Diese Bücher haben uns 2018 bewegt: Die Lesetipps der Redaktion

Unsere Redaktion ist ein lesefreudiges Trüppchen mit vielen verschiedenen Interessen. Das haben wir gerade wieder gemerkt, als wir mit einigen unserer Autorinnen beim Brunch zusammensaßen und gefragt haben: „Welche Bücher haben euch dieses Jahr so richtig beeindruckt? Da kam einiges zusammen, von grotesken feministischen Kurzgeschichten über politische Augenöffnertexte bis hin zum Energy-Healing-Klassiker.

Rebecca: Wachgerüttelt von Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis(2016)

Es war eine dieser heißen Sommernächte, die mich innerlich zum verzweifeln brachten. Der Planet glühte. Es war so offensichtlich, dass die Erde brennt und ich fühlte mich so machtlos. Machtlos, weil ich die Welt retten wollte, aber nicht wusste, wie. Machtlos, weil auch das plastikfreie Einkaufen und Verzichten auf Kurzstreckenflüge nicht genug waren und machtlos, weil ich mich ernsthaft fragte, ob all mein persönliches Bemühen am Ende doch nur mein Gewissen beruhigte.

Meine Freundin und FLGH-Autorin Janna empfahl mir Neben uns die Sintflut für Antworten. Autor Stephan Lessenich ist Soziologie-Professor an der LMU München und hat eine messerscharfe, unterhaltsame und kluge Analyse der Externalisierungsgesellschaft, in der wir leben, geschrieben. Das heißt: Im Westen geht es uns nur so gut, weil es anderen schlecht geht.

Den Preis für unser Leben im Wohlstand bezahlen andere. Lessenich liefert eine glasklare, leicht verständliche Analyse der Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der gloablisierten Wirtschaft, die als Grundlage für Wandel zu verstehen ist. Anstatt den moralischen Zeigefinger zu erheben – diese Zeiten sind nach Lessenich vorbei und nicht zielführend – geht es heute darum, aktiv zu werden.

Ein Buch für alle, die die Welt verstehen und verändern wollen und mit ihrem persönlichen Latein am Ende sind. Nein, ein Buch, das alle lesen sollten, ALLE!

Uli: Kurzgeschichten, die treffen wie Pfeile: Roxane Gay, Difficult Women(2017)

Difficult Women ist eine Sammlung von Kurzgeschichten der US-Amerikanerin Roxane Gay, die 2014 durch ihren Essayband Bad Feminist bekannt wurde. Die einzelnen Geschichten sind Momentaufnahmen aus den Leben weiblicher Protagonistinnen: Von berührend-poetisch über fantastisch und grotesk bis aufwühlend-politisch haben sie mich durch eine echte Achterbahn der Gefühle geschickt.

Ich hatte bisher nie das Gefühl, die Protagonist*innen von Kurzgeschichten wirklich kennen zu lernen, bei der Kürze solcher Texte. Hier ist es anders. Die von Gay gewählten Erzählperspektiven sind verblüffend und extrem einnehmend, sodass ich das Buch manchmal weglegen musste, weil sich die erzählten Schicksale fast körperlich auf mich übertragen haben. Sie schlagen ein wie ein Pfeil in seine Zielscheibe – oder ins Herz.

Die Sammlung ist ein Manifest der Weiblickeit in allen ihren Ausprägungen und Formen. Was nach dem Lesen bleibt: Der Nachgeschmack von Geheimnissen in der Luft. Nicht immer leichte Kost, aber ein toller Ritt durch verschiedene Techniken der Erzählkunst, die Gay wirklich virtuos beherrscht. Absolute Empfehlung!

Lula: Ein Buch, das die Liebe erklärt: Alain de Botton, Essays In Love *(1997)

Essays In Love ist der erste Roman des modernen Philosophen Alain de Botton. Ein Buch, das anhand einer klassischen Liebesgeschichte die Grenzen zwischen fiktiver Erzählung und Sachbuch verwischt. Der Autor nimmt die Beziehung zweier verliebten Personen als Anlass sich mit den grundsätzlichen Fragen über uns Menschen und das Phänomen der Liebe zu beschäftigen. Warum ticken wir so wie wir ticken? Ist das Konzept der Liebe universell, und wenn nicht, wie unterscheiden sich die Vorstellungen von Liebe in den unterschiedlichen Gesellschaften? Was ist Moral? Antworten findet de Botton in den Lehren und Theorien weltbekannter Philosophen wie Platon, Marcel Proust oder Karl Marx.

Gefühlt jede Seite hat bei mir einen Aha-Moment ausgelöst, weil de Bottons schlaue Erklärungen und Beobachtungen über uns Menschen so unheimlich treffend sind und mich absolut begeistert haben. Must read!

