Diese 5 Sprüche können Menschen mit Unverträglichkeiten nicht mehr hören

Seit meiner Diagnose “Histaminunverträglichkeit” hat sich mein Leben grundlegend geändert: Nicht nur in Sachen Gesundheit und Ernährung lebe ich bewusster. Auch was mein soziales Umfeld angeht, bin ich viel achtsamer geworden.

Anscheinend hatte nicht nur ich Schwierigkeiten, mit meiner Einschränkung zu leben; auch für meine Familie, meinen Freundes- und Bekanntenkreis schien ich auf einmal wie von einem anderen Stern.

Nicht nur musste ich plötzlich auf meine Lieblingsspeisen verzichten; ich wurde auch noch ständig in Kreuzverhöre verwickelt.

Eigentlich tausche ich mich gerne mit anderen aus, denn ich glaube felsenfest daran, dass eine offene und direkte Kommunikation nicht nur Unwissen, sondern auch die meisten unserer Konflikte oder Unstimmigkeiten beheben kann.

Doch in diesem Fall komme ich mit dieser Überzeugung  mehr und mehr an meine Grenzen. Das liegt nicht unbedingt am einzelnen Gespräch selbst, vielmehr an der Art und Weise, wie Menschen mir manchmal begegnen

Nicht nur sind oft viele unangenehme Fragen dabei, sondern auch – wahrscheinlich gut gemeinte, aber unsensible – Kommentare und Gemeinplätze, die mich verletzten oder zumindest einfach nerven.

Hier kommen meine persönlichen Top fünf Sprüche, die ich nicht mehr hören kann:

Spruch 1: “Oh, du Arme! Was isst du denn überhaupt noch?”

Das ist so ziemlich der erste Satz, wenn es im Laufe des Gesprächs meine Unverträglichkeit zur Sprache kommt. Ich weiß, den meistens Leute tut es ehrlich leid, aber mittlerweile kann ich diese Mitleidsbekundungen, unterlegt mit glänzenden Bambi-Augen, nicht mehr hören. So werde ich immer wieder in eine Opferrolle gedrängt, in der ich mich definitiv nicht sehe:

Offensichtlich kann ich noch sehr viel essen!

Sonst wäre ich wohl nicht hier, sondern im Krankenhaus. Aber es geht hier nicht einmal um meine persönlichen Befindlichkeiten. Es geht darum, dass wir mit dieser Aussage die Menschen verunglimpfen, die wirklich wenig zu essen haben.

Und das gilt nicht nur für Menschen aus Regionen, die wir als Entwicklungsländer bezeichnen: Auch in unserer Gesellschaft leben viele Menschen in Armut, sind obdachlos, müssen Flaschen sammeln oder sind auf Essenstafeln angewiesen. 

Oft vergessen wir, in welchem Wohlstand wir hier eigentlich leben und welche Privilegien wir durch den Fortschritt in Medizin und Wissenschaft haben. Dass ich auf gewisse Dinge verzichten muss, ist wirklich nur ein Luxusproblem, von dem andere Menschen nur träumen können.

Spruch 2: “Hast du es denn schon mal mit Darmkur/Ayurveda/etc. probiert?”

Auf diesen Klassiker unter den Kommentaren, die oft zum Besten gegeben werden – besonders gerne von Küchenpsychlogen*innen oder Hobby-Ärzt*innen – würde ich manchmal am Liebsten antworten: “Ach, Mensch! Daran habe ich ja noch nie gedacht. Du bist echt der*die erste, der*die mir das vorschlägt! Danke!”

Die gesundheitlichen Beschwerden, die sich durch meine Histaminunverträglichkeit äußern, habe ich bereits seit mehreren Jahren. Ich musste mich also zwangsläufig viel mit meiner Ernährung und meiner Gesundheit auseinandersetzen.

