Bloody Amazing: Cycle Syncing und Hormonyoga

Ich sitze gemeinsam mit 28 anderen Frauen in dem luftigen Yogaraum. Die Aussicht ist atemberaubend: Der Lehnitzsee erstreckt sich über ein großes Panoramafenster über die gesamte Stirnseite des Raumes. Doch wir haben keinen Blick für die Schönheiten der Natur. Jedenfalls nicht für diese.

Wir atmen nämlich gerade hochkonzentriert und lenken dabei Energie in unsere Eierstöcke.

Hört sich komisch an? Fand ich lange Zeit auch. Bis ich einen echten Ekel entwickelte: Davor, die Pille zu nehmen. Ich konnte mich nicht mehr überwinden, dieses kleine runde Ding wie jeden Tag der vergangenen 25 Jahre zu schlucken; und damit bin ich nicht alleine.

Insbesondere bei jungen Frauen um die 30 sinkt die Bereitschaft, hormonell zu verhüten. Aktuelle Studien, die sich kritisch mit der hormonellen Verhütung auseinandersetzen, bestärken sie dabei, denn die Nebenwirkungen können vielfältig sein: Die Thrombosegefahr kann steigen, der Gehalt von B-Vitaminen sich im Blut verringern, sie kann zu Stoffwechselveränderungen führen und das Krebsrisiko erhöhen.

Ich entschloss mich dazu, die Pille abzusetzen.

Ich hatte allerdings einen Riesenrespekt vor den Nebenwirkungen und begann mich zum ersten Mal mit dem zu beschäftigen, was doch so urweiblich ist: Unserem Zyklus. Ich recherchierte im Internet, tauschte mich mit anderen Frauen aus und fand so zu Hormonyoga und Cycle Syncing.

Hormonyoga: Yoga für die Drüsen

Hormonyoga ist eine therapeutische Form des Yoga und unterstützt Frauen, das gesamte hormonelle System wieder zu harmonisieren. Wechseljahrsbeschwerden, hormonbedingte Depression, PMS,  Kinderwunsch und hormonelle Ungleichgewichte sind häufig Gründe, warum Frauen zum Hormonyoga finden.

Im Fokus stehen dabei eine feine Form der Bhastrika-Atmung sowie spezielle Techniken der Energielenkung in die hormonbildenden Drüsen wie z.B. Eierstöcke, Hypophyse oder Schilddrüse.

Die Ergebnisse sind tatsächlich spürbar.

Praktiziere ich regelmäßig Hormonyoga, also täglich bis auf die Tage der Menstruation, bin ich ausgeglichen, die Haut ist reiner, meine Haare fallen weniger aus und ich bin körperlich fitter. Praktiziere ich nicht oder kaum, dann liest sich das sofort in meiner Haut ab.

Auch andere Frauen haben diese Erfahrung gemacht: „Ich hatte stark mit PMS zu kämpfen, daher habe ich meinen Hormonspiegel messen lassen. Das Ergebnis: Eindeutig ein Überschuss an männlichen Hormonen. Ich war geschockt“, erzählt die Berliner Hormonyogalehrerin Anna Winter über den Anfang ihrer Reise.

Der Arzt verschrieb Anna Hormone, die sie mit Skepsis einnahm, denn schon die Pille hatte sie nicht gut vertragen. „Mit den verschrieben Hormonen habe ich mich selbst ins Aus geschossen. Nach Einnahme der ersten Tablette begann die Depression. Ich sah nur noch schwarz, habe durchgeheult. Es hört sich krass an, aber so war es. Nach drei Tagen ging gar nichts mehr und ich habe die Einnahme gestoppt.“

Das Schwarz blieb leider noch die darauffolgenden Wochen, und so begann Anna, sich über Hormonyoga schlau zu machen und besuchte ihren ersten Kurs. Die Linderung der Symptome trat schnell ein und überzeugte die Yogalehrerin so sehr, dass sie selbst eine Ausbildung machte. Seitdem gibt sie Hormonyoga in Kursen, Workshops und Einzeltrainings weiter.

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Die starke Wirkung kann ihre Hormonyoga-Ausbilderin Dr. Claudia „Lalla“ Turske nur bestätigen.

„Ich hatte plötzlich starken Haarausfall, was mich sehr bestürzte, weil ich als Kind meine krebskranke Mutter erleben musste, die über den Verlust ihrer schönen Haare nie wirklich hinweg kam“, erzählt sie. Es folgten Depressionen und eine Antrieblosigkeit, die sie bislang nicht kannte.