Nike: Klassiker der Energiearbeit: Caroline Myss, Anatomy of the Spirit (1997)

Anatomy of the Spirit – The Seven Stages of Power and Healing, zu deutsch Chakren – die sieben Zentren von Kraft und Heilung, ist in den gut 20 Jahren seit seiner Erscheinung zum Klassiker der Spiri-Literatur geworden. Vielleicht weil die Autorin ihrer Zeit voraus war, denn während heute alle von „Energiearbeit“ reden, war es in den 90ern wirklich noch ziemlich woo-woo, dass sich jemand als Medical Intuitive bezeichnet.

Caroline Myss, die zudem studierte Theologin ist, hat ihre praktischen Erfahrungen und ihr theoretisches Wissen systematisiert, damit ein jeder lerne, seine Kraft-Zentren im Körper zu lesen und zu heilen: Durch die Integration der hinduistischen Chakra-Lehre mit der symbolischen Bedeutung der christlichen Sakramente und der mystischen Interpretation der Sefirot der Kabbala definiert sie sieben Stufen des menschlichen Energie-Systems.

Die symbolische Sichtweise ermöglicht uns, die Zusammenhänge und Muster unserer seelischen und physischen Gesundheit zu deuten und zu verstehen und die Entwicklungsaufgaben, die Krankheiten bereithalten, anzunehmen. Mit Hilfe der spirituellen Lehren können wir so unsere Realität und Erfahrung auf dem Weg zur Selbsterkenntnis symbolisch und archetypisch deuten und kommen in Kontakt mit unserem stärksten Motor für Veränderung, unserer Intuition. Damit bietet Caroline Myss ein Tool, unsere Praxis – sei es Yoga, Tarot oder Meditation – zu vertiefen und uns mit uns selbst zu verbinden.

Janna: Feministische Zeitgeschichte von Margarethe Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats(2018)

Soziale Bewegungen leben von der Vielheit und Vielfalt der Stimmen – sollte die aktuelle feministische Bewegung aber eine einzelne Stimme haben, so darf sie von mir aus gerne den Namen Margarethe Stokowski tragen. Die junge Neuköllnerin schreibt seit vielen Jahren für die taz und nun für SPON wöchentliche Kolumnen gegen das Patriarchat, rechte Populist*innen und das verrückte Zeitgeschehen. Nach ihrem brillanten Buchdebüt „Untenrum Frei“, sammeln sich in „Die letzten Tage des Patriarchats“ die besten ihrer Essays der letzten Jahre.

Wer immer noch glaubt, dass Misogynie ein Relikt der Vergangenheit ist, wird von den scharfen Analysen und Beobachtungen im Buch sowie den aufgegriffenen Leserbriefen und Kommentaren eines besseren belehrt. Ich bin schwer beeindruckt, mit wie viel Humor und Eloquenz die Kolumnistin mit Morddrohungen und Beleidigungen der untersten Schublade umgeht. Von so viel Empathie und Mut könnte der eine oder die andere Yogini noch was lernen.

Margarethe nimmt Menschen ernst, aber ebenso ernst nimmt sie Frauenhass, Diskriminierung, Rassismus, Nazis und die allgemeinen „bekloppten Zustände“ – und schreibt deutlich, pointiert, witzig und bewegend dagegen an. Das Buch ist eine Wohltat in immer dunkleren Zeiten. Nicht zuletzt: Ich habe eine diebische Freude, dieses wunderschön designte Buch mit der sprachlichen Ohrfeige im Titel an öffentlichen Orten zu lesen – verschwörerische Blicke und wissendes Lächeln sind dir sicher.

Liebe Margarethe, danke für dein mutiges und kluges Schreiben, das mich immer wieder inspiriert, zu Tränen rührt und zum lauten Lachen bringt. Ich bin seit Jahren ein bisschen verliebt in dich – gehen wir mal zusammen einen Whiskey trinken?

Miriam: Eine Reise ins Bewusstsein der Natur mit Pam Montgomery, Plant Spirit Healing(2008)

Plant Spirit Healing ist ein spannender Einstieg in die Arbeit mit Pflanzenbewusstsein. Die amerikanische Herbalistin Pam Montgomery geht in ihrem Buch der Frage nach, wie wir mit Pflanzen kommunizieren können. Sie plädiert für eine spirituelle Ökologie, in der eben auch Pflanzen ein Bewusstsein haben, das mit uns kommuniziert und mit dem wir in Kontakt treten können.

Sie verbindet James Lovelock’s Gaia-Hypothese mit einer schamanischen Perspektive, in der Pflanzen eine spirituelle Essenz besitzen, die durch Licht, Geräusche und Vibration ganz subtil zu uns spricht. In vielen Beispielen aus ihrer eigenen Arbeit beschreibt sie, welches Heilungspotential in der spirituellen Arbeit mit Pflanzen liegen kann. Konkrete Übungen öffnen dann den Weg rein ins Dickicht des Waldes und tief in das Bewusstsein der Pflanzen.

Pam Montgomery schreibt eingänglich und sehr persönlich. Plant Spirit Healing ist ein Buch, das mich oft zu Tränen gerührt hat, als ich verstanden habe, dass wir eben nicht allein sind, sondern Teil eines grösseren Bewusstseins. Seitdem bleibt ein Hauch von Magie in meinem Leben, der sich über alles legt. Und wenn ich jetzt an einem mächtigen Baum vorbeilaufe, dann spüre ich seine weise Präsenz und meine Verbindung mit ihm.

