Alles darf sein

Darfst du eigentlich wütend auf deine Eltern sein, obwohl sie alles für dich getan haben, was sie konnten? Darfst du traurig sein, wenn die Sonne scheint? Und darfst du enttäuscht sein, obwohl dein Partner nur im besten Sinne gehandelt hat?

Mit dem heutigen Montagsmantra möchte ich dich dazu inspirieren, deine hässlichsten Gefühle zuzulassen und zu erfahren, wie glücklich sie dich machen!

Die meisten von uns haben von Kindheit an gelernt, ihre Gefühle vor sich selbst und anderen zu leugnen. Wenn wir Angst hatten, sagten unsere Eltern „Hab keine Angst“. Wenn wir Schmerzen hatten hieß es „Ist doch gar nicht schlimm“ und so weiter. So haben wir frühzeitig gelernt, was wir wann fühlen dürfen und was nicht. So haben wir zum Beispiel auch gelernt, dass wir gut drauf sein sollen, wenn wir Besuch bekommen. Und genau an diesem Punkt lernte ich letzte Woche,  wie wichtig es ist, ehrlich zu sich selbst und anderen zu sein:

Seit Wochen hatten sich zwei liebe Freundinnen bei mir zu Besuch in Berlin angekündigt. Mein erster Impuls war „Oh nein, wie soll ich das noch in meinen Zeitplan integrieren“. Da eine der Freundinnen aber nicht aus Hamburg, sondern aus Indien anreiste, war für mich klar: das muss ich irgendwie hinbekommen, denn wer weiß, wann wir uns wieder sehen können. Ich sagte also zu und hieß meine beiden liebsten Freundinnen bei mir zu Hause willkommen.

Doch die Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis nach Rückzug und meinem vollen Terminkalender wuchs in der Zeit zwischen Zusage und Anreise noch an. Als meine Freundinnen in Berlin landeten, freute ich mich riesig.

Doch schon beim Abendessen spürte ich, wie eine Todesmüdigkeit einsetzte und ich mich kaum am Tisch halten konnte.

Anstatt zu sagen, dass ich müde bin und der Besuch viel zu viel für mich ist, versuchte ich eine gute Gastgeberin zu sein und spielte eher schlecht als recht den Gute-Laune-Bären.

Am zweiten Tag kämpfte ich weiter mit meiner Müdigkeit, doch versuchte weiterhin die Stimmung hochzuhalten. Als ich mich von meinen Freundinnen nach dem Frühstück verabschiedet hatte, weil ich eigentlich arbeiten wollte, brach es auf dem Weg ins Büro aus mir heraus.

Ich fand mich auf einem Bordstein in Berlin-Kreuzberg kauernd wieder, die Hände um die Schienbeine geschlungen, die Stirn auf die Knie gepresst und Rotz und Wasser heulend.

Das Schlimme daran war, dass ich keine Ahnung hatte was mich in diese emotionale Sackgasse getrieben hatte. Gleichzeitig musste ich über mich selbst lachen, wie ich dort saß und mich richtig schön reinsteigerte in mein Bordstein-Drama in drei Akten. Doch das Lustigmachen über mich selbst half nichts. Immer wieder übermannten mich diese massiven Gefühle und ich machte mir ernsthafte Sorgen ob ich reif für den psychologischen Notdienst bin.

Als es an der Zeit war meine Freundinnen zum Mittagessen zu treffen, sagte ich mir: „Jetzt nur eine Stunde durchhalten und dann kannst du weiterheulen!“

Zum Glück kam es anders. Die Mädels spürten meine äußerst schräge Gefühlslage und ich konnte es nicht mehr länger zurückhalten. Jetzt ließ ich alles raus. Meine scheinbar unbegründete Wut auf die Welt, meine Überforderung, ich ließ einfach alles raus.

Und dann geschah das Wunder.

Die Beiden lehnten sich zu mir vor und sorgten sich rührend um mich. Sie erzählten mir aus ihrem Leben, von dem ich aufgrund der Distanz nur wenig mitbekomme und wie sehr sie diese Gefühle aus ihrem Alltag kennen und dass sie selbst oft glauben stark sein zu müssen und wie anstrengend diese „Show“ sei. Während wir sprachen, konnte ich beobachten, wie sich unsere Körperhaltung lockerte, die Augen meiner Freundinnen anfingen zu strahlen und unsere Arme gestikulierend und erleichtert durch die Luft wedelten.

Die Szenerie gewann an leuchtender Farbe und es war als hätte jemand den Ton wieder angestellt. Ich war zurück im Hier-Und-Jetzt. Plötzlich konnte ich wieder die Schönheit erkennen. Wie wir dort saßen, an einem schmalen Holztisch auf dem Bürgersteig vor einem Kreuzberger Café und Saftschorle tranken, während die Mittagssonne auf unsere Rücken strahlte und wir uns an einem Mittwoch Mittag so nah waren wie schon lange nicht mehr.

