36 Fragen, die zur Liebe führen: Ein Selbstversuch

Ich bin seit vielen Jahren single. Das finde ich nicht unbedingt schlecht, kenne aber durchaus den Wunsch nach intimer Nähe zu einem Partner und mag Schmetterlinge im Bauch. Dementsprechend reagierte ich mit großem Interesse, als ich las, dass man durch die Diskussion von nur 36 Fragen zum großen Liebesglück finden kann.

Verliebt durch ein Frage-Antwortspiel?

Das Konzept ist denkbar einfach: Durch insgesamt 36 Fragen (hier im englischen Original) in strategischer Reihenfolge und ein anschließendes in die Augen blicken soll zwischen zwei Fremden ein Gefühl des Verliebtseins entstehen.

Die Fragen sorgten in der Öffentlichkeit schon 2015 für Furore. Sie wurden im Rahmen einer Studie des Psychologen Arthur Aron entwickelt und sind eine Mischung aus Unterhaltungs-Startern wie „Wen hättest du gerne als Gast zum Abendessen?“, Verwundbarkeitsbeschwörern wie „Was war der peinlichste Moment in deinem Leben?“ und Seelenbalsam wie „Welche drei Eigenschaften schätzt du schon jetzt an deinem Partner?“

Man plaudert so also mit dem/der Gesprächspartner*in über die Kindheit, die tiefsten Ängste, verrät die eigenen Träume und Wünsche und bekommt nebenbei mehrmals große Komplimente. Auch wenn das Konzept leicht zu durchschauen ist, haben die Fragen ihre Wirkung.

Ich wage den Selbstversuch

Gut, wirklich geglaubt habe ich nicht, dass ein so facettenreiches und tiefes Gefühl wie die romantische Liebe zwischen zwei Menschen innerhalb weniger Stunden hervor zu zaubern ist. Probieren wollte ich die Fragen aber trotzdem.

1. Das Date

Zum ersten Mal habe ich die Fragen auf einem Date ausgepackt. Für alle, die das gerne nachmachen möchten: Lest den Titel vielleicht nicht direkt mit vor – das kann zu Skepsis führen. Mein Date war aber so nett und hat sich nicht abschrecken lassen.

Wir hatten uns schon ein paar Mal vorher getroffen und gut verstanden, aber irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dem anderen wirklich nahe zu kommen. Schon nach den ersten paar Fragen fühlte ich mich sicherer in seiner Nähe und hatte das Gefühl, einen Zugang zu den tieferen und vielleicht erst versteckten Schichten zu bekommen.

Wir hatten beide Spaß dabei, die Fragen zu beantworten und haben uns zum Teil so in ihnen verloren, dass wir es nicht über Frage 20 hinaus geschafft haben. Ich erinnere mich an einen sehr schönen Abend zurück, der aber nicht zur großen Liebe führte.

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Mein Interesse war geweckt.

Die Fragen haben uns spürbar dabei geholfen, eine Verbindung zueinander aufzubauen und Verständnis füreinander zu entwickeln. Da ich mich nicht direkt in neue Dates stürzen wollte (und meine Abneigung gegen Tinder gerade einen neuen Zenit erreicht hatte), hatte ich eine andere Idee.

Wer sagt eigentlich, dass es hier um romantische Liebe gehen muss?

Beim Yoga werde ich an universelle Liebe erinnert, beim Meditieren richte ich meinen Fokus auf Liebe und Wohlwollen zu allen Lebewesen. Im Alltag bin ich allerdings noch ein gutes Stück davon entfernt, jedem Mitmenschen gegenüber Liebe zu verspüren.

Könnten die 36 Fragen vielleicht dabei helfen, universelle Liebe leichter zur Oberfläche zu bringen?

Ich arbeite mit unfassbar spannenden Menschen zusammen und verbringe mit diesen Leuten mehr Zeit als mit meinen Freund*innen. Wäre doch super, wenn wir uns alle ein bisschen mehr lieben würden!

2. Die Kollegin

Im Büro hat sich eine mutige Freiwillige gefunden, meine Kollegin Hannah.

36 Fragen, die zur Liebe führen: Ein Selbstversuch

An einem der ersten Frühlingstage sind wir mit einem Eis durch Berlin spaziert und uns mental so richtig nahe gekommen. Vielleicht waren es die Sonnenstrahlen und die warme Luft, vielleicht war es das erwachende Berlin, und vielleicht lag es auch daran, dass die Fragen offenbarten, dass wir beide die gleiche Vorahnung für unseren Tod teilen – aber ein bisschen verliebt habe ich mich definitiv.

