Dies ist keine Bekehrungsgeschichte

Sonntagabend. Mein Herz klopft noch im Rhythmus der Beats von Len Faki, als ich es mir gegen 19 Uhr auf dem Meditationskissen gemütlich mache und mit meinen Mityogis zu „Sri Krishna Govinda“ ansetze. Ich komme gerade aus dem Berghain, einem Club, wo man in Berlin auch gerne sonntags nach dem Frühstück hingeht. Jetzt tausche ich Zigaretten- gegen Räucherstäbchenrauch. Und fühle mich großartig dabei.

Oft hört man von Leuten, die ein wildes Leben voller Drogen, Belanglosigkeit und Depression führen, bis sie Yoga für sich entdecken und nie mehr auch nur eine Zigarette anfassen. Ich habe das Gefühl, solche Narrative schrecken viele Menschen eher ab als zu inspirieren. Die meisten von uns sind eben keine verkommenen Saulusse, die am seidenen Faden hängen und Bekehrung in letzter Sekunde brauchen.

Yoga ist keine Selbstkasteiung

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Yoga im Park…

Yogapraxis ist ein integraler Bestandteil meines Lebens. Und wenn ich begeistert von den Highs erzähle, die mir in der Rückbeuge ins Herz fahren, könnte man tatsächlich meinen, ich hätte eine religiöse Erleuchtung erlebt. In Wirklichkeit habe ich aber lange Zeit und viele kleine Schritte gebraucht, um mich auf Herzöffner, Kundalini-Yoga, lautes Mantrensingen und ihre jeweiligen Effekte einzulassen. Ich bin nicht „plötzlich total spirituell“ geworden und habe weiterhin großen Respekt vor einigen Erfahrungen, die mir noch bevorstehen. Yoga ist meine Hingabe – und zwar nicht nur auf der Matte. Was es dabei aber nicht ist: Extrem. Abgehoben. Die Abkehr von allem, was Spaß macht. Selbstkasteiung.

Ehrliches Lustempfinden statt Verurteilung

Picknick Weinbergspark Daysofyoga
…Partys im Park.

Wir müssen nicht alles aufgeben, nur weil wir ein paar Mal pro Woche aus tiefstem Herzen „OM“ singen. Ich werde von meinen Mityogis nicht verurteilt, weil ich schlecht gelaunt bin, schräge Witze mache, die Krähe nicht kann oder gern Wein trinke. Sobald mir das klar wurde, hatte auch ich keine Angst mehr vor der vollen Dröhnung Yoga. Ich habe mich nicht in ein triebbefreites Geisteswesen verwandelt. Im Gegenteil: Mein Verhältnis zu meiner eigenen Körperlichkeit und meinem Lustempfinden ist ehrlicher, positiver und sinnlicher geworden. Ich kann mit meinen „allzu menschlichen“ Gefühlen und Unvollkommenheiten besser umgehen. Und die schönen Momente viel intensiver genießen.

Eine befreundete Yogalehrerin hat mir einmal erklärt, tantrisch zu leben bedeute, alles in Maßen und bewusst zu genießen. Ich erforsche in diesem Sinne immer wieder, was mir Freude bereitet, welche Grenzen ich mir dabei setzen will, wo ich mir selbst oder anderen Schaden zufüge und wo ich vielleicht ein bisschen lockerer lassen darf. Ich gebe mir bewusst (und – äh – kontrolliert) Raum für Kontrollverlust. Oder für eine abgefahrene Kundalini-Meditation mit ungewissem Ausgang.

Keine Angst, sondern Geduld: All is coming.

Spiritualität und das Genießen des mondänen Lebens gehen für mich also absolut Hand in Hand. Man kann nicht so einfach beschließen, jetzt sofort Experte für die Schwingungen des Universums zu werden und damit dem Leben eine 180-Grad-Wende zu geben. Das Herbeihoffen einer Erleuchtung ist genauso unproduktiv wie die Angst vor der eigenen Spiritualität.

Was man tun kann: Dem Universum die Möglichkeit geben, einen Fuß in die Tür zu kriegen. Sich nicht vor der Idee verschließen, dass Yogapraxis das Leben verändern kann, ohne es auf Teufel komm raus erzwingen zu wollen. Sie wird es nicht von jetzt auf gleich tun, aber in kleinen, gut verträglichen Schritten. Wenn du das erste Mal im Kopfstand stehst. Wenn du das erste Mal in einer beruflichen Stress-Situation ganz bewusst durchatmest und loslässt. Wenn du im Club auf der Tanzfläche aus Verzückung ein paar Tränen verdrückst und das total ok findest.

Denk einfach an diese Worte von Sri K. Patthabi Jois:

Practice and all is coming.

Ob du willst oder nicht. Und sogar, wenn du nach der Yogastunde genüsslich (ganz bewusst, natürlich!) eine Kippe rauchst.

Wie empfindest du den Zusammenhang von Spiritualität und Alltag? Bist du voll am Start oder eher skeptisch? Hinterlass deine Erfahrungen in einem Kommentar!

Mehr von Uli kannst du auf daysofyoga.de lesen.

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Titelfoto: Brandon King.

