Bist du unpünktlich? Das kannst du daraus lernen

Seit ich denken kann, bewundere ich Menschen, deren Zeitmanagement astrein zu funktionieren scheint. Und wie oft habe ich mir gewünscht eine solche Person zu sein. Meistens dann, wenn ich mal wieder voll bepackt von der S-Bahn zum Flughafen gerannt bin. Oder letztens, als ich einem Menschen fies den Parkplatz vor der Nase wegschnappen musste, um gerade noch pünktlich meine Yogastunde bei Peaceyoga zu starten.

Glücklicherweise habe ich dieses Problem inzwischen einigermaßen im Griff. Ich gehöre zwar immer noch zur Spezies Hektiker, inzwischen habe ich jedoch verstanden, dass weniger Tun in meine Zeit passt, als ich oft größenwahnsinnig annehme.

Damit wir uns nicht missverstehen: Es ist völlig normal, mal spät dran zu sein. Weil die Bahn ausfällt, Stau ist oder, oder, oder… Wenn du aber immer fünf Minuten nach allen anderen kommst oder immer diejenige bist, die ihre Yogamatte kurz nach dem OM ausrollt, dann nimm dir ein paar Minuten und beantworte diese Frage für dich bevor du weiterliest.

Was erreiche ich mit meiner Unpünktlichkeit?

Denn: Natürlich ist niemand aus böser Absicht unpünktlich. Oftmals wollen die notorischen Zuspätkommer ihr Verhalten sogar ändern, bekommen es aber einfach nicht hin. Das Problem liegt meiner Meinung nach nicht nur am mangelnden Zeitmanagement, sondern eine Ebene tiefer.

In Wirklichkeit handelt es sich um einen inneren Konflikt.

Meistens ist dieser natürlich unbewusst und kann wiederum ganz verschiedene Ursachen haben. Vielleicht hast selbst schon Muster in deiner Zuspätkommerei entdeckt, falls nicht, hier ein paar typische Gründe:

Sorry, I’m late. I didn’t want to come.

Du hast eigentlich keine Lust auf den Termin. Kenne ich nur zu gut. Was haben Franziska und ich uns schon über den Spruch „Sorry, I’m late. I didn’t wanna come“ kaputt gelacht! Statt eine Einladung abzulehnen, sagst du halbherzig zu und kommst dann quasi zur Strafe zu spät, so dass die Situation nicht nur für dich, sondern auch dein Gegenüber unangenehm wird.

Die Lösung: Stehe rechtzeitig zu dir und deinen Bedürfnissen und du hast ein Problem weniger. Das kann man lernen.

Du empfindest deinen Termin als Freiheitsverlust. Interessanterweise passiert das nicht nur bei Terminen, die andere bestimmen, wie zum Beispiel Meetings, sondern auch bei Verabredungen, die man selbst festgesetzt hat. In einem Interview mit der Süddeutsche Zeitung erklärt der Psychologe Roland Knopp-Wichmann sehr anschaulich, warum wir Pünktlichkeit als Autonomie-Verlust erleben. „Dieser [der Autonomie-Verlust] tritt in dem Moment ein, in dem derjenige eigentlich los müsste. Er fühlt sich durch die Terminvereinbarung eingeschränkt, ähnlich wie in der Kindheit, als es hieß: Um zehn bist du zuhause. Pünktlich zu sein, käme in diesem Fall einer Unterwerfung gleich. Deshalb rebelliert er innerlich dagegen. In diesem Moment kriegt er es einfach nicht hin, alles liegen zu lassen, um bei dem Meeting pünktlich zu sein. Also telefoniert er noch. Dann erst geht er zu dem Termin.“

Hier wird es mit der Lösung schon schwieriger. Meine Erfahrung ist, dass schon der Gedanke hilft, kein Kind mehr zu sein, das zu einer bestimmten Zeit zuhause sein muss. Und auch nicht als solches wahrgenommen werden möchte, wenn es eigentlich darum geht, Dinge eigenständig zu bestimmen.

