Höher, schneller, weiter, besser? Über Leistungsdruck im Yoga

In der letzten Zeit treibt mich ein Gedanke viel um. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir unter permanentem Druck stehen mindestens gut, wenn nicht besser oder am besten, zu sein. Gleichzeitig wird Yoga immer beliebter. Und da soll es ja gerade nicht um Leistung gehen. Doch wer kennt nicht die Aussagen von sich selbst oder anderen?

Fantastisch, ich habe endlich meine Füße hinter die Ohren geklemmt!

In der heutigen Zeit, der Postmoderne, ist das Individuum ständig damit beschäftigt, das eigene Selbst neu zu erfinden. Das bedeutet, dass wir uns über unsere Handlungen und unser Sein definieren und dafür Anerkennung von anderen brauchen.

Im Alltag drückt sich das vor allem darin aus, dass wir uns durch ein „Höher, Besser, Schneller“ hervortun, uns ständig selbst optimieren und dabei mit anderen vergleichen. Noch mehr bei der Arbeit gestemmt, die perfektere Freundin/Mutter/Liebhaberin sein, in Minuten ein leckeres gesundes Gericht gezaubert und dabei immer jung, stylisch und gesund aussehen. Kein Wunder, wenn wir dieses Denken auch auf die Yogamatte mitnehmen und dort verbissen am Kopfstand oder dem vollen Lotussitz arbeiten.

STOP! Geht es nicht gerade beim Yoga um das Loslassen?

Sollte nicht genau die Yogamatte der Ort sein, dem Leistungsdruck zu entkommen? Nämlich ein Ort, an dem wir lernen, uns genauso perfekt unperfekt anzunehmen, wie wir (zum Glück) sind?

5 Schritte, wie du deine Praxis zur leistungsfreien Zone machst

Form follows function 

Wir glauben, dass unsere Yogapraxis „besser“ sei, je tiefer wir gehen und je fortgeschrittener wir sind. Dabei vergessen wir, dass es um die eigene und persönliche Erfahrung bei der Ausübung der Asana geht. Viel wichtiger als die äußere Form der Yogaübung ist, was wir dabei empfinden und was die Übung mit uns macht. Kurz heißt das: Ein nur 2cm vorgebeugtes Pascimottanasana, bei dem du tief atmen kannst und ganz bei dir bist, ist sicherlich intensiver als eine Stirn auf den Schienbeinen, wenn du dabei kaum Luft bekommst.

Auf der Matte bleiben

Vielleicht hast du es von deiner Yogalehrerin ja schon einmal gehört: Es ist völlig egal, was neben dir auf der Yogamatte passiert. Während der Praxis ist es unheimlich wichtig, bei sich und den eigenen Erfahrungen zu bleiben und sich nicht auf die Verrenkungen der Yoga-Barbie neben dir zu konzentrieren. Denn automatisch kommen wir zu unsinnigen Vergleichen in unserem Kopf. So fühlen wir uns dann automatisch unzulänglich (und meinen, noch mehr tun zu müssen!) oder halten uns für besonders yogisch, weil wir die Asana so viel eleganter ausführen können. Also einfach nicht mehr nach links und rechts schielen, sondern den Drishti (die Blickrichtung) nach innen richten.

Die Yogapraxis ist kein To-Do!

Ich habe selbst sehr oft genau das getan: Schnell von der Arbeit los ins Yogastudio gezischt und danach noch zu einem weiteren Termin. Die tägliche Yogapraxis wurde so zu einem To-Do auf meiner Aufgabenliste, das ich dann geistig abhaken konnte. Eben noch schnell die Glieder gestreckt, um dann noch besser für alle anderen Aufgaben zu funktionieren. Ich habe für mich gemerkt, dass ich den Wirkungen der Yogaübungen nicht immer ihren notwendigen Raum geben konnte und ich dabei immer gestresster wurde. Wenn sich dein Yoga-Date so anfühlt, dann solltest du besser nicht hingehen. Deine Yogapraxis wird sicher intensiver, wenn du zwar seltener, dafür aber mit Zeit und Leichtigkeit in die Klasse gehen kannst, wo du dann auch nicht schon beim Shavasana über die Einkaufsliste oder die Teamsitzung nachdenken musst.

Intention: Mach es für andere!

Ich habe mich oft dabei erwischt, wie ich mir bei der Setzung der Intention gewünscht habe, mehr Kraft, Ausdauer oder Energie für ein Projekt oder eine Person zu haben. Letztlich steckte auch hier nur der Wunsch dahinter, besser zu funktionieren oder anders zu sein. Widme deine Yogapraxis einer dir geliebten Person, die gerade deine gute Energie braucht oder sende gedanklich Liebe und Mitgefühl an Menschen, die dir Ärger bereiten. So kommst du leicht weg von nervenden Gedanken der Selbstoptimierung. Und wenn es doch etwas für dich selbst sein soll: Schicke dir selbst ganz viel Zufriedenheit über das, was du bist. Denn du tust sowieso schon immer das Beste, was du kannst!

Ja, einfach atmen!

Dieser kleine Trick hat bei mir Wunder gewirkt. Konzentriere dich ein paar Mal auf der Yogamatte wirklich nur auf deinen Atem und kümmere dich nicht um deine körperlichen Bewegungen. Wenn du ruhig und gleichmäßig atmen kannst, stellen sich Gelassenheit und Gleichmut fast von alleine ein. Bedeutet das, dass du ein bisschen weniger „weit“ bei den Übungen gehst, dann ist das vielleicht gerade das Richtige für dich. Der Atem ist unsere beste Verbindung zwischen unserem Körper und unserer Geisteshaltung.

Wie machst du deine Yogapraxis zu einer leistungsfreien Zone? Ich freue mich auf deine Kommentare!

