Lass uns über den Tod sprechen

31. Oktober München, Westfriedhof: Es geht zu wie auf einem Jahrmarkt. Der Himmel strahlt übertrieben blau und die Sonne verwandelt die Bäume in ein Meer aus Gold. Am Eingang verkaufen Frauen Blumengestecke, Kerzen und Streichhölzer, daneben steht uniformierter Mann mit einer Spendendose und sammelt Geld für die Kriegsgräberfürsorge. Einen Stand weiter gibt es Kaffee aus Thermoskannen und Kuchen. Menschen laufen geschäftig zwischen den Gräbern umher, fegen Laub und tun ihr Bestes, um die Ruhestätten ihrer Angehörigen in gutem Licht erscheinen zu lassen. „So ist das also mit Allerheiligen im katholischen Bayern, der Tod wird sichtbar“, denke ich und finde das Treiben gleichzeitig schön und absurd.

Obwohl ich aus München komme, war für mich Allerheiligen nie mehr als ein willkommener Feiertag. Dieses Jahr ist das anders. Morgen vor genau einem Jahr ist mein Stiefvater sehr plötzlich gestorben und das Thema Tod hat sich auf sehr konkrete Weise in meinem Leben gezeigt.

Obwohl der Tod das vielleicht einzige Thema ist, dass ausnahmslos alle Menschen betrifft, wird es in unserem Kulturkreis tunlichst vermieden. Der Tod macht uns Angst. Darüber zu sprechen, ist unangenehm. Vielleicht würde man riskieren, einen wunden Punkt bei dem Anderen zu treffen, möglicherweise ein emotionales Pulverfass öffnen. Deshalb schweigen wir lieber und blicken betreten zu Boden.

Meine Erfahrung ist: Über das Sterben und den Tod zu sprechen, ist unheimlich heilsam. Es hilft, das Erlebte zu verkraften und zu verstehen, es tröstet und es zeigt: Hey, du bist nicht allein. Deshalb will ich heute den Anfang machen und mit dir teilen, was ich im letzten Jahr über den Tod gelernt habe.

Geburt und Tod sind die relevanten Ereignisse im Leben eines Menschen.

Worauf kommt es im Leben wirklich an? Diese Fragen stellen sich die meisten von uns ziemlich häufig. Während wir nach der Antwort suchen, sorgen wir uns um die Selbstverwirklichung, darum, ob wir die richtigen Entscheidungen treffen, ob wir genug Geld für den New York Trip haben, wer sich nach einem Streit als erstes bei wem entschuldigt oder (wie in meinem Falle heute), ob der Blogpost noch rechtzeitig online gehen kann.

Wie unwichtig all das eigentlich ist, wird uns dann klar, wenn die existentiellen Themen unser Leben kreuzen: Geburt und Tod. Alles dazwischen ist Leben. Existentielle Erfahrungen fühlen sich an, als würde sich der Himmel ein wenig öffnen und Klarheit auf die Erde bringen. Ich wusste selten so genau, was zu tun ist, was richtig ist und welchen Schritt ich als nächstes zu gehen hatte, wie in den Wochen nach dem Tod meines Stiefvaters.

Der Tod hat mich einmal orendtlich durchgeschüttelt, aber mit mit großer Klarheit sehen lassen, was im Leben wirklich zählt. Und dass ist sicher nicht, wann mein nächster Blogpost online geht.

Der Tod wirft die Frage auf: Was ist Lebendigkeit?

Was habe ich mir den Kopf zerbrochen und versucht, den Tod zu verstehen. Die Lebendigkeit weicht aus der menschlichen Hülle und plötzlich ist da nur noch etwas Materie, die aber nicht mehr der Mensch ist. Die Energie, die einmal in der Hülle war, ist aber auf diffuse Weise trotzdem noch da.

Ich zog mir YouTube-Videos über Quantenphysik und Bücher über Sterbeforschung rein, googelte mit Begeisterung Erfahrungsberichte von Menschen mit Nahtod-Erfahrungen und kam trotzdem zu dem Schluss: Man kann den Tod nicht verstehen. Zumindest nicht mit den Geist.