Du sehnst dich nach Aufmerksamkeit. Schon in der Schule waren die Coolen nicht die pünktlichen Streber, die ihre Hausaufgaben immer termingerecht abgaben. Wenn du immer erst auftauchst, wenn alle deine Kollegen oder Freunde schon versammelt sind, ist dein großer Auftritt garantiert. Willst du zeigen, dass du sehr wichtig bist, weil du vor dem Termin noch sehr viel Wichtiges zu tun hattest? Oder hast du die stille Befürchtung sonst gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen? Vielleicht bekommst du mit deiner Unpünktlichkeit die Bestätigung: Du bist wichtig. Die anderen warten. Das Ding ist nur: Auf Dauer erreichst du genau das Gegenteil.

Zuspätkommerei dieser Art hat viel mit Selbstwert zu tun. Den kann man nicht von heute auf morgen anknipsen. Aber vielleicht hilft schon ein Gedanke: Du bist wichtig, deine Anwesenheit ist wertvoll und deine Beiträge werden geschätzt. Du hast es gar nicht nötig, negative Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen.

Du suchst Grenzen. Manchmal wünschen wir uns doch alle jemanden, der sagt: „So nicht!“ Als ich vor vielen Jahren einige Male hintereinander zu spät in die Yogastunde einer befreundeten Lehrerin kam, sagte sie im Unterricht ein paar sehr eindringliche Sätze zum Thema Unpünktlichkeit und Respekt den Mityogis gegenüber. An den genauen Inhalt konnte ich mich nicht erinnern, aber ich erhielt einen ganz neuen Blickwinkel auf meine Unpünktlichkeit. Das war mit so peinlich, dass ich nie wieder zu spät in einer ihrer Klassen auftauchte. Und versuche, das im Allgemeinen zu vermeiden.

Pünktlich zu sein, bedeutet, den anderen zu respektieren. Seine Zeit, sein Tun und seine Grenzen. Sich das vor Augen zu führen, hilft vielleicht schon.

Du nutzt den Zeitstress als Vermeidungsstrategie. Nehmen wir ein wichtiges Vorstellungsgespräch. Du fährst zwar rechtzeitig los, aber eine Bahn fällt aus und plötzlich wird dein Zeitplan eng. Den ganzen Weg zum Termin bist du mit dem Gedanken „Schaffe ich das noch rechtzeitig?“ beschäftigt. Du bist so sehr im Stress, dass kein Raum für die Angst vor dem Gespräch bleibt. Man kann schließlich schlecht gleichzeitig zwei akute Ängste haben. Vielleicht ist diese Art des Termindrucks wichtig für dich, um mit der Aufregung klarzukommen. Es ist allerdings hilfreich sich das bewusst zu machen. Den meistens lügen wir uns doch selbst in die Tasche.

Einfach mal ausprobieren, wie es sich anfühlt vor einem wichtigen Termin noch einen Kaffee im Café um die Ecke einzuplanen. Das hilft sich zu fokussieren und gibt im Notfall einen Puffer, der viel Zeit und Energie spart.

Wenn du deine Unpünktlichkeit loswerden willst, musst du dich mit deinem inneren Konflikt beschäftigen.

Deshalb bekommst du heute statt eines klassischen Montagsmantras eine Aufgabe – zumindest wenn du zur Sorte notorischer Zuspätkommer gehörst. Beobachte dein Terminverhalten! Wann wirst du hektisch? In welchen Situationen bist du unpünktlich? Bei der Arbeit? Privat? Besonders bei einer bestimmten Person? Begib dich auf die Suche nach Mustern und nutze die vermeintlich schlechte Angewohnheit, um mehr über dich herauszufinden.

Ich habe übrigens festgestellt, dass meine durchgeplanten Tage mir zwar nicht gut tun, ich aber doch einen gewissen Nutzen aus ihnen ziehe: Ich fühle mich wichtig, gefragt und alles bleibt immer in Bewegung. Bisweilen wird mir das zuviel, doch Langeweile auf der anderen Seite ist auch nicht mein Ding. Außerdem habe ich Schwierigkeiten mit dem Thema Fremdbestimmtheit. Seit ich das weiß, habe ich meine regelmäßigen Termine neu strukturiert, manches abgesagt und Platz für Dinge geschaffen, die mir wichtig sind. Seitdem fällt es mir viel leichter, sie verbindlich und pünktlich einzuhalten.