Innerhalb von zwei Minuten war das Leben wieder in Ordnung. Der Schlüssel zum Glück war pure Ehrlichkeit. Die Situation lehrte mich zwei elementare Dinge, die wichtig für die Umsetzung deines Montagsmantras sind:

1. Nimm deine Gefühle an

So unwillkommen sie in der Situation auch sein mögen, nimm deine Gefühle an. Besonders Wut ist ein Gefühl, dass uns gesellschaftlich abtrainiert wurde und für das wir uns schnell schuldig fühlen. Du darfst sogar auf deine gebrechliche Oma wütend sein. Du darfst sie sogar hassen. Deine Gefühle sind der Schlüssel für ein Thema, das sich zeigen will. So findest du vielleicht heraus, dass deine gebrechliche Oma dich mit ihrer Liebe erdrückt und es einfach too much ist und du diese Zuwendung nicht zurückgeben möchtest. Auch das ist übrigens okay. Wenn du deine Gefühle zulässt und besonders die häßlichen, die nicht sein dürfen, erfährst du die spannendsten Dinge über dich. Darüber wie du wirklich tickst und was du wirklich brauchst. Ich versprech’s dir!

2. Sprich ehrlich darüber

Erzähl den Betreffenden ehrlich, was Phase ist. Dabei ist wichtig, dass du von dir sprichst und niemand anderen für deine Gefühlsdesaster verantwortlich machst. Um bei dem Beispiel mit der lieben gebrechlichen Oma zu bleiben, sag ihr nicht, dass du genervt bist, weil sie dir jede Woche Pralinen schickt, sondern dass du dich schlecht fühlst, weil du so viel Liebe und Zuneigung nicht zurückgeben kannst. Vielleicht erfährst du dann, dass deine Omi gar nichts von dir verlangt und einfach Freude daran hat und es ihr eine schöne Beschäftigung bietet, dir liebevollen Päckchen zu schnüren.

Lass dich von diesem Montagsmantra durch die Woche tragen, damit sich deine Gefühle zeigen dürfen:

Alles darf sein!

Nimm dieses Mantra und bade so richtig in deinen Gefühlen. Lass alles hochkommen. Trauer, Wut und spüre hinein, was dir diese wertvollen Wegweiser sagen wollen. Was darf sich endlich zeigen und angenommen werden? Wo darfst du dich besser abgrenzen und bei dir bleiben? Denk immer daran: Feeling is healing.

In diesem Sinne fühl hinein, lass es hochkommen, bring es in Worte und lass es heilen.

Ich bin gespannt, was das Mantra in deinem Leben bewegt. Hinterlasse mir einen Kommentar unter dem Beitrag oder teile deine Erfahrung mit mir auf Instagram @franziska_fvckluckygohappy

Shine bright like an angry diamond,

Deine Franziska

10 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Franziska, ich bin dir sehr dankbar für diesen Beitrag! Vor einiger Zeit hatte ich eine ähnliche Situation und war NICHT ehrlich. Das hat sich gerächt und der Kontakt ist verloren gegangen. Darüber bin ich schon sehr traurig. Ich brütete damals schon eine Erschöpfung aus und hatte es verkannt. Dein Mantra schreibe ich mir auf die Fahnen und unterstreiche das DARF. Wofür der ewige Kampf, etwas auf Biegen und Brechen aufrechtzuerhalten? Auf meinem Weg, mich selbst besser kennenzulernen, lasse ich zu…. Dein Blog ist toll, weiter so!

  2. Liebe Franziska,
    danke für den tollen Text. Trifft genau meine derzeitige Lebenssituation. Ich war immer eine „Kämpferin“, bis der Zeitpunkt kam, an dem ich nicht mehr die Kraft hatte zu kämpfen und in ein tiefes Loch gefallen bin. Ich muss mir das zugestehen und lernen, auch mal schwach sein zu dürfen und andere um Hilfe zu bitten, was mir unfassbar schwer fällt. Ich mag Spiritualität sehr gerne und finde sehr viel Wahrheit und Hilfe darin. Aber dadurch habe ich auch angefangen mir zu „verbieten“ wütend sein zu dürfen oder schlechte Gefühle zu haben. Und das ist falsch, denn es rächt sich irgendwann. Und dann sitzen wir alle auf einem Bordstein oder liegen tagelang im Bett und heulen. Du hast vollkommen recht mit deinem Text, macht weiter so, euer Blog ist einfach toll :)

  3. Wow, ein toller Beitrag und ein schönes Mantra. Wieder mal erkenne ich mich in der Geschichte total wieder. Auch ich halte lieber durch und schalte in den Notfallmodus, statt ehrlich zu sagen, dass ich am Limit bin. Sehr inspirierend, danke!

  4. Liebe Franziska,

    ich bin sehr berührt von deinem Montagsmantra. Ich habe es mir laut vorgelesen und hätte fast zu weinen begonnen, weil es mir gerade sehr viel gibt!