Was mir hier besonders gut gefallen hat: Hannah und ich sehen uns weiterhin täglich im Büro und haben nun einen viel besseren Kontext dafür, die Verhaltensweisen und Meinungen der anderen zu verstehen.

Ist es mir schwer gefallen, Geschichten aus meiner Vergangenheit oder meine größten Ängste mit einer Kollegin zu teilen? Nicht im Geringsten, denn die Übung beruht auf Gegenseitigkeit. Und ich mag Hannah.

3. Der platonische Freund

Ich wurde abenteuerlustiger. Wenn die Fragen zwei Menschen so nah bringen können, die sich kaum kennen, was passiert denn, wenn zwei gute Freunde sie zusammen durchgehen?

Mein langjähriger Freund Max war zögerlich bereit, mitzumachen.

„Was, wenn wir uns verlieben,“ hat er gefragt.

„Dann heiraten wir!“ war meine Antwort. Es gäbe Schlimmeres, dachte ich. Wir haben uns sogar getraut, die Liste der Fragen bei Kerzenschein an einem gemütlichen Abend auszupacken.

Einige Fragen waren viel einfacher, andere deutlich schwerer zu beantworten als mit flüchtigen Bekannten. Es ist eine Sache, Fremde in die Tiefen der eigenen Seele einzuladen, denn da hatte ich wenig zu verlieren und konnte die Dinge ein bisschen so biegen, wie sie mir passten. Max kennt mich aber gut und ich kann ihm nichts vormachen.

Außerdem spannend: Die Fragen beziehen sich nicht nur auf die eigene Person, sondern auch auf das soziale Umfeld. Da Max und ich einen großen Freundeskreis gemeinsam haben, in dem nicht jeder alles von allen anderen weiß, ist das Risiko ungewollt enthüllter Geheimnisse größer.

Die Ergebnisse kamen mir fundierter vor als bei fremden Menschen.

Ich fühle mich unsicherer als bei meinen vorangegangenen Erfahrungen, andererseits habe ich aus dem Abend mit Max sehr viel mitgenommen und gelernt. So hatte Max beispielsweise sehr hilfreiche Anmerkungen, als ich von meinen aktuellen Schwierigkeiten im Job erzählte.

Mich hat es fast ein bisschen überrascht, wie gut Max mich kennt. Er hat mich im Laufe des Abends daran erinnert, wer ich bin und das hat mir Kraft gegeben. Du merkst es vielleicht schon – die Erfahrung war intensiv. Am Ende haben wir uns sicherheitshalber nicht in die Augen gesehen.

Wenn es zwischen zwei Menschen einfach nicht passt, helfen auch keine psychologischen Tricks.

Allerdings glaube ich nach dieser Erfahrung durchaus, dass es zwischen vielen (oder sogar allen?) Menschen eine gewisse gemeinsame Basis gibt. Alle meine Versuchspartner*innen haben tiefe Ängste und große Träume, kämpfen mit ähnlichen alltäglichen Schwierigkeiten und zweifeln an sich selbst. Genau wie ich.

Wir stehen nicht alleine da mit unserem Chaos im Kopf.

Schwächen zuzugeben und ehrliche Komplimente zu geben ist nicht einfach, lohnt sich aber! Wir hatten alle mehrmals Tränen in den Augen als es darum ging, furchtlos das Innere nach außen zu kehren.

Mit wem sollte man die Fragen beantworten?

Mit möglichst vielen Menschen! Ich streue sie gerne auch einzeln in Unterhaltungen ein, wenn es gerade passt. Keine Lust auf andere Menschen? Es ist auch wertvoll, die Fragen alleine durchzugehen, denn sie offenbaren Bewusstsein über das eigene Innenleben.

Ich würde mich freuen, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren teilst! 

Deine Helena

Titelbild © Connor Wells via Unsplash

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2 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr cooler Blog – gratuliere! Aber ist die Liebe überhaupt ein Gefühl? Colin Bear meint nein – und auch in jeder Liste der wichtigsten Gefühle fehlt die Liebe … Auch darüber mal schreiben?

    LG Anette

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