Muss ich immer alles aushalten?

„Du hast echt eine hohe Schmerzgrenze.“

Das sagte ein Freund neulich zu mir, als er mir eine nicht sehr zimperliche Faszienmassage gab. Ich lag mit zusammengebissenen Zähnen auf der Matte und ertrug den Druck auf meine Verspannungen, bis mir die Tränen kamen. „Ja, das kommt durch die jahrelange Folter beim Kieferorthopäden, haha!“ Hinterher war ich natürlich super entspannt. Aber die Bemerkung gab mir zu denken, denn:

Ich platze bald vor lauter Gleichmut.

Ich mag keine verrauchten Bars, aber beuge mich der Mehrheit, wenn es um die Wahl der Location für den Feierabenddrink geht. Im Restaurant stellt mir der Kellner eine lauwarme Mahlzeit hin und anstatt sie nochmal aufwärmen zu lassen, esse ich sie.

Ich habe Kopfschmerzen, aber arbeite trotzdem weiter am Rechner. Der Hintermann im Zug telefoniert stundenlang lauthals und ich ärgere mich nur insgeheim. Eigentlich ist mir kalt, aber ich bitte meine Gastgeberin nicht, die Fenster zu schließen. 

Warum will ich unter keinen Umständen Umstände machen?

Das sind doch eigentlich nur Kleinigkeiten! Warum also nichts sagen? Wahrscheinlich würde es meine Gastgeberin doch nicht stören, das Fenster zu schließen. Vielleicht merkt der Typ im ICE ja überhaupt nicht, wie laut sein Organ ist. Wieso fällt es mir so schwer, derartige Störfaktoren aktiv auszuschalten?

Ich will keine Prinzessin auf der Erbse sein.

Es sind eben Kleinigkeiten, egal. Das denke ich meistens, wenn ich Leuten nicht sage, dass sie mir verdammt nochmal nicht ins Gesicht qualmen sollen. Sei doch nicht so empfindlich, Uli. Außerdem schätze ich es selbst an Menschen in meinem Umfeld, wenn sie kompromissbereit, flexibel und nicht ganz so dünnhäutig sind. 

Gleichmut und Genügsamkeit kultivieren. Darum geht es doch im Yoga. Oder?

Als Yogis begeben wir uns in unbequeme Körperhaltungen auf die Matte und halten sie (gefühlt) stundenlang, weil wir Gelassenheit üben wollen. Wir wollen das annehmen, was ist und uns auch in unbequemen Situationen stabil und in Ordnung fühlen. Richtig?

Jein. Wenn wir in allen möglichen Asanas herumturnen, noch einen Atemzug halten und noch einen, erweitern wir einerseits unsere Grenzen und werden stabiler. Wir lernen, uns nicht gleich von jedem Lüftchen umpusten zu lassen. Aber wir lernen auch, Feinheiten zu erspüren und zu unterscheiden:

Was erweitert meinen Horizont und was ist schlicht und ergreifend nichts für mich?

Das ist die eigentliche Frage. Eine Yogahaltung kann unbequem sein, anstrengend und mich Muskeln spüren lassen, von deren Existenz ich bisher nichts wusste. Man sollte sich vor dieser Herausforderung nicht verstecken – aber auch lernen, wann die Challenge in Selbstverletzung umschlägt.

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Wenn dein Knie heute im Heldensitz schmerzt, dann setz dich um Gottes Willen auf einen Block. Probiere beim nächsten Mal, ob es vielleicht diesmal ok ist und ruh dich nicht auf deinem Hilfsmittel aus, aber dann hör wieder auf deinen Körper.

Das alles meine ich ganz wörtlich auf die Asanapraxis bezogen, aber auch metaphorisch gesprochen. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass Arbeit trotz Kopfweh oder die lauwarme Mahlzeit im Restaurant nicht meinen Horizont erweitern werden.

Ich bin einfach verdammt konfliktscheu.

Ich habe Angst, dass ich nicht so fit aussehe, wenn ich mich beim Yoga auf einen Block setze. Angst vor dem Konflikt mit dem Typen im Zug und vor verbaler Gewalt („Halt’s Maul, du Schlampe!“ – Alles schon gehört). Ich habe  Angst, dass ich dann wütend und „hysterisch“ werde und mich die anderen lächerlich finden. Dass die Harmonie gestört, der Abend verdorben ist und dass ich mich nur schlechter fühle.

