Immer in Eile: Warum wir viel mehr Zeit haben, als wir denken

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*Gastbeitrag von Gabriele*

„Leider habe ich da keine Zeit.“ Diese Aussage kennen wir alle. Heutzutage ist man vielbeschäftigt und das Gut „Zeit“ ist knapp. Schuld daran sind meistens die Umstände: Unsere Smartphones, die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit, die Fülle der Aufgaben im Job, private Verpflichtungen und, und, und…

Ich möchte heute auch gar nicht in Frage stellen, wie beschäftigt wir wirklich sind oder etwa Tipps für ein besseres Zeitmanagement geben.

Mich interessiert etwas anderes:

Ich glaube, wir wollen gar nicht mehr Zeit haben. Bei all den viel beschäftigten Menschen bin ich nämlich misstrauisch geworden: Wie kann es denn sein, dass wir unbedingt etwas wollen und es uns partout nicht erfüllen können? Vielleicht weil ein unbewusster Wunsch dem großen Wunsch, Zeit zu haben, entgegen steht? Nämlich gerade keine Zeit zu haben?

Wenn man mal weiterdenkt, klingt das gar nicht mehr so absurd.

Wer keine Zeit hat, ist schließlich sehr wichtig.

Keinen vollen Terminkalender zu haben und das auch noch locker zu sagen, ist doch ein bisschen peinlich, oder?

Jedenfalls ist es mir so gegangen, als in einer größeren Runde ein gemeinsamer Abendtermin gefunden werden musste. „Da kann ich nicht“. „Nein, da habe ich eine Sitzung“. „Tut mir Leid, ich bin beruflich gar nicht im Lande“, war der Tenor der Runde. Nur ich konnte praktisch immer sagen: „Bei mir geht’s!“ Anstatt mich zu freuen, habe ich mir heimlich die Frage gestellt, was bei mir schief läuft, und was meine Kollegen über meine Auftragslage denken könnten, wenn ich doch immer Zeit hätte.

Sicherlich ist ‚Keine Zeit’ längst zu einem Statussymbol und zum Gradmesser für die Bedeutung eines Menschen geworden.

Doch „Ich habe keine Zeit“ kann auch ein Vermeidungsverhalten bedeuten. Oft sogar ganz bewusst.

Einem Bekannten zu sagen: „Du das ist ganz schlecht im Moment, ich bin zeitlich wirklich sehr eingespannt“, geht uns leicht über die Lippen. Die Wahrheit wäre vielleicht: „Du, ich habe gar keine Lust, dich zu treffen, die letzten drei Male habe ich mich nämlich nur gelangweilt.“ Oder: „Meine wöchentliches Yogaklasse ist mir wichtiger als ein Treffen mit dir, auch wenn du nur einmal im Jahr da bist.“ Gedanken wie diese offen auszusprechen, ist nicht so einfach.

Noch schwieriger als die Offenheit sind allerdings die unbewussten Vermeidungstrategien:

Was würde denn passieren, wenn ich nicht jede freie Minute mit Terminen zukleistern würde, ja sogar im Urlaub Freizeitstress veranstalte? Im besten Fall wäre es einfach langweilig. Das wäre vermutlich noch zu verkraften.

Aber was, wenn die ‚Gespenster’ sich melden – namens Wut, Angst oder Schuldgefühl – und ihre Chance sehen, die freie Zeit zu nutzen? Da tauchen dann Fragen und Gefühle auf, die man lieber im letzten Eckchen des Unterbewussten lassen möchte.

Fuck Lucky Go happy Yoga blob

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Wie sonst ist es beispielsweise erklärbar, dass manche Menschen sich lieber in einen Burnout hineinrödeln, anstatt rechtzeitig innezuhalten und sich die vielleicht unangenehme Frage zu stellen: „Was mache ich da eigentlich?“ Dazu müssten sie ja Zeit haben, die sie eben nicht haben…

Auf den Punkt gebracht bedeutet das:

Manchmal stehen unbewusste Wünsche den bewussten entgegen. Es lohnt sich deshalb, hinter die eigenen unbewussten Motive des vermeintlichen Zeitmangels zu kommen. Dann müssen wir mit der Zeit auch nicht mehr so stiefmütterlich umgehen, sondern können sie – genießen.

In diesem Sinne: Habt eine gute Zeit!

Eure Gabriele

Über die Autorin: „Finden Sie heraus, worum es wirklich geht!“ ist das Motto von [themecolor]Gabriele Randak[/themecolor]. Seit 1995 arbeitet sie als Supervisorin und Gruppenanalytikerin in eigener Praxis in München, leitet Weiterbildungen und Seminare oder geht mit ihren Klienten auf Coachingreise. Besonders am Herzen liegt ihr die Arbeit mit berufstätigen Frauen, am liebsten in Gruppen. Deshalb startet im Februar 2014 [themecolor]“Woman Only“[/themecolor], ein einjähriges Coaching-Programm nur für Frauen.

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