Keine Angst vor Kilos: Wiegen als spirituelle Praxis

“Wiegen Sie sich, bitte!”

Bestimmt zeigt die Ärztin des Ashrams am Tag vor meiner Yogaausbildung in Richtung einer Waage. Panisch ringe ich nach Luft. In mir das reinste Gefühlschaos, Herzrasen inklusive.

Erst kürzlich habe ich im Zuge meiner Selbstliebe-Praxis beschlossen, mein Gewicht nie wieder zu kontrollieren und bin stolz darauf, dieses Kapitel ein für alle Mal hinter mir gelassen zu haben. Doch meine Reaktion, die fast schon einer Panikattacke ähnelt, gibt mir zu denken.

Trotz des Angstschweißes auf der Stirn stimme ich diesem Teil des Routine-Checks zu

Mit dem Blick starr nach vorne gerichtet steige ich auf das gefürchtete Gerät. Vermeide jedoch um jeden Preis, die Zahl unter mir anzusehen. Als ich die Ärztin zusätzlich bitte, mir mein Gewicht nicht zu verraten, ernte ich irritierte Blicke. Es sei mir nicht wichtig, versuche ich mich zu erklären, doch mein Bauchgefühl signalisiert mir das Gegenteil. Eigentlich auch kein Wunder, denn:

Der Gang auf die Waage war jahrelang fester Bestandteil meines Alltags.

In meinen Höchstphasen wog ich mich täglich, manchmal sogar mehrfach. Der Zeiger der Waage war dabei das Barometer meiner Stimmung: Je höher die Zahl, desto schlechter war es um meine Laune bestellt.

Eine toxische Lebensweise, die mir allerdings erst so richtig zu schaffen machte, als die Kilos kontinuierlich in die Höhe schnellten. Gemessen an den Zahlen war mein Leben bis dato ein erträglicher Mix aus guten und schlechten Tagen. Von nun an war ich jedoch regelmäßig einer gewaltigen Ladung an Frustration ausgesetzt, mit der ich nicht mehr umzugehen wusste. Verzweifelt tat ich das Naheliegendste:

Ich sprang auf den Zug des „Nicht-Wiegens“ auf und verbannte meine Waage in den Keller.

Mehrfach hatte ich schon gehört, dass viele Selbstliebe-Praxistipps dazu aufrufen, sich nicht mehr zu wiegen. Die Logik, dem Kontrollzwang mit diesem einfachen Schritt ein Ende zu setzen, leuchtete mir sofort ein.

Und tatsächlich: Binnen Sekunden fiel eine schwere Last von meinen Schultern. Doch während meiner Yogaausbildung holen mich die Zweifel ein. Irgendetwas schien einfach nicht ins Bild zu passen:

Wie kann etwas, das ich angeblich längst hinter mir gelassen habe, nach wie vor solche Panik in mir auslösen?

Ich bin mir sicher: Frieden sieht anders aus. Um zu überprüfen, ob mich die Waage tatsächlich kalt lässt, beschließe ich, mich meinem Gewicht nochmals zu stellen. Zögere mein Vorhaben allerdings bis nach dem Teacher Training hinaus, “um mir die Ausbildung nicht zu versauen”. Gedanken, die Bände sprechen.  

Ram Dass sagte einst: “Wenn du glaubst, du bist erleuchtet, dann verbring Zeit mit deiner Familie.” So ähnlich sah das bei mir mit der Waage aus:

Wenn du glaubst, du bist erleuchtet, dann geh dich wiegen.

Rückblickend war mein radikaler Entschluss, mich nie wieder zu wiegen, nichts anderes als eine Flucht vor der Realität. In Wirklichkeit war ich nämlich weit davon entfernt, das Kriegsbeil begraben zu haben.

Interessanterweise nahm ich in dieser Phase der “Unwissenheit” sogar mehr zu als jemals zuvor. Ich drehte mich also mit meinem Problem im Kreis, bis mir die Idee des Spirituellen Wiegens in den Sinn kam.

