz kontaktiert. Sie haben auch verstanden, dass Antworten nicht immer gleich sofort kommen. Gleichzeitig habe ich sehr viele schöne verbindliche Verabredungen getroffen, die dann ohne kurzfristige Absagen oder Verschiebungen auskommen mussten.

Besonders süß fand ich auch, dass ich in der Fastenzeit einige Postkarten bekommen habe. Und mal ganz ehrlich: Wie viel persönlicher und romantischer ist denn bitte eine Postkarte im Gegensatz zu einer schnöden SMS?

 

Sorge #3: Ohne Handy bin ich unfrei

Klar, so ein Handy ist schon praktisch. Ich kann jederzeit alles Mögliche nachschlagen, Termine checken, Rezepte nachkochen, Musik hören und die Höhenmeter berechnen. Ich dachte tatsächlich, dass ich all diese Funktionen vermissen würde. Mit dem schönsten Nebeneffekt hatte ich gar nicht gerechnet: Ohne das Telefon war ich wirklich im Moment. Denn Anrufe, E-Mails, SMS oder ein Wetter-Check konnten mich nicht mehr ablenken und meine Gedanken zum nächsten Termin oder To-Do abschweifen lassen. Ich war ganz da. Im Hier und Jetzt, Das Leben könnte nicht echter sein, denn alles andere sind Gedanken, die der Vergangenheit oder Zukunft angehaftet sind. Immer öfter empfand ich deshalb eine tiefe Ruhe und Gelassenheit, immer öfter spürte ich, dass ich genau da war, wo ich war und dort auch wirklich hingehörte. Ich hatte zudem viel mehr Momente, in denen ich die Menschen und die Umgebung um mich herum wahrgenommen habe, weil ich eben NICHT auf einen Bildschirm geschaut habe.

atha yoganusanam

(Übersetzung des Yoga-Sutra von Patanjali I.1.: Hier und Jetzt, das ist Yoga)

Sorge #4: Ich bekomme die wichtigen Dinge nicht mehr mit

Was ist eigentlich wichtig? Durch das Smartphone sind wir daran gewöhnt, dass wir jederzeit alle möglichen Informationen bekommen. In der Abstinenz vom Handy bemerkte ich aber, dass das gar nicht immer nötig ist. Klar ist es praktisch zu wissen, welche Nachrichten gerade aktuell sind, wann der Bus fährt und wo das Meeting morgen stattfindet. Aber oft sind es Infos, die mensch nicht immer sofort haben muss oder auch anders bekommen kann. Denn mal ehrlich: Kommt der Bus etwas früher, nur weil wir wissen, wann er kommt? Und ist es nicht viel netter, mal nach der Uhrzeit zu fragen, als das Gerät zu benutzen?

Ich muss gestehen, dass ich irgendwann zu dem Punkt kam, wo ich die auf Bildschirme starrenden Menschen um mich herum ein bisschen bemitleidete. Sie wirkten wie Sklaven der kleinen Geräte, die nichts mehr um sich herum wahrnahmen. Aber atmen können wir am besten ohne alles und darauf kommt es doch eigentlich an. Oder?

 

Neugierig geworden? Selbst mal abschalten!

Ich kann dir nur raten eine kleine Offtime mal auszuprobieren. Denn echter zwischenmenschlichen Kontakt mit Ruhe und Achtsamkeit für sich selbst und andere sind unersetzlich. Für den Anfang muss es ja nicht gleich so radikal sein. Vielleicht einfach mal abends oder am Wochenende abschalten?

Ich freue mich auf deine Kommentare!

Alles Liebe Janna

10 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Janna,
    danke für den tollen Artikel.
    Ich habe mich so angesprochen gefühlt, obgleich meine Aktivitäten am Smartphone im Vergleich zur Mehrheit der Besitzer solches Teils eher geringfügig sind … dennoch! …. der Drang ist da, immer mal draufschauen zu müssen und ich spüre oft währenddessen schon dass meine tiefe Ruhe und Zufriedenheit sofort unterbrochen wird wenn ich hier und dort schauen „muss“. Ach uns schnell ein Foto bei Instagramm hochladen, man könnte mich ja sonst vergessen …. ahhhhh
    Ich werde es tun ;) Ich werde mir eine Auszeit vom Smartphone gönnen und vorher alle informieren … ich möchte schließlich auch echte Postkarten erhalten :D <3
    Alles Liebe, Silke

  2. Ich liebe es offline zu sein. Das erste Mal als mein Handy kaputt war, das zweite Mal für zwei Wochen in Brasilien – jetzt haben wir gerade zwei Monate komplett offline in Indien verbracht – wow. So gut. Wir planen ab jetzt 1-2 Monate pro Jahr komplett offline zu reisen und sonst einen Offline-Tag pro Woche. Tut so unglaublich gut und ist RICHTIG BEFREIEND! :)

    Love,
    Aleks

  3. Gerade den Text auf dem Smartphone in der Tram gelesen ;)

    Nee, im Ernst, finde ich sehr spannend – obwohl ich mich noch über einen etwas tieferen Einblick in die doch 1,5 Monate gefreut hätte.

