Die Kraft des Guten: Über den Multiplikatoreffekt von guten Taten

Ich trete aus der Haustür und der Wind weht mir das Corpus Delicti einer Umweltverschmutzungsaktion entgegen: eine Plastiktüte und eine schmutzige Serviette. Vermutlich die Überreste einer nächtlichen Heißhungerattacke. Ohne lange zu überlegen, hebe ich beides auf und unternehme den Versuch, es zwischen Zeigefinger und Daumen in den nächsten orangefarbenen Mülleimer zu verfrachten.

„Ich bin Reiner“ stellt der sich gerade mit einem aufgedruckten Wortspiel bei mir vor, als mir eine starke Böe die öltriefende Serviette entreißt. Noch ehe ich zum Sprint ansetzen kann, eilt mir eine junge Frau zur Hilfe. Ich bedanke mich und wir gehen unserer Wege.

Ich überlege, ob sie den Müll auch aufgehoben hätte, wenn ich nicht mit gutem Beispiel vorangegangen wäre. Schlagartig wird mir die Kraft bewusst, die guten Taten innewohnt. Du musst sie nur freisetzen.

What goes around comes around.

Wir tragen eine unglaubliche Kraft in uns, derer wir uns oft gar nicht bewusst sind. Und die wir deshalb auch viel zu selten freisetzen: Unsere Taten erwirken zwangsläufig weitere Taten.

Gehen wir also mit gutem Beispiel voran, ist die Wahrscheinlichkeit, dass darauf mit einer weiteren guten Aktion reagiert wird, natürlich größer, als würden wir der Welt als Miesepeter gegenübertreten. Zum Beispiel im Straßenverkehr: Würden sich alle, wie nach StVO vorgesehen, an das Prinzip des Reißverschlussverfahrens halten, könnte Ruhe und Frieden seitens der Fahrzeugführer*innen herrschen.

Ruhe und Frieden, die sie an andere Menschen weitergeben würden. Und sicher wären diese Fahrer eher geneigt, bei der nächsten Situation ein Auto einscheren zu lassen, das an der Reihe ist.

Widerfährt uns also etwas Gutes, kann dadurch ein Dominoeffekt ausgelöst werden. Und das fängt schon im Kleinen an: Mit einem Lächeln zum Beispiel.

Ein Lächeln kommt selten allein.

Smile and the world smiles back at you. Durch seinen inflationären Abdruck auf T-Shirts, Schmuck und Wänden kommt diesem Spruch kaum noch Beachtung zu. Dabei wohnt ihm so viel Wahrheit inne.

Es ist wirklich so einfach getan wie gesagt: Lächle jemanden an und er oder sie lächelt zurück!

Seit Anfang der 90er Jahre ist dieses Phänomen auch neurophysiologisch erklärbar:

Unser Gehirn ist mit einem eins A Resonanzsystem ausgestattet. Es besteht unter anderem aus speziellen Nervenzellen, die aktiviert werden, wenn wir bestimmte Handlungen oder Verhaltensmuster ausführen, andere dabei beobachten oder uns einfach nur vorstellen, wir oder andere würden eine bestimmte Handlung tätigen. Diese Superzellen heißen Spiegelneuronen*.

Die Tatsache, dass sie bei der bloßen Beobachtung von Handlungen unserer Mitmenschen so reagieren, als hätten wir das Gesehene selbst ausgeführt oder empfunden, birgt unglaubliches Potenzial, positiv auf unser direktes Gegenüber einzuwirken. Und wenn es gut läuft, bekommt die Person dadurch so gute Laune, dass sie sie in irgendeiner Form auch an andere Menschen weitergibt. Tipp: Wenn du deine Spiegelneuronen testen willst, beobachte doch mal jemanden, der aus vollstem Herzen lacht und achte darauf, wie du reagierst!

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Gutes tun die, denen Gutes widerfährt.

Wird jemandem mit Freundlichkeit begegnet, ist er oder sie eher geneigt, diese wertschätzende Behandlung weiterzugeben, indem er/sie sich selbst den Menschen gegenüber kooperativ zeigt, die mit der ursprünglichen Wohltat nicht direkt in Verbindung stehen.