13 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. jaaaaa! endlich du sprichst mir aus der seele, ich liebe partys und ekstase durch tanz und kultivierten kontrollverlust genauso wie asanas und meditation. und ich verbinde mich vor dem dj pult genauso mit der „divine energy“ wie auf meiner matte. manchmal sogar mehr. manchmal mehr im kopfstand. und es ist wunderschön. ich liebe es, mich technoklängen oder in asanas hinzugeben und finde: all is holy, wenn man es mit einer guten absicht tut. shiva ist mit mir unterwegs, wenn ich tanze und wenn ich meditiere. und auch wenn ich wein trinke oder alle vor lauter ekstase umarme…

  2. Ach dieser Artikel ist so wunderbar befreiend! ich schwanke seit Jahren hin und her zwischen intensiven, gar extremen nach Sadhana ausgerichtetem Leben- und dann wieder ein auf eher Weltliche Dinge ausgerichtetes Leben mit Gossip Girl und Shopping oder so :)
    Und in diesem hin und her fühlte ich mich immer so zerrissen. Der einzige Weg ist tatsächlich die Symbiose aus beidem, die Einstellung dahinter und der entsprechenden Philosohie.
    Wunderbar, danke für die Worte!

  3. Mantren und Techno <3 Ich hatte eh schon immer den Verdacht, dass das eine nicht spiritueller als das andere ist – es kommt nur drauf an, was man draus macht. Bewusst feiern ist für mich mindestens genauso meditatativ wie bewusst praktizieren. Schön, dass ich mit dieser Vorstellung nicht alleine bin! Danke für den schönen Artikel und keep on dancing :)

  4. Ein wundervoller Artikel, du sprichst mir aus der Seele. Ich liebe Techno mit allem drum und dran. Auf der Tanzfläche auszuflippen und Nächte durchzumachen brauche ich genauso, wie meine Yogapraxis inklusive Meditation, Pranayama und Chanten… es schließt sich meiner Meinung nach überhaupt nicht aus, im Gegenteil, das eine gibt mir Kraft für das andere und umgekehrt.
    Im Yoga geht es doch viel um Balance und die innere Mitte, das erfahre ich umso mehr, wenn ich das scheinbar so gegenteilige immer wieder genießen kann.
    Beim Tanzen im Club kann ich total mal richtig den Alltag loslassen, an nichts denken, schon gar nicht, wie das jetzt aussieht, oder was die anderen über mich denken. Das hat doch auch viel mit Yoga zu tun ;-)
    und mit Genussmitteln siehts, finde ich, auch so aus, dass man rausfinden muss, was und in welchen Maße einem gut tut und das dann verantwortungsbewusst umsetzt.

    1. Hey Jennifer,

      absolut! Das Loslassen im Club hat für mich auch oft andere Qualitäten als das Loslassen beim Yoga – beim Tanzen ist es für mich ein eher aktives Abschütteln, ein kleiner Stinkefinger an alles, was mich belastet und ein Platzschaffen für Gutes. Beim Yoga lerne ich eher, so eine Art Teflonschicht aufzubauen und zu erhalten, die die vielen Belastungen gar nicht erst so nahe ran lässt. Wenn das Sinn macht ;) Und deshalb gehen beide Dinge auch so gut Hand in Hand.

      Ganz liebe Grüße und danke für deine Worte :)

  5. WOW! Als ich diesen Satz entdeckt hab „..klopft noch im Rhythmus der Beats von Len Faki, als ich es mir gegen 19 Uhr auf dem Meditationskissen gemütlich mache“ wusste ich, das muss ich sofort lesen! Jemand der Len Faki UND Meditation mag, gehts noch besser? :D
    Ich dachte lange Zeit, dass ich weit und breit die einzige wär die sich so für Spiritualität interessiert und trotzdem normal/jung/modern ist. Inzwischen weiß ich zwar, dass dem nicht so ist, freue mich aber trotzdem immer total wenn ich sowas sehe :) Ich finde auch, es geht total um den goldenen Mittelweg! Genau aus dieser Erkenntnis heraus hab ich auch vor kurzem meinen Blog gegründet, wo ich junge Leute erreichen will, denen es ebenso geht!
    Danke für den inspirierenden Beitrag :)
    Liebe Grüße,
    Daniela

  6. Wie oft wir versuchen ein Dogma durch ein neues zu ersetzen. Im Grunde haften wir nur am Dogma selbst an. Was gibt uns das? Ich liebe dieses Thema. Einer meiner Lehrer redet immer davon „nichts auszuschließen und alles mitzunehmen“. Das ist sehr schwer und ich ertappe mich immer wieder dabei wie ich mich verurteile/kontrolliere/verpflichtet fühle.
    Spiritualität ist für mich nicht vom Alltag zu trennen. Es gibt kein unspirituelles Leben. aber auch dieser Gedanke musste erstmal reifen. manchmal vergesse ich es, wenn ich zb jemanden dafür verurteile dass er oberflächlich ist. lass uns drüber bei der nächsten Flasche Wein reden bitte!
    <3

  7. Hey, dieser Artikel bringt meine Zellen zum Tanzen. Ich habe schwarz und weiß gelebt. Von totaler Selbstzerstörung und jahrelangem Drogenkonsum bis zur 180 Grad Wende hin zum Yoga und dem Absoluten Askesenwesen. Ich hing tatsächlich am seidenen Faden und fühlte mich durch Yoga befreit und gerettet. Ich glaube, dass ich mich dem Yoga dann so verpflichtet gefühlt habe, dass ich mein spirituelles Korsett sehr eng geschnallt habe. Als auch das nach hinten losgegangen ist, habe ich endlich den goldenen Weg der Mitte entdeckt. Ich kann tatsächlich eine glückliche Yogini sein, ohne auf alles weltliche zu verzichten. Ich kann ein paar Biee mit Freunden trinken und am nächsten Tag trotzdem asanas praktizieren.

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