Was dahintersteckt: Angst vor Zurückweisung.

Am Ende habe ich Angst, nicht mehr gemocht zu werden, weil ich zu kompliziert oder dickköpfig bin. Das Problem an der Sache ist nur: Je mehr ich dieser Angst nachgebe, desto kleiner werde ich. Desto weniger kann ich mich zeigen.

Ich muss also Grenzen setzen lernen, bevor das Fass überläuft. Ansonsten platze ich ja irgendwann wie eine Bombe. Ich habe meine Grenzen, auch bei Kleinigkeiten. Andere haben andere, und das ist auch ok so. 

Merkliste für mehr Mut zur Bedürfnisäußerung

  • Benutze deinen (metaphorischen) Block, auch wenn alle anderen die flexibelsten Knie der Welt haben; sorge für dich und steh zu deinen Bedürfnissen
  • Harmonie hin oder her: Wenn Freund*innen oder Bekannte gar nicht kompromissbereit sind, dann überlege, was ihr überhaupt gemeinsam habt
  • Konflikten nicht von vorne herein aus dem Weg gehen: Wenn dich der Typ im Zug verbal angreift, ist er selbst nur verunsichert und weiß, dass er nicht im Recht ist. Lass das an dir abprallen
  • Du hast andere Schmerzgrenzen und Bedürfnisse als deine Mitmenschen. Das macht dich nicht zu einer besseren oder schlechteren, cooleren oder langweiligeren Person – sondern zu dir
  • Befindlichkeiten und Schmerzgrenzen ändern sich – und es lohnt sich, sie immer wieder zu überprüfen. Was machst du aus Gewohnheit, und was ist wirklich nicht erträglich für dich?

Seit ich mir diese Punkte immer wieder bewusst mache, habe ich öfters mal nein gesagt. Ich habe mir erst neulich einen blöden Spruch eingeholt, weil ich jemandem gesagt habe, er soll leiser sprechen – und mit den Schultern gezuckt. Ich habe vorgeschlagen, den Treffpunkt von der Raucherkneipe in einen Laden mit Outdoorbereich zu verlegen – und siehe da: Meine Freund*innen reden noch mit mir!

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4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderbarer Artikel! Kenn ich Alles nur zu gut ! Mit 64 – eine Frauen Generation die zum Kuschen erzogen wurde- und dann die 68er und HippieZeit …. Aber Achtsamkeit, SelbstFürsorge und zu eigenen Grenzen zu stehen ist ein lebenslanger Prozess für mich. Besonders als Hochsensitive, die auf alle Reize extrem und schnell reagiert. Jedoch ich bleibe am Ball. Und so ein Artikel bestärkt dabei! Danke liebe Uli!

  2. Hallo Ulrike, danke für den schönen Artikel. Früher war ich auch eher der konfliktscheue Typ, doch inzwischen bin ich – auch durch Yoga – achtsamer geworden. Diese Achtsamkeit fängt bei meinen eigenen Bedürfnissen an und hört dort aber nicht auf, denn wenn ich achtsam gegenüber mir selbst bin, fällt es mir auch leichter, achtsam gegenüber anderen zu sein und Empathie zu entwickeln. Viele Grüße!

  3. Ein toller Artikel Ulrike. Ich beobachte immer mehr unausgeglichene Menschen in meinem Umfeld – oder mir fällt es erst auf seitdem ich deutlich gelassener geworden bin.
    Seitdem ich meine Ernährung umgestellt habe, bin ich deutlich resilienter gegenüber verschiedener Umwelteinflüsse – der Verkehr, die Worte anderer können mir kaum mehr was anhaben. Jetzt greifen auch erst die Achtsamkeits- und Meditationsübungen, vorher kam ich nie zur Ruhe.
    Ich denke dies ist einer der ersten Schritte zu mehr Ausgeglichenheit – die Ernährung beeinflusst unser Gemüt. Der Gesellschaft würde es gut tun – gegen die Sprunghaftigkeit und Schnelllebigleit.
    Danke für deine Worte :)
    Martin

    1. Hallo Martin, danke für deine Gedanken! Ja, auf jeden Fall – Ayurveda lässt grüßen :) Ich merke auch, dass allein die Regelmäßigkeit und achtsamer, langsamer Genuss mir helfen, gelassener und entspannter zu sein. LG Ulrike

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