Eine Hommage an Ashtanga: Yogafotograf Richard Pilnick

Paradiesischer Sonnenaufgang, antiker Ashram in Indien, Altar und Gebetskette. Oder wahlweise eine gelenkige Yoga-Gazelle vor stylischer Kulisse, die sich in sämtliche Richtungen verbrezelt – So sehen die meisten Yogafotografien aus, die mir bisher begegnet sind.

Bis mir die goldene Fotobibel Ashtanga Yoga von Richard Pilnick in die Hände fällt. Und der macht so gar nichts von alledem. Stattdessen findet man darin simple schwarz-weiss Bilder, auf ein Minimum reduziert, schlicht und unaufgeregt. 

Abgelichtet ist die komplette Ashtanga-Reihe, ausgeführt von den Yogagrößen unserer Zeit.

Egal ob Sharon Gannon, Sri Dharma Mitra, David Williams, Ronald Steiner… Richard hatte sie alle vor seiner Linse. 

Mein erster Eindruck: irgendwie öde! Ich persönlich stehe eher auf flippige Fotografie, die Art, die mich mit offenem Mund staunen lässt. Da bin ich bei Richard wohl an der falschen Adresse. Dachte ich! Die ganze Yogawelt feiert den Dude, an der Kunst muss doch was dran sein. Also gab ich Richard nochmal eine Chance und betrachtete die Fotografien mit unvoreingenommenem Blick.

Was ich dann sah, waren Yogabilder ohne Schischi. Dafür aber mit viel Tiefsinn.

Richard fotografiert ausschließlich analog, dadurch ist Löschen und Wiederaufnehmen eines Motivs schon aus rein technischen Gründen ausgeschlossen. So wird jedes Bild und jeder Moment ganz einmalig, nur im Hier und Jetzt präsent – das ist Yoga pur! 

Die Lebendigkeit der Motive wird nicht von bunten, ablenkenden Farben übertrumpft. Stattdessen wird durch das kontrastreiche Spiel aus Helligkeit und Dunkelheit die individuelle Reise der fotografierten Person betont.

Richard zeigt dem spirituellen Ego den Mittelfinger und bricht die Yogawelt auf das Wesentliche und Fundamentale herunter.

Bei ihm bekommt jeder Yogi den gleichen Filter, dieselbe Kameraeinstellung und dieselbe Wertschätzung – egal ob weltberühmte Lehrerin oder einfach nur Praktizierende*r. Die Reduktion der Kulisse lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf das Wesentliche: Die Individualität und den Kern des Menschen, seine Seele. 

Was wäre, wenn wir uns alle wieder mehr auf das Wesentliche auf und außerhalb der Matte konzentrieren würden?

Vom Überfluss hin zum Minimalismus: Richard lädt uns dazu ein, unsere Sinne wieder mehr für das Essenzielle und die darin verborgene Schönheit zu schärfen. Er bringt die Yogawelt zum Kern der Philosophie zurück: Einheit und Verbundenheit. 

Less is more. More is less. The less you have, the more freedom you will have.“- Richard Pilnick

Geduldig spürt und wartet er, bis sich der Atemrhythmus des Übenden vor der Kamera und ihm selbst im Einklang befinden. Erst wenn die Connection da ist, drückt er auf den Auslöser. So wird seine künstlerische Arbeit zu einer meditativen Praxis, in der er eine symbiotische Verbindung mit seinem Gegenüber eingeht. Durch diese Verbindung entsteht ein einmaliges Bild, das einen Moment wahrer Essenz einfängt. Ganz schön magisch.

Ashtanga Yoga ist eine Hommage an den Yogastil. Ein Dankeschön für die eigene Selbsterkenntnis.

Richard möchte dies mit der ganzen Welt teilen und mit Hilfe der Fotografie inspirieren. Seine Gleichung Mehr praktizierende Yogis auf der Welt = eine gesündere und glücklichere Welt geht für mich auf. Ich war neugierig und wollte wissen, wie der volltätowierte Engländer tickt. 

Richard, hast du dich direkt in Ashtanga Yoga verliebt oder vorher andere Stile ausprobiert?

Als ich 2008 auf meiner ersten Indienreise in Jodhpur bei einem Homestay zu Gast war, fragte mich der Gastvater, ob ich ihn am Morgen zum Yoga begleiten wolle. Ich hatte zu dem zwar Zeitpunkt keine Ahnung, was Yoga ist, aber nahm seine Einladung an. An diesem Morgen haben wir 30 Minuten lang Sonnengrüße zu der aufgehenden Sonne auf dem Hausdach praktiziert, danach gemeinsam süßen Tee getrunken, über das Leben philosophiert und mit den Nachbarskindern Drachen steigen lassen. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Geschmack des Tees. Es war so schön, Yoga in diesem alltäglichen Zusammenhang mitzubekommen, als eine ganz einfache, unprätentiöse Ehrung des Lebens. 

„Ich spürte eine Veränderung meiner Wahrnehmung und eine tiefe Verbindung zu diesem Menschen, den ich erst ein paar Stunden zuvor kennengelernt hatte.“ – Richard Pilnick

Ich war süchtig. Ich reiste weiter in den Süden Indiens und landete in Gokarna, einem Dorf, das mein Leben komplett verändert hat. Aus einem dreitägigen Zwischenstopp wurde fast ein Monat.

