Delhi Diaries – Aus dem Alltag einer indischen Familie

„Yeh delhi hai mere yaar. Bass ishq mohabbat pyaar“ – „Das ist Delhi mein Freund! Hier gibt es nur Liebe

So oder so ähnlich dudelt es in einem der Bollywoodsongs aus meiner Indien-Playlist. Die Bilder und die Musik aus meiner Bollywoodfilm-Phase waren natürlich stark romantisiert, wie mir auf meiner ersten Reise nach Indien vor vier Jahren schnell bewusst wurde. Für meine kommende Rundreise war ich auf den obligatorischen Kulturschock vorbereitet.

Trotzdem hatte ich null Ahnung, wie es im Norden Indiens sein wird, war ich doch zuvor nur im Süden unterwegs.

Die Backpacker*innen, die ich auf meiner Reise in verschiedenen Städten kennenlernen durfte, meinten einstimmig: Die erste Stadt, in der du in Indien ankommst, wird für dich immer der Negativ-Maßstab sein, mit denen du andere Städte dann vergleichen wirst. Die Stadt ist nicht so laut, wie… oder der Verkehr ist wesentlich ruhiger, als in… In meinem Fall war das Delhi und sie hatten da mit ihrer Einschätzung nicht ganz unrecht.

Delhi war eine Herausforderung und sollte stets mein Vergleichsbeispiel für andere indische Städte bleiben.

Delhi hat es in sich: Hohe Luftverschmutzung durch den immensen Straßenverkehr. Die Straßen sind vollgestopft mit Autos, Rikschas und Scooters – dagegen kommt mir die Friedrichstraße in der Rush Hour nun wie ein schlechter Witz vor. Und neben der Masse an Menschen, die sich so in den Straßen tummeln, auch noch die ein oder andere Kuh, die am Straßenrand nach etwas zum Fressen sucht.

Und nun war ich mitten drin in Delhi mit all seinen Eindrücken, Farben und Gerüchen (ja und das ist noch milde ausgedrückt). 

Doch neben all diesen extremen Eindrücken verbinde ich mit Neu Delhi viel Liebe und Geborgenheit.

Denn ich durfte für zwölf Tage Teil einer liebevollen, offenen und hilfsbereiten Familie sein. In einem Teil von Delhi – in Chhattapur– leben die Verwandten meines Onkels, die mich aufnahmen, ohne mich vorher je gesehen zu haben, noch mich persönlich gesprochen zu haben. Ein paar Nachrichten über Whatsapp, wann und wo sie mich genau am Flughafen abholen kommen – that’s it!

Ihnen ist es zu verdanken, dass ich die ersten zwei Wochen, ohne Delhi-Belly oder Panikattacken, einen relativ sanften Einstieg in den stürmischen Alltag Indiens hatte.

Mit ihrer Hilfe blieben mir so einige Hürden erspart, denen jede*r Reisende früher oder später in Indien ausgesetzt ist, wie zum Beispiel das Besorgen einer indischen Simkarte, was, wie so einige andere Dinge, ziemlich kompliziert für Ausländer*innen ist.

We are family! Familie und Gastfreundlichkeit werden in Indien groß geschrieben.

Ich merkte schnell, welch hohen Stellenwert Familie in Indien hat; weit über die uns bekannte klassische Familien- und Verwandtschaftskonstellation hinaus. Als entfernte „Nichte“, die ich rein theoretisch gar nicht war, wurde ich genauso mit einbezogen wie der Rest der Familie.

Ich wurde wie eine zweite Tochter umsorgt, durfte im Haushalt keinen Finger krümmen, obwohl ich darauf bestand, mein Chai Durst wurde immerzu gestillt und rund um die Uhr gab es etwas frisch gekochtes zum Essen. Denn was könnte den Inder*innen wohl noch wichtig sein, wenn auf Platz Eins die Familie steht? Natürlich das Essen!

One more Chapati?

In indischen Familien dreht sich alles um Essen! Jede*r, die/der mich kennen, weiß: Ich bin zwar passionierte Köchin, aber Ernährung war und ist bei mir eine komplizierte Sache. Ich esse keine riesige Portionen und ich muss dank Histaminintoleranz genau darauf achten, was ich esse. 

Dass ich nur kleine Portionen esse, war ein Ding der Unmöglichkeit und wurde bald zum Gesprächsthema der ganzen Familie. Am Anfang versuchte ich noch, höflich zu sein und aß brav, wie mir gesagt wurde. Doch irgendwann musste ich dann doch in den histaminarmen, sauren Apfel beißen und die Reißleine ziehen – Es passt kein Chapati mehr rein! Sorry!

Später am Tag kam mein „Ziehonkel“ nach Hause und rief entrüstet: “Wie mir zu Ohren kam, hast du nur ein Chapati gegessen? Kind, du musst ordentlich essen, du brauchst die Kraft für den Tag!“

Zwar waren die Blicke meiner Aunty, wie ich sie schnell nannte, herzzerreißend, aber nach ein paar Tagen hat sie sich wieder beruhigt und wirbelte quirlig durch die Wohnung herum.

