Me too: Was tun bei sexueller Belästigung?

Kerala, Anfang des Jahres 2012. Ich reise durch Indien, während das gesamte Land in Aufruhr ist wegen dem jüngsten Vergewaltigungsfall in Neu Delhi. Ich soll für eine NGO Missbrauchsfälle in Orissa dokumentieren. Vorher brauche ich aber erstmal eine Pause. Also habe ich mir mit Freund*innen ein gemütliches Ferienhaus an einem großen wilden Fluss im südindischen Kerala gebucht. In der Nähe gibt es eine ayurvedische Klinik. Wie super, denke ich.  

Ich wollte schon immer mal eine ayurvedische Reinigungskur, eine sogenannte Pancha Karma Kur machen. Es ist Off Season, nicht viel los. Mein Glück, denke ich, buche ein Gesamtpaket und freue mich. Ich habe das noch nie gemacht, aber schon viel Gutes darüber gehört.

Mein erster Termin: Eine medizinische Untersuchung.

Macht Sinn, denn so eine Kur samt all ihrer Anwendungen ist ja auch nicht ohne. Man gibt mir einen Termin, morgens um acht. Ich werde vom untersuchenden Arzt selbst in Empfang genommen. Weit und breit keine Helferinnen zu sehen. Er führt mich ins Behandlungszimmer, ein eloquenter kompetent wirkender junger indischer Arzt. Er stellt mir Fragen über meine Gesundheit, fragt nach der letzten Regel. Ich lasse ihn wissen, dass sie eine Woche verspätet ist. Ob ich besorgt sei, schwanger zu sein? Nicht wirklich, sage ich.

Dann soll ich meine Sachen ausziehen, damit er mich wiegen kann.

Ich ziehe mich bis auf die Unterhose aus. 55,6 Kilo zeigt die Wage an. Dann bittet er mich, mich auf die Liege zu legen. Er tastet meinen Bauch ab. Erst wandern seine Hände über meinen oberen Bauch, dann tasten sie meinen unteren Bauch ab.

Und dann, ganz schnell, ohne eine Frage oder Anmerkung, gleiten seine Hände unter meinen Slip. Er zieht ihn nach unten. Und mein Gehirn schaltet aus. Keine Reaktion. Ich bin erstarrt. So als sei das jetzt ein ganz normales Untersuchungsprozedere.

Ich kann nicht sprechen. Obwohl ich sollte.

Und dann auf einmal steckt seine Hand in meiner Vagina. Und wühlt in ihr herum. Hastig und wirr. Ich erstarre, liege wie tot  auf der Liege und kann nichts sagen. Obwohl ich sollte. Erst als er seine Hand wieder aus mir heraus zieht, kann mein Mund Wörter formen und ich frage ihn: „Sorry, what did you just do?“ Und er sagt: „Just checking if you are not pregnant.“

Ich lasse das so stehen. Sage nichts weiter. Ziehe mich an. Lasse mir den ersten Massagetermin geben. Sage danke und gehe. Gehe wie in Trance über das Gelände der Ayurveda-Klinik. Schritt für Schritt.

Ich will mir einreden, dass alles okay ist.

Denn eigentlich ist ja auch gar nichts passiert. Keine wilde Sache. Einfach kein Drama daraus machen.

Aber es funktioniert nicht.

Tränen fließen aus meinen Augen, mit zitternden Knien laufe ich zurück zu meiner Unterkunft.

Zu meinen Freunden. Ich will eigentlich nichts sagen. Ich schäme mich und ich habe Angst vor ihrer Reaktion. Irgendwie bin ich ja auch selbst schuld. Ich würde so gerne, aber ich kann nicht verbergen, dass es mir schlecht geht. „Was ist denn passiert?“ fragt meine Freundin. „Ich weiß es auch nicht so richtig“, sage ich. Und erzähle dann die ganze Geschichte. Meine Freund*innen sind schockiert, sie wollen sofort mit mir zur Polizei gehen.

Ich rufe eine befreundete Inderin in Delhi an, die Leiterin einer NGO. Vielleicht weiß sie, was zu tun ist. Sie hört sich an was passiert ist und sagt: „Solche Dinge passieren. Einfach nicht mehr darüber nachdenken. Und egal was du machst, geh nicht zur Polizei. Das macht es nur noch schlimmer.“ Sie warnt mich vor einer Aufruhr im Dorf. Vor dem indischen Behördenwahnsinn. Und den Irrungen und Wirrungen der Korruption. Ich bin fassungslos. Sprachlos.

Am nächsten Morgen bringen mich meine Freunde zur Klinik-Leitung. Nun bin ich ein Stück weniger paralysiert, sondern eher aufgebracht.

Der Arzt wird befragt. In seiner Version wird das Reinstecken der Hand in meine Vagina lediglich zu einer Berührung des Genitalbereichs, die lediglich der Untersuchung diente. Er fleht mich an, nicht zur Polizei zu gehen. Ich entscheide mich gegen eine Anzeige, weil ich keine Lust auf den indischen Behördenwahn habe und weiterreisen muss.

