Was ist eigentlich Yoga Nidra?

In Yogastunden ist viel von Transformation die Rede. Das klingt gut, sehnen wir uns doch alle danach, flexibler, kraftvoller, gelassener zu werden. Glücklicher irgendwie. Auf jeden Fall: anders als wir sind. So besteht die Gefahr, dass Yoga zu einer weiteren Verlockung in unserem Leben wird. Etwas, das uns von uns weg führt, anstatt uns uns selbst näher zu bringen.

Nach vielen Jahren Yogapraxis habe ich das erlebt. Ich habe immer mehr immer neue Übungen und Techniken ausprobiert und dabei, ohne zu verstehen, was ich tat, die Dynamik des Ungenügens genährt. Bis ich eines Tages total verzweifelt war und darüber nachdachte, Yoga aufzugeben. Und genau in dem Moment entdeckte ich Yoga Nidra.

Ich lag auf dem Rücken, auf dem schmutzigen Steinboden einer Halle in Rishikesh in Nordindien. Die Augen geschlossen, regungslos und folgte der Stimme der Lehrerin, die uns anwies, uns gedanklich durch unseren Körper zu bewegen. Sie sagte einen einfachen Satz:

„You can not do this wrong.“

Die Erleichterung, die ich bei diesem Satz empfand, war so groß, dass sie als tiefes Glücksgefühl meinen Körper durchströmte. Ich wusste es noch nicht, aber in diesem Moment eröffnete sich mir die Essenz nondualer tantrischer Weisheit: Unser innerstes Wesen, das, was wir wirklich sind, braucht keine Transformation. Keine Heilung, keine Anstrengung. Weil wir die Vollkommenheit angeboren in uns tragen.

Daher lehrt Yoga Nidra uns nicht, wie wir uns verändern, sondern wie wir uns annehmen. Yoga Nidra, wörtlich übersetzt der „yogische Schlaf“ ist eine geführte Meditation, die im Liegen geübt wird. In einem tief entspannten Zustand zwischen Wachen und Schlafen wird die Wahrnehmung von Körpersensationen, Gefühlen und Gedanken trainiert und die Haltung wohlwollender Offenheit sich selbst und dem Leben gegenüber gefördert.

Wieder zuhause wollte ich das „You cannot do this wrong“-Gefühl wieder aktivieren und machte mich auf die Suche. Damals waren die ruhigen Yogatechniken hierzulande noch wenig verbreitet.

Schließlich entdeckte ich iRest, eine moderne Adaption von Yoga Nidra, entwickelt von dem amerikanischen Psychologen und Yogalehrer Richard Miller, Gründer der International Association of Yoga Therapists. Der Hauptunterschied zur traditionellen Form besteht darin, dass die stark in der indischen Tradition verankerten Aspekte – fest vorgegebene Bilder beispielsweise – weg gelassen werden und die Übenden angehalten werden, ihre eigenen Erfahrungen während der Praxis in den Mittelpunkt zu stellen, was unserer individualistischen westlichen Kultur mehr entspricht.

 

So funktioniert iRest:

Du liegst bequem auf dem Boden, gepolstert mit Kissen und Decken, so dass du für 30-40 Minuten möglichst still liegen kannst. Du lässt los und überlässt dich der Stimme des Lehrers, der dich in festgeschriebener Abfolge durch die Meditation führt. Am Anfang geht um Körperwahrnehmung. In Gedanken berührst du deinen Mund, Nase, Augen, Arme, Beine, Bauch, Rücken und Becken, bis hin zu Fingern und Zehenspitzen. Du übst, einfach nur wahrzunehmen, was du spürst. Dann bewegst du dich vom physischen Körper in die subtileren Körperschichten. Du nimmst deinen Atem wahr, Gefühle wie Wärme und Kälte, Emotionen wie Freude oder Schmerz, erkundest Vorstellungen, die von dir selbst und der Welt hast, und wirst schließlich angehalten dich selbst als die wahrnehmende Instanz zu erleben, als den weiten Raum, in dem alle Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken kommen und gehen.

Der Ablauf orientiert sich am System der „Koshas“ – Körperhüllen oder Schichten, in denen sich nach Vorstellungen der Yogaphilosophie menschliche Energie vom Grobstofflichen (dem physischen Körper) hin zum feinstofflichen (Astralkörper) manifestiert.

Hier findet ihr eine Minipraxis, angeleitet von Richard Miller, die eine Idee davon vermittelt, wie iRest funktioniert.

iRest Yoga Nidra Practice

Wer sich danach sehnt, tiefer zu gehen und das Gefühl zu erleben, dass alles gut ist, einfach so wie es ist – der sollte Yoga Nidra ausprobieren.

Mehr Info auf: www.irest.us oder www.irest-deutschland.de

Die Autorin Bettina Homann ist Journalistin, praktiziert Yoga seit 1997 und entdeckte die heilsame Wirkung von Yoga Nidra 2010 in Indien. 2014 hat sie die Ausbildung bei iRest-Gründer Richard Miller in Kalifornien absolviert und unterrichtet seither in Berlin Meditation. Auf ihrem Blog Happster schreibt sie über das Suchen und Finden des Glücks. 

Photo Credit: Eddi van W. via Compfight cc

Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. Für mich ist das Sankalpa ein wesentlicher Aspekt des (klassischen) Yoga Nidra. Schade, dass es hier nicht erwähnt wurde. Wie hält es denn irest damit?

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