Sobald du weißt, welchen Nutzen, du aus deiner Unpünktlichkeit ziehst, bist du einen sehr großen Schritt weiter.

Vielleicht so weit, dass sich deine Zuspätkommerei von selbst erledigt. Oder zumindest besser wird. Denn wir wissen ja: Veränderung ist ein Prozess, der manchmal Zeit braucht.

Happy Monday und eine schöne Woche! Teile gerne deine Tipps und Erfahrungen in den Kommentaren.

Unterschrift XOXO Rebecca_pink

 

 

 

 

 

 

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7 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. puhh… spannend! ich erinnere mich daran, dass ich in Zürich immer und überall zuspät kam!! Und jetzt habe ich einfach keine Termine mehr.. Ich mag Termine einfach nicht, fühlt sich für mich an als würde man mir die Luft zuschnürren! Bin wohl schon ein mega Freigeist..ich mag lieber spontane Treffen :) vom Universum organisierte :) wie als wir Franziska per „Zufall“ in eime Café in Bali getroffen haben :))) danke für diesen tollen Beitrag liebe Rebecca und evtl. sehen wir uns diesen Sommer in Berlin <3 hihi
    Love love love,
    Aleks

  2. Hallo Rebecca,

    Das ist ein super gelungenes „Montagsmantra“. Ich bin notorische Zuspätkommerin, ärgere mich selbst auch über mich, wenn’s mal wieder passiert (min dreimal täglich). Irgendwie lege ich’s aber auch immer wieder drauf an: ich hab noch drei Minuten bevor ich los muss, dann kann man ja noch schnell die Spülmaschine ausräumen, den Klodeckel abwischen, die Waschmaschine anschmeißen… Und schon bin ich zehn min zu spät dran. Oder ich habe diverse Uhren in meinem Umfeld,die alle anders gehen, ich such mir aber immer die raus, die am meisten nachgeht und tauche prompt sieben min zu spät zum Meeting auf…
    Zwischen zwei Besprechungen kann man doch gut noch ein Mittag mit einer Freundin quetschen, die dann heillos versetzt wird…
    Ich glaube, man kann deine Punkte noch um Selbstüberschätzung ergänzen. In meinem Kopf hat eine Minute 120 Sekunden und „wollen“ gut genutzt sein. Irgendwo gibt’s ja immer noch eine weitere Hundehochzeit.

    Vielen Dank für deinen super Beitrag, er regt wirklich zum gründlichen Hinterfragen an und animiert, sein Verhalten unter die Lupe zu nehmen. Eine super Wochenaufgabe! Ich bin gespannt, welche Zuspätkomm-Tricks sich bei mir noch eingeschlichen haben und freu mich, eine Motivation gefunden zu haben, das Thema anzugehen!

    Namaste

  3. Sehr guter Artikel mal wieder.

    Vor allem der erste Punkt gibt mir zu denken. Ich habe kürzlich einen Nebenjob gekündigt, weil er mir mittlerweile keinen Spaß mehr bereitet. Schon eine weile davor bin ich immer knapp oder sogar leicht zu spät dort angetreten, was mich sehr geärgert und gestresst hat, weil das normal gar nicht meine Art ist. Trotzdem ist es immer wieder vorgekommen. Vermutlich war das schon eine unterbewusste Entwicklung bevor mir klar wurde, dass es mir eigentlich gar keinen Spaß mehr macht.

    Tja wieder was über mich selber herausgefunden… Wahnsinn was das Ubterbewusstsein alles bewirkt.

    Das stellt mich nun aber vor eine neue Frage. Ich lerne seid einiger Zeit spanisch, nicht weil ich es brauche, sondern eigentlich weil ich meine Bock darauf zu haben. Allerdings komme ich auch immer zu spät zum Unterricht und mache nur schleppend Fortschritte.

    Vielleicht bedeutet auch das, Dass es doch nicht das richtige ist oder die falsche Herangehensweise.

    Ich werde es mal beobachten wenn nächstes mal Unterricht ist was genau vorher dazu führt dass ich eventuell zu spät bin…

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