Bist du ein guter Yogi?

Es war, als ginge ein riesiges Aufatmen durch die Yoga-Reihen.

Auf ein Bild, das Franziska und mich (verbotenerweise) Bier trinkend auf dem Yoga-Festival in Berlin zeigt, gab es innerhalb von wenigen Minuten über 100 Likes, lobende Kommentare und sogar persönliche (!) Glückwünsche.

Die starken Reaktionen brachten mich zum Nachdenken.

Warum ernten wir Beifall für Biertrinken? Warum ruft das so viel Erleichterung hervor?

Meine These: Endlich zeigt mal jemand, dass es auch anders geht. Öffentlich. Und das freut alle, die es ab und zu auch gerne anders haben. Ein bisschen weniger heilig. Ein bisschen mehr menschlich.

Ja, man darf mal ein Bier trinken. Ja, man darf einen eigenen Kopf haben und für eigene Ideale einstehen. Und ja, dabei kann man ein ganz fantastischer Yogi sein.

Was ich persönlich an der Sache so spannend finde, ist die Frage nach dem Warum. Woher kommt eigentlich dieser Druck? Wo steht geschrieben, was man darf und was nicht? Wer definiert „yogisch“ und „unyogisch“?

Der Witz: Die Schranken sind vor allem in unseren eigenen Köpfen. Patanjali hatte einfach Recht. Es sind die citta vritti, die Verwirrungen unseres Geistes, die uns das Leben schwer machen.

Wir alle haben Bilder im Kopf, wie wir je nach Kontext zu sein haben. Und in der Rolle Yogi sind wir eben freundlich, genügsam, diszipliniert und folgsam. Das Bild des perfekten Yogi-Ichs trinkt in den meisten Fällen Smoothies statt Schnaps, sitzt lieber auf dem Meditationskissen als in verrauchten Bars, isst viel Gemüse und beißt nur selten in fettige Burger.

Diesem perfekten Bild auf Dauer gerecht zu werden, ist nicht einfach und auch gar nicht nötig. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, was einen guten Yogi aus meiner Sicht eigentlich ausmacht.

5 Zeichen, dass du ein guter Yogi bist

 1. Du hast Interesse an Selbsterfahrung

In der Yogaphilosophie ist mit „Selbst“ das höhere, göttliche Selbst gemeint. Um dieses allerdings erfahren zu können, müssen wir uns erst einmal mit dem kleinen, weltlichen Selbst abmühen. In den meisten Fällen dauert das schon länger als ein Leben, ist bisweilen durchaus schmerzhaft und erfordert jede Menge Mut, Durchhaltevermögen und Kraft.

Doch das lohnt sich, denn du weißt, dass die Yogapraxis ein grandioses Tool ist, dieses Selbst zu erforschen, alte Muster zu durchbrechen und einen kurzen Blick auf das zu erhaschen, was die Yogis Erleuchtung oder unendliche Glückseligkeit nennen.

2. Du bleibst am Ball auch wenn es ungemütlich wird

Hass-Asana? Die kennst du, aber du übst sie trotzdem. Du weißt, dass diese Haltung immer weniger ätzend wird, je öfter du dich in sie hinein begibst. Vor allem, wenn du sie erst einmal mit Hilfsmitteln übst. Und irgendwann ertappst du dich dabei, dass du sie richtig liebgewonnen hast.

Das Hass-Asana-Prinzip überträgst du auch auf unangenehme Gedanken oder Probleme, die deinen Weg kreuzen: Du nimmst sie wahr, erforschst sie, suchst Lösungsmöglichkeiten und genießt das Gefühl, einen Schritt weitergekommen zu sein.

3. Du versuchst, das Gute in anderen zusehen

Ganz unabhängig von deinen eigenen Vorlieben, behandelst du andere Menschen freundlich und respektvoll. Wer Liebe säht, wird Liebe ernten. Du weißt, dass in jedem Wesen ein perfekter Kern steckt und wir am Ende doch alle im gleichen Boot sitzen. Ein guter Grund, sich anderen gegenüber anständig zu verhalten, oder?

Trotzdem erlaubst du dir, dich von Menschen fern zu halten, die dir nicht gut tun und ihnen Gutes nur aus der Ferne zu wünschen.

4. Du nimmst das Konzept von Freiheit ernst

Das ist nicht immer einfach. Denn das bedeutet auch, anderen die Freiheit zu geben, zu tun und denken, was sie wollen. Zum Bespiel auch, deine Begeisterung für Yoga, vegane Ernährung oder zwei Monate Backpacken in Indien für völlig bescheuert zu halten. Als guter Yogi stehst du zwar für deine Ideale ein, versuchst aber niemanden zu bekehren. In brenzligen Situationen machst du dich locker, besinnst dich auf Punkt 3 und konzentrierst dich auf die guten Seiten deines Gegenübers.