Für die Hinterbliebenen bedeutet der Tod erzwungenes Loslassen

Wenn das Loslassen, das gerade wir Yogis so hochloben, kein innerer Prozess ist, sondern ein von außen indizierter Zwang, ist es ganz schön brutal. Verabschiedet sich jemand, der uns nahe steht, aus dem Leben, haben wir nicht die Wahl, ob wir loslassen. Wir müssen.

Die Schwierigkeit, oder besser die Chance, liegt eher im Annehmen der Trauer. Trauern bedeutet, alle Gefühle zuzulassen, die mit dem Verlust in Zusammenhang stehen. Erst wenn alle Stadien durchlebt und durchlitten sind, kann Raum für Neues entstehen. Nicht gelebte Trauer heißt meistens Depression.

Selbsterfahrungsprozesse werden in Gang gesetzt.

Der Tod beschleunigt Transformation. Ob wir wollen oder nicht. Stirbt ein Familien-Mitglied, verändern sich ganze Familiengefüge. Rollen, in denen wir uns wohlig eingewohnt haben und über die wir uns definieren, gibt es von heute auf morgen nicht mehr. Mit dem Tod der letzten lebenden Oma, stirbt auch die Rolle Enkelin für immer. Je näher uns die Menschen stehen, desto drastischer werden die Veränderungen.

Ganze Familiengefüge müssen sich neu strukturieren. Aufgaben und Themen, die wir in unseren engen Beziehungen gerne auf den Anderen ausgelagern, müssen zurückgenommen werden. Seien es das Runterbringen des Mülls, der Ideenreichtum für Familienfeste oder die Sorgen um das Geld. Es ist wie ein Uhrwerk, das läuft, so lange alle Rädchen funktionieren. Fällt eines für immer aus, muss sich das ganze System neu organisieren.

Im Individuellen sind die Auswirkungen ganz unterschiedlich. Für mich war es Art „No-Bullshit-Katalysator“. Mir wurde die Kostbarkeit des Lebens bewusst, was zu einigen wichtigen, grundlegenden Entscheidungen führte. In der Rückschau kann ich sagen: Ich hatte mich ganz schön von mir Selbst entfernt und habe inzwischen wieder das Gefühl „richtig“ zu sein.

Das Ende von Etwas ist immer auch eine Chance für Wachstum und Neuanfang.

Das Prinzip von Zerstörung und Schöpfung können wir überall beobachten. Die Natur stirbt, um dann unter der Oberfläche, neues Leben zu bilden, das im Frühjahr an die Oberfläche dringt. In seinem kosmischen Tanz zerstört der Hindu-Gott Shiva das ganze Universum und erschafft es im gleichen Augenblick neu. Kali, die Göttin des Todes, ist gleichzeitig Sinnbild für die tiefe Wahrheit hinter den Dingen und wird als schöpferische Kraft verehrt.

Was ich sagen will: Selbst der Tod, der uns manchmal so unverhofft heftig trifft, birgt unheimliches Potenzial. Auch wenn ich meinen Stiefvater vermisse, bin ich ihn fast ein bisschen dankbar. Für mich war das letzte Jahr krass, aber in seiner Konsequenz voller lebenswichtiger Erfahrungen und Entscheidungen.

Warum schreibe ich überhaupt über den Tod?

Weil er zum Leben gehört, ja, weil er die Krönung des Lebens ist. Deshalb sollte er auch am Leben teilhaben dürfen, ohne tabuisiert zu werden. Mein Freund hat es letztens wunderschön bildlich formuliert: „Eigentlich können wir den Tod reinlassen, wenn er an die Tür klopft, ihn an den Tisch bitten und ein bisschen mit ihm plaudern. Es bringt ja nichts zu warten, bis er brutal die Tür eintritt. Dagegen, dass er kommt, können wir ja eh nichts machen.“ Vielleicht stellen wir dann sogar fest, dass er nicht nur traurig, sondern auch eine Gnade ist.

Bei all dem Sinnieren über den Tod darf man eines nicht vergessen: Das Leben ist so wertvoll, in all seinen Höhen und Tiefen. Nimm diesen Gedanken mit in dem November.