    Gab es denn Situation, wo du echt in Schwierigkeiten geraten bist und wie sieht für dich die Zukunft im Bezug auf mobile Erreichbarkeit aus?

    1. Hey Nils!
      Einen noch tieferen Einblick in mein Leben? Nun ja, ich muss gestehen, dass ich es manchmal nervig fand keine Uhr zu haben. Aber da habe ich dann die alte Armbanduhr meines Vaters mit einer neuen Batterie ausgestattet. Sieht nicht schick aus, funktioniert aber.
      Alle anderen schwierigen Situationen konnte ich meist damit retten, dass ich jemanden angesprochen habe, alle wichtigen Nummern hatte ich mir aufgeschrieben. Das waren eigentlich auch immer nette Begegnungen.
      Und sonst? Viel Ruhe, viel Stille, echt jetzt. ;-)

  4. Vielen Dank euch allen für die vielen Kommentare zu meinem Experiment. Ich glaube auch wirklich, dass das Wichtigste für mich in der Zeit war, zu lernen, dass mensch doch nicht immer alles braucht, was wir so meinen immer zu brauchen. Das hat die wirkliche Freiheit ausgemacht.
    Und ich habe mich deshalb nicht als etwas Besseres als andere gefühlt. Ich konnte nur feststellen, dass mir selbst es gut tut, öfter mal mehr im Moment zu sein und weniger auf den Bildschirm zu starren.
    Und ja klar, das Smartphone bringt auch viele Erleichterungen und Schönes in unser Leben (wie gute Musik und Bücher!). Das will ich auch nicht missen.
    Das Video hatte mir übrigens ein Freund geschickt, lustig, dass du es auch entdeckt hast Dominique. Schöner Artikel von dir dazu!

  5. Ja, ich gestehe, ich gehöre oft zu denen, die für Außenstehende oft und gerade in Bus und (U)Bahn langfristig aufs Handy glotzen.
    Aber was steckt dahinter? Ein Großteil meiner Bibliothek, vom Lehrbuch der Achtsamkeit bis zum locker leichten Strandroman, Spotify mit einer unglaublichen Auswahl an Mantren, Yogaplaylists usw.. Und ich genieße es, auf Reisen statt wie früher 3 Bücher und x CDs samt Player mitschleppen zu müssen, nur dieses eine kleine Kästchen dabei zu haben, das gleichzeitig auch noch eine Kamera für die besten Schappschüsse des Lebens bietet.
    Es empfiehlt sich aber die regelmäßige Nutzung des Flugmodus, besonders beim ungestörten Lesen!

  6. Hallo Janna,
    ich kann das alles sehr gut nachvollziehen, was Du schreibst, denn ich selber habe zwar seit einem guten halben Jahr (!) auch ein Smartphone, aber noch keinen Datentarif (haha!!).
    Heißt so viel wie, ich schreibe damit hauptsächlich sms, nutze es zum Telefonieren und nutze einige wenige Apps, die auch offline nutzbar sind. Oder zu Hause mit WLAN.
    Aber unterwegs kann ich das Smartphone gar nicht nutzen…und darüber bin ich inzwischen auch sehr froh. Genauso wie Du bemitleide ich ein wenig die Menschen um mich herum, die ständig auf ihren Bildschirm schauen und rumwischen…!
    Und ich sehe das auch genauso wie Du: ist es nicht viel schöner, mal jemanden nach dem Weg zu fragen anstatt wieder in der App nachzuschauen?
    Witzigerweise hatte ich vor Weihnachten einen ganz ähnlichen Artikel zu dem Thema geschrieben, wenngleich es auch kein so langer Selbstversuch wie bei Dir war sondern nur ein kleine „Offline-Fastenzeit“.
    http://www.greensoul.de/fasten-mal-anders/
    Danke für den schönen Artikel!
    LG, Dominique

  7. Der ständige Gebrauch war wohl der Hauptgrund, weshalb ich so lange kein Smartphone wollte. Als ich mir dann doch eins angeschafft habe, hab ich mir fest vorgenommen, nicht ständig dran zu hängen und bis jetzt habe ich das recht gut geschafft. Ich finde, solange man wie du geschrieben hast, kein Sklave seines eigenen Smartphone wird, darf man von den neuen Technologien ruhig gebrauch machen, weil sie eben doch sehr hilfreich sein können.

  8. Sehr schön beschrieben….“Kommt der Bus etwas früher, nur weil wir wissen, wann er kommt?“ Besonders bei Dir bin ich bei deinem letzten Absatz. Mein Umfeld in U- und Tram-Bahn kommt mir manchmal vor, wie kleine Robotter, die in ihre Handys starren (frage mich oft, ob sie wohl alle unter Nackenschmerzen leiden?). Viel schöner ist doch, entweder tagzuträumen oder in einem guten Buch zu schmökern. Ich für meinen Teil habe eine wunderbare Brieffreundschaft mit einem guten Freund begonnen, der in NRW lebt und die Facebook-App von meinem Smartphone verbannt. Nächster Schritt….? Noch offen ;-)

  9. Das klingt nach einer tollen Erfahrung, ich weiß nicht genau, ob ich das so ohne weiteres aushalten würde, aber vlt. sollte ich es gerade darum mal ausprobieren…
    LG

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