Du bist schuld?!

Schuld ist eine Illusion. Sie ist einzig und allein ein Konzept des Egos.

In zahlreichen Spiri-Schmökern habe ich diesen Satz gelesen und seine tiefgehende Bedeutung nie auf rationaler Ebene begriffen. Irgendwann gab ich damit auf. Und sah ein, dass es unmöglich ist, diese Bedeutung auf eine analytische Art und Weise zu verinnerlichen. Zu verschachtelt sind die mentalen Strukturen in unserem Gehirn. Zu sehr in der Dualität, im Schwarz-Weiß-Denken verhaftet.

Wie so oft ist es die Erfahrung, die uns spirituelle Konzepte auf emotionaler Ebene begreifen lässt. Eine Art und Weise des Verstehens, die viel prägender und tiefer geht, als jene auf auf mentaler Ebene. Weil unsere Seele plötzlich „klick“ macht und unsere Gefühls-und Gedankenmuster mit der neuen Erkenntnis synchronisiert. So geschieht Wachstum.

Solange wir denken können, machen wir Menschen in unserem Umfeld Vorwürfe.

Speziell jenen Menschen, denen wir besonders nahe sind. Natürlich. Schließlich haben diese Menschen eine besonders große Macht, uns zu verletzen. Uns das Gefühl der Wertlosigkeit, der Ablehnung, der ewigen menschlichen Paranoia des „Nicht gut genug seins“ zu vermitteln.

Wir alle haben diesen unglaublich großen seelischen Schmerz gespürt, der mit diesen Gefühlen einhergeht. Und wir alle haben im Laufe unseres Lebens unterbewusst und bewusst Strategien entwickelt, um diesen Schmerz nicht spüren zu müssen. Zum einen, indem wir uns Masken aufgesetzt haben, von denen wir uns mehr Anerkennung und Liebe erhoffen als für unser wahres Selbst, das wir dann unter intensiver spiritueller Arbeit von all den Konditionierungen wieder freischaufeln müssen. Zum anderen, indem wir die Verantwortung für unseren Schmerz an andere abgegeben haben.

Durch Vorwürfe und Schuldzuweisungen, die uns in unserer Eigenverantwortung entlasten und den Schmerz auf andere Personen auslagern. Durch eine gewählte Opferrolle, die es uns mit Leichtigkeit ermöglicht, Urteile gegen unsere Mitmenschen zu fällen und uns dadurch von unserem eigenen Schmerz abzuspalten.

Diese Strategie ist so normal wie das Amen in der Kirche und nichts, für was wir uns schämen müssen. Unser Ego orientiert sich stets an Schmerzvermeidung und Lustgewinn. Und es ist in der Tat deutlich bequemer, die Verantwortung für unsere Gefühle an andere abzugeben, konkrete Täter festzulegen und uns selbstmitleidig als Opfer zu bezeichnen. Es ist vor allem eine Strategie, die unserem veränderungsresistentem Ego ein gewisses Maß an Sicherheit verspricht.  Es ist eine Komfortzone des Egos, in der wir es uns gemütlich machen können und unseren Schmerz nur sehr viel subtiler wahrnehmen müssen als wenn wir uns ihm eigenverantwortlich stellen.

Doch die Krux liegt in der „Du bist schuld“-Strategie.

Im Opferdasein geschieht kein Wachstum, keine Heilung und keine Vergebung. Das Opferdasein ist die pure Stagnation. Es ist die bewusste Entscheidung für die Ohnmacht und gegen unsere Kraft. Wir wählen die Position des verletzten inneren Kindes anstatt jenes erwachsen an die Hand zu nehmen und Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen. Ja. Die „Du bist schuld“-Strategie mag unseren Schmerz kurzzeitig lindern. Uns von ihm erlösen wird sie uns allerdings nicht. Im Gegenteil. Sie lässt uns in den toxischen Emotionen von Wut und Trauer gegenüber unseren Mitmenschen vor uns hin schmoren. Sie verschließt unser Herz und schürt unser Misstrauen.

Was also tun, wenn wir verletzt werden?

Versteh mich nicht falsch. Die spirituelle Illusion von Schuld ist für mich nur auf einer höheren, göttlichen Ebene gültig. Auf einer Ebene, auf der wir tatsächlich unverwundbar sind, weil das Göttliche in uns unverwundbar ist. Nun sind wir fernab aller spirituellen Ideale aber in erster Linie Menschen mit seelischen Wunden, Prägungen, Gefühlen von Minderwertigkeit und Selbstablehnung. Und auf dieser Ebene absolut verletzlich. Dir diese Verletzlichkeit und den damit verbundenen Schmerz liebevoll einzugestehen ist ein wichtiger Akt der Selbstliebe und hat wenig mit Opferdasein zu tun.

Es geht außerdem in keiner Weise darum, das, was dir jemand anderes angetan hat, gutzuheißen. Nein! Du bist verletzt worden und hast ein Recht darauf, deinen Schmerz offen und ehrlich zu kommunizieren anstatt dein Gegenüber mit den kuscheligen Worten „Ist schon in Ordnung“ zu schonen. Das wäre der erste Schritt ins Opferdasein, in eine passive Aggressivität, die sich nie richtig entladen kann und dich von innen heraus auffrisst.

Doch anstatt dein Herz hinter Vorwürfen einzumauern, kannst du es offen lassen, indem du den Fokus uneingeschränkt auf dich richtest und das spürst, was dein Gegenüber in dir auslöst. Kannst deine Energie in deine Heilung, deine Transformation und dein Wachstum richten anstatt sie durch Schuldzuweisungen nach Außen zu verpulvern. Du kannst deine Kraft annehmen und radikale Eigenverantwortung für deine Gefühle übernehmen anstatt dein emotionales Wohlbefinden von der Entschuldigung deines Gegenübers abhängig zu machen, so viel leichter es auch sein mag, im Rahmen einer ehrlich gemeinten Entschuldigung zu vergeben.

Beobachte wie das Wunder der Vergebung all deine Beziehungen heilt, wenn du deine verletzten Anteile heilst. Wie du Kraft, Klarheit und Souveränität in dein Leben integrierst. Und wie du dadurch sowohl deinen Mitmenschen als auch dir selbst die Erlaubnis entziehst, dich zum Opfer zu machen!

Und wenn du geheilt, vergeben und dich damit für die Eigenverantwortung und gegen die Opferrolle entschieden hast. Dann fühlst du kurzzeitig diese tiefe, friedliche, bedingungslose Liebe, die dich begreifen lässt, dass Schuld auf einer höheren spirituellen Ebene tatsächlich eine Illusion ist. Und von der tiefen Verletztheit schlussendlich nur das übrig bleibt, was wirklich wahr ist: Deine Liebe. Deine Lektion. Und dein Wachstum.

Live and love your naked self

Dein Ludwig

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