    Shine bright and thanks!
    Kathi

  5. Ich finde es immer wieder beruhigend, dass es anderen Menschen ebenfalls so geht. Ich trage seit langem eine Wut in mir und weiß nicht, wo sie herkommt und was sie mir sagen will, da klappt das mit dem annehmen und erspüren noch eher schlecht, aber ich habe auch schon den Gedanken gehabt, dass sie sein darf, was immer sie mir sagen will. Mit meinen Ängsten klappt das noch nicht so gut.
    Das Ehrlichsein hatte ich vor ein paar Wochen mit meinem Freund. Er hat spontan Festivaltickets gewonnen und er war so begeistert. Wir sind hingefahren und haben im Hotel übernachtet, was einige Kilometer entfernt war. Mir ging es am ersten Abend schon nicht besonders mit der Entscheidung mit ihm zu fahren und dachte: ach, schläfste mal ne Nacht drüber, morgen sieht die Welt vielleicht ganz anders aus. Als er morgens wach wurde (ich zermarterte mir schon eine Stunde lang den Kopf, ob ich nach Hause möchte oder doch lieber bleiben will) und mich ankuckte und fragte, was los sei, sagte ich: ich möchte einfach nur nach Hause. Und seine Antwort war: dann fahren wir nach Hause. Ich hab mich dann erst mal heulend an ihn gekuschelt und hatte trotzdem den Rest des Wochenendes ein schlechtes Gewissen, obwohl es für ihn okay war, dass wir wieder gefahren sind… Danke für dieses Montagsmantra, ich werde fleißig üben!! Das mit dem Ehrlichsein klappt bei mir manchmal schon zu gut… :D

  6. Das ist ein ganz fantastischen Mantra!
    Ich bemühe mich seit einigen Monaten um genau das.
    Ich hatte ernsthafte gesundheitliche Probleme und hatte immer wieder Schübe aus dem Nichts. Ich kam darauf, dass ich das selbst aktiv verhindern kann, wenn ich mich selbst nicht mehr ’normal‘ verhalte, sprich mich und meine Gefühle nicht ignoriere, sondern sie lebe.
    Wahnsinn, wie kraftvoll das ist!!
    Erst einmal Gefühle erkennen ist für mich dabei der wichtigste und schwierigste Schritt. Sie dann zuzulassen? Darin bekomme ich so langsam Übung ; )
    Ganz herzlichen Dank und frohes Üben!

  7. Ach du Engel,
    wie recht du hast, und wie gut das Timing ist! Ich schreibe gerade meine Masterarbeit und mein überaus liebenswerter Partner versucht nach allen Möglichkeiten mich zu bestärken und mir zu sagen: Du kannst das!
    Darüberhinaus versucht er mich zu regelmäßigen Pausen zu motivieren, kocht für mich und schickt mich allabendlich zum Sport oder Yoga. Eigentlich perfekt……dumm nur, dass mir seine Fürsorge und Motivation gerade fürchterlich auf die Nerven gehen. ICH möchte nämlich nicht hören das ich das schaffe und Pausen machen muss.
    Ich weiß nicht warum, aber es geht mir zur Zeit besser, wenn ich für mich bin und mich zwischendurch nach Lust und Laune im Selbstmitleid baden kann. Interessanterweise genieße ich diese Fürsorge durch meine Freundinnen gerade sehr.
    Schwierig sich und dem Partner das einzugestehen und gut damit umzugehen. Aber dann kam dein Artikel und damit mein Entschluß meinem Partner heute abend genau diese Gefühle mitzuteilen.

    Danke dir

  8. Nach einem „emotionalem Desaster“ Wochenende kam dieses wunderbare „Montagsmantra“ wie gerufen! Ich weiß nun, das ich mich meiner Gefühle nicht schämen muss!
    Danke !!!

  9. Liebe Franziska,

    ….. oh ja .. ich denke da gibt es niemanden (wenn er ehrlich zu sich selbst ist), der das nicht kennt. Ich auch. Denn auch ich habe die Tendenz mein Leben stets (zu) voll zu packen. Oder packt ES sich voll? Quasi von selbst? Und worin liegt die Lösung? So wie in deinem Fall, im Vorfeld den Freundinnen abzusagen, das hätte eine wunderbare Gelegenheit, eine berührende Situation verhindert…

    Vermutlich und möglicherweise reicht es *einfach* (im wahrsten Sinne des Wortes) aus, wenn man in der Situation zu sich SELBST ehrlich ist und nach wie vor *mit den Ereignissen im Flow bleibt* sich nicht innerlich wehrt ..

    Es mal zu versuchen und das Ergebnis zu sehen ist zumindest ein Beginn …

    ✿◠‿◠) ………………… ♥

    Mit Herzensgrüßen zu dir … aus den Tiroler Bergen,
    Daniela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*