Wahres detachment bedeutet, emotionale Reaktionen bewusst zu konfrontieren und sie als Chance für Veränderung zu nutzen, statt die Scheuklappen aufzusetzen und vor der Wahrheit wegzurennen.

Werbung

Contentbanner rechts 3 (neue wege)

“Spirituelles Wiegen” – So geht’s:

Beim Spirituellen Wiegen geht es darum, ein frustrierendes Thema bewusster anzugehen, um den Zahlen die Macht über das eigene Wohlbefinden zu nehmen.

Skeptisch wagte ich den Versuch und wurde nicht enttäuscht: Als ich anfing, mein  Problem offen und ehrlich zu konfrontieren, schaffte ich erstmals Raum für wahre Veränderung und vor allem dauerhaften Frieden.

Du bist neugierig geworden? Probier’s aus!

Positive Vibes: Bereite deine Räumlichkeiten aufs Wiegen vor

Oft genügt allein der Anblick einer Waage, um Angstreaktionen zu triggern. Dem kannst du vorbeugen, indem du deinen “Ort des Wiegens” positiver gestaltest. Wähle einfach aus, was sich in deiner Situation gut umsetzen lässt. Einige Anregungen findest du hier:

  • Zünde ein Räucherstäbchen an, um die Atmosphäre zu reinigen
  • Spiel beruhigende Musik; indische Mantras wirken wahre Wunder
  • Schnapp dir einen kleinen Zettel auf dem du deine Intentionen à la “Ich bin mehr als eine Zahl auf der Waage” festhältst. Kleine Notizen passen super in die Hosentasche und eignen sich insbesondere, wenn du dich außer Haus wiegst
  • Platziere eine Mala Kette direkt über deiner Waage, oder trage sie um deinen Hals. Sie soll dich daran erinnern, dass es hierbei nicht um die Kontrolle des Gewichts geht, sondern um den aktiven Prozess des Loslassens
  • “Wiegen” dient von nun an deinem spirituellen Wachstum. Warum also nicht die Götter um Hilfe bitten? Besorge dir eine kleine Ganesha-Statue oder ein Bild des Elefantengottes, Entferner der Hindernisse. Stell ihn neben deiner Waage auf und lass ihn über deine Sorgen wachen

Keine Angst vor Kilos: Wiegen als spirituelle Praxis 1

Body-Scan & Visualisierung

Bevor du zum tatsächlichen Wiegen übergehst: Schau dir ganz bewusst die Waage vor dir an und spür in deinen Körper hinein. Was macht dieser Anblick mit dir? Nimm aufkommende Gefühle und Gedanken wahr, ohne sie zu bewerten.

Visualisiere nun den gesamten Vorgang des Wiegens und male dir aus, wie dein Tag im Anschluss idealerweise verlaufen soll. Ganz egal, welche Zahl dich gleich erwartet.

Der Grund: Oftmals entscheiden die angezeigten Kilos über den weiteren Verlauf des Tages. Ist die Zahl höher als erwartet folgt meist ein emotionales Tief, das wir am liebsten in unserem Schneckenhaus aussitzen. Diesem Automatismus wirkst du entgegen, indem du gezielt visualisierst, wie du dir den weiteren Tagesverlauf idealerweise vorstellst, um später Taten folgen zu lassen.

Augen auf und durch: Der Gang zur Waage

Ohne die Sache größer zu machen, als sie tatsächlich ist: Atme dreimal tief durch und steig auf deine Waage. Schau dir die Zahl an und geh dann von der Waage wieder runter.

Widerstehe der Versuchung, den Vorgang des Wiegens mehrfach zu wiederholen. Schließ stattdessen deine Augen, verbinde dich wieder mit deinem Atem und spür nochmals in dich hinein. Was macht diese Zahl mit dir?