Man bietet mir die Kur umsonst an. Ich lehne ab, verlasse diesen Ort. Und kehre niemals wieder. Zumindest nicht physisch. Meine Psyche vergisst jedoch nicht so schnell.

Ich reise weiter, packe das Erlebte ganz schnell in eine „Kann ja mal passieren“-Box und versehe sie mit der Aufschrift: „Nicht der Rede wert.“

Das, was es zu fühlen gäbe, kotze ich ins Klo. Und blicke nach vorne.

Bis ich mehrere Jahre später die Doku „Brave Miss World“ auf Netflix schaue. Über die Israelin Linor Abargil, die wenige Wochen vor ihrer Wahl zur Miss World vergewaltigt wurde. Nun ermutigt sie andere Frauen, nicht zu schweigen und ihre Geschichte zu erzählen. Ich weine von Anfang bis Ende der Dokumentation und verstehe wie wichtig es ist, über das Erlebte zu sprechen.

Dass es wichtig ist, #metoo zu artikulieren. Egal, um welche Form von sexuellem Übergriff es sich handelt. Egal, ob es sich um ungewollte verbale Äußerungen handelt, ungewollte Berührungen oder eine Vergewaltigung.

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Was tun nach einer sexuellen Belästigung?

1. Mach dir bewusst: Dich trifft keine Schuld

Oft kreisen bei den Opfern Gedanken im Kopf wie: „Ich hätte es verhindern können.“ „War der Rock den ich trug vielleicht einfach zu kurz?“ „Warum habe ich nicht deutlicher ‚Nein‘ gesagt?“ Merke dir und mach dir bewusst: : „Der Täter hat sich falsch verhalten, nicht ich.“

2. Sprich darüber!

Bei Opfern sexueller Belästigung ist die Scham über den Vorfall oft so groß, dass sie sich erst einmal zurückziehen und nicht über das, was ihnen passiert ist, sprechen. Aus Angst vor Stigmatisierung, vor Vorwürfen, vielleicht auch einfach, weil sie das Erlebte nicht in Worte fassen können, da es zu schmerzhaft ist. Sich anderen anzuvertrauen und nicht mit all der Scham und dem Schmerz allein zu bleiben, ist jedoch unglaublich wichtig, um das Erlebte zu verarbeiten.

3. Kontakt zu professionellen Ansprechpartner*innen aufnehmen und Hilfe holen!

Es gibt verschiedene Beratungsstellen, an die du dich im Fall eines sexuellen Übergriffs wenden kannst. Das Hilfeportal Missbrauch bietet eine anonyme und kostenlose Hotline an: 0800- 22 55 530.

Hier findest du noch eine Übersicht verschiedener Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst.

4. Anzeige erstatten

Sexuelle Belästigung ist strafbar. Ich habe mich nach dem Vorfall in Indien damals aus verschiedenen Gründen gegen eine Anzeige entschieden. Aus verschiedenen Gründen. Generell sollten Straftaten angezeigt werden. Lass dir jedoch keinen Druck machen! Es ist ganz allein deine Entscheidung, ob du ein mögliches Verfahren möchtest und ob du dir zutraust, es durchzustehen.

5. Das Erlebte aufarbeiten

Die Erfahrung von sexuellen Übergriffen ist oft mit einer Traumatisierung verbunden. Deshalb empfiehlt es sich, das Erlebte mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten.

Die Beratungsstellen können dich gegebenenfalls auch an kompetente Traumatherapeut*innen verweisen.

6. Dir selbst bewusst etwas Gutes tun

Opfer von sexueller Belästigung und Gewalt gehen oft sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Eine extreme Belastung für Körper, Seele und Geist. In der Zeit der Heilung geht es darum, dass du liebevoll mit dir und deinem Körper umgehst, dir die Unterstützung holst, die du brauchst, Dinge tust, die dir einfach gut tun.

Ein Film, den ich dir unbedingt ans Herz legen möchte ist Brave Miss World, den du auch auf Netflix findest. Und hier ist noch ein inspirierender TED-Talk.

Über solche Erlebnisse zu sprechen und zu schreiben, das sind wichtige Schritte, um das Erlebte zu verarbeiten, zu heilen.

Dies ist mein Anfang.

Alles Liebe, Daniela

Titelbild © Unsplash

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2 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Daniela. Danke dir sehr für das mutige Teilen.
    Ich sende dir viel Liebe und eine dicke Umarmung. Hoffe wir sehen uns bald mal wieder.
    LG gen Osten.
    Martin aus Köln

  2. Es tut mir so leid, dass dir das passiert ist. Danke für das Teilen deiner Geschichte. Ich wünschte, ich hätte damals den Mut gehabt. Heute ist es okay, aber Spuren bleiben, wie in den Jahresringen eines Baums, wenn mal ein Auto dagegen gefahren ist.

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