In einem sozialen Netzwerk, und damit meine ich mehr ein reales als ein virtuelles, kann dieser Effekt kaskadenartige Verbreitung erfahren. Auch die Wissenschaft weiß, dass gute Taten übertragbar sind. Laut einer Studie, die von Professor James Fowler, University of California, und Nicholas Christakis von der Harvard Medical School in Boston durchgeführt wurde, ist kooperatives Verhalten ansteckend.

Fowlers Experiment bestand in einem Spiel mit mehreren Spielrunden, das er mit insgesamt 240 Proband*innen durchführte. Die Teilnehmer*innen bildeten jeweils mit drei anderen Versuchspersonen eine Gruppe. In jeder der Spielrunden erhielten die Proband*innen 20 Geldeinheiten und sollten entscheiden, welchen Anteil sie in ein Gruppenprojekt investieren wollten.

Am Ende jedes einzelnen Spiels wurde bekanntgegeben, wie viel die anderen Teilnehmer*innen zum gemeinsamen Projekt beigesteuert hatten. Je höher der Betrag in der Gruppenkasse war, desto mehr bekamen die Teilnehmer*innen nach der jeweiligen Runde ausgezahlt.

Im nächsten Spieldurchlauf wurden die Teams neu zusammengestellt, sodass kein*e Teilnehmer*in mehrfach mit einem/einer anderen kooperierte. Zeigten sich einige der Gruppenmitglieder hilfsbereit und investierten viel ins gemeinsame Gruppenprojekt, wirkte sich dies in der folgenden Spielrunde auch auf das Verhalten der Empfänger*innen aus.

So waren diese in der nächsten Runde ebenfalls großzügiger, was wiederum die anderen Teammitglieder positiv beeinflusste. Es zeigte sich ein Dominoeffekt, der durch das großzügige Verhalten einer Person ausgelöst wurde und sich zunächst auf deren drei Teamkolleg*innen übertrug, die es dann wiederum an drei andere Proband*innen weitergaben. Gutes tut demnach die Person, der Gutes widerfährt.

Für Altruisten wie Egoisten

Egal, ob du Gutes mit dem primären Ziel tust, anderen zu helfen, deshalb, weil du dich durch deine Wohltat selbst besser fühlen möchtest oder darauf hoffst, dass sie dann im Kontext des Karmas auch irgendwann zu dir zurückkehrt: Gutes tun hilft uns allen – individuell und als soziales System.

„Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“

Erich Kästner hat es damals auf den Punkt gebracht: Gutes zeigt sich vor allem in Taten. So gibt es z.B. in der neapolitanischen Kultur schon lange den Café Sospeso, den man mit “aufgeschobener Kaffee” übersetzen kann. Die Gäste haben in vielen Cafés und Restaurants die Möglichkeit, neben dem eigenen noch einen weiteren Kaffee zu bezahlen, der dann auf Nachfrage an Bedürftige ausgeschenkt wird.

Wenn du nun auf der Suche nach konkreten Möglichkeiten bist, Gutes zu tun, wirst du z.B. auf der Seite der Random Acts of Kindness Foundation fündig!

Embrace!

Natürlich ist es so, dass dir nicht jeder gleich huldigen wird, wenn du deine gute Tat an ihn richtest. Aber darum sollte es auch nicht gehen. Selbst wenn du keine direkte Resonanz auf deine gut gemeinte Handlung erkennen kannst, bedenke stets Oscar Wildes weise Worte: „Nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen brauchen unsere Liebe.“ Zeig ihnen, wie es geht und sei der erste Dominostein, der eine Welle der Güte ins Rollen bringt!

Welche Auswirkungen deiner guten Taten konntest du beobachten? Ich freue mich über deine Kommentare!

Titelbild © J. W. via Unsplash

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Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, liebe Anna. Danke, dass Du das heute in mein Bewusstsein gebracht hast.
    Nicht, dass ich es nicht schon geahnt, nein eigentlich gewusst hätte, dass Gutes zu tun ganze Lawinen positiver Dinge auslösen kann …
    Aber es geht im Trubel des Alltags eben einfach schnell wieder verloren, dieses so nützliche Wissen.
    Jetzt aber habe ich ein neues To-Do für die kommende Woche – jeden Tag eine (kleine) gute Tat.
    Einfach so, ganz ohne Erwartungen, einfach, weil es Freude macht :)

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