Zwischen den Jahren. Als Kind habe ich immer darauf bestanden, dass diese Formulierung keinen Sinn ergibt. Heute weiß ich: Es ist tatsächlich eine Zeit jenseits der Zeitrechnung. In der wir über Vergangenes nachsinnen und uns Dinge für die Zukunft vornehmen. In der wir Familie und Freunde über unser vergangenes Jahr auf den neuesten Stand bringen, das Narrativ perfekt aufs Wesentliche konzentriert. Ein paar Sätze, welche wohl überlegt sein müssen, damit am Ende alles Sinn ergibt. Gar nicht so einfach, denn gleichzeitig stellen wir in dieser Zeit vieles in Frage, zweifeln, bedauern dies und sehnen jenes herbei. Eine Zeit, in der wir Nähe brauchen und die Gewissheit, dass manches vielleicht auch beim Alten bleibt. Die Vorbereitung auf Stunde Null. Eine ritualbeladene Zeit, in der ich als Yogi aber vor allem für eine Sache plädiere:

Vergiss nicht, dankbar zu sein.

Für alles, was du gelernt hast. Für deine neuen Freundschaften und für die alten, die mit jedem Jahr intensiver, anders, tiefer werden. Für diesen spontanen Sommernachmittag mit nackter Seeüberquerung (= persönliche Weitestschwimmstrecke ever!). Für Freunde, die die richtigen Fragen stellen. Für goldene Luftballons und gemeisterte Herausforderungen, für überwundene Schmerzen. Für diesen Moment auf der Tanzfläche, in dem dir auf einmal ein paar Dinge so klar werden wie der Gin Tonic in deiner Hand, in den dir die Gurkenscheibe von den Augen fällt. Für deine Familie, die dich nicht immer versteht, aber trotzdem unterstützt. Für Spargel und Thaimassagen und Jan Böhmermann. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber manchmal schaue ich auf mein Leben und denke:

Mann, das ist einfach alles ein verdammt krasses Wunder hier!

What. The.

Und dann gibt es: Donald Trump. Aleppo. Die schrecklichen Ereignisse auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Die AfD und den Klimawandel. Momente der Verunsicherung, des Scheiterns und der absoluten Hilflosigkeit. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Außer: Was zum Henker? Was bringt es, im Zuge meiner Jahresendreflexion für Spargel dankbar zu sein, wenn da draußen die Welt von Hirnlosen in Flammen gesteckt wird?

In Patanjalis Yoga Sutra I.33 steht:

maitrī karuṇā mudito-pekṣāṇāṁ-sukha-duḥkha puṇya-apuṇya-viṣayāṇāṁ bhāvanātaḥ citta-prasādanam

To preserve the innate serenity of the mind, a yogin should be happy for those who are happy, be compassionate toward those who are unhappy, be delighted for those who are virtuous, and be indifferent toward the wicked. (Übersetzung/Interpretation von Sharon Gannon)

Ich habe mich gefragt, ob dieser letzte Teil bedeutet, dass mir einfach alles egal sein soll. Hallo, Fatalismus! Ich kann ja sowieso nichts ändern, also bin ich dem Bösen gegenüber einfach “indifferent”? Nein. Gleichmut, also „sich nicht aus der Ruhe bringen lassen“ ist nicht dasselbe wie Passivität, Ignoranz oder auf Durchzug stellen, im Gegenteil!

Meine Antwort auf die absolute Überforderung, die einem entgegenschlägt, wenn man sich mit dem Weltgeschehen beschäftigt, ist stattdessen folgende: Immer weiter geben.

Gib etwas Geld, gib deine Zeit, gib Liebe.

Gib 2017 irgend etwas. Such dir eine einzige Sache aus, die du gerne und gut geben kannst und fokussiere dich darauf. Eine Sache, von der du weißt, dass du auch lange dran bleibst. Sei es Freiwilligenarbeit in deiner Nachbarschaft, eine regelmäßige Spende oder der Verzicht auf Dinge, die anderen oder der Umwelt schaden – du kannst keine heile Welt herbeizaubern, aber du kannst mit anpacken.

Wahrscheinlich werden wir alle nicht die Anführer der nächsten Friedensbewegung. Aber wenn du für eine konkrete Sache langfristig und zuverlässig deine Energie gibst, dann bewirkst du was, so klein dein Rädchen im Getriebe auch sein mag. Sei dir klar: Wir müssen nicht die Last der ganzen Welt auf unseren Schultern tragen. Wir sollten nur ein Bewusstsein dafür haben, dass jeder unserer Schritte einen feinen Unterschied macht. Wenn du gibst, und die Welt damit ein Stückchen besser machst, lautet dann nämlich die nächste Frage:

Was schadet es, für Spargel dankbar zu sein, auch wenn die Welt in Flammen steht?

Traurigkeit, Defensive, Wut, Hass, Verurteilungen und Rückzug sind keine produktiven Kräfte. Deshalb verabschiede dich davon und nimm dir fürs neue Jahr vor, kreativ zu bleiben, ein offenes Herz zu bewahren; ohne Angst und voller Mitgefühl auf andere Menschen zuzugehen und deinen Teil beizutragen. Gerade, wenn es da draußen eigentlich nur noch beschissener werden kann.

Kill them with kindness!

In diesem Sinne wünsche ich dir, trotz allem, ein wundervolles, inspiriertes und gabenreiches neues Jahr 2017.

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Titelbild © Carsten Rasche