Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Die Schwangerschaft. Ich wollte ein schönes, gesundes Mamaschiff mit Kugelbauch sein. Stattdessen schlief ich nächtelang im Sitzen, weil mich der Ischias quälte. Und die Geburt fand dann auch nicht wie geplant mit Kerzenschein und Mantren im Geburtshaus statt, sondern drei Wochen vor Termin im Neonlicht des Krankenhauses. Spätestens da, auf dem Geburtsstuhl, kurz vor der PDA, mit einer Hebamme, die auf meinen Bauch drückte, um meinen Sohn heraus zu schieben, wurde mir klar:

Das Leben, das Universum, Gott, ist nicht kontrollierbar.

Auf einmal war Bhakti für mich nicht mehr nur eine spirituelle Idee. Was ich innerlich so viele Jahre fest gehalten hatte, ließ ich los. Und dann wurde er geboren.

Bhakti ist die Fähigkeit, sich hinzugeben.

Über Verstand und Vernunft hinaus. Man kann sich einem Meister, einer bestimmten Aufgabe, einer Sache hingeben. Im Yoga geht es bei Bhakti darum, dass man sich selbst, alle Handlungen, all sein Herz, Gott hingibt. Oder dem Universum. Der Liebe. Wie auch immer man es nennen mag. So steht es unter anderem in den Yoga Sutren des indischen Philosophen Patanjali, dessen Werk als philosophische Grundlage des Yoga angesehen wird.

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Durch Hingabe an Gott kommen die Bewegungen des Geistes zur Ruhe. Oder: Durch Hingabe an ein ideal gedachtes Wesen kann das Ziel erreicht werden.“

Man kann vieles über Bhakti lesen und intellektuell verstehen. Doch Hingabe muss erfahren werden. Wie fühlt es sich an, wenn ich mich dem Fluss des Lebens, des Universums wirklich hingebe? Wenn ich Kontrolle loslasse und vertraue und das Leben so annehme,wie es ist, auch seine Schattenseiten.

WIR WERDEN GEBOREN, UM UNS HINZUGEBEN – DEM LEBEN!

Benoite Groult

Was der französische Schriftsteller für selbstverständlich hielt, ist in unserer Gesellschaft alles andere als üblich: Wir machen Pläne. Wir arbeiten ergebnisorientiert. Wir kontrollieren. Denn wir streben nach Sicherheit. Man denke allein an die Wörter ‚Verhütung’ und ‚Geburtenkontrolle’.

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Schon eine Schwangerschaft hat viel mit Bhakti zu tun: Dass ein Samen eine Eizelle befruchtet, ist ein Wunder. Ebenso wie eine gesunde Schwangerschaft. Wir können uns gesund ernähren, Schwangerschaftsyoga praktizieren und einen Ultraschall nach dem anderen machen, doch das Schicksal des kleinen Wesens in unserem Leib, liegt nicht in unserer Hand. Wir können uns ein gesundes Kind wünschen, doch ob es auch so kommen wird, ist Sache des Schicksals.

Ähnlich ist es mit der Geburt: Wir können gewisse Parameter abstecken, visionieren, Atmen lernen. Doch wie die Geburt letztlich verläuft, liegt nicht in unserer Hand. Viele Gebärende haben die Erfahrung gemacht: Es geht dann am leichtesten, wenn wir loslassen. Wenn wir die Kontrolle aufgeben und den Körper machen lassen.

Ist das wunderbare kleine Wesen, dem wir so unendlich viel Liebe entgegen bringen, endlich da, folgen weitere Lektionen in Demut und Hingabe.

Vielleicht war unser Plan ein friedliches Wochenbett, doch dann bekommt der kleine Wurm Gelbsucht, die Mama eine Brustentzündung und wir können eine Woche im Krankenhaus verbringen. Wir hatten uns auf schlaflose Nächte eingestellt, aber nicht auf ein Schreikind, das rund um die Uhr getragen werden will. Wir haben uns mal wieder etwas schickes, sauberes angezogen und prompt landet eine Ladung Brei auf der Bluse. Wir glaubten, dass die Krankheitswelle nun überstanden ist, da meldet sich der nächste Zahn mit einem Fieberschub an. Und der Sommer nimmt uns unsere Mamazeit am Abend, der der Kleine nun erst zwischen neun und zehn ins Bett gehen möchte.

All das kann unglaublich frustrierend sein. Vor allem dann, wenn wir innerlich im Widerstand sind, uns das Jetzt anders wünschen als es eben gerade ist.

Jede Mutter ist auf andere Art und Weise heraus gefordert. Windeln wechseln, Stillen, nächtelang nicht schlafen – all das war für mich nicht so problematisch. Doch es gibt etwas anderes, an das ich mich erst gewöhnen musste. Etwas dem ich mich erst nach und nach hingeben konnte:

Der tiefe Einschnitt in meine persönliche Freiheit.