Während ihrer eigenen Ausbildung merkte sie sofort, dass ihre Fröhlichkeit und der Tatendrang sich wieder meldeten. „Wie ein Licht am Ende des langen dunklen Tunnels…und die Haare gingen nicht mehr aus!“, erzählt Lalla.

Ihre Leidenschaft dafür war damit geweckt. Sie verfeinerte das Hormonyoga weiter, gibt sowohl Workshops als auch Lehrerinnentrainings. „Es ist immer beglückend zu sehen, wenn die Frauen nach dem Workshop oder Teacher Training richtig erblühen und sich ihrem Frau-Sein wieder annähern“ , erzählt sie lächelnd.

Etwas so Wirkungsvolles darf natürlich nur mit Bedacht und bei den ersten Malen nur unter Anleitung ausgeübt werden. Kontraindikationen für Hormonyoga sind etwa Myome, Krebs, Endometriose, Bluthochdruck, Osteoporose oder Überfunktion der Schilddrüse.

Cycle Syncing: Im Zyklus leben und essen

Was aber tun, wenn Hormonyoga nicht praktiziert werden darf oder frau ihren Zyklus noch besser unterstützen möchte? Aus den USA ist das Cycle Syncing herüber geschwappt: Eine Abstimmung des Lifestyles je nach Zyklusphase.

Vorreiterin ist hier Alisa Vitti, Autorin des Buches „Woman Code“, in dem sie ausführlich über die Bedürfnisse in den unterschiedlichen Phasen schreibt.

Auch die in Hamburg lebende Niederländerin Laura van der Vorst hat mit ihrer Firma HealthcoachFX ein Programm ausgetüftelt, mit dem aktiv der Zyklus unterstützt werden kann. Laura setzte dabei auf das richtige Essen und den richtigen Lifestyle, abgestimmt auf die Zyklusphasen.

Sie erklärt, wann wir Frauen welche „Superpowers“ haben und wie man sich in den einzelnen Phasen umfassend stärken und unterstützen kann.

Das Ganze entstand aus eigenem Leidensdruck: „Vor einigen Jahren habe ich sieben Tage die Woche in Kopenhagen gearbeitet und studiert – mein viertes Zuhause innerhalb von 1,5 Jahren. Ich war einfach verloren. Ich fühlte mich von allem, was ich tat, entfremdet.

Auch von meinem Körper: Meine Verdauung war am Boden, ich war extrem müde, hatte schweres PMS, zystische Brüste, Wassereinlagerungen, habe Gewicht zugenommen und am Ende wurde bei mir ein Autoimmunproblem diagnostiziert“, erzählt Laura.  

Sie lernte, ihre Hormone auszubalancieren.

Die diplomierte Ernährungswissenschaftlerin konnte sich selbst aus diesem seelischen und körperlichen Tief damit herausholen. Seitdem ist es ihr Steckenpferd.

„Wenn die Frauen, mit denen ich arbeite, anfangen, ihre Ernährung, Bewegung und Lebensweise auf jede der vier Hormonphasen ihres Zyklus abzustimmen, machen sie im Wesentlichen die ersten Schritte zu einer schmerzfreien Periode, besserer Fruchtbarkeit und gesteigerter Energie und Libido.

Ich habe sogar Kundinnen die mir erzählen, dass es ihre Beziehung zu ihrem Partner verbessert und sogar gerettet hat. Denn zum ersten Mal konnten die Frauen deutlich sagen was in ihren Körpern auf biochemischer und hormoneller Ebene passiert, was zu mehr Verständnis auf beiden Seiten führte.“

How to Cycle Sync

Grundsätzlich unterscheidet man vier Phasen im Zyklus:

Follikelphase (7-10 Tage)

Der Hypothalamus meldet an unsere Hypophyse, doch bitte follikelstimulierende Hormone in die Eierstöcke zu senden. Das Östrogen steigt an, wir haben mehr Energie, wir sind kreativ, kraftvoll und outgoing. Diese erste Phase des Zyklus ist die beste Zeit, den Körper zu entgiften. „Ich empfehle dazu  frisches, leichtes und entgiftendes Gemüse, zum Beispiel einem entgiftenden Saft mit Sellerie, Gurke, Kokosnusswasser und Zitrone“, sagt Laura van der Vorst.  

