Bier statt Kokoswasser? Im Ernst?

Wann immer ich mich durchs Yoga-Web klicke, entdecke ich Artikel über Yogaposen speziell für Männer. Ich lese und denke:

Was ist denn daran jetzt für Männer?

Singt man olé statt om? Heißen die Posen vielleicht „Bohrmaschine“ oder „Torwart“? Und waren im Übrigen nicht die allerersten Yogis Männer?

Yoga an den Mann bringen

Yoga ist in unserer Zeit ein dominant weibliches Phänomen. Ob das nun von der Werbeindustrie verursacht wurde, ob das Klischee vom „soften Workout“ oder einfach eine Art „weibliche Offenheit“ für spirituelle Praxis dafür verantwortlich sind, muss ich wann anders herausfinden.

Hier möchte ich feststellen: Der Männeranteil steigt! Ich sehe nicht nur momentan häufiger Jungs beim Yoga – immer mehr Angebote, wie beispielsweise der patentierte „Broga“-Style, wenden sich speziell an die Herren der Schöpfung.

Auf der Seite der Bewegung Boys of Yoga, die mit eigenen Yogaklassen und einer Website voller Inspirationen rund um Jungs, die Yoga machen, eine speziell junge, hippe, männliche Zielgruppe ansprechen, kann man lesen: „Not all yoga is fluffy and gentle, it can make you sweat, it can push you to your edge.“ Die Macher wollen mit gutem Beispiel voran gehen und ihren Geschlechtsgenossen zeigen, dass sie durch Yoga „a better man“ werden. Das kommt an. Und stimmt an sich ja auch.

Wo liegt der Unterschied?

Ich frage mich dann aber: Muss man da so einen Unterschied machen? Sollten Männer nicht gentle sein? Gibt es verschiedene Yogas für Männer und Frauen? Dürfen Männer Yoga nur cool finden, wenn man sich so richtig einen abschwitzt und suchen Frauen vielleicht nicht auch genau nach einer solch anstrengenden, kraftvollen Praxis?

Natürlich haben weibliche und männliche Physis unterschiedliche Voraussetzungen. Ähnlich unterschiedliche Voraussetzungen übrigens wie meine Blogpartnerin Dana und ich, dein kleiner Bruder und dein 74-jähriger Hausmeister, du und der Rest der Menschheit. Die einen sind beweglicher, die anderen stärker. Die einen haben empfindliche Knie, die anderen einen schiefen Lendenwirbel. Die einen haben am meisten Angst vor der Krähe, die anderen vorm Stillsitzen. Und das alles hat nichts damit zu tun, ob man nach dem Yoga Bier oder Kokoswasser trinken geht, wie es uns an mancher Stelle suggeriert wird. Ironie? Vielleicht. Aber ihre Auflösung fehlt mir hier.

Lieber befreien als abgrenzen

Die Boys (deren Beiträge ich übrigens nichtsdestotrotz oft inspirierend finde!) wollen das Klischee brechen, aber sie bedienen sich seiner Sprache und sind damit darin gefangen. Dabei geht es doch im Yoga genau darum, nicht zu werten und sich nicht abzugrenzen. Es geht darum, offen zu sein und sich von unnötigen Einschränkungen (im Kopf) zu befreien!

Ich habe das Bedürfnis, einen Schritt weiter zu gehen. Schon, dass Yoga „weiblich“ ist, ist ein Konstrukt der letzten Jahrzehnte.

Lasst uns nicht noch „Männeryoga“ dazu erfinden!

Lasst uns auf der Matte nicht die konstruierten Geschlechterbilder weiter einüben, denen wir im Leben sowieso kaum entkommen. Lasst uns Menschen, die täglich in ihrer Praxis wachsen, nicht in „Chick“ und „Dude“ unterscheiden. Sie alle wollen mal verrückte neue Sachen ausprobieren, mal eher die Routine genießen, mal ihren Kater raustwisten, mal hardcore die Muskeln trainieren und manchmal auch einfach nur abschalten. Also lasst uns nicht sagen: „Fluffy und gentle ist Mädchenyoga.“

Lasst uns sagen: Yoga ist für alle da.

Für jung und alt. Für Schwangere, für Kinder. Für Ben Gurion und Marilyn. Für Hunde. Für Frauen. Für Männer. Und für jede/n dazwischen. Weil, am Ende sind wir doch alle eins:

Verdammt fluffy und gentle und hardcore vollkommene Wesen.

Es gibt so viel zu diesem Thema zu sagen und diese Bemerkungen sind nur mein erster Anstoß. Teile deine Gedanken gerne in den Kommentaren mit mir. Ich bin gespannt!

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4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Uli, aus zahllosen Gesprächen mit Männern über Yoga ziehe ich folgendes Resumé:

    Viele meiden Yoga wegen den „typischen Yoga Frauen“ und deren teilweise hysterischen verhalten, was Kokoswasser und Fleischessen angeht. ;-) Und auch um das ganze Theater, was oft aus der Yogapraxis gemacht wird.

    Viele erzählen mir sie wollen Yoga machen, aber mehr als Workout und nicht die ganze Zeit von Lehrer/innen vollgetextet zu werden, was sie jetzt denken oder fühlen sollen und finden das auch übergriffig.

    Einige Erzählten mir sie fühlen sich unsicher, wenn sie unter 20 Frauen allein sind.

    Was mir natürlich keiner erzählt, aber was ich auch denke ist, das viele befürchten für schwul gehalten zu werden, weil es ja viele Schwule Männer beim Yoga anzutreffen sind. (Ja, es gibt diese Unsicherheit und die sitzt tief!)

    Übrigens: Das mehr Männer Yoga machen kann ich nicht behaupten. Ich merke in meinen Kursen, dass früher oft mehr Männer in den Kursen waren, als heute.

    Ich persönlich gehe seit Jahren auch oft lieber zum Cross Fit, weil ich mehr Muskeln will und mich mit Gewichten austoben und erden möchte und die Atmosphäre in der Box oft einfach leichter ist.

    Zuhause mach ich dann viel Yin Yoga, wo mein Freund (auch Crossfitter) ebenfalls mit Begeisterung dabei ist.

    Küsschen aufs Nüsschen, Victor

    1. Hey Victor,
      danke für das Resumé, das stimmt auch mit meinen Beobachtungen recht stark überein. In der idealen Welt, auf die ich in meinem Artikel da „hinschreibe“, gibt es solche Vorurteile wie für schwul gehalten werden, hysterische Frauen und Verunsicherung wegen Unterzahl nicht mehr. Ich kenne übrigens auch genug Frauen, die sich nicht „volltexten“ lassen wollen :) Ich will einfach anregen, nicht mehr so stark in diesen Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit zu denken.

  2. Hallo Ulrike,
    klare Worte – und sehr richtige Worte. Ich finde auch, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Mann oder eine Frau ins Yoga kommt.
    Ja, es gibt physische Unterschiede, aber wieso sollen Frauen nach dem Yoga nicht auch auf ein Bier gehen? Oder Männer meditieren und ruhig sein?
    Super Beitrag!
    Michael

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