Helen: Spirituelle Praxis klein anfangen mit Maya Tiwari, The Path of Practice(2000)

The Path of Practice ist eine Anleitung, deine natürlichen Rhythmen wiederzuentdecken und deine inneren Kreisläufe mit der Natur und dem Universum in Einklang zu bringen. Maya Tiwari führt in die Grundsätze der ayurvedischen Lebensführung und Heilkunst ein und legt einen besonderen Schwerpunkt auf die heilende Kraft von Shakti – der weiblichen Urenergie.

Eingeleitet wird das Buch durch Maya Tiwaris eigene Geschichte und ihrer Heilung nach Gebärmutterkrebs. Sie zeigt beispielhaft, wie ein Entfernen von der Weisheit unseres eigenen Körpers und innere, unbearbeitete Konflikte uns krank machen können. Sie führt dann in die Praxis von Sadhanas (spirituelle Übungen) ein, die uns helfen können, zurück zu unserem Gleichgewicht zu finden: Pranayama, Meditation, Chanten, Heilung durch Musik und Ernährung nach Ayurveda.

Besonders schön finde ich auch den Teil, in dem es um die Versöhnung mit der eigenen Familie und den Vorfahren geht. Das Buch enthält viele persönliche Geschichten von Menschen, mit denen die Autorin über Jahre hinweg gearbeitet hat und wendet das uralte ayurvedische Wissen und die Kraft von Shakti-Prana somit in unseren aktuellen Zeiten an. Ein sehr praxisbezogenes Buch, die Übungen sind einfach umzusetzen. Auch als Einstieg ins Ayurveda geeignet. Vor allem empfehlenswert für Frauen, aber auch absolut für Männer lesenswert. Denn Shakti-Prana haben wir alle!

„Start small. Start where and when you are able, with whatever practice calls out to you.“ – Maya Tiwari

Dania: Gefühle endlich erklärt von Vivian Dittmar: Gefühle und Emotionen – eine Gebrauchsanweisung(2014)

Dieses Buch ist ein klarer, einleuchtender Wegweiser für den Bestandteil unseres Lebens, den uns niemand so wirklich je erklärt hat: Gefühle und Emotionen. Emotionen sind nach Vivian Dittmar aufgestaute Gefühle, die oft an unpassenden Stellen zur Entladung kommen können. Gefühle sind hingegen Kräfte, durch die das System mit seiner Umwelt in Austausch treten kann.

Jedes Gefühl erfüllt eine wichtige Funktion in unserem Leben, die Frage ist nur, wie wir lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen und wie sehr wir uns der Tatsache bewusst sind, dass wir jedes Gefühl selbst erschaffen. Die Autorin unterscheidet dabei zwischen der Kraft und dem Schatten von jedem Gefühl.

Mir hat die Klarheit und Praktikabilität des Buches gefallen, vor allem aber die Perspektive, dass Gefühle und Emotionen Teil unserer Reise und nicht als negative Störfaktoren zu sehen sind. Dabei wird klar, wie viel Zeit wir eigentlich investieren, um bestimmte Gefühle zu vermeiden und andere möglichst oft zu erfahren – auch Spiritual Bypassing genannt. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die ihre Gefühlswelt und das Unterbewusstsein von einer neuer Perspektive betrachten wollen.

Sandra: Erlebbare Tantraphilosophie: Christopher Wallis, The Recognition Sutras(2017)

Dieses Buch war und ist für mich ein spiritueller page turner und auf fast jeder Seite finden sich fett unterstrichene Passagen. In den Recognition Sutras übersetzt Christopher Wallis die Sutren und die dazugehörigen Kommentare der Pratyabhijnahrdayam, der Philosophie des „Herz der Wiedererkennung“. Dieses Buch macht eines der bedeutendsten Tantras der Trika Linie nahbar, nachvollziehbar, und vor allem: lebbar.

Wallis versteht es wie kein anderer, die Kommentare und Sutren einfach, nachvollziehbar und im heutigen Kontext darzustellen. Dadurch passiert eins: Sie werden konkret erlebbar. Persönlich hat sich mit der Praxis, den Meditationen und Kontemplationen aus den Recognition Sutras nicht nur mein Blick auf die Welt verändert, sondern auch den Blick auf mich, meine Beziehungen, meine Dunkelheit, mein Licht.

Dieses Buch ist für mich der Türoffner zu etwas ganz großem, unfassbaren: Zu dem, in dem alles existiert, unveränderlich und immerwährend.

So many books, so little time!

Welches Buch sollten wir deiner Meinung nach unbedingt lesen oder welches steht auf deiner Wunschliste? Wir freuen uns über deinen Kommentar und wünschen viel Spaß beim Schmökern!

Deine Fuck Luckies

Titelbild © Lydia Hersberger

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