Ich traf meinen ersten Lehrer Angelo Elefante, mit dem ich fast täglich Sivananda Yoga übte. Doch zurück zuhause, außerhalb von Indien, fand ich keinen mehr Zugang zur Praxis. Vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt aber einfach noch nicht bereit. 

Ich lebte danach in Hong Kong und London und probierte mehrere Studios aus, aber nichts fühlte sich richtig an. Bis ich dann 2013 die bewusste Entscheidung traf, Yoga zu fotografieren. Cat Alip-Douglas, die Co-Direktorin von Sangyé (ehemals Jivamukti Yoga London), war die erste Lehrerin, die ich fotografierte. Nachdem ich sie und ihren Ehemann Phil fotografiert hatte, begann ich mit Jivamukti Yoga. Bis ich im Januar 2014 nach Gokarna zurückkehrte und von einem Schüler meines Lehrers Angelo lernte, der Ashtanga-Lehrer war –  und plötzlich ergab alles Sinn.

Was bedeutet Yoga für dich?

Für mich geht es um Verbindung, zu mir selbst, zu meinem Atem und um die Verbundenheit allen Lebens. Die kleinen Veränderungen, die die Praxis mit sich bringt, an mir selbst zu bemerken. Da ist ein Shift, der passiert, dem Worte nicht genügen. Du läufst anders, du isst anders, du sprichst anders, du beginnst, den Lärm im Außen herauszufiltern und stattdessen die Schönheit im Alltag zu sehen. Die wahre Schönheit von Mutter Erde.

Vom Modefotografen zum Yogi – Wie hat sich deine Arbeitsweise mit der Veränderung der Motive verändert?

Als Fotograf und Yogi lerne und entwickle ich mich immer weiter. Der größte Unterschied zu meiner bisherigen Arbeitsweise ist die Verbindung. Ich bin viel mehr mit den Bildern verbunden, die ich jetzt kreiere. Yoga ist ein wichtiger Teil meines Lebens, mehr als die Mode es jemals war und ich denke, das spiegelt sich auch in meiner Arbeit wider. Als Künstler bin ich der festen Überzeugung, dass wir tief mit dem Thema, das wir abbilden, verbunden sein müssen, damit die Bilder wirklich etwas aussagen. 

„Ich habe festgestellt, dass alle Arten von Fotografie eine Art Mantra sind. Ein Mantra, um ganz präsent im Moment zu bleiben.“ – Richard Pilnick

Den Fokus richtig stellen, die Kamera richtig positionieren, den Film korrekt einlegen, die Entwicklung der Bilder… Dabei musst du anwesend sein und kannst nicht über Dinge wie Lebensmittel einkaufen nachgrübeln. 

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Deine Fotografien sind stets in schwarz/weiß gehalten. Wieso verzichtest auf farbige Bilder?

Ich würde nicht sagen, dass ich komplett auf Farbe verzichte, aber hauptsächlich fotografiere ich schon in schwarz-weiß. Bei Portraits habe ich persönlich das Gefühl, dass es echter ist, das Wesen in schwarz und weiß zu sehen. Es gibt weniger Ablenkung. Man wird direkt in die Augen des Objekts hineingezogen und kann in die Seele des Wesens blicken. 

Du hast außergewöhnliche Tattoos. Haben sie einen tieferen Sinn für dich?

Danke, aber das Lob dafür kann ich gar nicht annehmen, ich bin ja nur der Träger der Motive. Die Tattoos sind Arbeiten von Phil Douglas. Eine seiner Arbeiten, die ich besonders liebe, ist die Blume des Lebens und das tibetische Shree Yantra. Ich liebe heilige Geometrie. 

Außerdem habe ich die Herzmeridianlinie aus der Traditionellen Chinesischen Medizin auf meinem linken Arm und drei Punkte auf meinem Handgelenk für Mind, Body, Spirit.

Was ist dein aktuelles Mantra?

Ich bin ein großer Fan von Manifestationen mit Hilfe von kreativer Visualisierung. Gedanken werden Realität! Bei dem Ashtangabuch war es genauso. 

Ich stellte mir alles lebhaft vor. Vor meinem inneren Auge sah ich die Menschen, die sich das Buch anschauen, wer darin abgebildet sein würde, wie das Buch selbst aussehen würde – der Großteil davon ist in dieser Dimension real geworden. Deshalb lautet mein aktuelles Manifestationsmantra (ich habe bisher nur ein paar Leuten davon erzählt):

Ich bin ein weltbekannter Fotograf und Millionär. Ich lebe ein Leben in Fülle und rege Veränderungen an

Je mehr ich habe, umso mehr kann ich auch geben und mit der Welt teilen. Deshalb gehen 25% der Erlöse der Limited Edition Bücher auch an einen guten Zweck, den die Lehrer*innen bestimmen. 

Danke für das Gespräch, Richard!

Richard setzt für mich mit seinen Fotografien ein Zeichen. Wir sind im Kern alle gleich und doch so wunderbar einzigartig. Die ungekünstelte, scheinbar simple Art das Westliche auf den Punkt zu bringen flasht mich jetzt doch ganz schön.

Man braucht nicht immer das Große, Aufregende, Laute und Spektakuläre, um etwas Bedeutsames auszudrücken. Das wirklich Wahrhafte liegt oft im Unspektakulären. Man muss nur genauer hinsehen.

Ich gebs zu: Ich gehöre jetzt auch zum Fanclub Richard. 

Viel Vergnügen beim Eintauchen in das Buch!

Deine Lea

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