Als Wissenschaftlerin, Ayurveda Praktikerin und Yogalehrerin werde ich immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert:

Passen Wissenschaft und Spiritualität zusammen oder schließt das eine das andere aus?

Vielleicht kennst du diese Diskussion, die manchmal schon alleine gestartet wird, wenn du sagst, dass du Yoga praktizierst oder meditierst. Du bekommst häufig den Stempel des irrationalen weltfremden Spiris und musst dir gleich einen Vortrag über wissenschaftliche Belege und abgefahrene Stories von Negativbeispielen anhören.

Häufig bekomme ich auch von Nicht-Wissenschaftlern Standard-Sätze zu hören wie: „XY ist aber in Studien bewiesen worden“, oder „die Wirksamkeit von Yoga ist doch gar nicht wissenschaftlich bewiesen“ oder am Besten: „Wie kannst du denn an Ayurveda glauben, wo du doch Wissenschaftlerin bist?“

Derjenige, der etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen.

J.R.R. Tolkien

Wissenschaft ist nicht das Maß aller Dinge.

Wenn die Menschen wüssten wie Wissenschaft funktioniert, würden sie diese Sätze nicht mehr abspulen und die Illusion daran ablegen, dass alles ganz einfach in einer Studie eindeutig belegbar ist. Diese Studien entstehen unter standardisierten Bedingungen, was wichtig ist um andere Einflussfaktoren auf das Ergebnis auszuschließen. Daran scheitert es allerdings schon häufig, denn nicht alle Studien halten diese Standards ein. Um eine valide Studie zu erkennen,muss man zwischen den Zeilen lesen können, denn nicht jede Publikation setzt das automatisch voraus.

Der Haken an standardisierten Bedingungen ist, dass das Leben nicht standardisiert abläuft.

Ein Laborexperiment spiegelt also selten die Wirklichkeit wieder, schon gar nicht, wenn es dazu auch noch in Zellkulturen oder in Tierexperimenten stattfand. Nach fast zehn Jahren in der Forschung habe ich einiges gesehen, von Zellkultur bis Humanstudien. Und überall ist es gleich: ein Experiment soll den Idealfall spiegeln, der aber zum einen schwer zu kontrollieren ist und zum anderen sich nicht immer reproduzieren lässt. Es ist durchaus legitim und üblich verschiedene Statistik-Modelle über die Ergebnisse zu rechnen und letztendlich das Modell zu nehmen, das die Ergebnisse ins beste Licht stellt.

Ich möchte die Wissenschaft nicht schlecht machen, denn sie ist ein Teil von mir und sie kann uns wichtige Erkenntnisse liefern. Aber es ist wichtig zu wissen, was gute Wissenschaft bedeutet.

Auch Wissenschaft hat ihre Grenzen: statistische Signifikanz ist nicht alles.

Dass ich Wissenschaftlerin werden wollte, wusste ich schon sehr früh, denn ich will alles sehr genau ergründen. Besonders das Wissen über den menschlichen Körper und seine Heilung hatten von jeher eine magische Anziehungskraft auf mich. Doch auf meinem Weg ist mir eines deutlich geworden:

Wissenschaft geht nicht ohne Spiritualität.

Dabei kannst du das Wort Spiritualität auch mit Verbundenheit ersetzen. Es bedeutet, das große Ganze zu sehen, nicht bloß das Ergebnis. Es erfordert nicht ausschließlich im Kopf zu leben und sich von einer falschen Idee der Rationalität zu lösen. Wenn wir die Welt nur so sehen wie wir sie kennen, sie sehen wie wir sie erschaffen haben, dann können wir nicht die Wirklichkeit sehen. Wir nutzen unsere Intuition letztendlich nicht mehr um uns Wissen zu erschließen, sondern vermessen eine nicht-lineare Welt auf einer linearen Skala. Wir glauben es erst, wenn es irgendwo geschrieben steht oder ein signifikantes Ergebnis hat.