Dein Monatsmantra: Ein Hoch auf die Fülle des Lebens!

Auf die Heiligen, die Toten und die Lebendigen,

Unterschrift XOXO Rebecca_pink

 

 

 

 

 

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18 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Wichtiger Text über ein so schwieriges Thema. Ich halte es für extrem wichtig, den eigenen Bedrüfnissen entsprechend trauern zu dürfen (oder trauern zu können). Alles andere macht todunglücklich. Mir wurde früher leider eine andere Trauerkultur vorgelebt. Nämlich: Geh einfach zur Tagesordnung über und tu so, als ob nichts passiert wäre. Leider besaß ich damals mit 18 nicht den Weitblick, um zu ahnen, wie sich dieser Art der „Trauerbewältigung“ auswirken kann. Dafür weiß ich nun, das Verdrängtes immer wieder nach oben kommt. Irgendwie, irgendwo und irgendwann. – frei nach Nena. ;)

    Danke für diesen Post.

    LG Anna

  2. Liebe Rebecca,
    was für ein toller Text. Mein Stiefpapa ist letztes Jahr Ende November gestorben bzw. hat sich, aufgrund seiner Drepression, selbst das Leben genommen. Für mich war das ein Anlass, mal genau auf mein Leben zu schauen. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich seit Ewigkeiten in meiner Komfortzone festhänge, dabei aber nicht glücklich bin. Deshalb habe ich angefangen, mich und mein Leben zu ändern. Das dauert und ist manchmal anstrengend. Aber ich bin wieder bei mir angekommen und das ist das Wichtigste. Oder wie mein Stiefpapa sagte: nicht ohne mich möchte ich leben.

  3. Wundervoller Artikel, ja so fühle ich es auch. Der Tod als Thema in unserem – meinem Leben – wirft immer wieder die Frage nach der eigenen Lebendigkeit auf!

    Lebe ich? Intensiv? So wie es mir entspricht? Vor 11 Jahren ist ein sehr lieber Mensch in meinem Leben, gestorben und ich habe mir damals innerlich versprochen, immer wieder – täglich – zu fühlen: es ist mein Leben, ich lebe es aus vollem Herzen…es lohnt sich! Das hat dann sehr viel in der Tiefe verändert in meinem Leben…

    Alles Liebe

    Karin

  4. Liebe Rebecca,

    vielen Dank auch von mir für Deine Zeilen.
    Kürzlich habe auch ich einen mir nahestehenden Menschen verloren. Plötzlich waren da so viele Fragen: Wo ist sie jetzt? Geht es ihr gut? Was kommt danach? Wie war das wohl in dem Moment in dem sie gestorben ist? Hat sie gelitten? Kann sie mich noch sehen? Kann sie mich noch hören? Getröstet hat mich das Buch: „Leben nach dem Tod“ von Raymond A Moody. Ich habe es verschlungen und glaube, dass sie nun an einem guten Ort ist. Alles Liebe, Anja

  5. Liebe Rebecca,
    ein sehr schöner und wichtiger Artikel zu diesem Thema.
    Dein Verlust tut mir trotzdem sehr leid, ich weiss noch sehr gut, wie turbulent mein Leben wurde, als mein Vater starb.
    Aber eben auch klarer und authentischer.
    Vielen vielen Dank, lass es Dir gut gehen
    Sandra

  6. Hallo Rebecca,
    Was ein wunderschöner Beitrag, der mir direkt ins Herz geht. Ich habe schon viele Menschen verloren, die mir sehr wichtig waren und habe dadurch gelernt, wie wichtig es ist, Menschen in Würde gehen zu lassen. Wenn man seinen Frieden mit dem Tod gemacht hat, kann man das Leben viel mehr genießen.
    Danke dir!

    Laura

  7. Auch ich danke dir von Herzen, Recebba!
    Welch‘ wert- & gehaltvoller, tiefer Text! Du beschreibst so viele Ebenen und Facetten des Todes so treffend: das erzwungene Loslassen, das sich verändernde (Familien-)System, die ganze Fülle des Lebens, die auch den Tod mit einschließt…
    Lass uns den Tod auch als größten Lehrmeister begreifen!