Ovulationsphase (3-4 Tage)

Die follikelstimulierenden Hormone steigen rasant an, genauso wie unsere Ausstrahlung. Wir haben einen natürlichen Glow, sind mega kommunikativ, unsere Energielevel auf einem absoluten Höhepunkt und der ganze Körper ist auf Fortpflanzung ausgerichtet. Übrigens auch eine wunderbare Zeit für erste Dates.

Lutealphase (10-14 Tage)

Das Östrogen steigt weiterhin an, die follikelstimulierenden Hormone verringern sich. Wenn das Ei nicht befruchtet wurde, wird es vom Körper wieder absorbiert, die Progesteronproduktion stoppt, damit die Periode hervorgerufen wird.

Das Energielevel sinkt und prämenstruelle Symptome können auftauchen. Zuhause bleiben, einnisten und ja – Aufräumen – das sind häufig die Bedürfnisse in dieser Zyklusphase. Laura empfiehlt in dieser Zeit insbesondere auf den Stresslevel und Verdauungsprobleme zu achten sowie auf Zuckeraufnahme, Rotes Fleisch und Milchprodukte zu verzichten, da diese die Hauptursachen von hohem Östrogen und niedrigem Progesteron und somit PMS sind. 

„In der Lutealphase macht es Sinn, das Progesteron zu steigern und den Östrogenabbau zu unterstützen“, erläutert die Zyklusexpertin. „Fokussiere dich auf grünes Gemüse wie Grünkohl, frische Kräuter und Broccoli, die gute Ballaststoffe, Antioxidanten und Mineralien liefern.

Entzündungshemmende und gesunde Fette wie Avocado, Walnüsse, Leinsamen und Kaltwasser-Fisch machen ebenfalls Sinn, genauso sowie geröstetes Wurzelgemüse wie Kürbis, Karotten, Süßkartoffeln oder Pastinake, die Ballastoffe und den Stimmungsbooster Serotonin enthalten. Gesunde Eiweißquellen und Vitamin B6 unterstützen dich ebenfalls in der Lutealphase.“

Menstruation (3-7 Tage)

Die Progesteronproduktion kommt zum Stillstand und triggert den Abbau der Gebärmutterschleimhaut. Wir haben einen starken Drang, uns unserem Innersten zuzuwenden. Selbstanalyse, Kurskorrektion – all das kann im Fokus während der Menstruation stehen.

Das Energielevel ist niedrig, Rückzug und  Einkehr sind angesagt. Symptome wie ein aufgeblähter Bauch, Schmerzen im unteren Rücken, Erschöpfung und Heißhunger können auftreten. Zum Beispiel nach Schokolade. Nachgeben oder nicht? Laura sagt klar ja: „Dein Körper weiß, was er braucht also ist dein Schoko-Heißhunger während dieser Phase absolut legitim! Magnesiumreicher Kakao fördert Serotonin im Gehirn, was es zu einem natürlichen Stimmungsbooster macht.“

Das Magnesium lindert zudem Menstruationsschmerzen und reduziert schmerzhafte Kontraktionen der Gebärmutterwand. „Lass lieber die Hände von entzündungserregenden Schokoriegeln mit überschüssigem Zucker und wähle lieber die dunkle Variante (mehr als 80% Kakao) und vorzugsweise rohe Schokolade“, erklärt sie weiter.

Zudem legt Laura jeder Frau in dieser Phase nahe, den Nährstoffverlust durch den Blutverlust auszugleichen und sich darauf zu konzentrieren Mineralstoffe und Vitamine aufzunehmen: insbesondere Magnesium, Eisen, Zink und B-Vitamine.

Eine Praxis fürs Leben

Hört es sich anstrengend an, genau danach zu leben? Vielleicht. Ich kann aber jedes Mal die deutliche Verbesserung wahrnehmen, wenn Food, Lifestyle und Hormon-Yoga Hand in Hand gehen.

Klar: manchmal fällt es schwer, diszipliniert zu sein, aber ich persönlich denke, auch hier dürfen wir den Druck rausnehmen: Tun, was man kann, auch wenn die HoYo Praxis eben nur aus drei Asanas besteht und es auch nur für ein Zyklus-Food am Tag reicht.

Das größte Geschenk, das die Beschäftigung mit dem Zyklus und unseren ganz eigenen wunderbaren, weiblichen Superpowers zu jeder Zyklusphase bringt, ist eines, dass weit über den Körper hinausgeht: Die starke innere Verbundenheit mit sich selbst und das Erleben als Frau.

Und dazu atme ich gerne jeden Tag in meine hübschen, kleinen Eierstöcke.

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Titelbild via healthcoachFX © Lori Menna // @cosmiccollage

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