Nicht nur viele unangenehme Untersuchungen habe ich über mich ergehen lassen, sondern ich habe unterschiedliche Ernährungsformen ausprobiert, wie Ayurveda oder Clean Eating. Von den diversen Darm-, Detox und Fastenkuren ganz zu schweigen. 

Nachdem mir eine Diagnose gestellt wurde, war ich so froh, endlich mit dem ganzen Zirkus rund um Ernährung und Therapieformen aufzuhören.

Ich kann sehr gut auf mich selber achten und bin, was meinen Körper betrifft, mir selbst eine gute Ratgeberin. Ich brauche also sicher nicht noch einen Ratschlag von jemanden, der*die noch vor 5 Minuten überhaupt nicht wusste, dass diese Unverträglichkeit existierte.

Spruch 3: “Was passiert nochmal, wenn du das jetzt isst?”

Besonders oft wird mir die Frage während des Essens gestellt. Ganz ehrlich, willst du wirklich wissen, was für Geräusche mein Magen nach dem Essen macht oder von welchem Lebensmittel ich Durchfall bekomme, während du gerade deine Abendessen verspeist? – Sicher nicht!

Spruch 4: “Ich würde ja gerne mal wieder mit dir/für dich kochen, aber das ist ja immer so schwierig.”

Menschen, die mir so einen Satz an den Kopf knallen, haben wirklich null Sensibilität! Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich zu Beginn meiner Diagnose euphorisch den Kochlöffel geschwenkt habe.

Ich fühlte mich am Anfang wie beschnitten und wusste überhaupt nicht, was ich noch essen geschweige, wie ich da noch kochen soll. Aber mittlerweile habe ich den Dreh raus, denn ich habe so viel ausprobiert.

Es ist also überhaupt kein großes Problem, mit mir oder für mich zu kochen.

Alle, die mich kennen, wissen wie sehr ich es liebe zu kochen. Deshalb helfe ich gerne in der Küche und ich teile auch mein Wissen mit anderen. Ist ja auch kein Staatsgeheimnis, welche Gewürze in mein Essen können und welche nicht.

Zudem ist es ja in unserer heutigen Zeit gang und gäbe, alles zu googlen oder bei Instagram nach Inspirationen zu suchen. Das Smartphone wird gefühlt alle fünf Minuten in die Hand genommen. Es wird also nicht allzu kompliziert sein, beim nächsten Griff ans Handy ein histaminarmes Rezept zu googlen.

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Spruch 5: “Also in das Restaurant können wir mit dir auf jeden Fall nicht gehen, da gibt es sicher nichts für dich!”

Ach gut, dass alle Bescheid wissen, was für mich geht und was ich tunlichst bleiben lassen soll. Nur weil ich eine Unverträglichkeit habe, heißt das noch lange nicht, dass ich nun gar nicht mehr auswärts essen kann.

Es ist zwar schwieriger geworden, aber ich kann ja selbst entscheiden, was ich von der Karte nehmen möchte oder nicht.

Denn ich bin nicht meine Intoleranz und wenn ich Lust auf bestimmte Dinge habe, dann gönne ich sie mir und trage dann auch die Konsequenzen.

Zudem stößt man nicht mehr nur auf Argwohn und lange Gesichter in der Gastro-Szene, wenn es um Unverträglichkeiten, wie Laktoseintoleranz oder bestimmte Ernährungsformen, wie vegan geht.

Zumindest in Berlin gibt es viele Möglichkeiten, sich im ausgewählten Restaurant zu arrangieren. Ich bin auch durchaus in der Lage, mit der*dem Kellner*in zu kommunizieren, um ein Gericht zu meinen Bedingungen anzupassen. 

Und ehrlich, wie oft müssen sich die Kellner*innen wohl anhören, die Petersilie oder den Koriander wegzulassen? Alle, die in der Gastronomie arbeiten, kennen sicher die Antwort. Hinterlasst doch gerne ein Kommentar, bin gespannt wie oft diese Bitte schon kam.