Ich bin nun für ein anderes Wesen verantwortlich. Und das bedeutet – wenn ich meine Aufgabe ernst nehme – dass ich nicht mehr nur an mich denken kann. Worauf ich gerade Lust habe steht nicht mehr an erster Stelle. Sondern das Wohl meines Kindes. Ich habe definitv weniger Zeit für mich. An manchen Tagen gar keine. Pläne werden geschmiedet. Und dann wieder über Bord geworfen. Klar, Kinder verändern das Leben. Das haben wir ja alle auch vorher schon einmal gehört. Aber wie es sich dann konkret anfühlt, ist doch etwas ganz anderes.

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Freizeit kann weniger freizügig gestaltet werden. Und Selbsterfahrung pausiert.

Zumindest so, wie ich sie vor der Geburt meines Sohnes betrieben habe: Da mal ein Workshop, hier mal ein Yoga- oder Tantrawochenende, ein Satsang, ein einwöchiges Seminar. Vieles hat mich interessiert. Yoga, Tantra, holotropes Atmen, Ayahuasca, Kakaorituale.

Ich bin bei Facebook in einer Gruppe, die auf die spirituellen Events in und um Berlin hinweist. Fast jedes Wochenende, manchmal fast jeden Tag, finde ich eine Veranstaltung, die mich interessiert. Und meistens kann ich nicht hin. Weil mein Sohn krank ist. Oder ich zu müde. Oder wir keine Betreuung haben. Es gab Zeiten, da hat mich das wirklich frustriert. Vor allem, da ich auch noch viele kinderlose Freunde habe, die spannende Seminare machen. Und….. Und, ja, was eigentlich? Auf ihrem Weg der Selbsterkenntnis schneller oder besser weiter kommen? Mehr Spaß haben?

Sich der Aufgabe voll und ganz hingeben vs. Selbstaufgabe

Mein Mamasein wurde dann entspannt, als ich beschloss, mich meiner Aufgabe voll und ganz hinzugeben. Was bitte nicht mit Selbstaufgabe verwechselt werden sollte. Es geht dabei nicht darum, sich 24/7 für sein Kind aufzuopfern und die eigenen Bedürfnisse immer hinten an zu stellen. Zumindest für mich nicht.

Für mich ging es darum, wirklich offen und empfänglich für dich wichtigen und wunderbaren Lektionen und Erfahrungen, die mit dem Mamasein einhergehen, zu sein. Mal abgesehen von der einzigartigen bedingungslosen Liebe, die man als Mutter von seinem Kind erfährt.

Hingabe ist für mich wie ein innerer Beschluss, loszulassen. Kontrolle loszulassen und mit dem zu gehen, was kommt. Wenn ich mich ganz gewahr im jetzigen Moment befinde, ihn beobachte ohne zu beurteilen, dann hat mein Gedankenkarussel über all das, was anders sein könnte oder sollte, keine Chance. Und dann kann ich wirklich wahrnehmen, was ich im Kontakt mit dem kleinen Wesen an meiner Seite lernen kann. Ein Klassiker: Die Blume am Wegesrand viel länger und ausgiebiger beobachten, als man es ohne Kind jemals getan hätte. Und da gibt es noch so viel mehr….

Was die Beziehung zu meinem Sohn mich über das Leben gelehrt hat:

  1. Leben ist nicht planbar. Es verläuft nach seinen eigenen Regeln.
  2. Leben ist fragil. Und kann jeden Moment vorbei sein. Deshalb bin ich trotz aller Herausforderungen dankbar für jeden Morgen an dem mein Kind gesund aufwacht. Denn ich habe verstanden, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
  3. Leben findet jetzt statt. Und wenn ich mich achtsam dem jetzigen Moment widme, ist es perfekt. Es ist müßig auf Morgen zu warten, denn vielleicht gibt es gar keins.
  4. Vergleiche machen das Leben schwer. Je authentischer ich einfach ich selbst als Mutter bin, ohne dabei immer nach links und rechts zu schauen, desto leichter fällt mir das Mamasein, der Kontakt zu meinem Sohn.

Manch einer mag all das auch ohne die Erfahrung von Schwangerschaft, Geburt und Mamasein verstehen und leben. Für mich hat es diese Transformations-Erfahrung gebraucht. Vorher waren sowohl mein Mut als auch mein Vertrauen in das Leben nicht groß genug.

Natürlich führt meine Hingabe nicht automatisch dazu, dass ich nicht auch manchmal ganz gestresst und genervt bin, mir alles zu viel ist. Nicht immer halte ich inne und beobachte das im-Moment-Sein meines Sohnes mit Achtsamkeit.

Doch mit der Kraft der Hingabe gelingt es mir mittlerweile immer besser, mich auf das Große und Ganze zu besinnen, statt in den Herausforderungen des Alltags zu versinken.

Diese Erfahrung wünsche ich Dir auch.

Alles Liebe,
Daniela

Fotos: Grit Siwonia

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