Deine Janna

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17 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Artikel. Ich bin nun 4 Wochen in meinem Anfänger Kurs und meine Gruppe ist toll.
    Schon bei ersten Termin wurde uns gesagt, dass es um uns geht, wenn wir nicht weiter runter kommen oder keinen Lotus können ist das total in Ordnung.
    Fällt einem natürlich schwer, man möchte in der heutigen Zeit alles sofort.

    Mein Yoga Studio ist eher ein solides Studio, erfahrene nette Damen und weniger das hippe Studio in dem alles bis zum Ende durchdacht ist. Ich habe mich genau aus diesem Grund dazu entschieden nicht in der geilste Insta Studio der Stadt zu gehen – hat geholfen :)

    liebe gRüße aus Kölle

  2. Hi Janna, danke für deine Gedanken zu diesem Thema und die Tipps! Ich denke es mir auch oft, v.a. was alles so im Netz an Akrobatik zu sehen ist.
    Einerseits sind es manchmal echt schöne Bilder im Sinne von Kunst, andererseits ist das mittlerweile schon zu viel Zirkus-Verbiegung für meinen Geschmack.
    Was mir auch hilft ist die Augen zu schließen und den Blick nach innen zu richten. So blende ich andere Personen aus, fokussier mich wirklich aufs Fühlen und kann die Haltung bei Bedarf besser anpassen.

  3. Schöner Artikel, der auch ein weit verbreitetes Thema, über dieses aber kaum gesprochen wird. Das nicht nach links und rechts während der Yogastunden schauen, ist aus eigener Erfahrung leichter gesagt als getan. Je nach Yogastudio fällt mir es persönlich leichter oder schwerer, je nachdem wer mit die Klasse besucht. Besonders in Berliner Studios ist mir aufgefallen, dass dort zunehmend eine Art „Gesehen und gesehen werden“-Kultur vorherrscht und sich einige Yogini mit ihren Verrenkungen profilieren wollen.
    LG
    Juliane

    1. Sich profilierende Yogis? Sehen und gesehen werden? Puh, das klingt sehr anstrengend! Ganz banaler Tipp dazu von mir: Einfach nicht hingucken und erst recht nicht mitmachen. Und gerade wenn alle gestylt sind, selbst in Schlabberhose und Shirt auftauchen. Und: Wenn um dich herum viele Yogis sind, die sich dem Leistungsdruck nicht entziehen können, lass es nicht zu deinem Problem werden!

  4. Schön, dass ihr so ein wichtiges Thema ansprecht!!
    ich habe in der letzten Ausgabe von Yoga aktuell einen Artikel geschrieben „Entdecke den Juwel, der Du bist“. Darin habe ich genau diese Thematik angesprochen, nämlich das es viel mehr darum geht, dass wir uns von innen heraus in einer Asana erfahren, als zu versuchen, eine perfekte äußere Form zu finden!!!
    Darauf habe ich sooooooooooo viele Leserbriefe bekommen. Aufschreie der Erleichterung.
    Danke, dass auch ihr diesen Gedanken teilt.
    Herzlich
    Doris

  5. Am Leistungsdruck zeigt sich für mich immer der Yoga Anfänger, und an manchen Tagen bin ich immer noch ein absoluter Anfänger!!! und dann kann ich wieder total loslassen und das Gefühl in diesen Momenten ist unbeschreiblich schön.

  6. Hallo Janna,
    das sind sehr gute Punkte, die jeder Yogi einmal durchläuft… bevor er kapiert, für wen er Yoga macht.

    Viel Spaß beim Vipassana, das wird dich sehr verändern!

    lg Michael

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  7. Ein schöner Artikel! Und sooo wahr! Ich habe all die Jahre immer den Druck gehabt- mir selbst gemacht! – dass ich unbedingt, unbedingt endlich, endlich den Handstand hinbekomme! Als ich es dann irgendwann aufgegeben habe, weil mir das selbst zu doof war, habe ich gemerkt, dass mir der Unterarmstand viel leichter fällt. Perfekt ist der jetzt zwar auch nicht, aber es macht deutlich mehr Spaß. Es gibt immer Tage, an denen ich eine Asana besser oder schlechter halten kann. Oder auch gar nicht. Aber dann ist das eben so.

    1. Liebe Linda,
      danke für das Teilen deiner „Ich will das jetzt unbedingt können!“-Erfahrung. Ich hab auch immer wieder gemerkt, dass immer dann, wenn ich „aufgegeben“ habe, eine Asana zu „beherrschen“, sie plötzlich einfach da war. Und das es dann am Ende um den Weg dahin und nicht um das Ziel ging. ;-)

  8. Ohjaa, das ist alles nicht so einfach ;)
    Ich gehe natürlich mit der Intention in die Stunde, allen Leistungsdruck vor der Tür zu lassen – und das klappt auch meistens ganz gut. Auf die Matten neben mir schiele ich selten, aber trotzdem habe ich einen gewissen Anspruch an mich selbst, sprich: ich will Fortschritte machen. In erster Linie bezieht sich das aber darauf, möglichst Eins mit mir und meinem Atem zu werden und nicht darauf, mir die Beine hinter die Ohren klemmen zu können. (obwohl: wie ich mich freue, wenn ich es in die Krähe geschafft habe!)

    1. Hahaha, ja stimmt, das kenne ich auch! Dass man sich dann eben doch wie ein Honigkuchenpferd freuen kann, wenn man eine bestimmte Asana „geschafft“ hat.
      Vielleicht kann unser Fortschritt in der Praxis tatsächlich gerade darin liegen, das Denken daran immer mehr abzulegen. Und irgendwann ist es sowieso nur noch Atmen…

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