Welche Sätze gehören zu deiner persönlichen Bullshit-Liste, wenn es um deine Lebensmittelunverträglichkeit oder Ernährungsform geht? Schreib mir gerne ein Kommentar und teile deine Erfahrungen mit mir. #histaminpride!!!

Deine Valerie

Titelbild © Vinicius Amano via Unsplash

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12 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Valerie, ich kann das alles nur ganz groß unterschreiben.
    Ein toller Text, der den Nagel auf den Kopf trifft.
    Ich habe, seit früher Jugend, Darmprobleme. Keine diagnostizierte Unverträglichkeit, aber eben Probleme. Ich weiß mittlerweile ganz genau, was mir guttut, was ich meiden muss.
    Die Kommentare bei Familienfesten, Freundes-Einladungen etc. etc. sind teilweise grenzwertig und für mich unerträglich. Es entwickelt sich eine solche Wut, dass ich am liebsten aufstehen und gehen würde.
    Ich bin schon „ü50“ und habe vor einem halben Jahr meine tiefe Leidenschaft für Yoga und Ayurveda entdeckt…..Ach was werde ich belächelt. Von „Wechseljahres-Hirngespinsten“ bis hin zu „der Wirklichkeit entfliehen“… die dollsten Theorien werden aufgestellt.
    Das schlimme: ich entferne mich immer weiter. Früher hätte ich gelogen, hätte vllt. erzählt, ich geh zur Physiotherapie, weil mein Rücken schmerzt. Heute nicht mehr. Ich stehe zu mir, dazu, dass ich nicht mehr alles essen mag, dass Alkohol mir nicht bekommt und dass ich Yoga liebe, mit allem Spirituellen, was für mich, dazu gehört.
    Ich verstehe Dich zu gut. Manchmal wünscht man sich von seinem Gegenüber nicht mal Verständnis, sondern einfach „Maul-Halten“!
    Alles Liebe
    Andrea

    1. Liebe Andrea,

      danke für Deine Gedanken und Deinen Zuspruch. Ich kann deine Gefühle und das Bedürfnis sich zurückzuziehen gut verstehen. Denn das ist in solchen Situationen oft leichter. Umso schöner finde ich es, dass Du den Mut und Stärke gefunden hast, zu Dir zu stehen. Vertrau auf Dich und lass Dich nicht unterkriegen.

      Ich wünsche Dir alles Gute

      Valerie

  2. Liebe Valerie, ich verstehe manchmal nicht wie die Leute reagieren und finde es super, dass du mit diesem Artikel darauf aufmerksam machst und sensibilisierst.
    Ich hatte einen Freund mit massiven Unverträglichkeiten und Allergien. Ich habe ihn dann gefragt ob er mir eine Positivliste schreiben kann und mit der dann gekocht. Der Zettel hing in der Küche und im Handy als Notiz. Danach war es für mich easy immer was zu zaubern, bei dem die anderen nicht mal merkten, dass es ein “Spezialgericht” war! Bei Unsicherheiten frage ich nach. Macht man ja auch bei anderen Dingen… nicht jeder mag Brokoli 🙂
    Lieber Gruss Kim

    1. Liebe Kim,

      danke für deinen Gedanken! Ich finde es super wie achtsam du mit deinem Freund umgegangen bist. Und ja du hast Recht, es ist so einfach mehr Achtsamkeit und Sensibilität für dieses Thema zu entwickeln – schon durch eine kleine Liste am Kühlschrank. Und mit der Zeit kocht man so leicht, dass man schon gar nicht mehr merkt, dass es etwas „Spezielles“ war.

      Danke für den Impuls!

      Liebe Grüße

      Valerie

  3. Hallo Valerie,

    deine Top 5 sind mir bestens bekannt.
    Ergänzen möchte ich sie noch um zwei weitere „all time“ Favoriten.