Ist Wissenschaft von heute damit der Tod der Intuition und der Verbindung zu unserer inneren Weisheit?

Yoga hat mir bei dieser Frage sehr geholfen, denn es bedeutet Verbundenheit zu schaffen. In einer Gesellschaft, in der wir eher dazu neigen eine Gehirnhälfte mehr als die andere zu nutzen, hilft uns Yoga unseren Verstand auf eine andere Art zu nutzen und damit die Verknüpfung zu sehen und ihre Beziehung zueinander zu erfahren. Yoga nach Patanjali zeigt uns die besonderen Fähigkeiten eines Yogis auf, nämlich durch das genaue Beobachten ohne Subjektivität das Objekt ganz verstehen zu können, eins zu werden mit ihm.

Sukhasana CarstenFleck photography

Meist wollen wir in der Wissenschaft etwas Bestimmtes beweisen, wir haben also schon eine Vorstellung davon was am Ende des Experiments möglichst rauskommen soll. Dabei hat die Quantenphysik eine interessante Erkenntnis gemacht:

Der Beobachter verändert das Experiment. Damit stellt sich die Frage ob Wissenschaft in unserem Sinne jemals objektiv sein kann.

Die Bhagavad Gita fügt noch einen wichtigen Punkt hinzu: Die Loslösung von den Früchten deiner Handlung. Wenn ich verstanden habe, dass ich nicht der Handelnde bin, dass ich nicht das Ergebnis beeinflussen kann, weil alles so kommt wie es soll, kann ich mich auch von meinen Erwartungen lösen, und fühle mich nicht gezwungen das Ergebnis des Experiments beeinflussen zu wollen. Dann entsteht ehrliche Forschung.

Alles besteht letztendlich aus Energie – Materie, Licht, Schall.

Was wir heute wissen, ist nichts anderes als das was in den Veden bereits steht. Wenn ich die Forschung in der Medizin beobachte, bin ich jedes Mal geflasht: Was uns als neueste Erkenntnisse verkauft werden, der höchste Stand des Wissen der Menschheit zum heutigen Zeitpunkt, ist meist nichts Neues. Schaue ich in die Textbücher des Ayurveda steht es seit 3000 Jahren schon längst geschrieben, mit anderen Worten, aber mit derselben Essenz. Für mich ist jeder, der sich auf den Weg des Yoga begibt ein Wissenschaftler und jeder der alten Yogis war ebenso einer.

Wissenschaft kann nur geschehen, wenn wir tief erfüllt vom Streben nach Wahrheit und Verständnis sind.

Nach Albert Einstein entspringt dieses Gefühl der Spiritualität: Wissenschaft ohne Religion ist unzureichend, Religion ohne Wissenschaft ist blind. Die Wahrheit ist, dass integrative Medizin in der Forschungswelt trotz gutem Studiendesign leider oft immer noch nur müde belächelt wird. Dabei ist sie keinesfalls unwissenschaftlicher – sie ist patientenorientierter.

In der Studie, die ich im Rahmen meiner Doktorarbeit bei Patienten mit Reizdarm durchgeführt habe, ist mir besonders klar geworden: Was viele Patienten durch Yoga erfahren, ist oft schwierig in eine lineare Skala zu pressen. Denn Gesundheit ist soviel mehr als die Abwesenheit von Krankheit oder Symptomen. Aber es ist nicht unmöglich, und mit guten Studiendesigns ist eine hohe Qualität solcher Studien zu erreichen. Für alle die es schwarz auf weiß brauchen. Was trotz allem bleibt: Alles ist relativ.

Und um es zum Schluss nochmals mit Osho zu sagen:

Wissenschaftler müssen meditieren lernen, sonst ist die Welt zum Untergang verurteilt.

In diesem Sinne versuche ich mein Bestes.

Love and Light,
Dania

Foto im Text: Carsten Fleck

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