Wahres Loslassen: Die Nicht-Identifikation mit den Zahlen

Nun zum wichtigsten Teil des Spirituellen Wiegens. Ganz egal, ob das Ergebnis höher oder niedriger ist als erwartet:

Nimm deine Empfindungen weiterhin bewusst wahr und schreite in deinem Tagesablauf nun so voran, wie du es dir zuvor ausgemalt hast.

Auch wenn dir aufgrund deines Gewichts nicht danach sein mag. Deine emotionale Reaktion kann je nachdem noch eine Weile spürbar sein und das ist okay so. Wichtig ist einzig und allein:

Lass eine Zahl auf der Waage niemals über die Richtung deines Lebens bestimmen.

Wenn du das Gefühl hast, mit dem Spirituellen Wiegen langsam warm zu werden, dann kannst du sogar noch einen Schritt weiter gehen: Spirituelles Wiegen für Fortgeschrittene sozusagen.

Es gibt Tage bzw. Zeitpunkte, die sich weniger eignen, das “wahre” Gewicht zu erfassen. Direkt nach einer Mahlzeit oder auch um das Einsetzen der Periode ist das Körpergewicht in der Regel höher als beispielsweise vor dem Frühstück oder auch zu Beginn des Zyklus.

Diese Zeitpunkte sind jedoch tolle Gelegenheiten, um zu überprüfen, wie egal dir die Zahl auf der Waage tatsächlich geworden ist.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Deine Franzi  

Wie stehst du zum Wiegen? Was hältst du von dem Ansatz des spirituellen Wiegens? Ich bin gespannt auf deine Meinung in den Kommentaren.

Disclaimer: Spirituelles Wiegen eignet sich für dich, wenn du die Waage vermeidest, um deinen Ängsten auszuweichen. Dieser Artikel stellt keine allgemeingültige Empfehlung dar, vielmehr geht es darum, Denkanstöße rund ums Wiegen zu liefern. Sprich: Wenn du durchs Nicht-Wiegen deinen Weg gefunden hast, um mit dem Wiegen im Reinen zu sein, dann freue ich mich wirklich von Herzen, dass es für dich so funktioniert hat und dann solltest du dies auch so beibehalten.

Das könnte dich auch noch interessieren:

5 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Franzi,
    Danke für diesen ehrlichen Artikel.
    Es tut gut zu lesen, dass andere auch eigentlich gute Wege als Vermeidungstaktik nutzen. Bei all den Instagram-Bildern glaubt frau manchmal, damit allein zu stehen.
    Ich habe zwar nie Probleme mit der Waage gehabt, aber die Herangehensweise finde ich super, um auch mit anderen Situationen gelassener umgehen zu können.
    Janina

  2. Liebe Franzi,

    ist das großartig!!! Vielen Dank für diesen besonders wertvollen Artikel.

    Vor allem diesen Satz
    <>
    kann ich absolut unterschreiben. Mir ist es genau so gegangen – und ich denke, dass eine kürzlich vorgenommen, hormonelle Umstellung, nur eine Ausrede ist.

    Dein Konzept ist eine Wohltat – meine Ganesha-Mala befindet sich in Kombi mit einem Wohlfühl-PostIt nun im Bad über der Waage. Seit dem ist alles so viel leichter.

    Ich wünsche mir sehr, dass ganz viele Menschen, die sich hier in einem inneren (und äußeren) Kampf befinden, hier drüber stolpern. Und deine Seminare besuchen, denn deine Worte vom Oktober 2017 begleiten mich seit dem immer wieder.

    Sonnengrüße von Herzen aus München,
    deine Claudi

    1. Liebe Claudi,

      danke. danke. danke. Vor allem auch für deinen Mut, dich an dieses Thema heranzutrauen und es umzusetzen. Es ist nicht easy, aber man wird mit einem Gefühl der Freiheit belohnt.

      Herzensgrüße nach München,
      Franzi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*