Zeremonien im Indien-Style

Die nachmittäglichen Puja Zeremonien meiner Aunty liebte ich besonders und sie wurden schnell fester Bestandteil meines Alltags. Wie sie bedacht ihre Haare mit einem Tuch bedeckte, die Lichter am Altar anzündete und mit ihrem kleinen Finger und der roten Farbe die heiligen Zeichen auf die Silberschälchen malte. Dann faltete sie die Hände in Namaskar (Gebetshaltung) und sang ihr Gayatri Mantra:

“Om bhoor bhuvah svah. Tat savitur varaynyam. Bhargo dayvasya dheemahi. Dhiyo o nah prachoda yat”. – “Aus der Einheit, dem Ursprung allen Seins manifestieren sich die drei Ebenen der Existenz deren all durchdringende strahlende Essenz wir verehren, möge dieses Licht unseren Geist erleuchten und unsere Meditation zur Wahrheit führen” 

Delhi Diaries – Aus dem Alltag einer indische Familie
Valeries Aunty bei der Puja Zeremonie

Safety first – Neu Delhi und das heikle Thema Sicherheit

Wie jede Großmetropole ist auch Delhi nicht unbedingt immer und überall sicher. Besonders am Abend und leider auch für Frauen*. Bereits in Deutschland warnte mich mein Onkel vor und betonte, wie vorsichtig ich sein sollte. Aber inwieweit der Sicherheitsfaktor seine Kreise schlagen sollte, wurde mir erst vor Ort bewusst.

Doch auch hier wollten meine Verwandten sicherstellen, dass ich sicher bin. Nicht nur, weil ich in ihrem Land zu Gast war, sondern weil ich sie mich als Teil der Familie ansahen. Und auch wenn es faktisch nicht so war, so war ich aber trotzdem von jemandem die Tochter, die gesund und heile wieder Heim kommen sollte.

Für mich war es eine sehr große Umstellung, jeden Ausflug genau zu planen und mich bei jedem Schritt bei jemanden zurückzumelden. Doch auf Diskussionen ließen sich meine Verwandten nicht ein und im Nachhinein war ich sehr froh über die Fürsorglichkeit meiner Familie.

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Und auf einmal auf dem Präsentierteller

Gerade ich als weiße Europäerin bin ich mit meinem blonden Haar und meinen blauen Augen fast überall die Ausnahme. Ich konnte mich von Blicken und Selfies kaum retten. Am Abend warteten an der Metrostation stets ein Pulk Rikschafahrer, die mir allesamt ihren Fahrdienst anboten und mich erst nach einem sehr deutlichen No! in Ruhe ließen. Fast ausschließlich Männer unterwegs, die auf Hindi auf mich einredeten oder einfach nur grinsten und Hello riefen.

Natürlich kann ich nicht wissen, was genau sie zu mir sagten und möchte auch niemanden etwas unterstellen.Trotzdem fühlte ich mich dann als einzige Frau* dort doch etwas unwohl, denn bestimmte Blicke oder Gesten konnte ich doch eindeutig einordnen. Dafür muss man nicht die Sprache verstehen, es ist offensichtlich, worauf angespielt wurde (leider ist es so, ich wünschte es wäre anders im 21. Jahrhundert). 

Doch ist mir in Neu Delhi nie etwas Schlimmes passiert. Im Gegenteil habe ich viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt.

Ein besonders aufregendes Erlebnis, in dem ich die Tragweite der indischen Hilfsbereitschaft erkannte, erlebte ich in der Nacht nach meinem Tagestrip in Jaipur. 

Eine lange Busfahrt ging am späten Abend endlich zu Ende und wieder kam es zum leidigen Thema Sprachbarriere:

Busfahrer nur Hindi – ich nur Englisch!

Mein Onkel telefonierte zwar kurz mit ihm, um ihm zu erklären, wo er mich absetzen sollte. Die Metro fuhr nicht mehr, also Uber her, aber schnell! Nur blöd, dass mich der Busfahrer gefühlt im Nirgendwo absetzte. Tobender Verkehr und kein sichtbarer Abholpunkt. Für einen kurzen Moment hatte ich doch ein bisschen Angst.

Sobald ich die Straße überquerte, bekam ich wieder die geballte Aufmerksamkeit. Straßenkinder liefen auf mich zu, um mir etwas zu verkaufen und gleichzeitig starrten mich wieder alle an – als einzige Frau* weit und breit. What to do

Ich rief meinen Onkel an und lief zu den Polizisten, die am Straßenrand ihre Kontrollen durchführten. In dieser Situation erschien es mir zwar völlig absurd, doch unbedingt notwendig, sie von der Arbeit abzuhalten, um mir zu helfen. Sie sprachen mit meinem Onkel, lassen sich von ihm meine Situation erklären und mich bei ihrem Scooter warten.

Da ich mitten an der Straße stand, konnte kein Uber halten, weshalb ich dann von einem der Polizisten bis zum nächsten Restaurant eskortiert wurde. Er blieb bei mir, bis mein bestelltes Uber-Taxi kam. Wie ein Bodyguard stand er da und zuckte nicht mal mit der Wimper.

Als der Fahrer kam, überprüfte der Polizist ihn sogar! Der arme Kerl wusste gar nicht wie ihm geschah. Dann nickte der Polizist und ließ mich einsteigen.

Ich bedankte mich überschwänglich, doch er winkte nur lächelnd ab – No problem Madame! Ich weiß. wahrscheinlich wäre es nicht jeder Frau* oder Menschen in dieser Situation ergangen, ich bin mir meiner Privilegien als weiße Europäerin bewusst.

Doch manchmal muss man an das Gute im Menschen glauben.

Darauf vertrauen, dass es Menschen gibt, die sich gegenseitig helfen. Dabei spielt es keine Rolle, wer man ist oder woher man kommt.

Dieser und noch viele Momente in Indien zeigten mir, was alles möglich sein kann, wenn wir unser Mindset mal auf Reset stellen und achtsamer mit uns und unserem Umfeld umgehen.

Ich hoffe mit meiner Geschichte konnte ich dir ein wenig indischen Alltag in dein Zuhause bringen.

Alles Liebe,

Valerie

Titelbild © Vignesh Moorthy via Unsplash, Bild im Text © Valerie Pagel

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