    Auch ich habe in meinem Blog öfters das Thema Tod mit aufgenommen (unser geliebter Vater ist heute vor genaj 10 Monaten friedlich gestorben),

    so hier zum Beispiel:
    http://www.seisofrei-lebenskunst.de/2016/04/03/trauer-in-erinnerungen-und-seelenzustaenden

    Hab’s gut, & auch auch Ihr, liebe Mitleser: Habt’s gut!

    Herzlich, Carolin

    1. HAoqls&uo;x» VLtre façon de me faire passer pour un C…, bien que très classique (et pas très honnête), est sans aucun doute efficace. »Vous n’avez pas besoin de moi, vous vous débrouillez très bien tout seul.

  8. Liebe Rebecca,
    was für ein schöner und wichtiger Artikel! Ich finde es so wichtig und es ist ein großes Herzensthema von mir, dass wir mehr über den Tod und die Trauer sprechen. DANKE, dass du mit diesem kraftvollen und offenen Artikel etwas dazu beiträgst!
    Ich finde, wenn wir über den Tod reden oder nachdenken, dann beschäftigen wir uns letzten Endes immer mit dem Leben,
    Seit dem plötzlichen Tod meines Lebenspartners habe ich mich sehr viel damit beschäftigt und schreibe nun auch auf meinem Blog darüber – mein Beitrag, damit das Thema weiter aus dem Tabu herauskommt.
    Ganz liebe Grüße
    Silke

  9. DANKE REBECCA!!!
    Wunderbare Worte, die mich sehr berührt haben. Besonders, da bei mir im Leben gerade dieser Satz das große Thema ist:
    „Mit dem Tod der letzten lebenden Oma, stirbt auch die Rolle Enkelin für immer. Je näher uns die Menschen stehen, desto drastischer werden die Veränderungen.“
    Licht und Liebe, Britta

  10. Liebe Rebecca,
    Danke für diesen offenen Text! Ich habe deinen Artikel vom letzten Jahr direkt nochmal gelesen, er hat mich damals wie heute sehr berührt.
    Danke Rebecca und danke Helmut!

    1. Not to downplay the terrible problems of the flooding by any means, but I am reading this line of comments from San Francisco and wondering where all these intelligent and civilized comments are coming from. If this was in the US on Yahoo, there would be 300 comments and most would be arguing with each other, calling names and misspelling every third work. Nice sense of community and balance of science and opinion, too. I’m impressed, again, with Australia and Auaatslirns.

  11. Danke Rebecca, für diesen wunderbaren Artikel! Ich lebe noch etwas südlicher, am schönen Chiemsee, und auch hier ist dieser Feiertag ein wichtiger. Zum einen- ja, es wird wieder an den Gräbern gestanden und der Toten gedacht. In unserer Familien gab es zuletzt sehr viele Verluste zu beklagen u.a. mein noch viel zu junger Schwager. Aber das schöne an Allerheiligen ist bei uns immer- und das hat auch noch Tradition, obwohl
    Omas/Opas, Mamas/ Papas schon gegangen sind- dass wir bis tief in den Abend hinein zusammensitzen, Kuchen und Brotzeit essen und ganz viel
    gelacht wird! Und dazwischen wuseln mittlerweile zig Kinder, die das ganze noch mehr bereichern! So ist es für mich mittlerweile auch mehr als ein freier Tag, sondern ein fester Familientag!

  12. Liebe Rebecca,

    wow! So ein kraftvoller und sehr gut geschriebener Beitrag! Vielen lieben Dank dafür! Ich bin grad aufgewacht und habe noch im Bett Deinen Artikel gelesen (ich genieße in München den Feiertag) und bin grad voll geflasht!!
    Ich freue mich, dass Du den Tod Deines Stiefvaters so gut annehmen konntest und für Dich auch so viel Wertvolles entdecken konntest! Und das Ganze auch an uns weitergibst! Ich versuche mir diese wunderbare Sichtweise einzuprägen!! ✨🙏🏼✨

    Bis bald,
    Asli

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