 5. Du bleibst bei dir

Vielleicht glaubst du an Schicksal. Vielleicht weißt du auch einfach, dass du einen gehörigen Anteil an allem hast, was in deinem Leben passiert. Die Yogis nennen die Brille, durch die jeder sein Leben sieht, „maya“ (deutsch: Schleier, Illusion). Dieser Schleier verdeckt das große Ganze, das aus purer Liebe besteht.

Bezogen auf dein Leben heißt das: Du übernimmst Verantwortung für dein Handeln und gibst nicht anderen die Schuld, wenn etwas nicht so läuft, wie du es dir vorstellst. In diesen Fällen vertraust du darauf, dass alles seinen Sinn hat und gibst weiterhin dein Bestes, den Schleier ein wenig weiter zu lüften.

Und die Moral von der Geschichte?

Yogis sind weder unfehlbar noch müssen sie irgendwelchen Idealen aus dem Bilderbuch des Yoga entsprechen. Denn „yogisch“ ist eher eine Haltung zum Leben und zu den Wesen um uns herum. Und diese beginnt im Kopf. Der erste Schritt ist es also, sich zu überlegen, welche Denkmuster uns daran hindern, einen Beitrag zu mehr Glück und Freiheit auf der Welt zu leisten, so dass wir sie nach und nach auflösen können. Die regelmäßige Yogapraxis wird dabei helfen.

Was macht aus deiner Sicht einen guten Yogi aus? Ich freue mich auf viele Kommentare und Austausch zum Thema.

Alles Liebe
Rebecca

9 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Ihr Lieben,

    herzlichen Dank für den Artikel, ich finde das Thema auch sehr wichtig!
    Meiner Meinung nach ist es auch gut sich zu fragen, wofür mach ich Yoga? Geht es mir rein um das körperliche? Geht es mir darum, mit meinen Gefühlen besser umgehen zu können und harmonischer mit meinen Mitmenschen leben zu können?
    Oder möchte ich dies noch transzendieren und höhere Sphären der geistigen Welt erkunden?

    Es gibt ja glücklicherweise keine Dogmen oder wirklich fest geschrieben Regeln im Yoga. Ich finde es aber wichtig, je nach „Ziel“, das man sich schon ein wenig an den Meistern orienteiert, was hier zu verschiedenen Themen gesagt wurde. ABER dann selbst ausprobiert!, und nicht einfach für die Wahrheit schlechthin hält.

    Andererseits macht es auch wenig Sinn, sich nur seinen Sinnen auszuliefern, völlig „zu machen was man grade will“- das wäre ja auch sehr rajasig und nicht zielführend zu „citta vritti nirodah“.

    Naja, letztendlich ist Yoga „Geschicklichkeit im Handeln“ wie es schon in der Bhagavad Gita heißt. Daher sollte jeder Yogi seinen eigenen Weg gehen.

    Herzliche Grüße

  2. Tja, was macht einen guten Yogi aus? Auf jeden Fall leben und leben lassen, im Fluss bleiben und das Leben nicht zu dogmatisch oder engstirnig sehen. Manchmal habe ich aber das Gefühl, das gerade Menschen, die sich mit Spiritualität beschäftigen, dazu neigen, zu viel von anderen zu erwarten und gerne hätten, dass jeder so leben solle wie sie glauben, dass es richtig sei. Das finde ich persönlich sehr schade.
    Mit deinem Artikel hast du mir aus der Seele gesprochen. :-) Danke Rebecca

  3. Hallo ihr Lieben. Danke für den tollen Bericht. Was ist schon gut und was ist schlecht? Ich denke, es ist wichtig da wertfrei zu bleiben. Im Endeffekt ist jede einzelne Handlung mehr oder weniger Yoga. Alles IST Yoga. Vom Brötchen holen bis hin zu Shavasana. Es kommt darauf an, wie du es ausführst. Freue mich heute auf die Jivamukti-Stunde mit Rebecca.

  4. Hallo liebes Team,
    wie ich mich doch in dem Bericht wiedererkenne, Danke dafür!
    Natürlich fühl ich mich mit all meinen kleinen und großen Sünden immer mal wieder unyogisch. Aber ich versuche jedesmal Bewusstheit zu erlangen…
    Try on!
    Mich erinnert das alles nicht nur an euch oder Patrick Broome sondern auch an Tara Stiles -euch auch?

  5. Hallo ihr zwei Lieben,

    was für ein ehrlicher und toller Bericht. Sehr wahr das ganze!
    Ich hoffe ein undogmatischer Umgang mit de Grundwerten eines „echten“ Yogis (Who made the rules by the way?) wird mehr zur Normalität und jeder kann tun und bleiben lassen was er mag und für richtig hält!

    Herzliche Grüße,
    Janna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*