    6. „Wie, kein kein Alkohol mehr?“ „Nicht mal zum Anstoßen?“ – Ein kleiner Schluck hat doch noch keinem geschadet…

    Nach zehn Jahren immer noch ein treuer Begleitet bei größeren Runden/Feierlichkeiten!
    Die Antwort halte ich gern kurz – „Für mich bitte nur stilles Wasser!“

    Herr Stuckrad Barre hat das passende Buch dazu geschrieben. Es kommt mir bei der Frage dann in den Sinn und ich lächle.

    (Auch alle anderen Produkte mit Alkoholanteilen sind tabu – Lebensmittel, Kosmetik, Arzneimittel etc. )

    7. Wenn die Komponente „Kind“ dazu kommt:
    „Und hat dein Kind das gleiche wie Du?“ bzw.
    „Dein Kind hat aber hoffentlich nichts!?“

    Mein Verweis lautet meist : „Sie hat etwas anderes und dadurch haben wir eine vielfältige Küche. Meist steht auf dem Tisch ein buntes Buffett und jeder isst, was ihr/ihm schmeckt.

    Dann ist das Gegenüber entweder still oder ich spreche so lange ohne Punkt und Komma, dass Gegenüber verstummt bzw. wende ich mich ab.

    Danke das diese Thema hier besprochen wird. Bis vor kurzem kam ich mir vor wie ein Exot.

    1. Liebe Anja,

      deine Sprüche gehören auf jeden Fall noch auf die Liste! Das Thema Alkohol ist auch ohne Unverträglichkeit immer ein großes Thema: Wenn man keinen trinkt, muss man sich stundenlangen Diskussionen aussetzen und dafür rechtfertigen. Das ist es ja schon wieder fast einfacher zu sagen, es geht aus gesundheitlichen Gründen nicht.

      Ich finde deine Art damit umzugehen sehr stark und selbstbewusst Super und weiter so!

      Liebe Grüße

      Valerie

    1. Liebe Rebecca,

      ja, das kenne ich nur zu gut. Ich habe auch zwei Jahre streng vegan gelebt. Was war das nicht nur für ein Theater! Ich hoffe Du kannst mit guten Gegensprüchen kontern und lässt Dich nicht unterkriegen!

      Alles Liebe!

  4. Ich feiere diesen Artikel so sehr, liebe Valerie! Alle diese Sprüche kenne ich auch. Getoppt wird das gern (wenn die Leute sich etwas besser „auskennen“) mit „Ich dachte DAS GEHT NICHT???“ während man gerade etwas isst. Schließlich ist man auch nur ein Mensch!

    Liebe Grüße vom Teller mit nur einer trockenen (frisch gekochten) Kartoffel drauf zum anderen ;)

    1. Hey Katrin,

      danke Dir sehr für Deinen Support! Der Spruch gehört definitiv noch auf die Liste. Ein weiterer Klassiker, den ich auch öfters schon zu hören bekommen habe. Als wäre man ein Alien oder so, dass gleich explodieren könnte, wenn man etwas vermeintliches „Schlechtes“ isst!

      Ja wir sind wirklich auch nur Menschen, auch wenn es die Anderen nicht glauben wollen ;)

      Alles Liebe!

  5. „Hast du das mal testen lassen? Im Moment ist das ja ein wahrer Trend in den Supermärkten und die Leute kaufen die vielen teure Produkte!“

    Äääähja….

    1. Hey Milram,

      danke für Dein Kommentar. Der Spruch ist auch wirklich super: „Ähh ja, nee ich habe mir meine Beschwerden die ganze Zeit nur eingebildet!“ Zumal Histamin ja nicht unbedingt zu den bekannten Unverträglichkeiten gehört und sie nicht durch Selbstdiagnose erkannt werden kann.

      Aber ja im Falle von anderen Unverträglichkeiten ist es wirklich ein Trend geworden, sich selbst eine Unverträglichkeit zu diagnostizieren. Von dem nur die Pharmaindustrie profitiert und die ernsthaft betroffenen Menschen leiden müssen, weil sie nicht ernst genommen werden.

      Alles Liebe!

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