Glück wird überbewertet – fünf Gründe gegen ein glückliches Leben

Wie geht es dir heute? Bist du glücklich? Oder schlecht gelaunt und machst dir deshalb Vorwürfe, die deine Laune noch eine Oktave runterziehen?

Falls letzteres der Fall ist, freut sich die Ratgeberliteratur bei Amazon oder der Buchhandel um die Ecke über deinen Besuch. Hier gibt’s massenweise Lösungen für Glücksprobleme jedweder Art. Tausend und eine Strategien zeigen uns mit Übungsaufgaben und schlauen Checklisten, wie wir für immer und ewig glücklich werden. Aber wollen wir wirklich immer glücklich sein? Ist das unser Lebensziel? Dauergrinsen gegen Downsein? Mir fallen spontan zig Gründe dagegen ein.

Hier meine Top-Five-Gründe gegen ein dauerglückliches Leben:

Glück gleich Druck

Fakt ist, dass unsere Gesellschaft, die an Grundbedürfnissen übersättigt ist, sich nun ans Feintuning macht. Und da ist es nicht mehr in Ordnung unzufrieden mit seinem Leben zu sein, schließlich hat man es selbst designt. Wer genervt von Job und Partner ist, ist auf der Glückskarriereleiter ordentlich daneben getreten.

Wir stehen unter einem spürbaren Glücks-Leistungsdruck. Als vor zirka 200 Jahren Faust noch zum Moment sagte „Verbleibe doch du bist so schön“ und damit einen lang ersehnten Augenblick des Glücks beschrieb, war eben dieses ein Ausnahmezustand. Heute machen Schuhe glücklich (Zalando, Schrei vor Glück!) und Kosmetik (Douglas macht das Leben schöner).

Deshalb habe ich beschlossen, mich vom Glücksdruck zu befreien. Und so war ich plötzlich ganz glücklich und zufrieden, ohne es zu wollen.

Unglückskompetenz statt Glücksstreben

Ein Sprichwort sagt „Leben ist, was passiert, während man andere Pläne macht“. Da wir nicht beeinflussen können, was uns widerfährt, führt ein ständiges Streben nach Glück unweigerlich in eine Sackgasse. Viel wichtiger ist es, Stärke für das zu entwickeln, was uns zustößt. Trennungen, der Tod einer geliebten Person, Enttäuschungen im Job.

Der Umgang mit Gefühlen wie Angst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gehört genauso zum Leben, wie die Sonnenseiten. Wer sein Schicksal nicht akzeptieren will, weil er das stete Glück erwartet, läuft Gefahr in solchen Lebensphasen in Depressionen zu verfallen. Wer sich aber seinen Ängsten stellt und seine Verzweiflung anerkennt, lernt sich selbst besser kennen, und wird langfristig zufriedener mit sich selbst.

Glück ist ein Blender 

Die Sonne scheint und ich bin mies drauf. Na toll. Sollte jetzt, wo der Sommer da ist nicht alles besser werden? Ich bin sicher, viele von euch kennen diese Situation. Noch schlimmer ist es, nach dem Yoga schlecht drauf zu sein. Denn dann hat man ja wohl etwas falsch gemacht. Oder bei größeren Lebensentscheidungen. „Endlich habe ich den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft!“ Nur jetzt fehlt leider der Austausch mit dem Team und die unterhaltsamen Mini-Pausen im Büro. Und wieder unglücklich. Glückwunsch!

Wir alle tragen diese Widersprüche in uns. Sie führen uns regelmäßig in Situationen, in denen wir glauben Glücklichsein zu müssen, es aber nicht sind.  Am liebsten würden wir jetzt losheulen. Wenn ich diese verschiedenen Stimmen in mir höre, die für das Gefühlschaos verantwortlich sind, versuche ich ihnen allen zuzuhören und ihre Bedürfnisse anzuerkennen. Das führt zu mehr Verständnis für mich selbst und die Situation in der ich mich befinde. Und wer hätte es gedacht: Ich bin gleich ein bisschen zufriedener.

Scheitern ist schön

Zumindest im Nachhinein. Scheitern ist wichtig. Denn daraus nehmen wir lebenswichtige Erfahrungswerte mit, die uns Stärken und Schwächen aufzeigen. Wer nach Glück eifert, hat jedoch ständig Angst zu Scheitern. So kann Glücksstreben zu einer Vermeidungsstrategie werden, mit der man jegliche Fehler versucht zu umgehen. Wir leben in einer Zeit, in der uns eingeredet wird, dass es Grenzen nur im Kopf gibt und wir selbst Schuld sind, wenn wir unsere Träume nicht verwirklichen. Deshalb sind Erfahrungen, die uns die Grenzen unserer Schaffenskraft aufzeigen, umso wichtiger.

Der Erfinder Thomas Alva Edison, der die Elektrifizierung New Yorks Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich mitprägte, sagte einmal „I’ve failed my way to success“. Umso glücklicher war er sicher, als New York dann endlich hell erleuchtet war.

 Glück ist ein Nebenprodukt

Wenn also das Streben nach Glück selbst nicht glücklich macht, sondern vielmehr das Annehmen von Trauer, Enttäuschung, Leiden und Scheitern sowie der Umgang mit diesen Herausforderungen, scheint Glück eher ein Nebenprodukt unserer inneren Haltung dem Leben gegenüber zu sein. Das Glück hängt also nicht am Kleeblatt, sondern liegt in uns.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass neben guten Freundschaften und generell verlässlichen sozialen Beziehungen vor allem Disziplin und körperliche Anstrengung glücklich machen. Wenn ich mich zum Beispiel im Urlaub morgens halb sieben aus dem Bett gequält habe, um surfen zu gehen und mich dann in den feucht-kalten Neoprenanzug gequetscht habe, weiß ich bereits, dass ich nach dem Surfen nicht nur erschöpft sondern auch glücklich sein werde. Das spricht ebenfalls dafür, dass Glück ein Nebenprodukt durchaus unangenehmer Erfahrungen (früh Austehen, in den nassen Wetsuit steigen) ist.

Was sind deine Erfahrungen in Sachen Glück? Hast du ähnliche Erlebnisse, die du mit uns teilen kannst?

4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Ein ganz toller Artikel Franzi und soooo wahr. Das schöne an Glück ist, man kann es täglich neu entdecken und vor allen Dingen macht es Spass es mit anderen zu teilen!
    Buy a ticket. Pack a bag. Tell your friends. Discover what matters. Never look back!:)

    1. Das freut mich zu lesen, Kathrin. Und Recht hast du – Glück lauert überall, man muss sich nur auf das Leben einlassen. Shine bright!

  2. Lesen macht scheinbar auch glücklich. …ich bin’s jetzt jedenfalls.:))

    Und überhaupt: glück ist immer und überall. Und damit letztlich eine entscheidung.
    Man muss sie nur treffen.

    1. Liebes Glückskind, ich freue mich riesig über deine Nachricht! Sehe ich ganz genauso. Glück ist eine Entscheidung. Schöner Satz. Ich freue mich, dass du an Board bist. Wir werden immer mal wieder etwas zu dem Thema machen.

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